Ein Ereignis machte Spandau 1539 für die ganze Mark Brandenburg bedeutsam. In der Nikolaikirche empfing Kurfürst Joachim II. erstmals das Abendmahl in beiderlei Gestalt, also nach der Lehre Martin Luthers. Damit war der Übertritt des Landesherrn zur Reformation vollzogen.
Für die Stadt war das ein Ereignis von landesweiter Bedeutung, denn der Landesherr entschied sich damit öffentlich für die neue Lehre.
Ab 1559 ließ Kurfürst Joachim II. die mittelalterliche Burg zu einer Festung nach dem damals modernen Stand ausbauen; andere Darstellungen setzen den Baubeginn um 1560 an.
Die Planung wird dem Italiener Francesco Chiaramella de Gandino zugeschrieben, der Bau zog sich über Jahrzehnte hin. 1578 übernahm Rochus zu Lynar, ebenfalls Italiener in brandenburgischen Diensten, die Bauleitung, und 1594 war die Anlage im Wesentlichen vollendet. Die neue Anlage bezog Juliusturm und Palas der alten Burg ein.
Der Palas, das frühere Wohngebäude der Burg, geht auf das 15. Jahrhundert zurück.
Die Jahrzehnte des Festungsbaus waren für die Stadt hart. 1566 starben in Spandau etwa 1.400 Menschen an der Pest. 1567 kam es zum sogenannten Knüppelkrieg zwischen Spandau und Berlin, einem Streit zwischen beiden Städten, über dessen Ursachen die genutzten Quellen wenig berichten.
Am Rand der Altstadt ließ Lynar außerdem ein Schloss errichten, das spätere Lynar-Schloss, das nicht erhalten ist.
Krieg, Garnison und Zuchthaus
Im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) erhielt Spandau 1626 eine Garnison, und die Stadt wurde stärker befestigt. Schwedische Truppen unter König Gustav II. Adolf nahmen 1631 in Spandau Quartier, die schwedische Besetzung dauerte bis 1634. Nach dem Tod des Königs 1632 übernachtete sein Leichnam einmal im Lynar-Schloss.
Unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, der seit 1644 ein stehendes Heer unterhielt, blieb Spandau Festungs- und Garnisonsstadt.
Das Militär prägte auch die Wirtschaft. 1686 wurde das Lynar-Schloss zum Zuchthaus umgewidmet. 1722 ließ König Friedrich Wilhelm I. nördlich der Spreemündung eine Gewehrfabrik errichten, die den Grundstein der Spandauer Rüstungsindustrie legte. Im 19. Jahrhundert kamen unter anderem eine Pulverfabrik und eine Geschützgießerei hinzu.
Die Napoleonischen Kriege brachten die Festung zweimal in fremde Hand. Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt kapitulierte Spandau in der Nacht zum 25. Oktober 1806 kampflos vor den Franzosen, Napoleon besichtigte die Festung am Tag darauf. Im Frühjahr 1813 belagerten russische und preußische Truppen die französisch besetzte Stadt.
Bei den Kämpfen explodierte im April ein Pulvermagazin auf der Bastion Königin, und die Franzosen übergaben die Festung gegen freien Abzug. Die Quellen nennen dafür den 23. oder den 26. April 1813; der Text bleibt daher bei „Ende April“.
19. Jahrhundert: Festungsstadt und Industriestandort
Im 19.
Jahrhundert veränderte sich Spandau stark. 1832 entstand der Elsgraben als Schutz vor Hochwasser, der zeitweise auch von Schiffen befahren wurde. 1846 erreichte die Berlin-Hamburger Bahn die Stadt, und damit begann der Anschluss an das Netz der Großstadt. 1850 sorgte das Zuchthaus für Aufsehen, als Carl Schurz den Dichter Gottfried Kinkel aus der Haft befreite.
Das Lynar-Schloss diente ab 1861 als Kaserne und wurde 1898 abgerissen. Ende der 1870er Jahre erhielt die Stadt ihre heutige Schreibweise.
Nach dem Krieg von 1870/71 bekam der Juliusturm eine besondere Aufgabe. Dort lagerte der Reichskriegsschatz, ein Teil der französischen Reparationszahlungen. Die ersten 1.200 Kisten trafen im Juli 1874 ein, später wurde sogar eine Tresortür von etwa drei Tonnen eingebaut. 1919 wurde der Schatz zurückgegeben. Das Reichsfestungsgesetz vom 30.
Mai 1873 erklärte Spandau zur Festungsstadt, In diesem Zusammenhang wurde ab 1882 das Fort Hahneberg gebaut und war schon bei der Fertigstellung militärisch überholt.
1887 schied Spandau aus dem Kreis Osthavelland aus und wurde Stadtkreis, 1892 fuhr die erste Pferdebahn. 1897 erwarb Siemens & Halske Gelände am Nonnendamm, aus dem Siemensstadt hervorging. Dieses Gebiet gehörte zunächst zu Charlottenburg und kam 1908 zu Spandau, den Namen Siemensstadt trägt es seit 1914.
Nachdem die Festungswerke 1903 für aufgehoben erklärt wurden, konnte sich die Stadt über die alten Wälle hinaus ausdehnen. Die Einwohnerzahl stieg zwischen 1905 und 1917 von rund 70.000 auf 110.000.
Selbstbewusst zeigte sich die wachsende Stadt in ihrem Rathaus. Der Grundstein wurde am 3. April 1911 gelegt, am 15. September 1913 wurde es nach Plänen von Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth eingeweiht. Sein Turm ist 80 Meter hoch. 1911 entstand außerdem das Stadtbad.
Zugleich boomte die Rüstungsproduktion: Die Zahl der Beschäftigten in den Spandauer Betrieben stieg nach den Angaben des Bezirksamts von 10.000 im Jahr 1910 auf 70.000 im Jahr 1918, mit dem MG 08/15 als bekanntem Erzeugnis.
Weimarer Republik und Eingemeindung 1920
Das Kriegsende traf Spandau als Rüstungsstandort besonders hart. Der Versailler Vertrag verbot 1919 die Rüstungsproduktion, und als im März 1919 die Heereswerkstätten schlossen, verloren nach Angaben des Bezirksamts 44.000 Menschen ihre Arbeit. Politisch öffnete sich die Stadt: Am 2.
März 1919 fand die erste demokratische Wahl zur Stadtverordnetenversammlung statt, an der auch Frauen teilnahmen.
Das Gesetz über Groß-Berlin vom 27. April 1920 beendete die Selbständigkeit der Stadt. Am 1. Oktober 1920 trat es in Kraft, und Spandau wurde der achte Bezirk der neuen Einheitsgemeinde. Gegen die Eingemeindung hatte es lange starken Widerstand gegeben. Der Bezirk wuchs mit den umliegenden Gemeinden auf 8.969 Hektar.
Das Rathaus am Rand der Altstadt beherbergt heute das Bezirksamt.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Die NSDAP trat in Spandau 1925 erstmals zu den Bezirksverordnetenwahlen an. Nach der Machtübergabe im Januar 1933 herrschte politischer Terror, unter anderem mit „wilden“ Konzentrationslagern der SA. In der Pogromnacht am 9. November 1938 zündeten Spandauer SA-Männer die Synagoge an.
Das Bezirksamt nennt für den gesamten Bezirk mindestens 102 Spandauer Bürger, die in Vernichtungslagern ermordet wurden; es gab dort über 40 Lager für Zwangsarbeiter und zwei Unternehmen mit KZ-Außenlagern, in denen rund 2.000 Häftlinge arbeiten mussten.
Auch die Zitadelle wurde militärisch genutzt. 1935 richtete das Heer dort ein Gasschutzlaboratorium ein, in dem an chemischen Kampfstoffen geforscht wurde; unter anderem wurde dort am Nervengas Tabun gearbeitet. 1936 zerstörte ein Umbau zum Offizierskasino Teile der alten Bausubstanz des Palas.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Altstadt schwer getroffen. Nach dem Luftangriff vom 28. März 1945 lag sie fast vollständig in Trümmern. Am 1. Mai 1945 übergab der Kommandant Gerhard Jung die Zitadelle kampflos an sowjetische Truppen; eine Gedenktafel in der Eingangshalle erinnert daran.
Nachkriegszeit und Teilung
Seit dem Sommer 1945 gehörte Spandau zum britischen Sektor. Nach Angabe des Bezirksamts war Spandau der einzige Berliner Bezirk, der durch die Grenze der Besatzungszonen geteilt wurde: Am 30.
August 1945 traten die Sowjets den Briten den „Seeburger Zipfel“ für den Ausbau des Flugplatzes Gatow ab, im Gegenzug wurde West-Staaken abgetrennt. Es kam erst am 3. Oktober 1990 wieder zu Spandau.
Von der alten Altstadt war nach den Zerstörungen kaum etwas geblieben. In den 1950er Jahren wurde sie radikal saniert, so dass wenig historische Bausubstanz überlebte. Das Rathaus erhielt einen vereinfachten Wiederaufbau; die Turmhaube wurde 1957 von Reiner Seidel neu gestaltet. 1960 eröffnete im Palas der Zitadelle ein Heimatmuseum.
Von 1978 bis 1989 wurde die Altstadt zur Fußgängerzone umgestaltet. Die Zitadelle selbst blieb als Kern der Stadtgeschichte erhalten, der Juliusturm bekam 1964 seine Wendeltreppe rekonstruiert.
Seit 1990: Altstadt, Museen und neue Konkurrenz
Nach dem Mauerfall blieb Spandau ein eigener Bezirk, und die Altstadt wurde weiter gepflegt. 1989 erhielt der Turm der Nikolaikirche wieder eine rekonstruierte Barockhaube nach Plänen von 1839. 1992 öffnete im ehemaligen Zeughaus der Zitadelle das Stadtgeschichtliche Museum Spandau.
Die Zitadelle beherbergt heute mehrere Museen, Ausstellungen und Kunsträume, und die Gewölbe dienen rund 10.000 Fledermäusen als Winterquartier.
Seit 2016 zeigt das Proviantmagazin die Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“, zu der auch Standbilder der früheren Berliner Siegesallee gehören, die 2009 auf die Zitadelle kamen. Im Gotischen Haus in der Breiten Straße läuft die Dauerausstellung „Das Leben in der Stadt – ein Rundgang durch sechs Jahrhunderte“.
Für die Händler der Altstadt bedeutete 2001 die Eröffnung eines großen Einkaufszentrums in der Nähe eine neue Konkurrenz. Der Ortsteil Spandau umfasst heute neben der Altstadt auch Kolk, Stresow, Klosterfelde und Tiefwerder und grenzt an Wilhelmstadt, Haselhorst und das Falkenhagener Feld.