Besitzerwechsel und Dorfleben bis 1850
Das Hospital behielt die Grundherrschaft bis 1691. Danach wechselte das Dorf mehrfach den Besitzer: Zunächst kam es an die Familie von Fuchs, und 1704 verkaufte der Berliner Magistrat seinen Anteil an die Landesherrschaft. Für die Bauern änderte sich damit vor allem, an wen sie ihre Abgaben zahlten.
Aus dieser Zeit stehen noch Zeugen im Ort. Das alte Spritzenhaus der Feuerwehr stammt von 1750, das Wohnhaus eines Pferdehändlers von 1780. Bauernhäuser um 1880 an der Berliner Straße 82 und 83 zeigen, wie die Höfe am Ende der Dorfzeit aussahen.
Die Zahlen bleiben lange klein. 1858 lebten 228 Menschen in Heinersdorf, 1890 waren es 502. Das Dorf lag im Kreis Niederbarnim, nahe genug an Berlin, um Milch und Gemüse in die Stadt zu liefern, und weit genug entfernt, um Dorf zu bleiben. Das änderte eine Bahnlinie.
19. Jahrhundert: Bahnhof, Fabriken und Friedhof
Die Stettiner Bahn lief seit Jahrzehnten am Dorf vorbei, bevor sie hielt. Am 1. Oktober 1893 eröffnete der Bahnhof Pankow-Heinersdorf. Er liegt formal im Ortsteil Pankow, aber direkt an der Grenze, und von nun an siedelten sich einige Fabriken an.
Einwohner von Heinersdorf früher
Zwischen Pankow und Heinersdorf entstand 1890 ein Güterbahnhof, laut Kauperts lange einer der größten in Deutschland. Dazu kam ein Bahnbetriebswerk mit Wasserturm und Ringlokschuppen, in dem Lokomotiven gewartet wurden. Erst Ende der 1990er Jahre wurde es stillgelegt; 2019 ordnete ein Gericht den Erhalt der denkmalgeschützten Bauten an.
Im selben Jahr wie der Güterbahnhof legte die Stadt Berlin 1890 den städtischen Friedhof Heinersdorf an. Dort liegt heute eine Sammelgrabanlage für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, außerdem das Grab des Bürgermeisters und Lebensmittelfabrikanten Friedrich Tinius, der von 1865 bis 1953 lebte.
Der Friedhof ist mit 7.222 Quadratmetern klein geblieben und wird vor allem von eingesessenen Heinersdorfer Familien genutzt. Seine Feierhalle entstand 1905 und wurde im Jahr 2000, nach fast hundert Jahren, saniert. Halle, Erbbegräbniswand und Gesamtanlage stehen unter Denkmalschutz.
Mit der Bahn stieg die Einwohnerzahl von 762 im Jahr 1900 auf 854 im Jahr 1910. Seit etwa 1900 wuchs der Ort entlang der Strecke nach Bernau nach Norden, mit Siedlungshäusern in offener Bauweise. Der alte Dorfkern um die Kirche blieb dabei weitgehend erhalten.
Auch die Straßen bekamen damals ihre Namen. Die Berliner Straße, die Verbindung in die Stadt, wurde nach 1900 befestigt und 1903 ins Adressbuch aufgenommen. Die heutige Tiniusstraße hieß zuvor Maxstraße; ihr neuer Name erscheint 1901 und 1902 erstmals auf Karten und im Adressbuch.
Wasserturm und Straßenbahn: die Jahre vor Groß-Berlin
Die Landgemeinde hatte große Pläne. Als ersten Bauabschnitt eines geplanten Rathauses errichtete sie einen 46 Meter hohen Wasserturm. Wikipedia nennt für den Bau das Jahr 1910, der Ortsteilartikel 1911. Das Rathaus wurde nie vollendet, der Turm blieb allein stehen.
Seit August 1911 fährt die Straßenbahn durch Heinersdorf. Ab 1920 führte die Linie 73 nach Berlin-Mitte, ab 1949 die Linie 71 zum Berliner Rathaus. Heute hält hier die MetroTram M2, die seit 2007 zum Alexanderplatz fährt. Eine Verlängerung nach Norden bis zum S-Bahnhof Blankenburg ist geplant.
Am 1. Oktober 1920 endete die Selbständigkeit. Durch das [Groß-Berlin-Gesetz](https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9F-Berlin-Gesetz) kam die Landgemeinde mit 1.006 Einwohnern in den neuen Bezirk Pankow. Vier Jahre später, am 8. August 1924, fuhr am Bahnhof Pankow-Heinersdorf die elektrische S-Bahn, laut Wikipedia einer der ersten so bedienten Bahnhöfe.
Nun wuchs der Ort rasch. 1925 zählte Heinersdorf 1.705 Einwohner, 1939 bereits 6.544. Um 1915 entstand der Gemeindesaal mit Toranlage. Zwei Jahrzehnte später, 1934 bis 1935, baute Richard Ermisch neben dem Wasserturm die Gemeindeschule mit Turnhalle. Sie steht heute wie der Turm unter Denkmalschutz.
NS-Zeit und Krieg
Über die Jahre der NS-Herrschaft in Heinersdorf geben die Quellen nur wenige Einzelheiten preis. 1939 legte die Stadt zwischen Heinersdorf und Malchow die Kleingartenanlage „Märchenland“ an, knapp 18 Hektar groß. Sie besteht bis heute und gehört zu den großen Grünflächen am Rand des Ortsteils.
Der Wasserturm wurde zum Kriegsbauwerk: 1944 richtete die Wehrmacht auf ihm eine Flakstellung ein. Die Kirche kam vergleichsweise glimpflich davon, musste weder Orgelpfeifen noch Glocken für die Metallspende abgeben. Nur die große Glocke wurde bei Kriegsende durch Beschuss schwer beschädigt.
Die beschädigte Glocke stand ab etwa 1970 auf dem Pfarrhof, bis sie nach 1990 durch eine neue ersetzt wurde. Im Juli 2023 wurde sie von dort gestohlen.
Auf dem Friedhof ruhen im Ehrenhain der Kriegsgräberanlage 88 Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. 1946 hatte Heinersdorf 6.084 Einwohner, etwas weniger als vor dem Krieg. Der Ort lag nun im sowjetischen Sektor und wurde Teil Ost-Berlins.
DDR-Zeit: Horchposten im Turm und ein neuer Bezirk
In der DDR blieb Heinersdorf ein Randort des Stadtbezirks mit Siedlungshäusern, Gärten und Bahngelände. Die sowjetischen Streitkräfte nutzten den Wasserturm, um den Flugverkehr am West-Berliner Flughafen Tegel zu beobachten. Seine beiden unteren Geschosse dienten zeitweise als Schule.
Die Straßenbahn fuhr weiter in die Mitte, doch 1967 gab die Stadt die Strecke über den Alexanderplatz auf, und die Linie endete fortan am Kupfergraben. Die Einwohnerzahl sank: 1950 lebten 6.199 Menschen im Ortsteil, 1963 noch 4.725.
Nach der Wende wurde die Linie mehrfach umgetauft: 1993 fuhr sie als Linie 1 bis zum U-Bahnhof Schwartzkopffstraße, 2004 als M2 zum S-Bahnhof Hackescher Markt. Für die Heinersdorfer blieb sie die Bahn in die Stadt, wie schon 1911.
Zu den Menschen, die hier aufwuchsen, gehört Jutta Limbach, die spätere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Der Schriftsteller Dieter Borkowski lebte bis zu seiner Verhaftung durch die Staatssicherheit 1971 in Heinersdorf.
1986 ordnete die DDR Heinersdorf zusammen mit Blankenburg und Karow dem Stadtbezirk Weißensee zu; Kauperts nennt das Jahr 1985. Nach der Wende blieb es zunächst dabei, bis die Bezirksreform 2001 den fusionierten Bezirk Pankow schuf und Heinersdorf dorthin zurückkehrte.
2006 bis 2008: Der Streit um die Moschee
Die Geschichte dieser Moschee beginnt viel früher. Schon am 6. August 1923 hatte die Ahmadiyya-Gemeinde in Wilmersdorf den Grundstein für eine Berliner Moschee gelegt, finanziert mit Spenden ihrer Frauen. Die Währungskrise verhinderte die Vollendung; das Geld floss in die Fazl-Moschee in London.
Im Dezember 2006 erhielt die Ahmadiyya Muslim Jamaat die Genehmigung, an der Tiniusstraße eine Moschee zu bauen. Schon im März 2006 hatten Proteste begonnen. Die Bürgerinitiative IPAHB organisierte eine Demonstration mit rund 150 Teilnehmern; eine Gegenkundgebung „Ein Band für den Frieden“ zählte 50.
Im Herbst 2006 formierte sich mit „Heinersdorf öffne Dich“ eine Initiative für den Dialog. Die Auseinandersetzung blieb hart: Im Frühjahr 2007 brannte ein Kipplaster auf dem Grundstück, im Juli 2008 wurde die Kuppel mit Naziparolen beschmiert.
Am 2. Januar 2007 legte der Kalif Mirza Masroor Ahmad den Grundstein. Die Khadija-Moschee eröffnete am 16. Oktober 2008; sie kostete 1,7 Millionen Euro, hat ein 13 Meter hohes Minarett und je 250 Plätze für Frauen und Männer. Laut Wikipedia ist sie die erste Moschee im Osten Berlins.
Aus dem Konflikt entstand auch etwas Bleibendes. Seit 2007 setzt sich der Verein Zukunftswerkstatt Heinersdorf für den Ortsteil ein, betreibt ein Nachbarschaftshaus, saniert Spielplätze und richtet Dorffeste aus.
Gegenwart: Wachstum am Stadtrand
Heinersdorf wächst wieder. Am 31. Dezember 2015 lebten 6.786 Menschen hier, Ende 2024 waren es 9.557. Ein Teil des Zuwachses geht auf die 2016 eröffnete Asylunterkunft zurück; der Ausländeranteil lag Ende 2023 bei rund 22,5 Prozent.
Nach Beschreibung des Bezirksamts Pankow hat der verkehrsreiche Ortskern seine dörfliche Prägung fast völlig verloren. Sehenswert bleiben die Feldsteinkirche, das Spritzenhaus von 1750 und der Wasserturm. Der Turm steht allerdings leer: Ein Brand im Juni 2014 zerstörte das Innere, 2017 verhinderte der Denkmalschutz den Abriss.
Der Verkehr ist das Dauerthema des Ortsteils. Am Ortskern staut es sich regelmäßig, weil der Verkehr aus der Rennbahnstraße auf die Berliner Straße trifft. 2013 prüfte die Planung vier Varianten, um den Kern über die Prenzlauer Promenade zu entlasten. Ende 2023 lebten 8.859 Menschen in Heinersdorf.
Für den Blankenburger Süden ist eine neue Siedlung mit rund 5.000 Wohnungen geplant, und die Straßenbahn M2 soll bis zum S-Bahnhof Blankenburg verlängert werden. Die genaue Strecke ist noch nicht festgelegt. Heinersdorf, das Dorf an der Straße, wird damit erneut zum Durchgangsort zwischen Stadt und Rand.