Gutsherren: von den Röbels bis zum König
Über Jahrhunderte bestimmten adlige Familien das Leben im Dorf. Auf den Ritterhof des Tamme von Röbel folgte 1436 Wilhelm von Blankenfelde als Erbherr. 1664 lösten die von Fuchs die Röbels ab, später kamen die von Barfus, die 1688 bereits 17 Ritterhufen besaßen, fast die Hälfte der Dorfflur.
1710 kaufte König Friedrich I. das Gut und unterstellte es dem Amt Niederschönhausen, einer königlichen Verwaltung für die umliegenden Dörfer. Gut hundert Jahre blieb Blankenburg in staatlicher Hand, bis es 1818 wieder an private Besitzer ging.
Die Wechsel der Besitzer hatten für die Bauern spürbare Folgen. Jeder neue Herr forderte Abgaben und Dienste, und wer Ritterhufen kaufte, nahm sie aus der bäuerlichen Nutzung. So wuchs der Gutsbesitz auf Kosten der Höfe, ein Vorgang, der sich in vielen Dörfern der Mark wiederholte.
Das Rittergut veränderte das Dorfbild. Für seine Anlage mussten einige Bauernhöfe und der Westteil des Angers weichen. Deshalb endet der westliche Teil der Dorfstraße bis heute als Sackgasse, ein stummer Zeuge dafür, wie der Gutsherr das alte Angerdorf beschnitt.
Das Dorf blieb klein. 1858 lebten hier 334 Menschen, 1900 waren es 647. Blankenburg war ein Bauerndorf mit Kirche, Krug und Gut, kaum eine Stunde Fußweg von den Toren Berlins entfernt, und genau diese Nähe sollte sein Schicksal bestimmen.
19. Jahrhundert: Bahnhof und Rieselgut
1843 fuhr die erste Eisenbahn von Berlin nach Stettin an Blankenburg vorbei, ohne zu halten. Mehr als 30 Jahre gab es zwischen Berlin und Bernau keine Zwischenstation. Am 1. Juni 1877 änderte sich das: Der Bahnhof Blankenburg nahm als erster Unterwegshalt den Betrieb auf.
Einwohner von Blankenburg früher
Der Bahnhof lag damals noch ein Stück vom Dorf entfernt, auf freiem Feld. Doch nun konnten Bauern ihre Erzeugnisse in die Stadt bringen und Städter an Sonntagen aufs Land fahren. Wenige Wochen nach Blankenburg bekam auch Gesundbrunnen einen Halt, und der Vorortverkehr begann zu wachsen.
Fünf Jahre später griff die Großstadt nach dem Dorf. 1882 kaufte die Stadt Berlin das Gut und legte dort ein Rieselgut an. Auf [Rieselfeldern](https://de.wikipedia.org/wiki/Berliner_Rieselfelder) wurde das vorgereinigte Abwasser der Stadt über den Boden geleitet und dabei gefiltert, zugleich dienten die Flächen der Landwirtschaft.
Das System ging auf den Stadtplaner James Hobrecht und den Arzt Rudolf Virchow zurück, der 1868 eine Kanalisation für Berlin gefordert hatte. Für Blankenburg hieß das: Statt eines adligen Gutsherrn war nun der Berliner Magistrat der große Grundbesitzer im Ort.
1884 und 1885 vergrößerte die Gemeinde die Kirchenfenster. Auch die Bahn baute aus. Zwischen 1906 und 1911 erhielt die Stettiner Bahn vier Gleise auf einem Damm, Fern- und Vorortverkehr wurden getrennt, und das noch heute erhaltene Empfangsgebäude entstand. 1910 zählte das Dorf 704 Einwohner.
1920: Blankenburg wird Berlin
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz endete am 1. Oktober 1920 die Selbständigkeit. Blankenburg kam zum neuen Bezirk Pankow. Schon am 29. Juli 1920 hatten Landgemeinde und Gutsbezirk laut Ratsprotokoll beschlossen, sich zum Ortsbezirk Blankenburg zusammenzuschließen. Am 1. September 1920 zählte man 1.436 Einwohner.
Der Gutsbezirk war bis dahin ein eigener Verwaltungsbereich des Gutes gewesen, getrennt von der Dorfgemeinde. Nun gab es nur noch einen Ort. Das Bezirksamt Pankow nahm am 18. März 1921 endgültig seine Arbeit auf und kümmerte sich bald um Panke, Wege und eine Leichenhalle.
Die Panke, die durch den Ort fließt, wurde nach der Eingemeindung reguliert. 1924 fuhr die Vorortbahn nach Bernau als erste Strecke Berlins mit Gleichstrom, in Blankenburg entstand eine Kehr- und Abstellanlage für die S-Bahn. Wer in der Stadt arbeitete, konnte nun im Grünen wohnen.
In den 1920er Jahren wuchsen Laubenkolonien und Siedlungen. Die Anlage Blankenburg umfasst 84 Hektar und ist nach Angaben der Wikipedia eine der größten zusammenhängenden Gartensiedlungen Deutschlands. Bis 1939 stieg die Einwohnerzahl auf 5.633, das Achtfache von 1910.
NS-Zeit: eine Laube als Versteck
In den Jahren der Verfolgung wurde eine Blankenburger Laube zum Rettungsort. Marie Grünberg, 1903 in der Neumark geboren, lebte mit ihrem jüdischen Mann Kurt in einer sogenannten Mischehe. Nach der Fabrikaktion im Februar 1943 kam Kurt nach Protesten frei, und das Paar nahm vier Verfolgte auf.
Versteckt wurden Kurts Schwager Martin Grünberg, der Pole Oskar Ostaszewer, Gertrud Dobrin und ihr Verlobter Richard Klindzahn, der sich der Wehrmacht entzogen hatte. Zeitweise kam der Jugendliche Zvi Aviram hinzu. Als die Gestapo ihn im Winter 1943 festnahm, setzte Marie Grünberg die anderen aus Angst vor die Tür.
Zwei Wochen später holte sie drei von ihnen zurück. Die Angst vor Entdeckung blieb, denn Nachbarn, Kontrollen und Bombenalarm bedrohten das Versteck jeden Tag. Dass eine Laube zwischen Obstbäumen sechs Menschen über zwei Jahre verbergen konnte, zeigt, wie unauffällig die Gartenkolonien am Stadtrand damals waren.
Am 23. November 1943 zerstörte ein Bombenangriff die Stadtwohnung. Von da an lebten alle sechs dauerhaft in der Laube, abgeschnitten von der Welt. Sie überlebten bis zum Kriegsende 1945. Yad Vashem ehrte Marie Grünberg 1984 als „Gerechte unter den Völkern“.
Der Ort hat sie nicht vergessen. Am 12. November 2016 erhielt eine Straße in Blankenburg den Namen Marie-Grünberg-Straße. Auf dem Friedhof im Nordosten erinnert ein Ehrenhain an die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
DDR-Zeit: Außenring, Mauer und Weißensee
Nach 1945 lag Blankenburg im sowjetischen Sektor und damit in Ost-Berlin. 1950 lebten hier 6.357 Menschen. Anfang der 1950er Jahre entstand der Berliner Außenring, eine Güterbahn um West-Berlin herum, mit Verbindungskurven am Karower Kreuz. Die Kurve nach Oranienburg wurde 1953 angelegt.
Der Mauerbau 1961 schnitt die Stettiner Bahn ab. Die S-Bahnen aus Blankenburg fuhren nun über die östliche Ringbahn, und Ende 1961 hielt die S-Bahn nach Oranienburg erstmals hier. Für die Heidekrautbahn entstand ein provisorischer Basdorfer Bahnsteig, an dem bis 1976 Züge nach Basdorf abfuhren.
Die Kirche wurde gepflegt: Zwischen 1960 und 1963 erhielt sie eine Innenrenovierung mit neuer Holzbalkendecke. 1975 folgte eine Orgel der Dresdner Werkstatt Jehmlich, 1982 ein neues Satteldach. Im selben Jahr eröffnete in Alt-Blankenburg 33 ein privates Hundemuseum, das 1992 einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde erhielt.
1986 ordnete die DDR ihre Stadtbezirke neu. Blankenburg kam zusammen mit Heinersdorf und Karow zum Stadtbezirk Weißensee. Die Einwohnerzahl war inzwischen gesunken: 1963 lebten 5.882 Menschen im Ort, 1991 nur noch 4.353.
Seit 1990: Gärten, Hochschule und Rückkehr nach Pankow
Nach der Wiedervereinigung organisierten sich die Gartenfreunde neu. 1991 gründeten sie den Verein der Garten- und Siedlerfreunde Anlage Blankenburg. 2005 wurde die Anlage in eine Erholungssiedlung umgewidmet, viele Lauben sind längst ganzjährig bewohnt. Die Einwohnerzahl stieg bis 2000 wieder auf 6.093.
Zum 1. Januar 2001 kam Blankenburg mit der Bezirksreform zurück nach Pankow. 1998 hatte der Kirchturm sein Pyramidendach erhalten. Im Mai 2007 nahmen die Wasserbetriebe einen Retentionsbodenfilter in Betrieb, der Straßenabwasser reinigt, bevor es in die Panke fließt.
Eine Hochschule verließ den Ort. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft, hervorgegangen aus der Ingenieurhochschule Berlin-Wartenberg, zog 2009 vom Standort Blankenburg nach Oberschöneweide. Die leeren Gebäude wurden 2016 abgerissen. Das Hundemuseum schloss 2001 und löste sich 2020 endgültig auf.
Auch die Bahn wurde erneuert: 2003 bis 2005 die Brücken über die Bahnhofstraße. 2006 folgten die Ferngleise im Zuge der Nord-Süd-Fernbahn zum neuen Hauptbahnhof. 2014 verschwanden Bahnwärterhaus und Stall des ersten Bahnhofs, das Empfangsgebäude von 1911 aber steht weiter.
So wandelte sich Blankenburg in drei Jahrzehnten: aus dem Randgebiet eines Ost-Berliner Stadtbezirks wurde ein Wohnort mit saniertem Anger, neuen Einfamilienhäusern und einer Gartensiedlung, in der aus Lauben Wohnhäuser wurden. Was blieb, ist der dörfliche Maßstab rund um die Kirche.
Gegenwart: Vorort mit Anger und großen Plänen
Ende 2023 lebten 6.944 Menschen auf 6,03 Quadratkilometern. Das Bezirksamt beschreibt Blankenburg als Vorortsiedlung, geprägt vom gut erhaltenen Dorfanger mit Kirche und den Einfamilienhäusern ringsum. Zahlreiche Gebäude an der Straße Alt-Blankenburg stehen einzeln oder als Ensemble unter Denkmalschutz.
Teile des Ortsteils gehören zum Naturpark Barnim. Im Osten liegt das Golf Resort Berlin-Pankow, einer von drei Golfplätzen der Stadt. Die Gebäude des Pflegeheims der Albert-Schweitzer-Stiftung haben nach Angaben des Bezirksamts besondere Bedeutung für den Ort.
Südlich des Dorfes soll ein neuer Stadtteil entstehen. Der Blankenburger Süden ist mit bis zu 6.000 Wohnungen auf rund 430 Hektar geplant, davon etwa 90 Hektar im Kerngebiet. Die Straßenbahn M2 soll bis zum S-Bahnhof verlängert werden, am Karower Kreuz ist ein neuer Bahnhof vorgesehen.
Bis dahin verbinden die S-Bahnen S2, S26 und S8 den Ort mit der Stadt, die Autobahn A 114 streift seine Westgrenze ohne eigene Anschlussstelle. Zwischen Panke, Gärten und Feldsteinkirche bleibt Blankenburg ein Dorf, das zur Großstadt gehört und dennoch seinen Anger behalten hat.