An der Straße zwischen den Residenzen: das 18. Jahrhundert
Mit dem Ausbau Potsdams zur Residenz bekam das Dorf eine neue Lage: Es lag nun an der Strecke zwischen Berlin und dem Hof. Bereits 1730 ließ König Friedrich Wilhelm I. den Königsweg als Schnellweg nach Potsdam anlegen. 1792 wurde die Straße unter Friedrich Wilhelm II. zur ersten Chaussee (befestigte Kunststraße)
Preußens ausgebaut, die Reisegeschwindigkeit stieg nach Angabe des Heimatvereins auf etwa zehn Kilometer pro Stunde.
Der Siebenjährige Krieg traf das Dorf hart. 1760 wurde es geplündert, die Kirche blieb als Ruine zurück. 1767 ordnete Friedrich II. den Abbruch an und ließ unter königlichem Patronat einen Neubau errichten, für den er 6.000 Taler gab. 1768 war die Kirche fertig, ein ungewöhnlicher achteckiger Zentralbau mit rund 300 Sitzplätzen und einer Empore.
Der Dachturm musste 1788 wieder abgetragen werden, weil er die Schwingungen der Glocken nicht aushielt; seither stehen die Glocken in einem eigenen Gestell auf dem Kirchhof.
Neben dem König prägte ein Lehrer das Bild des Dorfes: Ernst Ferdinand Schäde zog 1793 in das Haus, in dem heute das Heimatmuseum liegt, und unterrichtete dort nach Angabe des Bezirksamts über 62 Jahre lang. Er verfasste die erste Chronik Zehlendorfs.
Das Dorf blieb in dieser Zeit ein bäuerlicher Ort, der vom Verkehr auf der Königsstraße profitierte, aber noch nicht von der Stadt überformt wurde.
Die Eisenbahn kommt: das 19. Jahrhundert
Am 22. September 1838 fuhr der erste Zug der ersten preußischen Eisenbahnstrecke von Potsdam nach Zehlendorf. Bis zur Verlängerung nach Berlin im Oktober desselben Jahres war der Ort Endstation. Der Bahnhof Zehlendorf gilt als der älteste Bahnhof im heutigen Stadtgebiet Berlins.
Für das Dorf bedeutete das auf lange Sicht die Verbindung zur Stadt, die es in ein Wohngebiet für Berliner verwandeln sollte.
Zunächst aber änderte sich die Landwirtschaft. In den 1850er und 1860er Jahren wurde der Grundbesitz im Zuge der Separation (Neuordnung der Ländereien) neu verteilt, und die Bauern erhielten ihr Land zu freiem Eigentum. 1858 zählte das Dorf 962 Einwohner. Am 30.
Juli 1872 galt die neue Landgemeindeordnung auch für Zehlendorf, damit begann die Selbstverwaltung als Landgemeinde im Kreis Teltow. 1871 hatte der Dorfpfarrer eine Friedenseiche zur Erinnerung an das Ende des Deutsch-Französischen Krieges gepflanzt, die im „Historischen Winkel“ neben dem Heimatmuseum steht.
Der Bahnanschluss und neue Strecken beschleunigten den Wandel. 1874 wurde die Wannseebahn eröffnet (offizieller Eröffnungstag nach der Wikipedia der 1. Juni), die in Zehlendorf von der Potsdamer Strecke abzweigt und dort als erste Berliner Vorortstrecke bezeichnet wird.
Terraingesellschaften (Unternehmen, die Land aufkaufen, in Bauplätze aufteilen und weiterverkaufen) erwarben Bauerngüter, parzellierten sie und boten die Grundstücke wohlhabenden Berlinern an. Es entstanden Landhäuser und Beamtenvillen.
Die Einwohnerzahl stieg von 2.750 im Jahr 1880 auf 8.837 im Jahr 1900. 1894 wurde das benachbarte Schönow eingegliedert, das im Süden bis an den späteren Teltowkanal reicht.
Vorort mit Kirche, Klinik und Kanal: 1900 bis 1914
Die wachsende Gemeinde brauchte neue Bauten. Die alte Dorfkirche reichte nicht mehr, und so entstand 1903 bis 1905 nach einem Entwurf von Hubert Stier die Pauluskirche aus rotem Backstein, die am 1. Oktober 1905 eingeweiht wurde.
Die Dorfkirche hielt danach keine regelmäßigen Gottesdienste mehr; sie diente nach einem Umbau 1912 bis 1930 als Gemeindehaus.
1905 gründeten der Orthopäde Konrad Biesalski und Helene Pintsch einen Verein für körperbehinderte Kinder. Mit dem Geld von Oskar Pintsch entstand daraus das Oskar-Helene-Heim, das am 27. Mai 1914 im Beisein der Kaiserin Auguste Viktoria eingeweiht wurde. Im Ersten Weltkrieg diente es auch als Lazarett.
Ein weiteres Großprojekt berührte Zehlendorf an seinem Südrand: Der Teltowkanal, gebaut von 1900 bis 1906 und am 2. Juni 1906 von Kaiser Wilhelm II. freigegeben, sollte die Berliner Wasserwege entlasten und Land für Industrie und Wohnungsbau erschließen. In Schönow lag eine Baustelle des Kanals, aus der 1924 die Teltow-Werft hervorging.
Bezirk in Groß-Berlin und neues Bauen: 1920 bis 1933
Mit dem Gesetz über die Bildung der Stadtgemeinde Berlin wurde Zehlendorf 1920 Teil der Hauptstadt. Es entstand der 10. Verwaltungsbezirk Zehlendorf, zu dem die Landgemeinden Zehlendorf, Wannsee und Nikolassee sowie mehrere Gutsbezirke, darunter Dahlem, gehörten. Später kamen unter anderem Schwanenwerder und Düppel hinzu.
Zehlendorf wuchs schnell: 1919 zählte der Ort 20.562 Einwohner, 1930 schon 37.215.
Ein sichtbares Zeichen der neuen Rolle ist das Rathaus am Teltower Damm. Nach einem Wettbewerb von 1925 baute Eduard Jobst Siedler es von 1926 bis 1929. Der Bau verbindet Elemente der Reformarchitektur mit klassizistischen Formen und steht heute unter Denkmalschutz.
Am Waldrand entstand in diesen Jahren eine große Wohnsiedlung. Das Land gehörte der Unternehmensgruppe des Bauunternehmers Adolf Sommerfeld. Von 1926 bis 1931 baute die gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft GEHAG hier die Onkel-Tom-Siedlung nach Plänen von Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg.
Die Westseiten der Zeilenbauten sind rotbraun, die Ostseiten graugrün gestrichen. Den Namen lieh sich die Siedlung von einem Ausflugslokal, das seit 1885 „Onkel Toms Hütte“ hieß. Zur Anbindung öffnete am 22.
Dezember 1929 die U-Bahn-Strecke bis Krumme Lanke; der Bahnhof Onkel Toms Hütte stammt von Alfred Grenander und erhielt 1931/32 Ladenpassagen von Salvisberg.
Zeit des Nationalsozialismus und Kriegsende
Nach der Machtübernahme 1933 wurden in der Berliner Stadtverwaltung Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden entlassen und verfolgt. Der Sozialdemokrat Hermann Clajus, Stadtverordneter und Geschäftsführer des Strandbades Wannsee, nahm sich am 18. März 1933 das Leben, nachdem er erfahren hatte, dass er abgesetzt und wohl verhaftet werden sollte.
Ein Stolperstein in der Zehlendorfer Schützallee erinnert an ihn. 1934 löste das Regime die Bezirksverordnetenversammlung und das Bezirksamt auf; die verbliebenen Bezirksbeigeordneten unterstanden einem nationalsozialistischen Bürgermeister.
Die Bevölkerung wuchs weiter und lag 1938 bei 55.419 Einwohnern. Von 1938 bis 1940 ließ die SS-Führung am Krummen Lanke eine geschlossene Siedlung für Angehörige der SS-Hauptämter bauen, die „SS-Kameradschaftssiedlung“, heute als Waldsiedlung Krumme Lanke bekannt und seit 1992 Denkmal.
Das Oskar-Helene-Heim stellte der Trägerverein 1937 dem preußischen Staat zur Verfügung, ab 1939 wurde es zunehmend militärisch genutzt.
Der Krieg zerstörte auch Zehlendorfer Bauten: 1943 traf eine Bombe das Empfangsgebäude des Bahnhofs am Teltower Damm, und das Oskar-Helene-Heim wurde 1945 etwa zur Hälfte durch Brandbomben zerstört. Am 22. April 1945 bereitete die 1.
Ukrainische Front unter Marschall Konew die Überquerung des Teltowkanals vor, ein erster Angriff bei Lichterfelde scheiterte. Am 24. April gelang an der Fritz-Schweitzer-Brücke der Brückenschlag; mittags erreichten sowjetische Panzer Zehlendorf-Süd.
Im amerikanischen Sektor: Nachkriegszeit und Teilung
Zehlendorf gehörte nach 1945 zum amerikanischen Sektor und später zu West-Berlin. Ein neues Verwaltungsstatut trat im September 1945 in Kraft, und nach den freien Wahlen von 1946 nahm ein gewähltes Bezirksamt die Arbeit auf. Die Einwohnerzahl lag 1946 bei 50.273, 1938 waren es noch 55.419 gewesen.
Von Juni 1945 bis 1994 prägten amerikanische Truppen mit Kasernen, Wohnanlagen und Schulen den Bezirk. Bis 1994 gab es in der Nähe der Argentinischen Allee die Truman Plaza, ein Einkaufszentrum für die in Berlin stationierten Soldaten und ihre Familien.
Die Teilung der Stadt veränderte auch die Verkehrswege. Auf der Strecke nach Potsdam wurden nach dem Krieg Gleise als Reparation abgebaut. Der Teltowkanal bildete für Jahrzehnte einen Teil der Grenze zwischen West-Berlin und Brandenburg; erst am 20. November 1981 wurde er von Westen her wieder befahrbar.
Im September 1980 wurde der Betrieb auf der Wannseebahn nach einem Streik nicht wieder aufgenommen, am 1. Februar 1985 fuhr die S-Bahn auf dieser Strecke wieder.
Auch die Erinnerungsarbeit setzte ein. Im Heimatmuseum wurde 1973 ein Archiv zur Ortsgeschichte eingerichtet, 1975 entstand im Krummen Fenn das Museumsdorf Düppel, das die mittelalterliche Siedlung zeigt und zur Stiftung Stadtmuseum Berlin gehört.
Das Haus am Waldsee, eine 1922/23 von Max Werner für den Fabrikanten Hermann Knobloch gebaute Villa, ist seit dem 6. Januar 1946 ein Ausstellungshaus.
Seit 1990: Fusion, Abzug und Wandel
Nach dem Mauerfall wurden alte Verbindungen wieder aufgenommen. 1992 reichte die S1 von Wannsee bis Oranienburg, und die S-Bahn nach Potsdam fuhr wieder. 1994 zogen die amerikanischen Truppen ab; auf dem Gelände der Truman Plaza finden heute Volksfeste statt.
Am 1. Januar 2001 wurde der Bezirk Zehlendorf mit Steglitz zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf vereinigt. Im Jahr 2000 war das Oskar-Helene-Heim mit dem Krankenhaus Zehlendorf zur Zentralklinik Emil von Behring verschmolzen und verlagert worden; auf dem Gelände an der Clayallee entstand von 2012 bis 2014 ein Wohn- und Gesundheitsstandort.
Für das Rathaus wurde im September 2021 ein Entwurf für eine Erweiterung ausgewählt, ob und in welcher Form gebaut wird, ist bislang nicht entschieden.
Im Dezember 2020 gab Zehlendorf einen größeren Gebietsteil an den neu gebildeten Ortsteil Schlachtensee ab. Das Heimatmuseum zeigt in der Dauerausstellung „Vom Bauerndorf zur Vorortgemeinde“ die Ortsgeschichte bis zur Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg; eine Ergänzung um die späteren Jahre ist geplant.