Carstenn gründet die Villenkolonie
Johann Anton Wilhelm Carstenn wurde 1822 in Holstein geboren.
Die Idee einer Villenkolonie am Rand der Großstadt stammte aus England, und mit dem Verkauf von Grundstücken in Wandsbek bei Hamburg, wo er 1854 einen Anteil am Gut erworben hatte, war es ihm schon gelungen, Gewinn zu erzielen. 1865 erwarb er die hoch verschuldeten Güter Lichterfelde und Giesensdorf und plante dort eine Landhaus- und Villenkolonie.
Gedacht war sie als geschlossenes Ganzes mit großzügigen Grundstücken, Gärten, Alleen und einem kleinen eigenen Geschäftszentrum. Die Straßen legte er nach einem regelmäßigen Plan an, der in der Fachliteratur als „Carstenn-Figur“ bezeichnet wird.
Zur Erschließung gehörte der Anschluss an die Bahn. Der Bahnhof an der Anhalter Bahn, der heutige Bahnhof Lichterfelde Ost, wurde 1868 eröffnet und zog die ersten Häuser rund um den Marienplatz nach sich. Der zweite Bahnhof, der heutige S-Bahnhof Lichterfelde West, wurde nach Angaben des Bezirksamts am 15.
Dezember 1872 eröffnet. Das Empfangsgebäude entstand im Stil einer toskanischen Villa, und Carstenn ließ es auf eigene Kosten errichten.
Die ersten Jahre verliefen vielversprechend, doch das Projekt blieb auf Käufer angewiesen. Als Anziehungspunkt sollten Einrichtungen dienen, die Offiziere und höhere Beamte in die Gegend brachten. Darauf konzentrierte sich der Unternehmer, wie die folgenden Abschnitte zeigen.
Zugleich stieß er auf Widerstände: Die Verwaltung des Kreises Teltow wollte zum Beispiel zunächst keine Schule genehmigen, die Gemeinde setzte sie 1884 dennoch durch und finanzierte sie mit privaten Mitteln.
Hauptkadettenanstalt, Gardeschützen und die erste elektrische Straßenbahn
Der wichtigste Schritt war die Verlegung der Preußischen Hauptkadettenanstalt. Die Offiziersschule, in der Heranwachsende für die Armee ausgebildet wurden, war bis dahin mitten in Berlin untergebracht, in einem Gebäude auf dem ehemaligen Hetzgarten.
Carstenn stellte dem preußischen Staat 1871 rund 20 Hektar Land (nach anderer Angabe 21) zur Verfügung und beteiligte sich an den Baukosten. Die Grundsteinlegung fand am 1. September 1873 im Beisein Kaiser Wilhelms I. statt.
Entworfen wurde die Anlage von August Ferdinand Fleischinger und Gustav Voigtel; 1878 zogen die Kadetten ein. Zur Anlage gehörten Lehr- und Wohngebäude, ein Speisesaal, Ställe, eine Turnhalle, ein Lazarett und zwei Kirchen. Meist lebten dort über 1.000 Kadetten.
Für Carstenn war das Gelände ein Standortvorteil, aber auch eine Belastung. Seine Zusagen an den Staat und der Börsenkrach von 1873, der als Gründerkrach in die Geschichte einging, brachten ihn in finanzielle Schwierigkeiten. Er musste bereits aufgeteilte Grundstücke mit Verlust verkaufen.
Ab 1887 erhielt er eine staatliche Rente von 43.000 Mark im Jahr, die nach seinem Tod 1896 eingestellt wurde. Die Kolonie wuchs trotzdem weiter. 1877 schlossen sich die Güter Lichterfelde und Giesensdorf zur Großgemeinde Groß-Lichterfelde zusammen, 1878 kam das Dorf Lichterfelde hinzu.
Außerdem folgte ab 1880 die Gardeschützenkaserne in Lichterfelde West, von der sich Carstenn zusätzlich Offiziere als Siedler erhoffte.
Einen Platz in der Technikgeschichte sicherte sich der Ort am 16. Mai 1881. An diesem Tag nahm eine Bahn den Betrieb auf, die Werner Siemens und Johann Georg Halske gebaut hatten: die nach dem Bezirksamt erste elektrische Straßenbahn der Welt, nach genauerer Darstellung der Wikipedia die erste dauerhaft elektrisch betriebene.
Sie verband den Bahnhof Lichterfelde Ost mit der Hauptkadettenanstalt. Der Strom floss damals noch über die beiden Fahrschienen, die Betriebsspannung lag bei 180 Volt. Erlaubt waren höchstens 20 Kilometer pro Stunde, im Durchschnitt fuhr der Wagen etwa 15.
Später wurde die Strecke verlängert und mit einer Oberleitung ausgestattet; das meterspurige Netz der Linie endete im Februar 1930.
Kaiserzeit: Rathaus, Schule und Gleitflug
In den Jahren nach 1880 wuchs Groß-Lichterfelde schnell. Das Bezirksamt nennt für 1892 bis 1894 den Bau des Rathauses; eine Schule war schon 1884 entstanden, das spätere Schiller-Gymnasium. 1898 weihte man das Rother-Stift ein, eine Unterkunft für unverheiratete Töchter von Offizieren und Beamten.
Neue Kirchen wie die Pauluskirche an der Dorfaue (1900 nach Plänen von Fritz Gottlob als Hauptkirche der Gemeinde errichtet) zeigen, wie stark der Ort inzwischen angewachsen war. Auch der Baustil der Villen blieb nicht einheitlich: Neben Anklängen an märkisches Fachwerk entstanden neugotische und Neo-Renaissance-Häuser, später kamen Jugendstil-Elemente hinzu.
Mehrere Architekten prägten das Bild. Gustav Lilienthal, der jüngere Bruder des Flugpioniers, entwarf die sogenannten Burgenvillen im neuen Tudorstil, die sich durch Türmchen und burgartige Formen auszeichnen. Typisch für die Villen der Kolonie waren ein erhöhtes Erdgeschoss, ein Kutscherhaus im Garten und Türmchen an wichtigen Straßenecken.
Der Charakter einer Gartenstadt bestimmt den Westen des Ortsteils bis heute; Mehrfamilienhäuser sind in der Villenkolonie nach Angaben der Wikipedia inzwischen untersagt.
Der ältere Bruder Otto Lilienthal ließ 1894 auf dem Gelände einer alten Ziegelei einen Hügel aufschütten, den Fliegeberg. Von dort startete er mit selbstgebauten Gleitapparaten, wobei er nach Angaben des Bezirksamts Weiten von bis zu 80 Metern erreichte. Lilienthal verunglückte am 9.
August 1896 bei einem Flug in Stölln und starb einen Tag später in Berlin. Zwischen 1928 und 1932 entstand nach Plänen des Stadtbaurats Fritz Freymüller eine Gedenkstätte auf dem Hügel.
Auch wasserbaulich veränderte sich das Gebiet. Der Teltowkanal, den Landrat Ernst von Stubenrauch angeregt hatte, wurde zwischen 1900 und 1906 gebaut und am 2. Juni 1906 von Kaiser Wilhelm II. eröffnet.
Er folgt im Westen weitgehend dem alten Lauf der Bäke und sollte den Verkehr in der Stadtmitte entlasten sowie Industrie- und Wohngebiete jenseits der Stadtgrenze erschließen. Weil es in Lichterfelde technische Schwierigkeiten gab, zog sich die vollständige Fertigstellung noch einige Monate hin.
Entlang des Kanals entstanden später Gewerbeflächen, auf denen bis heute ein Heizkraftwerk steht.
Der Botanische Garten zieht um
Zu den bekanntesten Anlagen auf dem Gebiet des Ortsteils gehört der Botanische Garten. Er geht auf einen 1679 angelegten Garten in Schöneberg zurück, der später als Küchen- und Obstgarten diente und 1809 der Universität unterstellt wurde. Das Gelände an der Potsdamer Straße wurde im Laufe des 19.
Jahrhunderts zu eng, die Stadt wuchs ringsum, und die Luft schadete den Pflanzen. 1889 wurde Adolf Engler Direktor. Er und der Architekt Alfred Koerner arbeiteten gemeinsam einen Plan für eine neue Anlage aus, die auf der Feldmark der Königlichen Domäne Dahlem entstehen sollte.
Der Preußische Landtag stimmte 1897 zu, der Bau begann 1899.
Die ersten Besucher betraten den Garten am 13. April 1903; die offizielle Eröffnung von Garten und Museum folgte am 24. und 25. Mai 1910. Zwischen 1905 und 1907 entstand das Große Tropenhaus, eine Stahl-Glas-Konstruktion von rund 60 Metern Länge und 25 Metern Höhe.
Der Name „Botanischer Garten Dahlem“ erinnert an die Domäne, doch das Gelände liegt vollständig im Ortsteil Lichterfelde. Das ist ein Grund dafür, warum viele Besucher die Anlage mit Dahlem verbinden. Heute umfasst der Garten über 43 Hektar mit rund 20.000 bis 22.000 Pflanzenarten, je nach Zählung.
Der Zweite Weltkrieg richtete schwere Schäden an. Am 1. März 1943 verbrannten bei einem Brand das Herbarium und die Bibliothek mit rund 80.000 Bänden. Bei Luftangriffen im Herbst desselben Jahres zerbrachen die meisten Glasscheiben, viele tropische Pflanzen erfroren. Im Frühjahr 1945 wurde auch die Systematische Abteilung zerstört.
Im Herbst 1945 konnten Besucher den Garten dennoch wieder betreten. Der Wiederaufbau begann 1949 mit amerikanischer Hilfe, das Victoriahaus öffnete 1950 wieder, das Große Tropenhaus am 22. Mai 1968.
1920 bis 1945: Eingemeindung, Kasernen und Rüstung
1920 wurde Groß-Lichterfelde mit Steglitz, Lankwitz und der Villenkolonie Südende Teil von Groß-Berlin und bildete mit ihnen den zwölften Verwaltungsbezirk, Steglitz. Im selben Jahr endete die Geschichte der Hauptkadettenanstalt: Der Versailler Vertrag verbot Deutschland solche Schulen, und am 20. März 1920 fand der Schlussappell statt.
Die Gebäude dienten dann zunächst als zivile Schule, als Staatliche Bildungsanstalt, bis die SS sie 1933 übernahm. Viele Offiziersfamilien, die sich in der Villenkolonie niedergelassen hatten, verloren ihre Einkünfte; das Viertel bekam wegen der zahlreichen wohlhabenden Kriegswitwen den Beinamen „Witwenfelde“.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zog die Leibstandarte SS Adolf Hitler in die ehemalige Kadettenanstalt ein. Beim sogenannten Röhm-Putsch wurden dort 1934 Menschen von SS-Kommandos erschossen.
In den Jahren 1937 und 1938 baute man die Anlage zur Kaserne um und fügte unter anderem eine Schwimmhalle sowie monumentale Figuren am Eingang an der Finckensteinallee hinzu.
Die Rüstungswirtschaft kam hinzu: Von 1937 bis 1940 entstand nach Plänen von Hans Hertlein das Telefunkenwerk, das ab 1938 mehrere Berliner Standorte des Funk- und Elektronikunternehmens bündelte und zuletzt rund 90.000 Quadratmeter Nutzfläche hatte. Es trug die Bezeichnung Telefunkenwerk Zehlendorf.
Zur Kriegswirtschaft gehörte auch Zwangsarbeit. An der Wismarer Straße am Teltowkanal bestand ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Quellen datieren den Beginn unterschiedlich: Ein kleines Kommando bestand ab Anfang 1941, das Hauptlager wurde ab Dezember 1941 gebaut und war vom 23. Juni 1942 bis zum 21. April 1945 in Betrieb.
Bis zu 1.500 männliche Häftlinge waren dort gleichzeitig untergebracht; sie stammten aus mindestens elf Ländern. Mindestens 41 von ihnen starben, 29 davon bei einem alliierten Luftangriff. Zwischen dem 16. und 21. April 1945 räumte die SS das Lager und schickte die Häftlinge auf Todesmärsche.
Teilung und Nachkriegszeit im amerikanischen Sektor
Im Sommer 1945 übernahmen amerikanische Truppen das weitgehend zerstörte Gelände der früheren Kadettenanstalt und nannten es Andrews Barracks. 1953 fügten sie die Andrews Chapel hinzu, eine Kapelle für alle Glaubensrichtungen, die bis 2018 als Lesesaal der Bibliothek des Bundesarchivs diente.
Lichterfelde lag im amerikanischen Sektor Berlins, und das prägte den Ortsteil bis 1994. Auch das frühere Telefunkenwerk wurde beschlagnahmt, war bis 1949 amerikanisches Hauptquartier und diente danach bis 1994 als Kaserne mit dem Namen McNair Barracks.
Die Villenkolonie veränderte sich langsam. Viele große Häuser wurden nach 1945 in Wohnungen aufgeteilt, Baulücken füllte man teilweise mit Mietshäusern. In den 1970er und 1980er Jahren setzte sich die Bürgerinitiative „Schwarze Rose“ für den Schutz der alten Bausubstanz ein. Parallel entstanden neue Großprojekte.
Das Universitätsklinikum der Freien Universität öffnete 1968 als Klinikum Steglitz; die USA übernahmen rund ein Fünftel der Baukosten. Der Entwurf stammt vom Büro Curtis & Davis aus New Orleans.
Zwischen 1968 und 1974 wurde im Süden die Thermometersiedlung errichtet, eine Großsiedlung mit rund 60 Gebäuden, deren Straßen zum Teil nach den Physikern Celsius, Fahrenheit und Réaumur benannt sind.
Seit 1990: Abzug, Archiv und Neubeginn
Nach dem Mauerfall rückte Lichterfelde wieder näher an das Zentrum: Die S-Bahn fuhr erneut direkt nach Berlin-Mitte. 1994 verließen die Alliierten ihre Standorte. Große Teile der Kasernenbauten wurden abgerissen und das Land neu bebaut, doch die ehemalige Kadettenanstalt blieb erhalten.
Schon 1995 richtete das Bundesarchiv dort einen Arbeitsplatz ein, 2010 kam ein Magazingebäude hinzu, und im September 2021 öffnete ein zentrales Recherchezentrum für Akten des Deutschen Reichs und der DDR. Das einstige Telefunken-Gelände wurde zu Wohnungen umgebaut.
Auch der Botanische Garten wurde neu geordnet. 1996 kam er zur Freien Universität, 2003 drohte nach Mittelkürzungen die Schließung, und rund 78.000 Menschen unterschrieben für den Erhalt. Das Große Tropenhaus wurde saniert und am 16. September 2009 feierlich wiedereröffnet. Seit der Bezirksfusion am 1.
Januar 2001 gehört Lichterfelde zum Bezirk Steglitz-Zehlendorf. An das Außenlager erinnern seit 2000 eine Basaltsäule und seit 2001 eine Bronzetafel; auf dem Gelände entstanden ab 1999 Wohnhäuser. Der Ortsteil verbindet bis heute Villenviertel, Hochschul- und Archivstandorte sowie Gewerbeflächen am Kanal.