1685: Die Hugenotten kommen
Mit dem Edikt von Potsdam lud der Große Kurfürst 1685 die in Frankreich verfolgten Protestanten, die Hugenotten, nach Brandenburg ein. Noch Ende desselben Jahres entstand in Buchholz eine „französische Kolonie“, angestoßen von Joachim Ernst von Grumbkow.
1687 trafen die ersten zehn Bauern- und sechs Gärtnerfamilien ein, ein Jahr später waren 87 Siedler nachweisbar. Sie übernahmen die verlassenen Höfe und bekamen eine eigene Gemeinde. Ab 1689 teilten sich die lutherischen Dorfbewohner und die französisch-reformierten Neuankömmlinge die Dorfkirche.
Die Kolonisten brachten Pflanzen mit, die hier niemand kannte: Spargel, Blumenkohl, Artischocken und grüne Bohnen. Dazu kamen Blumenzucht und Obstverarbeitung. Um 1750 hatte sich der Name Französisch Buchholz eingebürgert, und die Berliner fuhren an Sonntagen hinaus in die Gärten.
Kauperts Straßenführer zufolge galt Buchholz schon 1780 als Ausflugsort. Die Gärten der Kolonisten, die Blumen und das frische Gemüse zogen Städter an, die dem engen Berlin für einen Tag entkommen wollten. Der Ort behielt seinen ländlichen Charakter dennoch lange.
Der Maler Daniel Chodowiecki hielt diese Ausflüge 1750 in der Radierung „Wallfahrt nach Frantzösch Buchholz“ fest. 1788 landete Jean-Pierre Blanchard hier mit seinem Ballon, gestartet im Tiergarten; es war laut Wikipedia die erste bemannte Ballonfahrt Berlins.
Ab 1792 besaß Franz Carl Achard ein Gut im Dorf. Hier nahm er seine Versuche wieder auf, aus Runkelrüben Zucker zu gewinnen. Später baute er in Schlesien die laut Wikipedia erste funktionsfähige Rübenzuckerfabrik der Welt und starb 1821 verarmt.
Achard war kein Neuling. Schon 1782 hatte er das Gut Kaulsdorf gekauft und dort 1783 begonnen, Zucker aus heimischen Pflanzen zu gewinnen. Ein Brand zerstörte 1786 das Gut, und erst in Buchholz ging es weiter. 1799 gewährte ihm König Friedrich Wilhelm III. ein Darlehen von 50.000 Talern.
19. Jahrhundert: Pferdebahn, Rieselfelder, Wachstum
Von 1817 an hieß der Ort amtlich Französisch-Buchholz, mit Bindestrich. Das Dorf blieb lange ländlich, doch Berlin rückte näher. 1860 fuhr der erste Pferdeomnibus, ab 1866 bis zum Alexanderplatz. 1877 folgte eine Verbindung zum Bahnhof Blankenburg.
Einwohner von Französisch Buchholz früher
Die Kirche wurde zu klein: 1830 brauchte die Gemeinde 375 Sitzplätze, hatte aber nur 225. So erweiterte man den Bau 1852 um ein Querschiff und eine Backsteinapsis und opferte dafür ein Drittel der alten Kirche. 1886 ersetzte ein neugotischer Turm den morschen Dachreiter.
Auch die Glocken machten Sorgen. 1881 verbot man das Läuten, weil der Hausschwamm den Dachreiter auf der Südwestseite absacken ließ. Die Glocken kamen in einen Glockenstuhl auf dem Kirchhof, wo sie bis heute hängen. 1880 hatte die Gemeinde zudem eine neue Orgel bekommen.
Ab 1890 legte die Stadt Berlin rund um die Karower Teiche Rieselfelder an, Flächen, auf denen städtisches Abwasser versickerte. 1911 wurden dort vier Teiche für die Fischzucht ausgehoben. Die Landwirtschaft des Dorfes bekam damit einen großen, nicht immer angenehmen Nachbarn.
Rund um die Teiche hatte man im 19. Jahrhundert Torf gestochen. Nun dienten sie der Abwasserklärung, bis die Fischzucht in den 1920er Jahren aufgegeben wurde. Der Ortsteil selbst wuchs weiter: 1919 zählte er 4.906 Einwohner. Schon 1895 hatte die Omnibuslinie bis zum Bahnhof Pankow-Heinersdorf gereicht.
1904 ersetzte eine gemeindeeigene Pferdebahn die Berliner Pferdebahn, 1907 fuhr sie elektrisch als Straßenbahn. Die Einwohnerzahl stieg von 865 im Jahr 1858 auf 4.697 im Jahr 1910. Im selben Jahr vereinigten sich unter Pfarrer Hurtienne die lutherische und die französische Gemeinde.
1913 bis 1945: Buchholz ohne Französisch
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg wurde der französische Name zur Last. 1913 benannte sich die Gemeinde in Berlin-Buchholz um, aus Abneigung gegen alles Französische. Die Hugenottenfamilien wohnten weiter im Dorf, doch ihr Name verschwand von den Schildern.
Am 1. Oktober 1920 kam Buchholz mit dem Gesetz über Groß-Berlin vom Landkreis Niederbarnim zum neuen Bezirk Pankow. Es blieb ein Ort der Gärtnereien, bekam aber Industrie: Die Silberhütte Pyrotechnische Fabrik, kurz Pyrofa, stellte seit Anfang des 20. Jahrhunderts Feuerwerk her.
Zwischen den Kriegen verdoppelte sich die Bevölkerung: 1925 lebten hier 5.175 Menschen, 1939 schon 11.456. Der Zweite Weltkrieg traf auch die Dorfkirche. Orgel, Teile der Ausstattung, Dachstuhl und Turm wurden zerstört, zwei Glocken mussten als Metallspende abgeliefert werden.
Im Ort lebten in dieser Zeit auch Künstler, etwa der Maler Willy Werner, der 1931 starb, und der Jongleur King Repp, der bis 1968 hier wohnte. 1935 wurde in Buchholz der spätere Fußballspieler Helmut Faeder geboren. Nach dem Krieg zählte der Ortsteil 1946 noch 11.914 Einwohner.
1945 bis 1989: Gewächshäuser im Osten der Stadt
Nach dem Krieg lag Buchholz im sowjetischen Sektor und damit in Ost-Berlin. Die Gemeinde reparierte ihre Kirche von 1949 bis 1951 behelfsmäßig. 1961 erhielten Altar, Kanzel und Taufe eine neue Form aus Travertin. 1970 kamen drei Glocken aus Apolda, 1971 eine Orgel der Firma Schuke aus Potsdam.
Die Straßenbahn blieb, wenn auch beschnitten: 1953 stellte man die Linie 24 ein, die Linie 49 fuhr weiter. Die Einwohnerzahl sank dagegen, von 12.104 im Jahr 1950 auf 8.760 im Jahr 1963. Viele Menschen zogen in die Neubauviertel der Stadt.
Die Kirche verlor 1852 ihr barockes Inneres, das später durch eine Malerei im barocken Stil ersetzt wurde. Das Altarkreuz schuf der Künstler Georg Tyllack. Mit der Orgel von 1971, die 2008 überholt wurde, bekam der alte Feldsteinbau eine Ausstattung, die bis heute in Gebrauch ist.
Die gärtnerische Tradition setzte die DDR mit großem Maßstab fort. Von 1965 bis 1967 entstand an der Berliner Straße das Gewächshauskombinat „Kleeblatt“ mit rund 2,5 Hektar Nutzfläche unter Glas. Gemüse für die Hauptstadt kam also weiterhin aus Buchholz.
Die Rieselfelder hatten dagegen ausgedient. 1985 stellte man die Verrieselung ein, und 1986 wurde der Lietzengraben angestaut, damit die Feuchtgebiete an den Karower Teichen nicht austrockneten. Im selben Jahr erlebte die Dorfkirche ihre letzte große Renovierung.
Seit 1990: Der alte Name kehrt zurück
Die Wende brachte Bewegung in den Ort. Die Diehl-Gruppe erwarb 1990 die Feuerwerksfabrik Pyrofa von der Treuhandanstalt für eine symbolische D-Mark. Die Straßenbahn erhielt 1993 die Nummer 50, und am 20. Juni 1994 wurden die Karower Teiche mit 128,6 Hektar Naturschutzgebiet.
Für die Teiche folgte 1997 ein Pflege- und Entwicklungsplan, und an der Pankgrafenstraße helfen Krötentunnel den Amphibien über die Straße. Erdkröte, Knoblauchkröte, Moorfrosch und Ringelnatter leben hier. Nur die Fische sind wenige, weil das Wasser schlecht ist.
Ganz unberührt blieb das Schutzgebiet nicht: 2007 entließ man 0,4 Hektar entlang der Autobahn aus dem Naturschutz. Die Teiche selbst bedecken 14,6 Hektar und sind im Schnitt nur etwa einen Meter tief, flach genug für Rohrdommel und Tüpfelsumpfhuhn, die hier brüten.
1995 begann westlich der Hauptstraße, entlang Rosenthaler Weg und Triftstraße, der Bau eines großen Wohngebiets. Seine Straßen tragen Namen französischer Kolonisten. Der Ortsteil wuchs dadurch deutlich: Lebten 2000 hier 14.539 Menschen, waren es 2007 schon 18.407.
Die Hugenotten kehrten auch ins Stadtbild zurück. 1992 wurde die Plastik „Hugenotten in Berlin“ aufgestellt, 1995 das Friedensdenkmal der Hugenottengemeinde. Am 30. Mai 1999 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Pankow nach 86 Jahren die Rückbenennung in Französisch Buchholz.
Eine Gedenktafel am Pfarrer-Hurtienne-Platz erinnert daran. Im Jahr 2000 fuhr die Straßenbahn erstmals bis zur Guyotstraße ins neue Wohngebiet, und 2001 ging der Bezirk Pankow mit Prenzlauer Berg und Weißensee im heutigen Großbezirk Pankow auf.
Gegenwart: Dorfanger, Gärten und neue Quartiere
Ende 2024 lebten 21.823 Menschen auf 12,03 Quadratkilometern, verteilt auf 181 Straßen und Plätze. Der alte Kern ist geblieben: Dorfanger, Dorfkirche, das Vorwerk Sperlingslust und ein Kossätenhof an der Hauptstraße stehen unter Denkmalschutz. Auf dem Friedhof liegt das Kolonistengrab der Familie Chatron.
Gärtnereien und Kleingärten prägen den Ortsteil nach Angaben des Bezirksamts noch heute. Die Feuerwerksproduktion endete 2015, die Fabrikhallen der Pyrofa waren bereits Anfang der 2010er Jahre abgerissen worden. Auf dem Gelände östlich der Berliner Straße sollen laut Stadtentwicklungsplan 2018 rund 550 Wohnungen entstehen.
Weit größer ist das geplante Wohngebiet Alte Schäferei, für das 2023 eine Rahmenplanung abgeschlossen wurde. Bis zu 3.900 Wohnungen sind dort vorgesehen. Langfristig sollen an der Linie S8 zwei neue Bahnhöfe an der Schönerlinder und der Bucher Straße entstehen, denn bisher hat der Ortsteil keinen S-Bahnhof.
Der Güterbahnhof Buchholz an der Industriebahn von Tegel nach Friedrichsfelde wurde in den 1990er Jahren stillgelegt. Heute fahren die Busse 150, 154, 124 und 259 nach Buch, Blankenburg, Wittenau und Weißensee. Die Hauptachse von Nord nach Süd bilden Schönerlinder, Berliner und Pasewalker Straße.
Mit 22 nachgewiesenen Libellenarten, die vor allem im Weidenteich ihre Larven ablegen, gehört das Gebiet der Karower Teiche zu den artenreichen Ecken des Naturparks Barnim. Der Lietzengraben trennt es vom Nachbarortsteil Buch, und die Pankgrafenstraße bildet die Südgrenze zu den Wohnstraßen von Französisch Buchholz.
Verbunden ist der Ortsteil mit der Straßenbahnlinie 50, mehreren Buslinien und der Autobahn A 114, die mit drei Anschlussstellen durch den Ortsteil führt. Im Norden bleiben die Karower Teiche ein Rückzugsraum für 90 Brutvogelarten, von der Rohrdommel bis zum Silberreiher.
So steht Französisch Buchholz zwischen Dorf und Stadt: mit einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert, Straßennamen aus dem 17. und Wohnquartieren aus dem 21. Jahrhundert. Der französische Zusatz im Namen hält die Erinnerung daran wach, wer dieses Dorf nach dem großen Krieg wieder aufgebaut hat.