1882: Berlin kauft das Gut und lässt rieseln
Die rasch wachsende Hauptstadt wusste nicht, wohin mit ihrem Abwasser. Stadtbaurat James Hobrecht hatte die Lösung: Das Wasser wurde über Kanäle und Pumpwerke auf Felder vor der Stadt geleitet, wo es versickerte und die Böden düngte. Solche Flächen hießen Rieselfelder.
Dafür kaufte Berlin 1882 das Gut Blankenfelde. Zwischen Rosenthal und Blankenfelde entstanden Rieselfelder, die seit der Gründerzeit über hundert Jahre lang Berliner Abwässer aufnahmen. Das Gut wurde Stadtgut, und seine Mitarbeiter bewirtschafteten die bewässerten Flächen.
Schon 1854 hatte die Kirchengemeinde ihr Gotteshaus neu ausgestattet: Deckenleuchten, Gestühl, Weinkanne und Abendmahlskelch stammen aus diesem Jahr und werden noch benutzt. Der Innenraum mit Holzbalkendecke und Emporen an West- und Südseite zeigt sich seither weitgehend so, wie ihn die Dorfbewohner damals kannten.
Das Dorf wuchs mit, aber langsam: von 513 Einwohnern 1880 auf 854 um 1900. Bis 1920 bestanden eine Landgemeinde und daneben der Gutsbezirk Blankenfelde, beide im Kreis Niederbarnim der Provinz Brandenburg. Ein Gutsbezirk war ein eigener Verwaltungsbezirk ohne Gemeinderat.
Beide waren fast gleich groß: Die Landgemeinde umfasste 547 Hektar, der Gutsbezirk 519 Hektar. Die Bauern bewirtschafteten ihre Höfe am Anger, die Gutsarbeiter die Rieselfelder und Äcker der Stadt. Zwei Welten lebten in einem Dorf nebeneinander.
Anschluss an die Welt brachte die Heidekrautbahn von Wilhelmsruh nach Basdorf. Die Wikipedia nennt für den Bahnhof Blankenfelde das Jahr 1901, der Artikel zur Bahn die Eröffnung am 20. Mai 1905. Das kleine Empfangsgebäude steht noch.
1909: Ein Schulgarten für ganz Berlin
Auf einem stillgelegten Rieselfeld an der Blankenfelder Chaussee entstand 1909 etwas Neues. Gartenbaudirektor Albert Brodersen regte einen zentralen Berliner Schulgarten an, der die Schulen der Stadt mit Pflanzen für den Botanik- und Zeichenunterricht versorgen sollte.
Einwohner von Blankenfelde früher
Um 1910 errichtete Otto Beyroth nach Plänen der Parkverwaltung die ersten Flachgewächshäuser. Jede Berliner Schule konnte sich von hier Pflanzen kommen lassen, um sie im Unterricht zu bestimmen oder zu zeichnen. Für die Kinder der Mietskasernen war das oft die erste Begegnung mit einem Hainbuchenblatt oder einer Getreideähre.
Der westliche Teil mit den Zingerteichen blieb weitgehend Natur, im Osten lagen Felder. 1911 pflanzten die Gärtner einen Eichen-Hainbuchen-Wald, und 1912 kam die Geologische Wand aus dem Volkspark Humboldthain hierher, eine Schauwand aus Gesteinen, die heute als Denkmal gilt.
Zwischen 1928 und 1929 baute Alexander Weiß nach Brodersens Entwurf die Hochgewächshäuser und den Wirtschaftshof. In beiden Weltkriegen diente das Gelände der Lebensmittelversorgung. Heute heißt die Anlage Botanischer Volkspark Blankenfelde-Pankow und umfasst rund 33 Hektar.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Umbau und Zwangsarbeit
Am 1. Oktober 1920 wurden die Landgemeinde mit 549 Einwohnern und der Gutsbezirk mit 360 Bewohnern nach Groß-Berlin eingemeindet. Seitdem bilden beide den Ortsteil Blankenfelde im Bezirk Pankow. Das Dorf blieb, was es war: Felder, Anger und Kirche am Rand der Großstadt.
Die Heidekrautbahn brachte immer mehr Berliner ins Grüne. Das Fahrgastaufkommen hatte sich bis Ende der 1930er Jahre mehr als verdreifacht, sodass 1939 in Wilhelmsruh ein neues Empfangsgebäude gebaut wurde. Von dort rollten die Züge über Rosenthal und Blankenfelde nach Schildow und weiter in die Schorfheide.
Die Kirche bekam zwischen 1938 und 1941 ihr mittelalterliches Gesicht zurück. Die Seitenfenster erhielten wieder ihre gotische Form, zugemauerte Fenster wurden geöffnet, und der Turmhelm bekam 1939 seine heutige Gestalt. Aus dieser Zeit stammen auch die Orgel der Firma Schuke und die Südempore.
Zugleich stieg die Einwohnerzahl stark, von 806 im Jahr 1925 auf 2.899 im Jahr 1939. Die Diktatur hinterließ auch hier Spuren. Von 1943 bis 1945 bestanden an der Straße nach Lübars zwei Zwangsarbeiterlager.
Das südliche war ein Durchgangslager für sogenannte Ostarbeiter, die nicht mehr arbeiten konnten, und diente zeitweise als Krankenlager, auch für Schwangere. Viele Insassen starben unter entsetzlichen Bedingungen. Eine Gedenktafel erinnert heute an sie. Im Frühjahr 1945 stellte die Heidekrautbahn wegen Luftangriffen den Betrieb ein.
Teilung und DDR: Dorf im Grenzgebiet
Schon am 13. Juni 1945 fuhren wieder erste Züge zwischen Basdorf und Wilhelmsruh. 1946 lebten 3.448 Menschen in Blankenfelde, so viele wie nie zuvor; viele waren Ausgebombte und Flüchtlinge. Das Dorf gehörte nun zum Ost-Berliner Stadtbezirk Pankow, unmittelbar an der Grenze zu West-Berlin.
Der Schulgarten lebte weiter. Nach 1945 setzte sich der Landschaftsarchitekt Reinhold Lingner für seinen Erhalt ein. Ab 1952 oder 1953, die Quellen nennen beide Jahre, hieß er Zentralstation der Jungen Naturforscher „Walter Ulbricht“, mit Wildgehege, Volieren und Ställen. 1977 übernahm ihn die Humboldt-Universität und legte ein Arboretum an.
Die Bahn band das Dorf nun an den Osten: 1950 eröffnete die Reichsbahn eine Neubaustrecke von Karow nach Fichtengrund, und der Abschnitt bis Basdorf kam in den S-Bahn-Tarif. Zwischen 1950 und 1952 fuhren sogar durchgehende Züge vom Stettiner Bahnhof bis Basdorf.
Von 1959 bis 1979 betrieb die DDR in Blankenfelde ihr zentrales Aufnahmeheim für Zuwanderer und Rückkehrer, also für Menschen, die aus dem Westen in die DDR kamen. Dort wurden sie überprüft, bevor sie Wohnung und Arbeit zugewiesen bekamen.
Der Mauerbau 1961 kappte die Bahn: Der Streckenteil in Wilhelmsruh lag im Grenzgebiet und wurde abgebaut. Blankenfelde wurde Endbahnhof, ab dem 24. Dezember 1961 fuhren die Züge stattdessen nach Blankenburg. Am 28. Mai 1983 endete der Personenverkehr auf der alten Strecke nach Basdorf ganz.
Wer nach Pankow wollte, stieg nun um: Die BVG richtete einen Busanschluss zum U-Bahnhof Vinetastraße ein. Ab 1976 gab es in Karow einen direkten Übergang zur S-Bahn. Für die Blankenfelder wurde der Weg in die Stadt damit zwar länger, aber verlässlich.
Die Kirche veränderte sich leise. 1961 verschwand der barocke Altaraufsatz. Zwischen 1972 und 1974 richtete die Gemeinde unter der West- und Südempore Gemeinderäume ein. 1982 bekam der Turm eine neue Wetterfahne nach dem Vorbild von 1680. Im Schulgarten entstand 1966 ein Lehrkabinett, 1985/86 wurden die Hochgewächshäuser umgebaut.
1985 wurde auch das Rieseln eingestellt, nach rund hundert Jahren. Die Felder blieben, doch die Bevölkerung schrumpfte: 1963 lebten noch 2.371 Menschen im Ortsteil, 1991 nur noch 1.450. Blankenfelde war ein stilles Dorf am Rand der geteilten Stadt.
Seit 1990: Gartendenkmal, Stadtgut und Verein
Mit der Wende war die Zukunft des Schulgartens unsicher. Der Berliner Senat übernahm die Anlage von der Humboldt-Universität, erklärte sie 1994 zur öffentlichen Grünanlage und zum Gartendenkmal, und seit 1995 steht sie allen offen. Im Januar 2011 ging die Pflege an die landeseigene Grün Berlin GmbH über.
Heute wachsen im Volkspark rund 6.000 Pflanzenarten, es gibt einen Südosteuropawald, einen ehrenamtlich gepflegten Kräutergarten und ein Café im Hochgewächshaus. Seit Frühjahr 2012 können Berliner im Bauerngarten ökologische Parzellen pachten. Der Eintritt von einem Euro, Stand 2020, dient den Schaugewächshäusern.
Das Stadtgut mit Herrenhaus und Kurhaus hatte weniger Glück: Es stand seit 1995 leer. 2004 übernahm eine Gruppe engagierter Menschen das Gelände an der Hauptstraße. Der gemeinnützige Verein Stadtgut Blankenfelde saniert seither die Gebäude.
Heute gibt es dort nach Angaben des Bezirksamts Wohnen für mehrere Generationen, Handwerk und Gärten, einen Waldkindergarten, eine Freie Naturschule und eine Imkerei. An Wochenenden führt der Verein über das Gut und zeigt Holzhackschnitzelheizung, Tierhaltung und Wildwiesen.
Auch die Bahn kehrte in die Planung zurück. 1993 übernahm die Niederbarnimer Eisenbahn die Strecke Wilhelmsruh–Basdorf, 1998 ganz. Am 10. Januar 2019 vereinbarten Berlin, Brandenburg und die Bahn die Planung der Reaktivierung, am 11. Dezember 2020 folgte der symbolische Spatenstich in Wilhelmsruh.
Gegenwart: Das letzte Dorf zwischen Feldern
Auf 13,4 Quadratkilometern lebten Ende 2023 nur 2.455 Menschen. Nach Angaben der Wikipedia ist Blankenfelde damit der am dünnsten besiedelte Ortsteil Berlins und das letzte Dorf der Stadt, das rundum von Feldern umgeben ist, ein Erbe der Rieselfelder.
Der Dorfkern mit Anger und Feldsteinkirche steht unter Denkmalschutz. Dazu gehören Einfamilienhäuser, die Kleingartenanlage Arkenberge mit Wohnlauben, das Landschaftsschutzgebiet Arkenberge und ein Gräberfeld aus der Latènezeit, der Eisenzeit vor Christi Geburt, als archäologische Fundstelle.
Die Dorfkirche steht in der Berliner Landesdenkmalliste und ist nach Angaben der Wikipedia eine von über 50 geschützten Dorfkirchen der Stadt. Ihr Turmhelm trägt seit 1996 eine Deckung aus Schiefer, und die Glocke von 1768 ruft weiter zum Gottesdienst.
Im Südosten liegt die Elisabeth-Aue. Dort waren 5.000 Wohnungen geplant, nach Bürgerprotesten nahm der Senat davon Abstand. Im Stadtentwicklungsplan Wohnen 2030 bleibt die Fläche jedoch als langfristiger Standort für Wohnungsbau vorgesehen. Wie es weitergeht, ist offen.
Die Heidekrautbahn soll mit einem neuen Haltepunkt Blankenfelde zurückkehren, zunächst im Stundentakt, später halbstündlich bis Gesundbrunnen. Die Inbetriebnahme hat sich mehrfach verschoben: Erst war Ende 2023 genannt, dann Ende 2024. Im Dezember 2024 fehlte noch der Planfeststellungsbeschluss, die behördliche Baugenehmigung.
Bis dahin fahren die Busse 107 und 124 nach Niederschönhausen, Rosenthal und Französisch Buchholz. Die Schildower Straße und die Blankenfelder Chaussee, die Bundesstraße 96a, bilden die Hauptachse, von der im alten Dorfkern die Straßen nach Lübars und Rosenthal abzweigen. Die Autobahn 114 streift den Nordosten.