Schloss, Schlosskirche und die Familie von Voß
Pölnitz ließ das Herrenhaus um 1670 umgestalten und einen holländischen Barockgarten anlegen, mit Kanälen, in denen Fische gezüchtet wurden. Diese Wasserläufe ziehen sich noch heute durch den Park. 1717 wurde der Rittersitz frei vererbbar, und 1724 kaufte ihn Adam Otto von Viereck für 47.000 Taler.
Viereck baute das Herrenhaus zum Schloss aus und legte den Park nach französischem Vorbild neu an. Die alte Dorfkirche ließ er 1731 abreißen. An ihrer Stelle errichtete der Baumeister Friedrich Wilhelm Diterichs bis 1736 die barocke Schlosskirche über dem Grundriss eines griechischen Kreuzes, mit vier toskanischen Säulen zum Dorf hin.
Über der Vierung erhob sich eine Kuppel, die in einen achteckigen Turm mit geschweifter Haube überging. Im Inneren erinnert ein Epitaph aus der Werkstatt Johann Georg Glumes von 1763 an den Bauherrn. Durch Erbschaft kam das Gut später an die Familie von Voß, die es bis ins 19. Jahrhundert hielt.
In Buch wurde am 24. Juli 1766 Julie von Voß geboren. Als Hofdame lernte sie den späteren König Friedrich Wilhelm II. kennen, der sie 1787 in Charlottenburg heiratete und zur Gräfin von Ingenheim erhob. Sie starb 1789 an Schwindsucht und wurde in der Schlosskirche beigesetzt.
Zwischen 1810 und 1820 formten die Voß den strengen Garten zu einem Landschaftspark mit weiten Wiesen und Baumgruppen um. 1816 erhielten die abhängigen Bauern ihre volle Freiheit. Das Dorf aber blieb klein, und sein Schloss stand am Ende eines Weges, auf dem bald Berliner Ausflügler kamen.
19. Jahrhundert: Fontane, Bahnhof und Rieselfelder
1860 kam Theodor Fontane nach Buch und nannte den Ort „malerisch“. Er kehrte im Schlosskrug ein, einer Schenke, die schon das Landbuch von 1375 erwähnt. Das heutige Gebäude entstand nach einem Brand ab 1823. Seit 2016 erinnert dort ein Fontane-Zimmer an den Besuch.
Einwohner von Buch früher
Die Stettiner Bahn fuhr seit den 1840er Jahren an Buch vorbei, ohne zu halten. Erst am 26. Juni 1879 bekam das Dorf einen Haltepunkt. Das Empfangsgebäude, das heute unter Denkmalschutz steht, bauten Ernst Schwartz und Karl Cornelius von 1912 bis 1914.
1895 zählte Buch 298 Einwohner. Drei Jahre später änderte sich alles: 1898 kaufte die Stadt Berlin Schloss, Park und Gut. Sie brauchte Land für ihre Rieselfelder, auf denen seit 1875 das Abwasser der Großstadt im Norden versickerte. Dazu kamen städtische Wohlfahrtseinrichtungen.
Zur Bewirtschaftung der Felder entstand nördlich des Dorfes das Stadtgut Hobrechtsfelde, genehmigt 1906 und 1908 nach dem Stadtplaner James Hobrecht benannt. Das Schloss diente ab 1907 dem Berliner Oberbürgermeister als Sommersitz. Die Rieselfelder blieben bis 1985 in Betrieb.
Die Krankenstadt Ludwig Hoffmanns
Der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, von 1896 bis 1924 im Amt, plante rund um den Dorfkern Anstalten in Pavillonbauweise: Statt eines Großbaus verteilten sich viele Häuser in Parks. So sollten Licht, Luft und Ruhe die Heilung fördern.
Von 1899 bis 1905 entstand eine Heilanstalt für 150 Tuberkulosekranke, kurz darauf die III. Städtische Irrenanstalt für 1.800 psychisch Kranke. Von 1902 bis 1909 folgte ein Altenheim für 1.500 Bewohner, danach die IV. Irrenanstalt. Dazu kamen Apotheke, Post und ein Anstaltsfriedhof.
Die vier Komplexe, gebaut von 1899 bis 1927, boten nach Angaben des Bezirksamts Pankow Platz für etwa 4.700 Patienten; laut Bezirksamt war es damals der größte Klinikkomplex Europas. Die Einwohnerzahl stieg von 395 auf 4.413, denn Ärzte, Pfleger und Handwerker zogen mit ihren Familien zu.
Hoffmann baute mehr als Krankenhäuser. Nach dem Ersten Weltkrieg kam eine Siedlung für die Beschäftigten hinzu, dazu ein Anstaltsfriedhof. Er begann sogar Vorarbeiten für einen zweiten Berliner Zentralfriedhof. Aus dem Bauerndorf war in drei Jahrzehnten eine Stadt der Kranken und Pfleger geworden.
Am 1. Oktober 1920 wurde Buch durch das Gesetz über Groß-Berlin Teil der Hauptstadt und kam zum Bezirk Pankow. Am 8. August 1924 fuhren auf der Strecke die ersten elektrischen Vorortzüge, aus denen die S-Bahn hervorging. Buch war nun in Minuten mit der Stadt verbunden.
Hirnforschung, NS-Zeit und Krieg
1929 entstand auf dem Klinikgelände ein Neubau für das Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung unter Oskar Vogt; 1930 nahm es die Arbeit auf. Laut Campus Berlin-Buch war es mit seiner Klinik die größte und modernste Einrichtung der Neurologie weltweit.
Nach 1933 entließen die Nationalsozialisten alle jüdischen Mitarbeiter der Krankenhäuser und des Instituts. Ab 1937/38 leiteten Hugo Spatz und Julius Hallervorden das Haus. Es wurde für die Forschung an Opfern der „Euthanasie“ missbraucht. Nach Angaben des Bezirksamts wurden mindestens 700 Patienten ermordet.
In den Anstalten führten Ärzte Zwangssterilisationen durch. Gedenk- und Informationstafeln neben dem Haupteingang des heutigen Klinikums erinnern an diese Verbrechen. Die Bauten selbst überstanden den Krieg weitgehend unbeschädigt.
Anders die Schlosskirche: In der Nacht zum 19. November 1943 traf sie eine Brandbombe. Der Turm brannte aus und stürzte in das Kirchenschiff. Im April 1945 kam die S-Bahn zum Stillstand, im Sommer fuhr sie wieder. Bis 1950 nutzte die sowjetische Armee die Anstalten als zentrales Lazarett.
DDR-Zeit: Klinikum, Akademie und Sprengung
Buch lag nun in Ost-Berlin. Aus dem Hirnforschungsinstitut ging 1947 das Institut für Medizin und Biologie der Deutschen Akademie der Wissenschaften hervor. 1972 entstanden daraus Zentralinstitute für Molekularbiologie, Krebsforschung und Herz-Kreislauf-Forschung. Die Robert-Rössle-Klinik führte die Krebsforschung der DDR an.
Die Gemeinde baute ihre Kirche von 1950 bis 1953 in vereinfachter Form wieder auf, ohne Turm und ohne den barocken Schmuck. Das Schloss dagegen verfiel. 1955 wurde die Orangerie abgerissen, 1964 sprengte man das unbeschädigte Schloss nach Angaben der Wikipedia aus politischen Gründen. Nur die Kirche blieb.
Den Park stellte der Gartenarchitekt Folkwin Wendland nach Plänen von 1955 bis 1957 wieder her. Wo das Schloss stand, liegt heute eine Rosenanlage, seit 1987 mit der Skulptur „Mitwelt“ von Carl Blümel. 1963 fasste der Magistrat fünf Krankenhäuser zum Klinikum Berlin-Buch zusammen.
Für das Personal entstanden Wohngebiete an der Karower Chaussee. Am Sandhaus bekam die DDR-Regierung ein eigenes Krankenhaus. 1975 brannte die Bahnhofshalle aus, Ende der 1980er Jahre bekam der Bahnsteig einen zweiten Zugang. 1985 kam die Stadtrandsiedlung Buch zum Bezirk Weißensee.
Seit 1990: Campus, Klinikum und neue Quartiere
Nach der Wiedervereinigung wurde die Forschung in Buch nicht abgewickelt. Der Wissenschaftsrat setzte auf die Verbindung von Labor und Klinik, und im Dezember 1992 entstand das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Es führt die Schwerpunkte Krebs und Herz-Kreislauf fort.
Der Campus Berlin-Buch umfasst 32 Hektar. Dort arbeiten 2.151 Beschäftigte, davon 1.646 am Max-Delbrück-Centrum und 303 am Leibniz-Institut für Molekulare Pharmakologie. Im BiotechPark sitzen 74 Unternehmen mit 820 Beschäftigten. 2023 öffnete das Gründerzentrum BerlinBioCube mit 8.000 Quadratmetern Labor- und Bürofläche.
Das Klinikum ging am 1. Juni 2001 an den Helios-Konzern. Berlin zahlte rund 18 Millionen Euro für eine Beschäftigungssicherung, dennoch fielen etwa 1.000 Stellen weg. Ab Juni 2004 entstand an der Schwanebecker Chaussee ein Neubau für 200 Millionen Euro, der im Juli 2007 mit rund 1.000 Betten öffnete.
Die alten Hoffmann-Bauten fanden neue Nutzer. An der Wiltbergstraße entstand das Ludwig-Hoffmann-Quartier mit Wohnungen, Schulen und Kita. Die Lungenklinik „Waldhaus Buch“ von 1903 wartet noch auf ihre Sanierung. Auf dem Gelände des früheren Regierungskrankenhauses Am Sandhaus sollen bis zu 3.000 Wohnungen entstehen.
Auch der Alltag hat sich verändert. Vor einigen Jahren öffneten die Schlosspark-Passagen als Einkaufszentrum nahe dem Bahnhof, an dem heute die S2 und mehrere Buslinien halten. Wer vom Bahnsteig durch die Wiltbergstraße geht, sieht links und rechts die Backsteinpavillons Hoffmanns zwischen alten Bäumen.
Der Schlosspark ist seit dem 16. September 2016 Naturschutzgebiet. Seit 2007 arbeitet ein Verein am Wiederaufbau des Kirchturms. Nach der Genehmigung im Jahr 2014 war die Fertigstellung für Sommer 2024 geplant. Mit 17.500 Einwohnern Ende 2023 ist Buch heute Dorf, Krankenstadt und Wissenschaftsort zugleich.