Gut Beyme, Wrangel und die Seidenraupen
Beyme, später Großkanzler und Justizminister, ließ um 1800 ein Herrenhaus errichten. Der Entwurf stammt von David Gilly, den Umbau und die endgültige Fertigstellung 1803/1804 besorgte Heinrich Gentz. Das Landesdenkmalamt nennt für den Bau den Zeitraum 1803 bis 1805.
Das Gutshaus gilt als Zeugnis des preußischen Frühklassizismus (einer schlichten, an der Antike orientierten Bauweise) und hat im Inneren einen runden Kuppelsaal. Es steht seit 1923 unter Denkmalschutz.
Beyme hob 1806 die Erbuntertänigkeit seiner Bauern auf. Die Dorfbewohner erhielten ihre Höfe und Land gegen eine Ablösesumme zu eigen. Nach Beymes Tod 1838 verkaufte seine Tochter das Gut 1841 an den preußischen Domänenfiskus.
Das Gelände wurde aufgeteilt, im Bereich der heutigen Albrecht- und Breite Straße entstand die Kolonie Neu-Steglitz, eine neue Siedlung neben dem alten Dorf.
Auf dem Land am Fichtenberg versuchte sich ein Unternehmer an einem ungewöhnlichen Gewerbe. Der Berliner Seidenhändler Johann Adolph Heese legte 1840 an der heutigen Bergstraße eine Maulbeerplantage an. Die Blätter des Maulbeerbaums dienen den Seidenraupen als Futter.
Heese baute eine Fabrik auf, und Steglitz galt eine Zeit lang als ein Zentrum der preußischen Seidenerzeugung. Auch das Gutshaus bekam einen neuen Namen. Um 1853 überließ man es dem Generalfeldmarschall Friedrich von Wrangel als Sommersitz, er nutzte es bis zu seinem Tod 1877.
Nach dem in der Bevölkerung beliebten Generalfeldmarschall heißt das Haus bis heute „Wrangelschlösschen“.
Eisenbahn, Kolonie und Gemeinde im 19. Jahrhundert
Die Eisenbahn veränderte Steglitz im 19. Jahrhundert stärker als alles andere. 1838 wurde die erste Strecke von Berlin nach Potsdam eröffnet, die Stammbahn, die auch Steglitz berührt. Nach der Wikipedia entstand 1839 ein erster Bahnhof, der 1845 aufgegeben und 1864 neu eröffnet wurde. 1873 folgte ein repräsentatives Empfangsgebäude.
Als 1891 die Neue Wannseebahn in Betrieb ging, wurde der Ort für Berliner zum Ausflugsziel und bald zum bevorzugten Wohnort.
Auch der Nahverkehr nahm früh Gestalt an. 1888 erreichte eine Straßenbahnstrecke vom Bahnhof Zoo die Schloßstraße. Die Strecken wurden später elektrifiziert, laut Wikipedia 1899 die Linie nach Lichterfelde und Lankwitz.
Ein Kuriosum folgte 1912, als in Steglitz einer der ersten Oberleitungsbusse in Betrieb ging, der Gleislobus, der aber mit Kriegsbeginn 1914 wieder eingestellt wurde.
Verwaltungsmäßig fügte sich das Dorf mit der Kolonie Neu-Steglitz 1870 zu einer Gemeinde zusammen. Die Quellen nennen dafür zwei Daten, den 2. Februar und den 28. März 1870. Von da an setzte sich auch die Schreibweise Steglitz endgültig durch.
Um 1872 gründete eine Aktiengesellschaft die Villenkolonie Südende, die damals noch nicht zu Steglitz gehörte.
Die Einwohnerzahl stieg von 6.476 im Jahr 1880 auf 12.530 im Jahr 1890. 1880 wurde die Matthäuskirche an der Schloßstraße eingeweiht, 1877 zog eine Blindenbildungsanstalt in die Rothenburgstraße, und 1885/1886 entstand auf dem Fichtenberg der Wasserturm, der bis 1920 Wasser speicherte.
Die größte Landgemeinde Preußens
Um 1900 war Steglitz dem Namen nach ein Dorf, der Größe nach eine Stadt. 1905 zählte der Ort laut Bezirksamt 32.905 Einwohner, 1910 waren es nach Angaben der Wikipedia fast 63.000. Das Stadtrecht erhielt der Ort trotzdem nicht.
Die Forderung blieb erfolglos, weil der Kreis Teltow nicht auf die Steuereinnahmen verzichten wollte. So blieb Steglitz bis nach dem Ersten Weltkrieg die größte Landgemeinde Preußens.
Aus dieser Zeit stammen viele Bauten, die den Ortskern bis heute bestimmen. Das neugotische Rathaus nach Plänen von Reinhardt und Süßenguth erhielt am 13. September 1896 seinen Grundstein und wurde am 22. September 1898 eröffnet.
Um die gleiche Zeit ließ Moses Wolfenstein, der erste Vorsteher der jüdischen Gemeinde, 1897 ein früheres Stallgebäude zur Synagoge umbauen. Das Gymnasium wurde 1886 gegründet, und ab 1900 wuchs das Bismarckviertel mit einheitlich benannten Straßen.
Von Steglitz ging auch eine Bewegung aus, die weit über den Ort hinauswirkte. Am 4. November 1901 wurde im Ratskeller des Rathauses der „Wandervogel – Ausschuss für Schülerfahrten“ gegründet. Eltern, ehemalige Schüler und Lehrer des Steglitzer Gymnasiums trugen ihn, die Initiative kam vom ehemaligen Schüler Karl Fischer.
Weil das preußische Vereinsgesetz Jugendlichen eigene Vereine verbot, übernahmen Erwachsene die formale Trägerschaft. Daraus wurde die Jugendbewegung des Wandervogels. Der Ort ist daher bis heute mit der Wanderbewegung verbunden, und das Steglitz Museum widmet ihr einen Teil seiner Ausstellung.
Groß-Berlin, Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Am 1. Oktober 1920 trat das Gesetz über Groß-Berlin in Kraft. Steglitz, Lichterfelde, Lankwitz und Südende bildeten nun den XII. Verwaltungsbezirk, den Bezirk Steglitz, mit dem Rathaus am Ort als Verwaltungssitz. 1919 bis 1921 wurden die Straßenbahnbetriebe der Region zur Berliner Straßenbahn zusammengefasst.
In den Jahren 1926 bis 1928 (nach dem Landesdenkmalamt 1927/28) baute man nach Plänen von Schöffler, Schloenbach und Jacobi den Titania-Palast, der am 26. Januar 1928 als Kino mit rund 1.900 bis 2.000 Plätzen eröffnet wurde, je nach Quelle. Der Stadtpark Steglitz war schon 1914 eröffnet worden.
Politisch war Steglitz in der Weimarer Republik nach Darstellung des Bezirksamts eine Hochburg der Rechten. Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erhielt die NSDAP hier 42,1 Prozent, im Berliner Durchschnitt waren es 28,6 Prozent. Nach der Machtübernahme am 30.
Januar 1933 entwickelte sich der Bezirk zu einem Standort von SS-Einrichtungen, vor allem in Lichterfelde. Im Juni 1933 verhaftete die SA den Pfarrer Otto Großmann von der Markusgemeinde, laut Wikipedia der Beginn des Kirchenkampfes in Steglitz.
Juden wurden ausgegrenzt und verfolgt. In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet und geplündert, aber nicht angezündet. Die Spiegelwand am Hermann-Ehlers-Platz nennt später die Namen von 1.758 aus Berlin deportierten Juden, darunter 229 aus Steglitz. Es gab auch Widerstand.
Das Bezirksamt nennt die Gruppe „Onkel Emil“ um Ruth Andreas-Friedrich und Leo Borchard, die im Hünensteig 6 arbeitete, und den Kreisauer Kreis.
Der Zweite Weltkrieg zerstörte große Teile des Ortes. Bei einem Luftangriff am 23. und 24. August 1943 wurde nach der Wikipedia die Villenkolonie Südende vollständig zerstört. Die Markuskirche von 1912 brannte aus, im Bismarckviertel entstanden schwere Schäden links und rechts der Stammbahn. Die Schloßstraße kam dagegen vergleichsweise glimpflich davon.
Auch der Titania-Palast hatte nur leichte Schäden.
Teilung, Wiederaufbau und der Umbau der Schloßstraße
Nach Kriegsende gehörte Steglitz zum amerikanischen Sektor. Schon am 26. Mai 1945 gaben die Berliner Philharmoniker im Titania-Palast ihr erstes Nachkriegskonzert, und am 4. Dezember 1948 wurde dort die Freie Universität eröffnet, nachdem sie als Gegenstück zur Universität im Ostteil gegründet worden war. Am 6.
Juni 1951 begannen im selben Haus die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlins. Im Gutshaus richtete die amerikanische Militärregierung von 1945 bis 1948 einen Offiziers- und Sergeantenclub ein. Insgesamt unterhielten die US-Streitkräfte nach Angaben des Bezirksamts vier Standorte im Bezirk.
Die Einwohnerzahl sank bis 1946 auf 67.227, danach wurden Ruinen beseitigt und Lücken gefüllt. Die Markuskirche wurde in den 1950er Jahren vereinfacht wiederaufgebaut, 1963 weihte man die Patmos-Kirche ein. Die letzte Baulücke im Bismarckviertel schloss sich erst 2013.
Das Schlosspark-Theater, das aus einem Saalbau am Gutshaus hervorging, öffnete laut Bezirksamt am 3. November 1945 unter Boleslaw Barlog wieder.
Der Verkehr wurde in West-Berlin neu geordnet. Die Straßenbahn wurde im Ortsteil zwischen 1959 und 1963 stillgelegt, das alte Bahnhofsgebäude von 1873 fiel 1965 der Westtangente zum Opfer. 1971 erreichte die U-Bahn den Walther-Schreiber-Platz und 1974 das Rathaus.
Die Schloßstraße wuchs zu einer großen Einkaufsmeile mit mehreren Einkaufszentren, wobei die Angaben zur Verkaufsfläche je nach Quelle stark auseinandergehen.
Zwei Bauten dieser Jahre machten den Ort überregional bekannt. Der Steglitzer Kreisel, ein Hochhaus von rund 120 Metern Höhe, wurde 1968 begonnen, 1974 nach der Insolvenz des Bauherrn gestoppt und im September 1980 fertiggestellt. Der Bierpinsel, ein 47 Meter hoher Turm über der Schloßstraße, wurde von 1972 bis 1976 gebaut.
Er stand zunächst leer, bevor sich ein Pächter fand.
Seit 1990: Erinnerung, Abzug der Alliierten und neue Nutzungen
Mit der Wiedervereinigung 1990 veränderte sich die Lage der Stadt, und 1994 zogen die Alliierten aus Berlin ab. Das Bezirksamt erinnert an eine große Abschiedsparade auf der Schloßstraße.
Mit dem Umzug von Regierung und Parlament nach Berlin zogen laut Bezirksamt auch viele Bonner in den Bezirk. 1992 wurde der Bahnhof Steglitz in Rathaus Steglitz umbenannt.
Das Gedenken an die Opfer der Verfolgung rückte stärker in den Blick. Nach einem Wettbewerb von 1992 und langen politischen Debatten wurde am 7. Juni 1995 auf dem Hermann-Ehlers-Platz die Spiegelwand eingeweiht, ein Entwurf von Joachim von Rosenberg und Wolfgang Göschel. Die ehemalige Synagoge steht unter Denkmalschutz.
Ebenfalls 1995 eröffnete das nach langer Restaurierung wiederhergestellte Gutshaus. Für die Wiederherstellung 1992 bis 1995 wurden rund 8,18 Millionen Euro (16 Millionen D-Mark) ausgegeben, davon stammten rund 3,07 Millionen Euro (6 Millionen D-Mark) aus einer Spende der Dresdner Bank an das Land Berlin.
Zum 1. Januar 2001 fusionierten im Zuge der Berliner Bezirksreform die Bezirke Steglitz und Zehlendorf. Seitdem ist Steglitz ein Ortsteil im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Im Steglitzer Kreisel wurde 1990 Asbest entdeckt.
Der Senat beschloss 2006, ihn zu räumen, das Bezirksamt zog 2007 aus. 2017 wurde der Turm verkauft, er sollte zu Wohnungen umgebaut werden. Der Bierpinsel steht seit Januar 2017 unter Denkmalschutz.
Das Steglitz Museum des Heimatvereins, der 1923 gegründet wurde, hält die Erinnerung an die Ortsgeschichte wach; es hat seinen Sitz heute allerdings in einer Villa im Nachbarortsteil Lichterfelde.