Paul von Fuchs und der Edelsitz
Der Dreißigjährige Krieg erreichte das Dorf 1629, als kaiserliche Regimenter unter Wallenstein in Malchow lagerten. Wie der Ort die Kriegsjahre überstand, berichten die Quellen nicht im Einzelnen. 1642 jedenfalls erhielt das Dorf eine Schmiede und eine Bockwindmühle, ein Zeichen dafür, dass das Leben weiterging.
Eine neue Zeit begann, als Paul von Fuchs das Gut übernahm. Der Minister des Großen Kurfürsten tauschte 1684 seinen Besitz in Blankenburg gegen Malchow ein, das bis dahin Heinrich von Barfuss gehört hatte. Fuchs, 1640 in Stettin geboren, war Geheimer Staatsrat und Oberpostdirektor Brandenburg-Preußens.
Er baute das Dorf zu einem Edelsitz aus, einem repräsentativen Landsitz. Ein zweistöckiges Herrenhaus entstand, dazu Wirtschaftsgebäude mit Brauhaus, ein Predigerwitwenhaus sowie ein Armen- und Waisenhaus. Auch die Kirche ließ er erneuern. Fuchs feierte hier Feste, und König Friedrich I. kam mit seiner Frau Sophie Charlotte mehrfach zu Besuch.
Am 7. August 1704 starb Fuchs auf seinem Gut. Im 18. Jahrhundert erwarb zunächst der König selbst, danach Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt den Besitz. Neue Alleen entstanden, der Lustgarten wurde erweitert. Ab 1734 verwaltete man Malchow von Niederschönhausen aus. Vom barocken Garten westlich des Herrenhauses sind heute nur Ansätze erkennbar.
19. Jahrhundert: Berlin kauft das Gut
Nach den Hohenzollern ging das Gut wieder durch private Hände. Das Herrenhaus an der Dorfstraße 9 erhielt 1865 bis 1866 seine heutige Gestalt im Stil der Schinkel-Nachfolge, der schlichten, klassischen Formensprache der Schüler Karl Friedrich Schinkels. Gegen Ende des Jahrhunderts kamen Häuser für die Gutsarbeiter hinzu.
Einwohner von Malchow früher
Die entscheidende Wende brachte das Jahr 1882: Die Stadt Berlin kaufte das Gut. Sie brauchte Land für ihre Rieselfelder, auf denen das Abwasser der wachsenden Großstadt über durchlässigen Boden versickerte. Bodenteilchen hielten die Stoffe zurück, Mikroorganismen bauten sie ab. Große Flächen um Malchow dienten fortan diesem Zweck.
Für das Dorf bedeuteten die Rieselfelder einen Wandel der Landschaft. Wo zuvor Äcker und Wiesen lagen, zogen Arbeiter Dämme und Gräben, über die das Berliner Abwasser auf die Flächen floss. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts blieben die Felder in Betrieb und hinterließen einen belasteten Boden.
Ebenfalls 1882 begann im Malchower See die gezielte Zucht von Speisefischen, die bis in die 1960er Jahre betrieben wurde. Der See selbst ist ein Erbe der letzten Eiszeit: Ein zurückgebliebener Block Toteis schmolz und hinterließ eine Senke mit Wasser, gespeist aus der Malchower Aue und dem Hechtgraben.
Das Dorf blieb klein. 1858 zählte man 446 Einwohner, 1900 waren es 874, dann sank die Zahl leicht. Die Dorfbauern wirtschafteten weiter auf ihren Höfen, die sich um die alten Gutshöfe gruppierten. Viele dieser Gründerzeithöfe prägen nach Angaben des Bezirksamts Lichtenberg das Dorfbild noch heute.
1920 bis 1939: Groß-Berlin und neue Siedlungen
Am 1. Oktober 1920 trat das Gesetz über Groß-Berlin in Kraft. Es vereinte sieben Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke mit der alten Hauptstadt. Landgemeinde und Gutsbezirk Malchow kamen zum neuen Bezirk Weißensee. Aus dem Dorf wurde ein Stadtteil, auch wenn sich im Alltag zunächst wenig änderte.
Ende der 1920er Jahre richtete die Stadt eine Omnibusverbindung nach Weißensee ein. Erstmals konnten die Malchower ohne Pferdefuhrwerk in die Stadt fahren. Eine Bahnstation bekam der Ort nie, und bis heute verbinden Buslinien das Dorf mit dem übrigen Berlin.
In den 1930er Jahren wuchs Malchow deutlich. Zwei Siedlungen entstanden: die Margaretenhöhe und, südöstlich des Sees, die Niles-Siedlung, die die Niles-Werke für ihre Belegschaft bauten. Die Einwohnerzahl stieg von 812 im Jahr 1925 auf 3.179 im Jahr 1939, wobei diese Zahlen den damals größeren Ortsteil mit allen Siedlungen umfassen.
Zur Zeit des Nationalsozialismus im Dorf selbst sagen die Quellen wenig. Bekannt ist, dass Max Naujocks in Malchow lebte, ein Mann, den die Gedenkstätte Yad Vashem später als Gerechten unter den Völkern ehrte, weil er Juden vor der Verfolgung half.
April 1945: Die Sprengung der Kirche
In den letzten Kriegstagen rückte die Rote Armee von Osten auf Berlin vor. Am 20. April 1945 sprengte die Wehrmacht die Malchower Dorfkirche. Der Turm sollte den sowjetischen Artilleriebeobachtern nicht als Orientierungspunkt dienen. So zerstörte die eigene Armee das Gotteshaus, das die Siedler des 13. Jahrhunderts begonnen hatten.
Die Kirche wurde nie wieder aufgebaut. Die Gemeinde stellte auf dem Gelände einen hölzernen Glockenstuhl mit drei Glocken auf und errichtete später eine kleine Backsteinkapelle, die mit dem Pfarrhaus als Predigtstätte dient. Die Feldsteine der Ruine fanden teilweise eine neue Verwendung beim Wiederaufbau der Berliner Nikolaikirche.
Ein Mauerrest des früheren Chors ist heute als Mahnmal gestaltet. In einem türlosen Bogen steht die Bronzefigur eines Geistlichen, an der Mauer der Schriftzug „Friede auf Erden“. Auf dem Kirchhof erinnern außerdem ein Denkmal an 19 im Ersten Weltkrieg gefallene Malchower und ein Gedenkstein auf dem Grab eines unbekannten Soldaten.
Nach dem Krieg stieg die Einwohnerzahl zunächst an, auf 3.968 im Jahr 1946 und 4.013 im Jahr 1950. Viele Menschen hatten ihre Wohnungen in der Innenstadt verloren und fanden am Stadtrand Unterkunft. Für das Dorf begann nun die Zeit als Teil von Ost-Berlin.
Teilung und DDR-Zeit
Mit der Teilung Berlins lag Malchow im sowjetischen Sektor. Um 1955 wandelte der Staat das Gut in Volkseigentum um. Das Volkseigene Gut Malchow erzeugte Futter für die Landwirtschaft. Das Herrenhaus bekam eine neue Aufgabe: Von 1951 bis 2004 nutzte die landwirtschaftlich-gärtnerische Fakultät der Humboldt-Universität das Gebäude.
Dem See bekam diese Zeit schlecht. Ab 1953 leitete man Abwässer ein, und über Jahrzehnte sammelte sich am Grund eine dicke Schicht Faulschlamm. Erst Ende der 1980er Jahre holte ein Schwimmbagger den Schlamm heraus. Der Hechtgraben erhielt ein neues Bett, damit keine weiteren Schadstoffe hineinflossen.
Die Kirchengemeinde hoffte lange auf einen Neubau. 1984 gab es Schriftverkehr über eine neue Kirche in Wartenberg, verbunden mit dem Schicksal der gesprengten Versöhnungskirche an der Bernauer Straße. Die DDR-Regierung lehnte den nötigen Grundstückstausch ab, und der Plan scheiterte.
1985 spaltete die DDR den neuen Stadtbezirk Hohenschönhausen vom Bezirk Weißensee ab. Dabei wurde Malchow geteilt: Der Dorfkern und die Margaretenhöhe kamen zu Hohenschönhausen, der westliche Teil mit der Stadtrandsiedlung blieb bei Weißensee. Die Einwohnerzahl des alten Ortsteils war bis 1963 bereits auf 2.814 gesunken.
Seit 1990: Naturschutz und Dorfleben
Nach der Wiedervereinigung rückte die Landschaft in den Mittelpunkt. 1995 stellte Berlin die Malchower Aue unter Naturschutz: 22,2 Hektar Niedermoorwiesen, Torfstiche und Bruchwald inmitten der früheren Rieselfelder. Dort leben nach Angaben der Wikipedia über 300 höhere Pflanzenarten und etwa 40 Vogelarten, darunter Weißstorch, Eisvogel und Nachtigall.
Die Aue ist nach Angaben des Bezirksamts ein Brut- und Durchzugsgebiet für Vögel und wichtig für heimische Lurche. Sieben Teiche entstanden aus alten Torfstichen, in denen die Dorfbewohner einst Brennmaterial gewannen. Heute säumen Röhricht und Kopfweiden die Ufer, und im nördlichen Teil bleibt der Zugang eingeschränkt.
Die Bezirksreform von 2001 ordnete den Ortsteil neu. Hohenschönhausen und Weißensee wurden aufgelöst, Malchow kam zum Bezirk Lichtenberg. Die Stadtrandsiedlung ging als eigener Ortsteil an Pankow, die Margaretenhöhe an Wartenberg und die Niles-Siedlung an Neu-Hohenschönhausen. Übrig blieb das alte Dorf mit 643 Einwohnern zum Jahresende 2020.
Das Dorf versteht sich nach Worten des Bezirksamts als „Tor zur Barnimer Feldmark“ und ist ein Ausgangspunkt für Radfahrer. An der Dorfstraße betreibt der Verein Naturschutz Berlin-Malchow den Naturhof mit Hofladen, Ausstellung und Naturscheune. Eine Kamera überträgt Bilder vom Storchennest, und jedes Jahr feiert der Ort ein Storchenfest.
Zur Grundschule im Grünen gehört der Kinderbauernhof „Knirpsenfarm“. Der Malchower See ist Angelgewässer, aber kein Badesee: Das Verbot schützt den Röhrichtgürtel, in dem Haubentaucher und Teichrallen brüten. Im Mai 2023 wies das Bezirksamt die Wartenberger und Falkenberger Feldflur mit dem See als Landschaftsschutzgebiet aus.
Durch das Dorf führt die Bundesstraße 2 in Richtung Bernau. Wer ihr folgt, sieht links und rechts noch die alten Höfe, den Glockenstuhl an der Stelle der Kirche und das Herrenhaus von Paul von Fuchs. Malchow ist Berlin geblieben, was es seit 1230 war: ein Dorf.