Die Dorfkirche: Feldsteine, Gewölbe, Sprengung
Mitten im Dorf stand seit etwa 1250 die Kirche, gebaut aus sauber behauenen Feldsteinquadern. Sie hatte vier Teile: einen Westturm in Schiffsbreite, ein quadratisches Langhaus, einen eingezogenen Chor und eine halbrunde Apsis. Laut Wikipedia gab es diese Bauform unter rund 50 Dorfkirchen um Berlin nur dreimal.
Die beiden anderen Kirchen dieser Art stehen in Mariendorf und Marienfelde, beide im Süden Berlins. Heinrich Wohler zeichnete die Wartenberger Kirche 1834, und solche Ansichten zeigen heute, wie der Bau vor seiner Zerstörung ausgesehen hat: gedrungen, mit breitem Turm und kleiner Apsis.
Im frühen 16. Jahrhundert bekamen Schiff und Chor ein spätgotisches Netzrippengewölbe, die Sakristei einen Anbau mit Blendgiebel. Später setzte man einen verputzten barocken Dachturm mit Laterne auf, 1848 wurden die Fenster vergrößert. Laut Wikipedia galt sie als eine der schönsten Dorfkirchen Berlins.
Am 21. April 1945 sprengten Spezialisten der Wehrmacht die Kirche, zusammen mit den Dorfkirchen von Falkenberg und Malchow. Die Türme sollten der Roten Armee nicht als Orientierungspunkte dienen. Gegen 10:30 Uhr desselben Tages erreichten sowjetische Soldaten den Dorfkern. Die Trümmer wurden später vollständig beseitigt.
Was blieb, ist wenig: die Wetterfahne von 1795, zwei Epitaphien und der Marienaltar, heute in der Taborkirche in Hohenschönhausen und im Märkischen Museum verwahrt. Auf dem Kirchhof markiert eine dichte Baumgruppe den alten Standort, daneben steht ein hölzerner Glockenträger. Seit 2010 erinnert dort eine Gedenktafel an die Kirche.
Das Rittergut der Familie von Voß
Otto von Voß, 1755 in Berlin geboren, heiratete 1780 Karoline Finck von Finckenstein und suchte einen eigenen Wohnsitz, weil sein Vater noch das Familiengut Buch bewohnte. So kam er nach Wartenberg. 1783 erwarb er das Gut und vereinte die beiden Rittergüter wieder zu einem Besitz.
Einwohner von Wartenberg früher
Voß ließ ein neues Gutshaus mit Wirtschaftsgebäude bauen und lebte abwechselnd hier und in Berlin. Daneben machte er Karriere: 1786 Präsident der Kurmärkischen Kammer, später Staatsminister und erster Provinzialminister von Südpreußen. Wartenberg war der ländliche Ruhepunkt eines vielbeschäftigten Mannes.
Zugleich war das Dorf nur ein Stück eines weit größeren Besitzes. Nach dem Tod seines Vaters 1784 übernahm Voß die Familiengüter Buch, Karow und Birkholz, später kamen Flotow, Stavenow und Trossin hinzu. Wartenberg lag also mitten in einer Kette von Voß-Gütern am Nordrand Berlins.
Nach seinem Tod im Januar 1823 erbten zunächst seine drei Söhne das Gut, später wurde der erstgeborene Sohn Carl alleiniger Besitzer. Von den beiden Herrensitzen jener Zeit ist nach Angaben von Kauperts nichts erhalten. Das Dorfbild bestimmen heute große bäuerliche Wohnhäuser aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.
1882: Berlin kauft das Gut
In den 1870er Jahren bekam Berlin eine Kanalisation nach den Plänen von James Hobrecht. Das Abwasser der wachsenden Stadt sollte nicht in die Spree, sondern auf Felder vor der Stadt fließen, wo der Boden es filterte. Dafür brauchte Berlin Land, viel Land.
1882 kaufte die Stadt das Gut Wartenberg und begann, Rieselfelder anzulegen: flache, von Gräben durchzogene Beete, über die das Abwasser geleitet wurde. Das Gut wurde Vorwerk, also Außenhof, des Stadtguts Malchow. Die nährstoffreichen Flächen trugen Gemüse und Gras für das Vieh.
Wartenberg war dabei nur ein Baustein. Rund um Berlin entstanden laut Wikipedia 20 große Rieselfeldgebiete, Falkenberg kam 1884 hinzu, Malchow 1886. Bis 1920 besaß die Stadt 14.364 Hektar solcher Rieselgüter, von denen 8.563 Hektar tatsächlich berieselt wurden. Stadtgüter mit eigenen Verwaltern bewirtschafteten das Land.
Für das Dorf war das ein Einschnitt. Die Gutsherrschaft war verschwunden, Arbeitgeber war nun die Stadt Berlin. Die Einwohnerzahl stieg von 273 im Jahr 1858 auf 503 um 1900. Landgemeinde und Gutsbezirk, ein eigener Verwaltungsraum neben der Gemeinde, gehörten zum Kreis Niederbarnim.
1902 bekam die Feuerwehr ein Spritzenhaus mit Schlauchturm, das noch steht. Mit den Jahren ließ die Fruchtbarkeit der Rieselfelder nach, die Wikipedia spricht von Rieselmüdigkeit ab den 1920er Jahren, und Schadstoffe sammelten sich im Boden an.
1920 bis 1945: Ortsteil von Weißensee
Am 1. Oktober 1920 schloss das Gesetz über Groß-Berlin Landgemeinde und Gutsbezirk an die Hauptstadt an. Wartenberg wurde Ortsteil des Verwaltungsbezirks Weißensee. Am Alltag änderte das wenig: Das Dorf blieb ein Dorf mit Rieselfeldern ringsum, nur die Verwaltung saß jetzt woanders.
Vor dem Zweiten Weltkrieg wuchsen am Rand neue Siedlungen: die Siedlung Wartenberg und die Siedlung Falkenhöhe im Nordosten, die Siedlung Margaretenhöhe im Nordwesten, die ursprünglich zu Malchow gehörte. Ein Straßenname bewahrt das Gründungsjahr einer dieser Kolonien: „Kolonie Falkenhöhe 1932“.
Diese Siedlungen erklären den Sprung in der Statistik. Hatte Wartenberg 1925 rund 400 Einwohner, waren es 1939 schon 1.667. Aus dem Bauerndorf wurde ein Ort mit Laubenkolonien und kleinen Häusern am Stadtrand, deren Bewohner sich zum Teil selbst versorgten.
Der Krieg endete hier am 21. April 1945 mit der Sprengung der Kirche und dem Einmarsch der Roten Armee. Das Dorf selbst blieb bewohnt. 1946 zählte es 1.779 Menschen, mehr als vor dem Krieg, denn viele Ausgebombte suchten am Stadtrand ein Dach über dem Kopf.
DDR-Zeit: LPG, Ingenieurschule und Plattenbau
Nach 1945 lag Wartenberg im Ostteil der Stadt, weiter im Bezirk Weißensee. Die Landwirtschaft wurde genossenschaftlich organisiert. Dietrich Besler, Jahrgang 1919, führte lange die LPG, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, des Ortes. Straßen wie der Genossenschaftsweg und der Genossenschaftsring tragen diese Zeit im Namen.
Das Gutshaus der Familie von Voß diente bis 1990 als Ingenieurschule Wartenberg. Die Rieselfelder dagegen hatten ausgedient: 1968 wurden die Falkenberger Felder stillgelegt, 1969 übernahm das Klärwerk Falkenberg die Abwasserreinigung. Die Flächen wurden eingeebnet, teils bebaut, teils für Obst und Gemüse genutzt.
Andere Teile der alten Felder bekamen zur 750-Jahr-Feier Berlins junge Bäume. So verschwanden die Gräben und Dämme der Rieselwirtschaft nach und nach aus dem Blick, während unter der Oberfläche die Schadstoffe jahrzehntelanger Berieselung zurückblieben.
Dann kam die Großsiedlung. Ab 1981 erschloss die DDR südlich des Dorfes das Neubaugebiet Hohenschönhausen-Nord, am 9. Februar 1984 legte Erich Honecker den Grundstein. Bis 1989 entstanden Plattenbauten mit sechs und elf Geschossen, vorgesehen für insgesamt 25.000 Einwohner in beiden Neubaugebieten.
Das Viertel Neu-Wartenberg am Krummen Pfuhl reichte bis an den Dorfkern heran und wurde 1989 als letztes fertig. Ein Weiterbau bis Malchow war geplant, kam nach der Wiedervereinigung aber nicht mehr zustande. Seit dem 20. Dezember 1985 hält die S-Bahn am Bahnhof Wartenberg, der trotz des Namens in Neu-Hohenschönhausen liegt.
Mit der Siedlung änderte sich die Verwaltung. Zum 1. September 1985 bildete Ost-Berlin den neuen Stadtbezirk Hohenschönhausen aus Hohenschönhausen, Falkenberg, Wartenberg und der östlichen Hälfte von Malchow. Wartenberg verließ damit nach 65 Jahren den Bezirk Weißensee.
Seit 1990: Wohnpark, neue Kirche, Bezirk Lichtenberg
Mit dem Ende der DDR schloss die Ingenieurschule. Die Gebäude des alten Gutshofs wurden saniert und umgebaut, auf dem Gelände entstand ein Wohnpark mit Reihen-, Doppel- und Einfamilienhäusern. Die Straße „Am Gutshof“ hält die Erinnerung an den Ursprung des Quartiers fest.
Kurz nach der Wiedervereinigung pflanzte man am Südrand der alten Rieselfelder Kirschbäume, den Anfang des späteren Parks. Die Flächen selbst blieben zunächst offene Feldmark, über die der Wind zog, mit Blick bis zu den Plattenbauten im Süden.
Auch Handwerk fand Platz: eine Tischlerei, ein Heizungs- und Sanitärbetrieb, ein Garten-Bauhof, eine Autowerkstatt. Das frühere Ausbildungsgelände von Polizei und Feuerwehr an der Astridstraße wurde zum Gewerbegebiet umgebaut. Das Dorf bekam so wieder eigene Arbeitsplätze.
Fünfundfünfzig Jahre nach der Sprengung bekam die Gemeinde wieder eine Kirche. Am 19. Januar 2000 wurde der ovale Klinkerbau an der Falkenberger Chaussee 93 eingeweiht, direkt an der Grenze zum Dorf. Altar, Kanzel und Taufstein schuf Anna Franziska Schwarzbach, die Orgel baute Sauer 2002.
2001 ging der Bezirk Hohenschönhausen im neuen Bezirk Lichtenberg auf, zugleich wurde das Neubaugebiet als Ortsteil Neu-Hohenschönhausen abgetrennt. Wartenberg schrumpfte damit auf das Dorf und seine Feldmark, rund 6,9 Quadratkilometer mit heute etwa 2.600 Einwohnern.
Gegenwart: Feldmark, Hochlandrinder, Dorfanger
Wo einst Abwasser rieselte, wächst heute ein Park. Seit 2000 entsteht nördlich des Dorfkerns der Landschaftspark Wartenberger Feldmark, 210 Hektar groß, nach dem Wettbewerbsentwurf „Landschaft mit Aussicht“ des Büros plancontext. Den ersten Abschnitt bis Ende 2002 bezahlte vor allem die Deutsche Bahn mit Ausgleichsmitteln, rund vier Millionen Mark.
Am Südeingang steht ein strahlenförmig gepflanzter Kirschgarten, in seiner Mitte ein japanisches Tor des Bildhauers Wolfgang Stübner. Auf den Weiden grasen Schottische Hochlandrinder, ahorngesäumte Wege führen Spaziergänger, Radfahrer und Skater hinaus in den Barnim, der Radweg R1 sogar bis Kopenhagen.
Im Mai 2023 wies Berlin die Wartenberger und Falkenberger Feldflur als Landschaftsschutzgebiet aus, 640 Hektar mit Malchower See und Gehrensee. Im Dezember 2023 wurde ein Findling als Markierungsstein eingeweiht. Die Feldmark soll damit dauerhaft offen bleiben.
Das Dorf selbst hat Anger, Teich, Bauernhöfe und Feuerwache behalten; Teile der Dorfstraße und des Angers stehen unter Denkmalschutz. Wartenberg ist nach Angaben des Bezirksamts das größte und älteste der drei Lichtenberger Dörfer, mit gut 2.600 Einwohnern.
Rund um die Gaststätte Wartenberger Hof sind Einfamilienhäuser dazugekommen, und der Ortsteil hat eine eigene Grundschule. Wer ohne Auto kommt, nimmt die S-Bahn bis Wartenberg und den Bus 256 nach Lichtenberg oder den Bus 893 nach Buch. Die Dorfstraße führt weiter nach Malchow, die Lindenberger Straße ins Brandenburger Umland.