19. Jahrhundert: Rieselfelder für die wachsende Stadt
Mit der Industrialisierung wuchs Berlin so schnell, dass die Stadt ihr Abwasser nicht mehr loswurde. Die Lösung hieß Rieselfelder: Äcker vor der Stadt, auf die das Abwasser geleitet wurde, um dort zu versickern. Dafür kaufte Berlin ganze Rittergüter auf dem Barnim.
Das Gut Falkenberg ging 1875 an die Stadt, das Gut Wartenberg folgte 1882 und wurde ein Vorwerk, also ein Nebenhof, des Stadtguts Malchow. Die Felder, auf denen heute Neu-Hohenschönhausen steht, dienten seitdem der Abwasserverrieselung.
Am 1. Oktober 1920 kamen die Dörfer mit dem Gesetz über Groß-Berlin zur Hauptstadt. Wartenberg, Falkenberg und Malchow bildeten Ortsteile des 18. Verwaltungsbezirks Weißensee. Falkenberg allein brachte 10,2 Quadratkilometer Fläche ein.
Das dritte Dorf, Malchow, lag westlich und war schon Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ eine Erwähnung wert. Auch seine Felder wurden zu Rieselland. Heute ist Malchow nach Angaben des Bezirksamts mit gut 600 Einwohnern der kleinste Ortsteil Lichtenbergs.
Eine Stadtlandschaft entstand daraus noch lange nicht. Ende der 1920er Jahre fuhr immerhin die Buslinie A40 über die Felder. In den 1930er Jahren entstand die Niles-Siedlung, eine kleine Wohnsiedlung, die bis 2001 zu Malchow gehörte. Ansonsten blieb es ländlich.
1945 bis 1983: Kriegsende und erste Neubauten
Die letzten Kriegstage trafen die alten Dörfer hart. Am 21. April 1945 sprengten Wehrmachtsangehörige die Dorfkirchen von Wartenberg und Falkenberg, damit die Türme der anrückenden Roten Armee nicht als Orientierung dienten. Die Wartenberger Kirche stammte aus der Zeit um 1250.
Einwohner von Neu-Hohenschönhausen früher
Ihr Marienaltar war zuvor in Sicherheit gebracht worden. Teile davon stehen heute in der Taborkirche in Alt-Hohenschönhausen und im Märkischen Museum. Von den Kirchen selbst blieb nichts stehen.
Nach dem Krieg lag die Gegend im sowjetischen Sektor und gehörte zu Ost-Berlin. Die DDR setzte auf industriellen Wohnungsbau, und in den 1970er Jahren wuchsen rund um das alte Dorf Hohenschönhausen die Neubaugebiete Hohenschönhausen I und II für insgesamt 25.000 Einwohner.
Das reichte nicht. 1981 begann die Erschließung der Felder nördlich davon unter dem Namen Hohenschönhausen-Nord. 1982 legte man die Straßen fest und benannte sie, meist nach Orten in Mecklenburg und der Uckermark. Ab 1984 folgten Straßen, Leitungen und Gleise.
1984 bis 1989: Die Platte kommt aufs Feld
Am 9. Februar 1984 legte Erich Honecker, der Staatsratsvorsitzende der DDR, den Grundstein. Danach ging es in einem Tempo voran, das heute kaum vorstellbar ist. Bis 1989 wuchsen Wohnblöcke in Plattenbauweise aus dem Boden, meist sechs oder elf Geschosse hoch.
Vier Viertel entstanden nacheinander. Den Anfang machte der Mühlengrund, gebaut von 1982 bis 1987 und benannt nach einer früheren Holländermühle. Es folgte das Ostseeviertel um die Zingster Straße, dessen Straßen nach Badeorten an der Küste heißen.
Bis 1988 war das Viertel an der Vincent-van-Gogh-Straße auf Falkenberger Flur fertig, inoffiziell Neu-Falkenberg genannt. Als letztes Viertel kam 1989 der Krumme Pfuhl nordwestlich des S-Bahnhofs hinzu, benannt nach einem stillen Gewässer am Rand. Ein Weiterbau bis Malchow war geplant.
Dazu gehörte ein Verkehrsnetz aus dem Nichts. Am 20. Dezember 1984 fuhr die erste S-Bahn von Springpfuhl zum neuen Bahnhof Hohenschönhausen, zunächst eingleisig. Genau ein Jahr später reichte die Strecke bis Wartenberg, und die Straßenbahn kam gleich mit.
Am 14. April 1986 hielten am Bahnhof auch Regionalzüge, denn er liegt am Berliner Außenring, wo die Falkenberger Chaussee über drei Brücken die Gleise quert. 1987 und 1988 kam eine zweite Straßenbahnstrecke von West nach Ost über Hansastraße und Falkenberger Chaussee hinzu. Zeitweise fuhren bis zu acht Linien.
Am 26. September 1985 öffnete am Prerower Platz das Handelshaus, ein Warenhaus in Plattenbauweise, 1988 die Schwimmhalle in der Zingster Straße. Nach Angaben des Senats entstanden in der Großsiedlung rund 29.000 Wohnungen. Am 5. Oktober 1989 galt der Siedlungsbau offiziell als abgeschlossen.
1985: Ein eigener Stadtbezirk Hohenschönhausen
So viele neue Einwohner sprengten die Verwaltung des Bezirks Weißensee. Im Januar 1985 schlug das Politbüro der SED einen eigenen Stadtbezirk vor, und am 11. April 1985 beschloss ihn die Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung. Am 1. September 1985 nahm der Bezirk Hohenschönhausen seine Arbeit auf.
Er umfasste das alte Hohenschönhausen, Wartenberg, Falkenberg und die östliche Hälfte von Malchow. Die Grenze auf der Karte ähnelte einem Ritterkopf, was Beobachter als Anspielung auf die Rittergüter lasen. Ende 1985 zählte der Bezirk 67.045 Einwohner.
Die Zahl stieg mit jedem fertigen Block. Bis 1989 wohnten hier rund 118.000 Menschen, etwa 9,2 Prozent der Ost-Berliner Bevölkerung, und 1994 wurde mit 119.686 der höchste Stand erreicht. Es war ein Bezirk junger Familien: Das Durchschnittsalter lag um das Jahr 2000 bei etwa 25 Jahren.
Entsprechend voll waren Kindergärten und Schulen. 1992 gab es 28 Grundschulen und 13 weiterführende Schulen. Doch mit der Wende brach die Geburtenzahl ein, von rund 2.500 im Jahr 1987 auf 537 im Jahr 1993. Diese Lücke sollte die Siedlung noch lange beschäftigen.
Seit 1990: Weniger Einwohner, neue Mitte
Nach der Wiedervereinigung zogen viele Familien in Eigenheime im Umland, und die Einwohnerzahl des Bezirks sank Schritt für Schritt: auf knapp 115.000 Mitte der 1990er Jahre und auf etwa 110.000 um die Jahrtausendwende. Die Verlängerung des Krummen Pfuhls bis Malchow kam nicht mehr zustande.
Das Zentrum wurde dagegen neu gebaut. Im April 1994 begann der Abriss des Handelshauses, und am 26. Oktober 1995 eröffnete an seiner Stelle das Linden-Center mit etwa 25.000 Quadratmetern Verkaufsfläche auf drei Ebenen und 800 Parkplätzen. Die Anna-Seghers-Bibliothek zog mit ein.
Der Bahnhof wurde 1998 grundlegend saniert und bekam Aufzüge sowie einen Zugang zur Falkenberger Chaussee. Von 2002 bis 2006 hielten hier sogar private Fernzüge der Marke InterConnex. Heute fahren die S-Bahn-Linie S75, mehrere Regionalbahnen und die Straßenbahnlinien M4, M5 und M17 durch den Ortsteil.
Auch die Kirche kehrte zurück, wenn auch anders. Im Jahr 2000 weihte die evangelische Gemeinde nahe dem S-Bahnhof einen ovalen Klinkerbau mit Platz für 150 Menschen, die Kirche zu Wartenberg. Sie ersetzt in gewisser Weise die gesprengte Dorfkirche, steht aber mitten im Neubauviertel.
Der Zuschnitt des neuen Ortsteils folgte den Häusern, nicht den alten Fluren. Das Gebiet um den S-Bahnhof Wartenberg gehörte bis 2002 noch zum Dorf Wartenberg, das Viertel an der Vincent-van-Gogh-Straße bis dahin zu Falkenberg. Viele Bewohner zählen es deshalb bis heute zu Falkenberg.
2001 ging der Bezirk Hohenschönhausen im heutigen Bezirk Lichtenberg auf. Danach wurde die Großsiedlung aus Teilen von Malchow, Wartenberg und Falkenberg zum eigenen Ortsteil Neu-Hohenschönhausen zusammengefasst; der südliche Teil Falkenbergs bis zur Gehrenseestraße kam 2002 hinzu.
Am 20. August 2002 wurde die Siedlung Fördergebiet des Stadtumbaus, heute Programm „Nachhaltige Erneuerung“. Zu Beginn wurden zwölf Kindertagesstätten und acht Schulen zurückgebaut, weil die Kinder fehlten. Auf dem Gelände zweier Schulen entstand der Quartierspark Neubrandenburger Straße.
Gegenwart: Was den Ortsteil heute prägt
Auf 5,16 Quadratkilometern lebten Ende 2023 genau 58.990 Menschen, nach Angaben der Wikipedia mehr als in jedem anderen Ortsteil Lichtenbergs. Die S-Bahn teilt den Ortsteil in zwei Hälften: nördlich wohnen über 29.500 Menschen, viele davon älter, südlich über 27.200, darunter viele Familien mit kleinen Kindern.
Verwaltet wird der Ortsteil in den Bezirksregionen Nord und Süd, und auf seinen 53 Straßen und Plätzen gelten die Postleitzahlen 13051, 13053, 13057 und 13059. Die vier Viertel der Bauzeit sind als Ortsgebiete noch erkennbar, auch wenn die Grenzen längst nur noch auf dem Papier stehen.
Die Mitte bleibt der Prerower Platz mit Linden-Center, Ärztehaus, Kino und Bibliothek. Im Mühlengrund dreht sich seit Ende 2014 wieder der Mühlenradbrunnen, nachdem er lange stillgestanden hatte. Daneben zogen ab Oktober 2020 Mieter in 173 neue Wohnungen am Mühlengrundcenter, die seit Mai 2022 alle bezugsfertig sind.
Zwischen den Blöcken hat sich die Natur Raum geschaffen. Der Dekrapfuhl nördlich der Straßenbahnschleife Zingster Straße wurde 1998 angelegt und 2016 wiederhergestellt; dort leben Moorfrosch, Wechselkröte und Zauneidechse. Im Mai 2023 wies das Bezirksamt die Wartenberger und Falkenberger Feldflur mit 640 Hektar als Landschaftsschutzgebiet aus.
Auch die Zahl der Kinder steigt wieder. Im November 2019 eröffnete die Kita Sonnenblümchen mit 85 Plätzen, und im Ostseeviertel arbeiten ein Nachbarschaftshaus und Familienzentren. Aus Balkonteilen, die bei der Sanierung übrig blieben, entstand der Kletterfelsen „Monte Balkon“. Kunst zeigt die Galerie „Studio im Hochhaus“.
Die Schwimmhalle Zingster Straße wird seit 2023 saniert und soll mit neuem Edelstahlbecken wieder öffnen. Entlang der Falkenberger Chaussee ist weitere Wohnbebauung vorgesehen, sodass das Bezirksamt mit Zuwachs rechnet. Aufgewachsen ist hier übrigens der Rapper Capital Bra, Jahrgang 1994.
So ist Neu-Hohenschönhausen ein Ortsteil ohne Dorfkern und ohne Altbau, aber mit viel Grün, kurzen Wegen und einer Bevölkerung, die zum zweiten Mal wächst. Wer die Geschichte des Ortes sucht, findet sie in den Nachbarn Wartenberg, Falkenberg und Malchow und in den Pfuhlen zwischen den Häusern.