Die Feldsteinkirche am Dorfplatz
Das älteste erhaltene Bauwerk ist die Dorfkirche in Alt-Mariendorf. Sie entstand im frühen 13. Jahrhundert aus Feldsteinen. Das Landesdenkmalamt gibt als Datierung die Zeit zwischen 1201 und 1230 an; die ältere Fachliteratur nennt das zweite Viertel des Jahrhunderts, und vermutlich fällt der Bau noch in die Zeit der Templer.
Er ersetzte offenbar einen schlichteren Holzbau.
Im Lauf der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrfach verändert. Der Westturm, anfangs ganz aus Stein, erhielt hölzerne Obergeschosse; die Quellen datieren das unterschiedlich. Seit 1737 trägt er den barocken Holzaufbau mit Kupferhelm, der das Ortsbild bis heute bestimmt. Um die Mitte des 16.
Jahrhunderts wurde der Innenraum eingewölbt; drei runde Stützen teilen ihn seitdem in zwei Schiffe. Ein Sakristeianbau kam hinzu; die Quellen datieren ihn und den Turmaufsatz zwischen etwa 1500 und dem Ende des 16. Jahrhunderts.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Fenster zerstört und das Dach beschädigt. Der 1626 gestiftete Schnitzaltar wurde ausgelagert und ist seither verschollen. In den 1950er Jahren wurde die Kirche wegen Feuchtigkeitsschäden umfassend saniert und umgestaltet; der Haupteingang kam an die Westseite des Turms, im September 1957 wurde eine neue Orgel eingeweiht.
Seit 1970 spielt ein Glockenspiel mit 16 Glocken Choräle und geistliche Volkslieder, und die Innenbemalung wurde 2015 erneuert.
Chaussee und Villenkolonie: der Weg zum Vorort
Der Wandel beginnt im 19. Jahrhundert mit einer Straße. In den Jahren um 1836 bis 1838 wurde der Mariendorfer Damm als befestigte Chaussee von Berlin nach Süden gebaut. Wohin sie genau führte, geben die Quellen unterschiedlich an, genannt werden Dresden und Cottbus.
Mit dem Verkehr kamen Handwerker und Händler ins Dorf, und die Bevölkerung wuchs. Um 1858 lebten in Mariendorf rund 839 Menschen.
Eine Grundstücksgesellschaft begann 1872 auf ehemaligem Bauernland im Süden des Gemeindegebiets mit der Anlage einer Villenkolonie, die den Namen Südende erhielt (die Quellen nennen 1872 oder 1873 als Gründungsjahr). 1875 wurde dort ein Bahnhof an der Strecke Berlin–Dresden fertig.
Südende gehörte bis 1920 zu Mariendorf und war damit ein eigener, auf Wohlhabende zielender Siedlungskern neben dem alten Dorf. Auch Verkehrsmittel rückten näher: 1887 wurde die Pferdebahn von Berlin über Tempelhof bis nach Mariendorf verlängert, 1895 kam ein Bahnhof an der Dresdener Bahn dazu.
Zahlen zeigen das Tempo. Um 1900 hatte Mariendorf 5.764 Einwohner, um 1905 rund 9.000. Die Gemeinde reagierte mit öffentlichen Bauten: Das Rathaus an der Kaiserstraße entstand 1903 bis 1905, die Gemeindeschule 1907/08; in diesem Schulhaus am alten Dorfplatz ist heute das Tempelhof Museum untergebracht.
Die Adlermühle, 1759 an der Lohmühlenstraße zur Versorgung von Gerbereien errichtet, wurde 1888 an den Buchsteinweg versetzt und blieb bis 1959 in Betrieb.
Teltowkanal, Gaswerk und Industrie
Den größten Einschnitt der Kaiserzeit brachte der Teltowkanal. Der Landrat des Kreises Teltow, Ernst von Stubenrauch, hatte das Vorhaben angestoßen. Der erste Spatenstich erfolgte am 22. Dezember 1900, am 2. Juni 1906 weihte Kaiser Wilhelm II. den rund 38 Kilometer langen Kanal ein.
Er sollte den Schiffsverkehr in der Berliner Innenstadt entlasten, die Wasserstraße zwischen Elbe und Oder verkürzen und am Stadtrand Platz für Fabriken und Wohnungen schaffen. Der Kanal bildet heute die nordwestliche Grenze des Ortsteils.
Für Mariendorf war der Wasserweg schon vor der Fertigstellung ein Standortvorteil. Die britische Imperial Continental Gas Association erwarb 1899 rund 300 Morgen Land zwischen Kanal, Dresdener Bahn und Ringstraße und ließ dort 1900/01 ein Gaswerk bauen, das die südlichen Vororte mit Stadtgas versorgen sollte.
Mit der Kanaleröffnung 1906 erhielt es einen eigenen Hafen, über den Kohle aus Schlesien angeliefert wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg gingen die Anlagen 1918 an die Deutsche Gasgesellschaft und 1923 an die Berliner Gaswerke über.
In der Nachbarschaft siedelten sich weitere Betriebe an. Das Bezirksamt nennt ein Industriegebiet an der Großbeerenstraße. Dort produzierte später die Askania-Werke AG, ein Hersteller feinmechanischer und optischer Geräte, die seit 1921 so hieß und aus der Berliner Firma des Carl Bamberg hervorgegangen war.
Aus dem Bauerndorf war damit ein Standort für Gewerbe und Industrie geworden.
Die Trabrennbahn
Zu den bekanntesten Orten Mariendorfs gehört die Trabrennbahn, auf der Pferde im Trab statt im Galopp gegeneinander antreten. Sie wurde 1913 eröffnet und galt damals als modernste Anlage dieser Art in Deutschland.
Entworfen hatte sie der Architekt August Endell in den Jahren 1911 und 1912; seine offene Tribüne im Jugendstil steht heute unter Denkmalschutz, die gesamte Anlage ist als Denkmal erfasst.
Schon im ersten Betriebsjahr geriet der Trabrennverein in finanzielle Not. Der Verleger Bruno Cassirer, zugleich ein bedeutender Traberzüchter, übernahm in den Anfangsjahren die Leitung des Vereins und investierte in die Bahn; die genauen Jahre nennen die Quellen unterschiedlich.
Cassirer war jüdischer Herkunft und verließ Berlin 1938 in Richtung Großbritannien, er starb 1941 in Oxford. In den 1920er Jahren zählte die Anlage nach einer Darstellung zu den größten und besuchtesten Trabrennbahnen des Landes.
Das Deutsche Traber-Derby, ein Rennen für junge Traber, wird in Berlin seit 1895 ausgetragen und seit der Eröffnung der Anlage 1913 ausschließlich hier gelaufen; zuvor war es an anderen Berliner Bahnen zu sehen. Am 3. Juli 1946 begann in Mariendorf der Rennbetrieb nach dem Krieg wieder.
Später verkaufte der Verein Teile des Geländes, auf dem heute unter anderem ein Seniorenheim und ein Einkaufszentrum stehen, die Rennen aber gehen weiter.
Groß-Berlin, Siedlungsbau und Zeit des Nationalsozialismus
Am 1. Oktober 1920 wurde Mariendorf mit Tempelhof, Marienfelde und Lichtenrade nach Groß-Berlin eingemeindet und bildete mit ihnen den 13. Verwaltungsbezirk Tempelhof. Südende wurde dabei abgetrennt; je nach Darstellung fiel es an Steglitz oder wurde zwischen Steglitz und Tempelhof aufgeteilt.
Wo bis dahin Äcker gelegen hatten, wurde nun in großem Stil gebaut: 1919 begann die Gartenstadt Siedlung Daheim östlich der Trabrennbahn, deren Straßen nach Alpengipfeln heißen, 1922/23 entstand die heute denkmalgeschützte Monopol-Siedlung, 1929/30 folgte die Wohnanlage an der Tauernallee. Um 1925 hatte Mariendorf rund 23.000 Einwohner.
Auch Grünflächen wurden angelegt. Der Volkspark Mariendorf geht auf einen Vorschlag von 1907 zurück; die Arbeiten begannen am 12. Juni 1923 und zogen sich wegen knapper Mittel lange hin. Den Rodelberg schüttete man 1927 bis 1929 im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Erwerbslose auf, am 29.
Juni 1931 wurde der Park offiziell eröffnet. Der Blümelteich erhielt 1938 Berlins ersten Teil für Modellsegelboote. Die Ortsteilseite des Bezirksamts nennt dagegen 1924 als Jahr der Anlage; die Quellen widersprechen sich hier.
Im Nationalsozialismus wurde auch Mariendorf Teil der Rüstungswirtschaft. Für die Askania-Werke, die unter anderem Kreiselgeräte und Zieloptik herstellten, wurden in Mariendorf Barackenlager für Zwangsarbeiter eingerichtet. Bei einem alliierten Luftangriff in der Nacht zum 24.
August 1943 kamen in einem Lager an der Ringstraße mindestens 16 sowjetische Zwangsarbeiterinnen ums Leben; in derselben Nacht wurde das Rathaus an der Kaiserstraße zerstört und 1949 abgetragen. Im Askania-Werk bestanden zudem illegale Zellen der Widerstandsgruppe um Saefkow, Jacob und Bästlein.
Nach der Zerschlagung im Juli 1944 wurden sechs Mitglieder hingerichtet; eine Tafel an der Großbeerenstraße erinnert seit 2014 an sieben Askania-Beschäftigte, die im Widerstand starben. Die Zahlen stammen aus der Darstellung zur Firmengeschichte und ließen sich hier nicht an einer zweiten Quelle prüfen.
Amerikanischer Sektor, Blockade und jüdisches Lager
Nach Kriegsende lag Mariendorf im Amerikanischen Sektor Berlins. Am 26. Juli 1946 richtete die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen (UNRRA) in Wohnblöcken rund um die Eisenacher Straße ein Lager für jüdische Displaced Persons (Menschen, die durch Krieg und Verfolgung entwurzelt waren) ein.
Viele der Bewohner waren Überlebende des Holocaust, die nach den antisemitischen Ausschreitungen in Polen im Herbst 1945 nach Berlin geflohen waren. Das Lager trug den Namen Bialik-Center.
Nach Angaben des Holocaust Memorial Museums in Washington lebten dort im Durchschnitt 3.250 Menschen, der Tagesspiegel nennt für September 1946 rund 4.200. Es gab eine Schule, einen Kindergarten, eine Synagoge, eine rituelle Küche für etwa 900 Personen und eine Religionsschule.
Mit der Berliner Blockade im Sommer 1948 wurde das Lager aufgelöst, die Bewohner wurden überwiegend nach Westdeutschland ausgeflogen. Über die Zeit des Lagers informieren heute Tafeln im Ortsteil.
Wirtschaftlich ging es mit der Teilung der Stadt weiter. Ab 1949 nutzte der Berliner Fruchthof, ein Großmarkt für Obst und Gemüse, Hallen der Askania-Werke; die Quellen nennen als Ende des Betriebs an diesem Ort 1965. 1959 verlegte Askania die Fertigung astronomischer Instrumente aus Friedenau in ein größeres Werk in Mariendorf.
Seit dem Mauerfall
Für die Anbindung an die Innenstadt war 1966 ein Einschnitt: Nach Baubeginn 1961 wurde die U-Bahn-Linie 6 bis zum Bahnhof Alt-Mariendorf verlängert, die Straßenbahnlinie 99 entfiel. Schon 1960 wurde im alten Schulhaus am Dorfplatz das Tempelhof-Museum eingerichtet.
Seine Dauerausstellung „Zwischen Feldern und Fabriken“ zeigt unter anderem das einzige erhaltene Säulenfragment vom Hof der Tempelritter.
Nach 1990 verlor die Industrie weiter an Bedeutung. Die Stadtgasversorgung wurde auf Erdgas umgestellt, das Gaswerk Mariendorf 1996 geschlossen und bis 1999 abgebaut, wobei viele historische Gebäude erhalten blieben.
Auf dem Gelände entstand ab 2009 ein Solarpark, der bis 2011 auf rund zwei Megawatt Leistung wuchs, 2013 kaufte ein Gewerbepark große Teile, der unter dem Namen Marienpark vermarktet wird. Die Trabrennbahn verkleinerte sich zugunsten von Wohnen und Handel, ihr Rennbetrieb ging weiter.
Verwaltungsrechtlich kam 2001 eine Änderung: Die Bezirke Tempelhof und Schöneberg wurden zusammengelegt, seither gehört Mariendorf zum Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Der Ortsteil umfasst etwa 9,3 Quadratkilometer.
Die Dorfkirche, der alte Dorfplatz, die Trabrennbahn, die Siedlungen der 1920er Jahre und der Kanalhafen erzählen in unmittelbarer Nachbarschaft von acht Jahrhunderten Geschichte.