Gutshof, Kriege und das Exerzierfeld
In der Frühen Neuzeit wechselte das Gut mehrfach den Besitzer. Um 1600 gehörte es zeitweise der brandenburgischen Kurfürstin Katharina, die es als Sommersitz ausbauen wollte; die Pläne kamen nicht weit. Später ging der Besitz unter anderem an die Familie Schwarzenberg, danach in landesherrliche Hand.
Auch die Kriege der Zeit trafen den Ort. Im Jahr 1760, während des Siebenjährigen Krieges, plünderten russische und österreichische Truppen das Gut weitgehend aus. Das Hauptgebäude des alten Gutes diente nach der Aufteilung der Feldmark im 19. Jahrhundert zuletzt als Amtshaus und wurde um 1890 abgerissen.
Prägender für die Zukunft war die weite, flache Fläche nördlich des Dorfes, die schon 1351 als Tempelhofer Feld erwähnt ist. Im 18.
Jahrhundert nutzte das preußische Heer sie als Exerzier- und Paradeplatz, nach einer Angabe bereits seit 1722 unter König Friedrich Wilhelm I. 1828 kaufte das Militär das Areal (nach anderer Angabe 1826/27). Zugleich war es nach Angaben des Bezirksamts ein beliebtes Naherholungsgebiet der Berliner.
Paraden fanden hier bis in das Frühjahr 1914 hinein statt.
Wegen der freien Fläche eignete sich das Feld auch für Versuche in der Luft. 1886 entstanden von einem Ballon aus Luftbilder, die als älteste bekannte deutsche Luftaufnahmen gelten. 1897 stürzte das Luftschiff des Konstrukteurs Friedrich Hermann Wölfert mit Wasserstoffgas ab, wobei er und sein Begleiter starben.
Im selben Jahr stieg das Starrluftschiff von David Schwarz mit einer Hülle aus Aluminium auf. Der Ballon „Preußen“ erreichte 1901 eine Höhe von 10,8 Kilometern, und im September 1909 führte der Amerikaner Orville Wright hier Flüge vor.
So wurde das Feld zum Schauplatz früher Luftfahrt, lange bevor hier der erste Flughafen stand.
Das 19. Jahrhundert: Aus dem Dorf wird ein Vorort
Im 19. Jahrhundert rückte die Großstadt näher.
Die Bevölkerung wuchs, und die Verkehrsanschlüsse verwandelten das Bauerndorf in einen Vorort. 1871, nach anderer Angabe 1872, ging die Ringbahn in Betrieb, die einen Bahnhof im Ort erhielt. 1875 kam die Pferdebahn, 1878 die Gasversorgung, 1879 wurde der Gutsbezirk in die Landgemeinde eingegliedert. 1892 erhielt der Ort eine gewählte Gemeindevertretung, 1898 nahm ein Elektrizitätswerk den Betrieb auf.
Einen weiteren Schub brachte der Teltowkanal. Der Landrat des Kreises Teltow, Ernst von Stubenrauch, betrieb den Bau, der 1900 begann und am 2. Juni 1906 mit der Freigabe für die Schifffahrt durch Kaiser Wilhelm II. seinen Abschluss fand.
Der Kanal sollte Berlin vom Schiffsverkehr entlasten und zugleich Industrie in das Umland ziehen. Am Tempelhofer Abschnitt entstand zwischen 1901 und 1908 ein Binnenhafen mit Speicher und Kränen, über den Getreide, Mehl, Zucker und andere Waren umgeschlagen wurden. Der Hafen steht heute als Ensemble unter Denkmalschutz.
Die Zahlen belegen das Tempo dieser Jahre: 1899 hatte die Gemeinde 7.439 Einwohner, 1910 waren es nach Angabe des Bezirksamts 20.733 (die Wikipedia nennt für 1910 und 1911 gerundete Zahlen zwischen 17.000 und 20.000), und 1921 zählte man 35.990.
Entlang von Kanal und Bahn entstanden Fabriken, später auch Kopierwerke und ein Druckhaus. 1910 wurde nach Angabe der Wikipedia der westliche Teil des Feldes für den Wohnungsbau freigegeben, auf dem das Viertel Neu-Tempelhof entstand.
Zu den markanten Bauten der Zeit gehört das Ullsteinhaus, das der Architekt Eugen Schmohl für den gleichnamigen Verlag entwarf. Es wurde zwischen 1925 und 1927 gebaut und ragt mit seinem Turm 77 Meter hoch auf.
1920 bis 1945: Flughafen und NS-Zeit
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz wurde Tempelhof 1920 Teil der neuen Stadt. Die Landgemeinden Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade bildeten gemeinsam den 13. Verwaltungsbezirk, der den Namen Tempelhof trug. Der Magistrat beschloss 1922 den Bau eines zentralen Flughafens am Nordrand des Feldes. Am 8.
Oktober 1923 begann dort der Linienverkehr. 1924 wurde die Berliner Flughafen-Gesellschaft gegründet, 1926 machte die Deutsche Luft Hansa Tempelhof zu ihrem Heimatflughafen. Mitte der 1930er Jahre fertigte der Flughafen mehr als 60.000 Fluggäste ab und stand damit nach Angabe des Bezirksamts unter den europäischen Flughäfen vorn.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 geriet auch Tempelhof in deren Zugriff. An der Columbiastraße, am Nordrand des Feldes, richtete die Gestapo im Jahr 1933 in einem früheren Militärgefängnis ein Haftlokal für politische Gegner ein.
Das Gebäude wurde 1934 zu einem Konzentrationslager, das nach den Quellen Ende Dezember 1934 oder Anfang Januar 1935 offiziell als KZ Columbia geführt wurde. Es wurde im November 1936 aufgelöst, die Häftlinge kamen in das neue Lager Sachsenhausen. 1938 wurde das Gebäude abgerissen, um Platz für den Flughafenneubau zu schaffen.
Seit Dezember 1994 erinnert eine Mahnskulptur in der Nähe an das Lager.
Der Neubau des Flughafens nach Plänen von Ernst Sagebiel begann 1936 und zog sich bis in den Krieg. Er besteht aus einem geschwungenen Gebäudebogen von rund 1,2 Kilometern Länge; das Dach war als Zuschauerterrasse für Flugschauen gedacht.
Im Krieg wurde die Anlage auch für die Rüstung genutzt: Ende 1939 ordnete Hermann Göring an, Teile der Produktion des Flugzeugherstellers Weser Flugbau nach Tempelhof zu verlagern. Nach Angaben der Wikipedia war 1944 etwa die Hälfte der 4.150 Beschäftigten dieses Werks zur Arbeit gezwungen.
Auch die Lufthansa beschäftigte Zwangsarbeiter, die in Baracken auf dem Flugfeld untergebracht waren.
Wichtige Verwaltungsbauten des Ortes stammen ebenfalls aus dieser Zeit. Das Rathaus Tempelhof nach Plänen von Hellmut Delius erhielt am 20. April 1936 seinen Grundstein und wurde am 1. August 1938 eingeweiht. Sein 41 Meter hoher Turm bildet bis heute einen Mittelpunkt des Ortes.
Das Ullsteinhaus wiederum hatte der NS-Staat der jüdischen Verlegerfamilie 1934 zum Verkauf gezwungen; sie erhielt das Haus erst 1952 zurück.
Luftbrücke, Teilung und die Zeit der Alliierten
Im April 1945 nahm die Rote Armee den Flughafen ein, im Juli 1945 übernahmen ihn die Amerikaner. Tempelhof lag im amerikanischen Sektor und wurde dadurch zu einem Brennpunkt des Kalten Krieges.
Als die Sowjetunion 1948 die Land- und Wasserwege nach West-Berlin sperrte, begannen die Westalliierten, die Stadt aus der Luft zu versorgen. Der Beginn der Luftbrücke wird je nach Quelle auf den 24. oder 26. Juni 1948 gelegt. Die Blockade endete am 12.
Mai 1949, der Flugbetrieb lief noch bis zum 30. September 1949 weiter.
Tempelhof war der wichtigste Umschlagplatz dieser Versorgung. Insgesamt flogen die Alliierten mehr als 550.000 Einsätze und beförderten rund 2,1 Millionen Tonnen Fracht, vor allem Kohle und Lebensmittel.
Bekannt wurde der amerikanische Pilot Gail Halvorsen, der für wartende Kinder Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen abwarf; die Maschinen erhielten im Volksmund den Namen „Rosinenbomber“. Auch der Hafen am Teltowkanal diente als Verteilstelle für Güter der Luftbrücke.
Zur Erinnerung an die Opfer der Luftbrücke wurde 1951 am Platz der Luftbrücke vor dem Flughafen das Denkmal des Bildhauers Eduard Ludwig aufgestellt. Es ist rund 20 Meter hoch, und die Berliner nennen es „Hungerharke“. Im selben Jahr gaben die Amerikaner den Flughafen wieder für den zivilen Verkehr frei.
Die Zahlen der Todesopfer der Luftbrücke werden in den Quellen unterschiedlich angegeben, deshalb sind sie hier nicht aufgeführt.
Das Ende des Linienverkehrs kam 1975, als der Flughafen Tegel die zivilen Flüge übernahm. Bis 1993 blieb Tempelhof ein Stützpunkt der US-Luftwaffe. Später öffnete der Flughafen wieder für Geschäftsreise- und Kleinflugzeuge; die Quellen nennen dafür 1981, 1985 oder 1990. Im Süden des Ortes wurde am 9.
Juni 1979 das Gelände der ehemaligen Ufa-Kopierwerke besetzt; aus der Aktion entwickelte sich die ufaFabrik, ein Kultur- und Wohnprojekt mit Veranstaltungssaal, Schule und Kinderbauernhof.
Seit 1990: Schließung und Tempelhofer Feld
Nach der Wiedervereinigung setzte sich die Planung eines neuen Hauptstadtflughafens in Schönefeld durch, die Bund, Berlin und Brandenburg 1996 beschlossen. Damit stand das Ende Tempelhofs fest. Der Gebäudekomplex steht seit 1995 insgesamt unter Denkmalschutz. Am 27.
April 2008 stimmten bei einem Volksentscheid über den Weiterbetrieb nach dem Ergebnis des Amtes für Statistik 60,1 Prozent der Teilnehmer dafür. Das waren aber nur 21,7 Prozent der Wahlberechtigten, nötig gewesen wären 25 Prozent (Quorum, also eine Mindestzahl an Ja-Stimmen). Der Entscheid scheiterte damit.
Ende Oktober 2008 wurde der Flugbetrieb eingestellt.
Am 8. Mai 2010 öffnete das Flugfeld als Park für alle. Nach Angabe der Wikipedia kamen am ersten Wochenende rund 235.000 Besucher. Das Tempelhofer Feld umfasst etwa 355 Hektar (ältere Angaben nennen rund 300), es ist damit eine der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt.
Sportler, Spaziergänger, Gärtner und Veranstalter nutzen die Rollbahnen und Wiesen. Für die Feldlerche gibt es eine eigene Schutzzone, und seit 2019 halten Schafe der Rasse Skudde die Wiesen kurz.
Immer wieder ging es um die Frage, ob und wie das Feld bebaut werden dürfe. Bei einem Volksentscheid am 25. Mai 2014 stimmten 64,3 Prozent für den Gesetzentwurf der Initiative „100 % Tempelhofer Feld“, der eine Randbebauung ausschließt.
Das Gesetz zum Erhalt des Feldes bildet seitdem die Grundlage für Pflege und Entwicklung. Seit 2015 dienten Hangars des Flughafengebäudes zeitweise als Notunterkunft für Geflüchtete.
Das Flughafengebäude wird schrittweise saniert und für Büros, Veranstaltungen und Ausstellungen genutzt. Seit Februar 2020 gibt es dort ein Besucherzentrum. 2001 war der frühere Bezirk Tempelhof mit Schöneberg zum Bezirk Tempelhof-Schöneberg verschmolzen.
Das Dorf der Templer ist damit ein Ortsteil einer Millionenstadt geworden, in dem Kirche, Rathaus, Hafen und Flugfeld viele Jahrhunderte Geschichte sichtbar machen.