19. Jahrhundert: Schnaps, Zucker und ein neuer Turm
1824 zog der Seidenhändler Johann Carl Jouanne ganzjährig in das Gutshaus ein und baute es nach seinen Bedürfnissen um. Dabei ging viel Dekor des 18. Jahrhunderts verloren. Er errichtete die erste Brennerei für Kartoffelschnaps und ließ den Gutshof im italienischen Villenstil der Schinkel-Schule umgestalten, nach dem Vorbild des Kronguts Bornstedt.
Nach Jouannes Tod 1857 übernahm Wilhelm Wrede, Rübenzuckerproduzent und Spirituosenfabrikant, der letzte private Besitzer. Von 1880 bis 1883 baute der Architekt Carl Busse das Haus im Stil der Neorenaissance um und gab ihm den Treppenturm, der dem Gebäude heute den Namen Schloss Britz einträgt.
Busse formte auch die Kirche: 1888 setzte er ihr einen Westturm aus Feldsteinquadern vor. Im selben Jahr beauftragte Wrede den Garteninspektor Wilhelm Nahlop, der dem Park sein kurviges Wegenetz gab. 1863 hatte ein Müller am Buckower Damm eine Holländerwindmühle errichtet, die Britzer Mühle.
Die Kirche erhielt 1826 ihre erste Orgel von Carl August Buchholz, die Busse 1888 umbauen ließ. Im Park steht laut Wikipedia der älteste Ginkgo Berlins, vielleicht schon unter Jouanne gepflanzt. 1897 legte die Gemeinde den Kirchhof Sankt Simeon und Sankt Lukas an.
Das Dorf wuchs mit dem benachbarten Rixdorf. 1871 lebten 1.888 Menschen in Britz, 1900 waren es 8.538. Der Landkreis Teltow baute von 1894 bis 1896 ein Krankenhaus, und Bauunternehmer wie Georg Behnke setzten Mietshäuser an die Straßen, darunter die Löwenhäuser an der Hannemannstraße.
1920 bis 1933: Groß-Berlin und das Hufeisen
Am 1. Oktober 1920 wurde Britz durch das Groß-Berlin-Gesetz Teil Berlins, mit 13.475 Einwohnern, zusammen mit Neukölln, Buckow und Rudow im neuen Bezirk Neukölln. 1924 verkauften die Erben Wredes das Gut an die Stadt. Damit lag ein großes Stück Ackerland in öffentlicher Hand.
Einwohner von Britz früher
Berlin litt unter Wohnungsnot, und 1925 erlaubte eine neue Bauordnung Großsiedlungen. Auf den Gutsfeldern planten die gemeinnützige GEHAG und die Degewo zwei Siedlungen, getrennt durch die Fritz-Reuter-Allee. Für die GEHAG entwarf Bruno Taut mit Stadtbaurat Martin Wagner die Hufeisensiedlung.
Ihr Mittelpunkt ist ein Wohnblock in Form eines Hufeisens um einen Teich. Rundherum stehen Reihenhäuser mit Gärten, farbig gestrichen und mit viel Grün. Im September 1926 waren die ersten Abschnitte bezugsfertig. Bis 1930 entstanden im Kern 1.285 Wohnungen und 679 Reihenhäuser auf rund 29 Hektar.
Die Freiflächen hatte Leberecht Migge entworfen, ausgeführt wurden die Pläne des Neuköllner Gartenamtsleiters Ottokar Wagler. Die Wohnungen maßen zwischen 49 und 124 Quadratmetern. Von 1929 bis 1930 folgten südlich der Parchimer Allee 207 Reihenhäuser mit flachen Pultdächern und größeren Fenstern.
Gegenüber bauten Paul Engelmann und Emil Fangmeyer für die Degewo die Krugpfuhlsiedlung in traditionellerer Form. Die Bewohner wählten eher links: Im November 1928 erhielt die SPD in der Großsiedlung rund 50 Prozent, die KPD etwa 16, die NSDAP etwa 5 Prozent. Ein siebter Bauabschnitt folgte nach 1932 ohne Taut.
NS-Zeit und Krieg: Täter und Widerstand in einer Siedlung
Die Siedlung der Reformer wurde nach 1933 zum Wohnort von Tätern. Adolf Eichmann und Dieter Wisliceny, später Organisatoren der Deportationen, wohnten zwischen 1934 und 1938 in der Hufeisensiedlung. Zugleich leisteten Bewohner Widerstand in unterschiedlicher Form; Stolpersteine vor den Häusern erinnern an sie.
Auch der Schriftsteller Erich Mühsam hatte in Britz gelebt. Er starb 1934, im zweiten Jahr der NS-Herrschaft. Ein Gedenkstein in der Dörchläuchtingstraße erinnert heute an ihn, mitten in der Siedlung, die er als Nachbar kannte.
In der Siedlung bestand während des Krieges ein Zwangsarbeitslager. 1938 änderte sich die Grenze des Ortsteils: Ein Gebiet mit dem Arboretum kam zu Treptow. Die Großsiedlung selbst überstand die Luftangriffe laut Wikipedia mit leichteren Schäden.
Die Dorfkirche hatte weniger Glück. 1943 ging beim Luftangriff die Marienglocke von 1268 verloren, Reste liegen heute im Museum Neukölln. 1948 erlitt die Kirche Brandschäden. Beim Wiederaufbau erhielt sie Glasfenster des Malers Charles Crodel, der Turm eine vereinfachte Form.
Das Schloss diente nach dem Krieg als Flüchtlingsheim und später als Kinderheim. Der Krieg war vorbei, doch Britz lag nun am Rand einer geteilten Stadt, und ausgerechnet der Rundfunk brachte den Ortsteil in eine neue Rolle.
West-Berlin: Sendemasten, Reihenhäuser und eine Großsiedlung
1946 errichtete die amerikanische Militärverwaltung in Britz eine Sendeanlage für den RIAS, den Rundfunk im amerikanischen Sektor. 1948 ersetzten Stahlmasten von rund 100 Metern Höhe die Provisorien, später wurden sie auf 160 und 144 Meter erhöht. Ab 1949 sendete Britz auch auf Kurzwelle.
Die Masten waren weithin sichtbar und politisch gemeint: 1978 kam eine Mittelwellenantenne hinzu, damit der RIAS besonders nachts besser in der DDR zu hören war. Die Berliner Mauer verlief an der Außengrenze Neuköllns, und der heutige Mauerweg führt dort als Radweg entlang.
In den 1950er Jahren wuchs Britz-Süd mit Reihenhäusern und einem Marktplatz samt Kino. Von 1955 bis 1959 wurde der Innenraum der Dorfkirche wieder den alten Formen angeglichen. 1960 erreichte der Ortsteil mit 47.474 Einwohnern seinen Höchststand.
Danach kehrte sich die Entwicklung um. 1970 lebten noch 46.448 Menschen in Britz, 1987 waren es 38.094. Viele Familien zogen in die neuen Hochhäuser im Süden oder ins Umland. Die Kleingärten und Reihenhäuser blieben, und mit ihnen ein Ortsteil, der ruhiger war als das übrige Neukölln.
Von 1962 bis 1975 entstand im Süden die Großsiedlung Britz-Buckow-Rudow mit rund 18.500 Wohnungen, zu 90 Prozent Sozialwohnungen. Sie trägt heute den Namen Gropiusstadt. 1971 stellte der Senat das Schloss unter Denkmalschutz. Und auf den Äckern im Südwesten wurde eine Gartenschau geplant.
1985: Die Bundesgartenschau und der Britzer Garten
Zwischen Kleingärten und Gärtnereien legten die Planer Wolfgang Miller und Georg Penker einen Landschaftspark von 90 Hektar an. Ende der 1920er Jahre war hier ein Flugplatz geplant gewesen, doch der Zuschlag ging an Johannisthal. 1985 öffnete die Bundesgartenschau auf dem Gelände.
Der künstliche Hauptsee ist 10 Hektar groß und heute mit Schilfufern ein geschütztes Biotop. Zur Gartenschau wurde die Britzer Mühle saniert, 20 Meter hoch mit 12 Meter langen Flügeln, und eine Parkbahn mit fünf Kilometern Rundkurs gebaut. Auf dem Kalenderplatz steht eine Sonnenuhr mit 99 Metern Durchmesser.
Nach der Schau wurden die Hallen zu Sporthallen. Die Bezirksverwaltung ließ Teile des Geländes neu anlegen, am 8. Juli 1989 eröffnete der Britzer Garten als Park. Jedes Frühjahr zeigt die Tulpenschau „Tulipan“ Blüten, im Herbst folgt das „Dahlienfeuer“.
Die Parkbahn fuhr von 1986 bis 2012 als Britzer Museumsbahn. Seit 2014 führt sie ein neuer Betreiber. Am Ufer öffnete das Café am See, auf dem Festplatz finden Konzerte statt. Nach Angaben der Wikipedia zählt die Mühle zu den beiden letzten voll funktionsfähigen Windmühlen Berlins.
Im selben Jahrzehnt wurde auch das Schloss gerettet. Von 1985 bis 1988 wurde das Haus restauriert. Die Arbeiten stellten den Zustand von 1883 wieder her, danach war das Haus erstmals öffentlich zugänglich. Für den Park erhielt der Bezirk 1997 den Gustav-Meyer-Preis. Der alte Gutskern war nun ein Ort für Besucher.
Seit 1990: Welterbe, Kleingärten und viel Platz
Mit dem Mauerfall entfiel ein geplanter Grenzübergang am Britzer Garten, und die Pläne für die Stadtautobahn wurden angepasst. 1995 stellte der RIAS die Mittelwelle ein, bis 2013 sendete noch das Deutschlandradio. Die hohen Masten wurden 2012 und 2015 abgebaut.
2002 wurde die Gropiusstadt ein eigener Ortsteil, Britz verlor seinen südlichen Teil. 2008 nahm die UNESCO die Hufeisensiedlung mit fünf weiteren Siedlungen der Berliner Moderne in die Welterbeliste auf. Seit 2000 werden die Reihenhäuser einzeln verkauft, das Hufeisen gehört weiter einer Wohnungsgesellschaft.
In einem der Reihenhäuser öffnete 2012 das Ferienhaus „Tautes Heim“, 2013 mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet. Im Schloss zeigt ein Museum die Wohnkultur der Gründerzeit, im Gutshof arbeiten das Museum Neukölln und die Musikschule Paul Hindemith. Seit 2002 wächst am Hang ein kleines Weingut.
Auch kleine Zeichen zeigen die Pflege des Ortsteils: An den Löwenhäusern der Hannemannstraße sitzt seit 2010 ein Mosaiklöwe. Auf dem Parkfriedhof Neukölln steht die Figur der Persephone von Max Kruse. Und mehrere Pfuhle, kleine Teiche wie der Krugpfuhl und der Fennpfuhl, liegen zwischen den Häusern.
Heute leben rund 44.000 Menschen auf 12,4 Quadratkilometern. Das Bezirksamt beschreibt Britz als Region mit der geringsten Siedlungsdichte im Bezirk: Kleingärten, Handwerkersiedlung, Reihenhäuser und Gewerbe am Teltowkanal wechseln sich ab. Die U-Bahn-Linie U7 verbindet alles mit der Innenstadt.
Der Ortsteil zieht wieder Bewohner an, von 38.348 im Jahr 2007 auf 44.029 im Jahr 2023. Ein Milieuschutzgebiet soll die Zusammensetzung der Bewohnerschaft bewahren. 2018 eröffnete im Britzer Garten ein Umweltzentrum. Zwischen Hufeisen, Mühle und Schloss bleibt Britz ein Dorf, das in die Stadt gewachsen ist.