Bier, kühle Keller und das erste Wasserwerk
Ab etwa 1840 siedelten sich auf dem Gelände Brauereien an. Das Bezirksamt nennt zwei Gründe: das gute Wasser aus tiefen Brunnen und der Untergrund am Hang, in dem sich kühle Lagerkeller anlegen ließen. Zu einer Zeit, in der es noch keine Kältemaschinen gab, war das ein klarer Vorteil.
Mitte des 19. Jahrhunderts gehörte Prenzlauer Berg damit zu den wichtigsten Brauorten der Stadt. Bierkeller und Gartenlokale zogen Ausflügler an.
Besonders bekannt wurden drei Unternehmer, die das Museum Pankow in seiner Ausstellung „Hopfen und Malz“ nennt: Julius Bötzow, Richard Roesicke und Emil Willner. Sie bauten große Brauereien am damaligen Stadtrand.
Nach Angaben des Museums wurde im heutigen Bezirk Pankow auf 24 Grundstücken Bier gebraut oder Malz hergestellt, elf dieser Standorte stehen heute unter Denkmalschutz. Die Brauereien waren große Arbeitgeber, und ihre Gärten und Säle dienten auch als Treffpunkte für Feiern und Versammlungen.
Die Schultheiss-Brauerei an der Schönhauser Allee ging auf die Gründung des Apothekers August Heinrich Prell im Jahr 1842 zurück. Unter dem Namen Jobst Schultheiss wuchs der Betrieb. 1891 verschmolz er mit der Tivoli-Brauerei und wurde nach Angaben mehrerer Quellen zur größten Brauerei Deutschlands.
Den Gebäudekomplex entwarf der Architekt Franz Schwechten, der 1887 den Auftrag dafür erhielt.
Auch die Wasserversorgung der wachsenden Stadt hatte hier ihren Platz. Auf dem Windmühlenberg betrieb eine englische Gesellschaft, die Berlin Waterworks Company, seit den 1850er Jahren eine Wasserwerksanlage mit Hochbehälter. 1877 wurde der Wasserturm fertig, den der Ingenieur Henry Gill entwarf.
Er speicherte Wasser in der Höhe, damit es mit Druck zu den Häusern floss, und enthielt zugleich Wohnungen für das Maschinenpersonal. Der Turm blieb bis 1952 in Betrieb. Die Maschinen und Erdbehälter waren schon 1914 stillgelegt worden. Der Turm wurde zum Wahrzeichen des Ortsteils und stand zeitweise im Bezirkswappen.
Hobrecht-Plan und die Stadt der Hinterhöfe
Für die Zukunft der Umgebung Berlins wurde ein Plan entscheidend, den eine Kommission unter dem Baubeamten James Hobrecht erarbeitete. Der „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ wurde 1862 genehmigt. Er legte fest, wo Straßen, Plätze und Baublöcke entstehen sollten, nicht aber, wie dicht die Grundstücke bebaut werden durften.
Zwei ringförmige Straßen sollten die Stadt umschließen.
Wie die Häuser aussehen sollten, regelte die Baupolizeiordnung von 1853. Sie erlaubte bis zu sechs Geschosse und eine Traufhöhe von 20 Metern. Innenhöfe mussten mindestens 5,34 mal 5,34 Meter messen. In der Folge entstanden Vorderhaus, Seitenflügel und mehrere Hinterhäuser auf einem Grundstück, die später als Mietskasernen bezeichnet wurden.
Wer dafür die Hauptverantwortung trägt, ist umstritten. Die Kritik an Hobrecht war lange scharf, heute richtet sich der Blick stärker auf die Bodenspekulation und das Fehlen strengerer Vorschriften.
Gebaut wurde im Wesentlichen von Süden nach Norden. Die ältesten Häuser stehen nahe der Grenze zu Mitte, wo sie ehemalige Brauereigelände einbeziehen. Die Ringbahn, die in den 1870er Jahren entstand, machte den Norden für Industrie und städtische Einrichtungen attraktiv.
Nördlich der Danziger Straße entstanden die Gasanstalt (1872 bis 1874) und der Zentralviehhof (1878 bis 1881). Das Bezirksamt beschreibt das Viertel als größtes zusammenhängendes Gründerzeitgebiet Berlins.
Mit den Mietshäusern kamen die Kirchen und religiösen Bauten. Die Gethsemanekirche, entworfen von August Orth, wurde zwischen 1891 und 1893 gebaut. Das Grundstück stellte Caroline Griebenow zur Verfügung, die Witwe eines der großen Grundbesitzer. Die Synagoge in der Rykestraße, nach Plänen von Johann Hoeniger errichtet, wurde am 4.
September 1904 eingeweiht. Der Betsaal bietet heute Platz für rund 1.200 Gemeindemitglieder; das Gotteshaus steht, wie viele Gotteshäuser dieser Zeit, auf einem Hofgrundstück hinter dem Vorderhaus.
Eigener Bezirk, Weimarer Republik und Nationalsozialismus
Am 1. Oktober 1920 entstand durch das Groß-Berlin-Gesetz die neue Stadt Berlin. Prenzlauer Berg wurde als Bezirk IV selbständig, mit einer eigenen Verwaltung und einer gewählten Vertretung. Er umfasste rund 10 Quadratkilometer und hatte damals etwa 300.000 Einwohner. 1925 zählte man gut 326.000.
In den 1920er Jahren entstanden an den Rändern des Bezirks große Wohnsiedlungen. Das Bezirksamt nennt die Siedlung von Bruno Taut an der Erich-Weinert-Straße (die GEHAG-Siedlung von 1927 und 1928) und die Wohnstadt Carl Legien, gebaut von 1928 bis 1930. Beide zählen zu den „Siedlungen der Berliner Moderne“, die UNESCO-Welterbe sind.
Finanziert wurde dieser Bauboom durch die Hauszinssteuer, eine Abgabe auf Altbauten. Als sie Ende der 1920er Jahre gekürzt wurde, endete die massive Neubautätigkeit.
Nach 1933 machte der Bezirk die Gewalt des NS-Regimes unmittelbar erlebbar. Im Frühjahr 1933 nutzte die SA ein Maschinenhaus auf dem Gelände des Wasserturms als „wildes Konzentrationslager“, in dem Kommunisten, Sozialisten, Juden und andere ohne Gerichtsurteil festgehalten wurden. Nach Angaben der Quelle wurden dort Menschen ermordet.
Seit 1981 erinnert eine Gedenkwand daran. Im Sommer 1933 wurde das Gelände zu einem SA-Heim. 1935 wurden die Gebäude abgerissen, und 1937 öffnete an dieser Stelle eine Grünanlage.
Auch die jüdischen Einrichtungen waren betroffen. In der Pogromnacht im November 1938 wurde die Synagoge in der Rykestraße im Inneren verwüstet, aber nicht zerstört, weil benachbarte Häuser gefährdet gewesen wären. Der Rabbiner und Gemeindemitglieder wurden in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt.
Der letzte Gottesdienst fand im April 1940 statt, danach beschlagnahmte die Wehrmacht das Gebäude. Die Schule im Vorderhaus musste 1941 schließen. Auf dem Jüdischen Friedhof an der Schönhauser Allee wurden Metallteile, Gitter und Inschriften gestohlen.
Im Zweiten Weltkrieg blieb der Bezirk im Vergleich zu anderen Teilen Berlins relativ unzerstört, weshalb das Straßenbild der Gründerzeit bis heute weitgehend erhalten ist. Auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei nutzte man im Krieg die Kellergewölbe für Rüstungszwecke.
In den letzten Kriegswochen 1945 hielten sich dort bis zu 1.000 Soldaten auf, und in den Höfen kamen Deserteure und Anwohner ums Leben.
Teilung und DDR-Zeit
Im Mai 1945 kam Prenzlauer Berg in den sowjetischen Sektor. Es blieb nach der Teilung Teil Ost-Berlins, lag aber unmittelbar an der Grenze zu Wedding im französischen Sektor. Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurden die Straßen an dieser Linie gekappt.
Entlang der Schwedter Straße entstanden Grenzanlagen, und der Gleimtunnel unter dem Bahngelände wurde geschlossen. Auf dem früheren Bahnhofsgelände an der Eberswalder Straße, einem Güterbahnhof seit 1877, lag der Grenzstreifen. Die Fläche blieb daher über Jahrzehnte ungenutzt.
Die Altbauten wurden in der DDR vernachlässigt. Das Bezirksamt hebt hervor, dass die Kriegsschäden gering waren, weshalb ein großer Bestand an Häusern aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert erhalten blieb.
Statt umfassend zu sanieren, setzte man auf Neubau: In den 1980er Jahren entstand auf dem Gelände der 1981 stillgelegten Gasanstalt ein Plattenbauviertel.
Das Gaswerk hatte von 1873 bis 1981 Leuchtgas aus Kohle erzeugt. Die Gasometer waren seit 1889 ein Wahrzeichen. Ihre Sprengung am 28. Juli 1984 stieß bei Anwohnern, Künstlern und in der Umwelt- und Friedensbewegung auf Protest, blieb aber erfolglos.
An ihrer Stelle entstand von 1983 bis 1986 der Ernst-Thälmann-Park mit 1.332 Wohnungen. Am 16. April 1986, dem 100. Geburtstag von Ernst Thälmann, wurde die Anlage mit einem Denkmal des sowjetischen Bildhauers Lew Kerbel eingeweiht. 1987 kam das Zeiss-Großplanetarium an der Prenzlauer Allee dazu.
Die Schultheiss-Brauerei war nach 1945 ein volkseigener Betrieb. 1967 wurde dort das Brauen eingestellt. Prenzlauer Berg wurde in den 1980er Jahren zu einem Zentrum von Oppositionsgruppen. Die Zionskirche, die im Nachbarortsteil Mitte liegt, beherbergte ab 1986 die Umwelt-Bibliothek.
Bei einer Durchsuchung im November 1987 nahm die Staatssicherheit mehrere Mitglieder fest, was Mahnwachen und Berichte im Westen auslöste. Im Ortsteil selbst nahm 1986 das Heimatgeschichtliche Kabinett Prenzlauer Berg seine Arbeit auf, ein Vorläufer des heutigen Museums Pankow.
Herbst 1989: Kerzen an der Gethsemanekirche
Im Herbst 1989 wurde Prenzlauer Berg zu einem Schauplatz der Friedlichen Revolution. Nach den Verhaftungen von Demonstranten in Leipzig riefen der Weißenseer Friedenskreis, die Umwelt-Bibliothek und die Kirche von Unten am 2. Oktober 1989 zu einer Mahnwache in der Gethsemanekirche auf.
Die Kirche blieb von da an Tag und Nacht geöffnet. Immer mehr Menschen kamen, und Tausende Kerzen auf dem Vorplatz wurden zum Zeichen des gewaltlosen Protests.
Am 5. November 1989 spielte die Staatskapelle in der Kirche Beethovens dritte Sinfonie. Rolf Reuter, der Generalmusikdirektor der Komischen Oper, rief unter Beifall: „Die Mauer muss weg!“ Danach bildete sich ein spontaner Demonstrationszug durch die Schönhauser Allee. Vier Tage später, am Abend des 9.
November, öffnete der Leiter der Passkontrolle am Grenzübergang Bornholmer Straße, Harald Jäger, gegen 23.30 Uhr eigenmächtig die Schranken. Der Übergang lag auf der Bösebrücke, die Prenzlauer Berg und den Wedding verbindet, und war einer der ersten, an dem Menschen ohne weitere Kontrolle in den Westen gelangten.
Seit 1990: Sanierung, Park und Verwaltungsreform
Nach 1990 begann die größte Veränderung seit der Gründerzeit. Anfang der 1990er Jahre fehlte in vielen Wohnungen ein Bad, und 84 Prozent wurden mit Kohle geheizt, wie das MieterMagazin für das Gebiet um den Helmholtzplatz festhielt.
Ab 1993 förderte das Land Berlin die „behutsame Stadterneuerung“, wie sie in 22 Sanierungsgebieten in Ost-Berlin geplant wurde. Nach Angaben der taz flossen dafür etwa 1,96 Milliarden Euro, wobei die Eigentümer im Gegenzug auf Mieterhöhungen verzichteten.
Die Bilanz fiel gemischt aus. Die Häuser wurden modernisiert, doch viele Bewohner zogen weg. Für das Gebiet um den Helmholtzplatz stellte eine Studie von 2012 fest, dass nur noch 13 Prozent der Bewohner von 1992 dort lebten. Das Gebiet wurde im Dezember 2014 nach 21 Jahren aus dem Sanierungsrecht entlassen.
Rund um den Kollwitzplatz lebten nach einer Studie von 2010 noch 25 Prozent der früheren Bewohner. Dass sich die soziale Zusammensetzung so stark änderte, war nicht das Ziel gewesen.
Auch andere Orte bekamen neue Aufgaben. Die Schultheiss-Brauerei war als Kulturbrauerei zwischen 1998 und 2000 saniert worden und beherbergt seither Kino, Theater, Clubs und ein Museum zum Alltag in der DDR. Auf dem ehemaligen Grenzstreifen eröffnete am 9. November 1994 der erste Abschnitt des Mauerparks.
Mit der Erweiterung wurde er im Juni 2020 etwa doppelt so groß.
Die Verwaltungsreform brachte zum 1. Januar 2001 eine Zäsur. Prenzlauer Berg verlor seine Eigenständigkeit als Bezirk und wurde mit Pankow und Weißensee zum neuen Bezirk Pankow zusammengelegt.
Die Gebietsgrenze änderte sich in den 2010er Jahren noch einmal, als das Bahnhofsgelände Eberswalder Straße vollständig dem Ortsteil zugeordnet wurde und damit auch ein Stück, das bis 1990 zu West-Berlin gehört hatte.