Volkspark und Revolution 1848
Mit dem Park nahm der Stadtteil seinen Namen vorweg. Schon 1823 hatte der Berliner Bürgermeister Gottfried Büsching eine öffentliche Parkanlage vor dem Landsberger Tor angeregt. Nach dem Beschluss von 1840 gewann Gustav Meyer den Gestaltungswettbewerb, die Stadt kaufte über Jahre ehemalige Weinberge und andere Flächen auf.
Angelegt wurde der Volkspark zwischen 1846 und 1848, auf zunächst 37,5 Hektar, und er gilt als erste kommunale Parkanlage Berlins. Zuvor war der Tiergarten der einzige öffentliche Park der Stadt.
Kaum war er fertig, wurde er zum Ort der Revolution. Bei den Barrikadenkämpfen im März 1848 starben viele Berliner Bürger. Auf einer Anhöhe des Parks wurde ein gemeinsamer Friedhof angelegt, auf dem insgesamt 255 Opfer der Märzrevolution beigesetzt wurden, die ersten 183 am 22. März 1848. Am 4.
Juni 1848 zogen fast 100.000 Berliner in einem Trauerzug vom Spittelmarkt zu diesem Friedhof. Ab 1849 versuchten die Behörden, den Ort unzugänglich zu machen und das Gedenken zu unterbinden. Nach etwa zehn Jahren erzwangen die Bürger, dass der Friedhof wieder geöffnet und öffentlich gepflegt wurde.
Der Friedhof der Märzgefallenen blieb ein Ort politischen Gedenkens. Im November und Dezember 1918 wurden hier 33 Opfer der Novemberrevolution bestattet. Zum hundertsten Jahrestag der Märzrevolution wurde am 18. März 1948 ein Gedenkstein für die Toten von 1848 und 1918 enthüllt.
Heute erinnert eine Dauerausstellung an die Geschichte des Friedhofs und der Revolution.
Bahn, Fabriken und Mietshäuser im 19. Jahrhundert
Der Wandel vom Gartenland zur Arbeiterstadt begann 1842 mit dem Frankfurter Bahnhof, dem Berliner Endpunkt der Strecke nach Frankfurt (Oder).
Rund um die Gleise siedelten sich Textil-, Holz-, Lebensmittel- und Maschinenbetriebe an, und für die Beschäftigten entstanden Mietskasernen (große, eng bebaute Mietshäuser). 1845 bis 1847 errichtete Berlin am Stralauer Platz seine erste kommunale Gasanstalt, 1856 ging am Stralauer Tor das erste Berliner Wasserwerk in Betrieb.
Mit der Stadtbahn, die 1882 eröffnet wurde, wurde aus dem Endbahnhof ein Durchgangsbahnhof, der seit 1881 Schlesischer Bahnhof hieß.
Die Bevölkerung wuchs rasant. In der Stralauer Vorstadt zählte man 1867 rund 80.000 Einwohner, 1910 mit etwa 302.000 den Höchststand. Die Wohnungsnot war groß, und sie entlud sich im Juli 1872 in den Blumenstraßenkrawallen. Auslöser war am 25.
Juli die Zwangsräumung der Wohnung eines Mieters, dessen Möbel auf der Straße standen. Es sammelten sich viele Menschen, die Straßenkämpfe mit der Polizei dauerten bis zum 27. Juli, am 28. Juli klangen die Unruhen ab. Nach den Quellen wurden 102 Polizisten und 159 Aufständische verletzt, 85 Menschen wurden festgenommen.
Wie Historiker die Ereignisse nennen sollen, Krawall oder Protest, ist bis heute umstritten.
Die Stadt reagierte auch mit Einrichtungen für die Gesundheit. Auf Initiative von Heinrich Kochhann und dem Arzt und Politiker Rudolf Virchow entstand im Friedrichshain das erste städtische Krankenhaus Berlins.
Die Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden planten es ab 1866 für 600 Kranke, in kleinen Pavillons, die damals als hygienisch vorbildlich galten. Der erste Patient wurde am 8. Oktober 1874 aufgenommen, und das Krankenhaus ist bis heute in Betrieb.
Um die Jahrhundertwende kamen große Bauten hinzu.
Von 1894 bis 1896 wurde die Oberbaumbrücke nach Plänen Otto Stahns in neugotischem Stil errichtet, ab 1902 fuhr die Hochbahn über sie hinweg. 1904 begann Georg Knorr mit seinem Fabrikkomplex für Bremsen, und 1909 entstand für die Glühlampenfertigung der Narva/Osram-Turm, der als ältestes Hochhaus Berlins bezeichnet wird. 1913 wurde der Osthafen eröffnet.
Im selben Jahr, am 15. Juni 1913, weihte die Stadt den Märchenbrunnen am Parkeingang ein. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann hatte ihn entworfen, die Märchenfiguren schuf unter anderem Ignatius Taschner.
1920 bis 1945: eigener Bezirk, NS-Zeit und Krieg
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz entstand 1920 der Bezirk Friedrichshain. Er umfasste den größten Teil der Stralauer Vorstadt, einen Teil der Königsstadt und Stralau, der Name wurde vom Volkspark übernommen. Boxhagen und Friedrichsberg blieben zunächst bei Lichtenberg und kamen erst bei der Gebietsreform vom 1. April 1938 hinzu.
In diesem Jahr stieg die Einwohnerzahl des Bezirks von rund 289.000 auf über 353.000. Seit 1930 verband die heutige U5 den Bezirk mit dem Alexanderplatz.
In den 1920er und frühen 1930er Jahren galt Friedrichshain als Hochburg von SPD und KPD, und hier wurde heftig gegen die NSDAP gekämpft. Nach der Machtübernahme 1933 entwickelte sich Widerstand. Die Nationalsozialisten benannten den Bezirk am 28. September 1933 nach dem 1930 getöteten SA-Führer Horst Wessel in „Horst-Wessel-Stadt“ um.
Als Kurzform des Bezirksnamens wird für die Zeit von 1936 bis 1945 „Horst-Wessel“ angegeben. Auch das Krankenhaus wurde 1933 entsprechend benannt. Im Juni 1945 ordnete der Magistrat die Rückbenennung in Friedrichshain an.
Im Krieg wurden 1940 und 1941 im Volkspark zwei Flaktürme (Flugabwehrtürme) gebaut. Bei den Luftangriffen ging fast der gesamte alte Baumbestand des Parks verloren. In der Schlacht um Berlin im Frühjahr 1945 war die Frankfurter Allee Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen Wehrmacht und Roter Armee. Große Teile des Ortsteils wurden zerstört.
Die Oberbaumbrücke sprengte die Wehrmacht im April 1945 teilweise, und mehrere Kirchen wie die St.-Andreas-Kirche und die St.-Lazarus-Kirche wurden nach Kriegsschäden 1949 gesprengt.
Stalinallee, Aufstand und Mauer
Nach 1945 lag Friedrichshain im sowjetischen Sektor, die Spree bildete die Grenze zum amerikanischen Sektor in Kreuzberg. Im Volkspark wurden die Bunker gesprengt, und zwischen 1946 und 1950 deckte man die Ruinen mit rund zwei Millionen Kubikmetern Trümmerschutt ab.
So entstanden die beiden Bunkerberge, die mit etwa 68 und 78 Metern Höhe Aussichtsplattformen tragen. 1948 wurde der alte Spreetunnel zwischen Stralau und Treptow wegen Kriegsschäden verfüllt, und der frühere Schlesische Bahnhof hieß ab 1950 Ostbahnhof, von 1987 bis 1998 Hauptbahnhof und danach wieder Ostbahnhof.
Ein prägendes Bauvorhaben der frühen DDR lag mitten im Ortsteil. Die einstige Frankfurter Allee wurde am 21. Dezember 1949 zum Geburtstag Stalins in Stalinallee umbenannt. Als Vorbild für die Bebauung entstand nach Plänen von Hermann Henselmann 1951/52 das Hochhaus an der Weberwiese, am 3.
Februar 1952 legte Ministerpräsident Otto Grotewohl den symbolischen Grundstein. Bis 1958 wuchsen auf dem ersten Abschnitt Wohnblöcke im Stil des sozialistischen Klassizismus (an Schinkel und sowjetische Vorbilder angelehnt) mit fast 2.600 Wohnungen, errichtet unter anderem mit Ziegeln aus Kriegstrümmern.
Hier begann auch der Aufstand vom 17. Juni 1953. Bauarbeiter der Stalinallee protestierten am 16. Juni gegen höhere Arbeitsnormen, am nächsten Tag breiteten sich die Streiks über die DDR aus, und sowjetische Truppen schlugen sie binnen weniger Stunden nieder. Danach wurde die Straße am 13.
November 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt, das Stalindenkmal war im Herbst 1961 entfernt worden. Den zweiten Abschnitt zum Alexanderplatz bebaute man in den 1960er Jahren mit Plattenbauten, dem Café Moskau und dem Kino International.
1961 wurde mit dem Mauerbau die Grenze zu West-Berlin geschlossen. An der Spree wurden Häuser abgerissen, um das Grenzgebiet zu erweitern. Die Oberbaumbrücke, schon in den 1950er Jahren eingeschränkt nutzbar, stand nur noch für begrenzte Übergänge offen, für Fußgänger dauerhaft erst seit 1972.
Nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer starben zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof mindestens 13 Menschen. Im Osthafen konnte nach dem Mauerbau nur noch eingeschränkt gearbeitet werden.
1989 und 1990: Besetzte Häuser und bemalte Mauer
Die Wende brachte 1989/90 einen tiefen Einschnitt. Die DDR hatte geplant, viele Altbauten abzureißen, am 29. November 1989 stoppte die Regierung Modrow dieses Vorhaben. Es folgten Besetzungen leerstehender Häuser. Am 29.
April 1990 besetzten Aktivisten nach einem Aufruf der Gruppe Kirche von Unten 13 der 28 Häuser in der Mainzer Straße, die zum Zentrum der Ost-Berliner Hausbesetzerbewegung wurde.
Am 12. November 1990 räumte die Polizei mit rund 600 Beamten drei besetzte Häuser in der Pfarrstraße und der Cotheniusstraße. Es kam zu Straßenschlachten, und am 14. November rückten etwa 3.000 Polizisten in die Mainzer Straße ein. Nach Angaben der Wikipedia gab es 417 Festnahmen.
Die Räumung führte zum Rücktritt von drei Senatorinnen und zum Bruch der rot-grünen Koalition im Senat am 16. November. Die meisten übrigen besetzten Häuser einigten sich später auf Verträge.
Fast gleichzeitig entstand an der Mühlenstraße ein anderes Zeichen. Im Frühjahr 1990 bemalten 118 Künstler aus 21 Ländern die Hinterlandmauer (die zur Stadt gewandte Mauer) entlang der Spree auf 1.316 Metern Länge, am 28. September 1990 wurde die East Side Gallery eröffnet. Im November 1991 stellte man sie unter Denkmalschutz.
Bei der Sanierung 2008/09 wurden die Bilder überwiegend von den ursprünglichen Künstlern neu gemalt, die heutigen Werke sind also Nachbildungen. Seit 2018 ist die Stiftung Berliner Mauer für den Ort zuständig.
Seit 1990: Zusammenschluss, Umbau und Szeneviertel
Bei der Verwaltungsreform von 2001 wurde der Bezirk Friedrichshain mit Kreuzberg zum Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vereint. Die beiden Teile waren bis 1989 durch die Mauer getrennt.
In den 1990er Jahren entwickelte sich die Gegend um die Simon-Dach-Straße zu einem Kneipenviertel, und die Karl-Marx-Allee mit ihren denkmalgeschützten Bauten wurde in den 1990er und 2000er Jahren saniert; die Straßenlaternen nach Entwürfen von Richard Paulick wurden ab 2007 wiederhergestellt.
Die Oberbaumbrücke erhielt 1995 nach Plänen von Santiago Calatrava einen neuen Mittelteil, und U-Bahn und Straßenverkehr fahren seither wieder über sie. Am Spreeufer entstanden im Projekt Mediaspree Büro- und Veranstaltungsbauten, der Hafenbetrieb im Osthafen wurde in den 2000er Jahren eingestellt.
Der Verkehr wurde neu geordnet: 2006 eröffnete der Hauptbahnhof, wodurch der Ostbahnhof an Bedeutung für den Fernverkehr verlor, im Dezember 2018 nahm der umgebaute Bahnhof Ostkreuz den vollen Betrieb auf, und am 4. Dezember 2020 wurde die U5 bis zum Hauptbahnhof verlängert.
Wie vielfältig die Geschichte des Ortsteils ist, zeigt das FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum, das Soziale Bewegungen, Teilung und Wiedervereinigung, Migration und Hausbesetzungen zu seinen Themen zählt. Von Bahnhof, Park und Allee bis zur Mauer erzählt Friedrichshain damit mehrere Kapitel der Berliner Stadtgeschichte auf engem Raum.