Residenz der Hohenzollern und Dreißigjähriger Krieg
Unter den Hohenzollern verlor die Doppelstadt einen Teil ihrer Selbständigkeit. Kurfürst Friedrich II. ließ ab 1443 auf der Spreeinsel in Cölln ein Schloss bauen; den Grundstein legte er am 31. Juli 1443. Die Bürger sahen darin einen Eingriff in ihre Freiheiten und erhoben sich 1448 im sogenannten Berliner Unwillen.
Der Aufstand wurde niedergeschlagen, und die Städte kamen unter die Kontrolle des Landesherrn. Den Hansestatus musste die Doppelstadt 1442 aufgeben; das Stadtmuseum nennt als Austritt aus dem Bund erst das Jahr 1518. Seit 1451 bezog Friedrich II. das Schloss, und 1486 wurde die Doppelstadt ausdrücklich Residenzstadt der Markgrafen und Kurfürsten.
Auch der Glaube änderte sich. Kurfürst Joachim II. führte 1539 die Reformation ein, 1613 wechselte Kurfürst Johann Sigismund zum reformierten (calvinistischen) Bekenntnis. Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 traf die Stadt hart: Die Einwohnerzahl halbierte sich, die Vorstädte wurden niedergebrannt.
Mitten in dieser Zeit, 1640, übernahm der Große Kurfürst die Regierung. Er ließ von 1658 an Festungswerke um Berlin und Cölln errichten, die im Lauf der folgenden Jahrzehnte entstanden, und legte so den Rahmen für die Erweiterung der Stadt.
Eine Straße aus dieser Zeit prägt das Stadtbild bis heute. Schon 1573 hatte ein Kurfürst einen Reitweg vom Schloss zum Tiergarten anlegen lassen. 1647 wurde daraus eine rund 940 Meter lange, mit Linden bepflanzte Allee: Unter den Linden. Im 18. Jahrhundert wurde sie mit Prachtbauten gesäumt.
Neue Städte: Friedrichswerder, Dorotheenstadt, Friedrichstadt
Die Stadt wuchs im 17. Jahrhundert nicht nur nach außen, sondern durch gezielte Gründungen. Als erste entstand Friedrichswerder, das 1662 durch einen kurfürstlichen Frei- und Schutzbrief eigene Rechte und eine eigene Verwaltung erhielt; 1678 bekam es ein eigenes Rathaus. Der Name erinnert an den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm.
„Werder“ bedeutet eine von Wasser umgebene Fläche, denn der Stadtteil war anfangs fast vollständig von Spreekanal und Festungsgraben umschlossen.
Die Dorotheenstadt geht auf ein Geschenk zurück: 1670 überließ der Große Kurfürst das Gelände des Vorwerks am Tiergarten seiner zweiten Frau Dorothea Sophie. 1673 wurde es in Pachtgrundstücke aufgeteilt, am 2. Januar 1674 erhielt die Siedlung als „Neustadt“ das kurfürstliche Stadtrecht, 1681 wurde sie nach der Kurfürstin in Dorotheenstadt umbenannt.
Die erste Kirche, die Dorotheenstädtische Kirche, war 1687 fertig. Etwa gleichzeitig wurden 1685 in der Spandauer Vorstadt, einer zuvor lockeren Siedlung aus Gärten und Äckern vor dem Spandauer Tor, Straßen angelegt und Grundstücke an Berliner Bürger und Hugenotten verkauft.
Hugenotten waren reformierte Protestanten, die aus Frankreich flohen. Mit dem Edikt von Potsdam öffnete der Große Kurfürst 1685 sein Land für sie. Rund 6.000 Hugenotten ließen sich in Berlin nieder.
Für sie spielte auch die dritte Neugründung eine Rolle, die Friedrichstadt: 1688 ließ Kurfürst Friedrich III. sie auf der Feldmark von Cölln beginnen, 1691 erhielt sie Stadtrechte, und 1701 wurde dort der Grundstein der Französischen Kirche gelegt. 1732 war das ursprüngliche Vorhaben mit 1.051 bewohnten oder fertigen Häusern abgeschlossen, und der König ordnete bereits eine Erweiterung an.
Königliche Hauptstadt und Aufklärung
1701 erlangte Friedrich III. die Königswürde und nannte sich König in Preußen; Berlin wurde Hauptstadt des preußischen Staates. In demselben Jahr legte man die Grundsteine für die Deutsche und die Französische Kirche an dem Platz, der später Gendarmenmarkt hieß.
Zum Namen führte ein Regiment, die Gens d’armes, dessen Ställe 1736 hier gebaut wurden. Den Namen Gendarmenmarkt trägt der Platz seit 1799. Die beiden Kirchen bekamen zwischen 1780 und 1785 ihre Kuppeltürme.
Schon 1709 hatte der König angeordnet, die fünf Städte Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zu einer königlichen Residenzstadt zu vereinigen; wirksam wurde das am 1. Januar 1710.
Das 18. Jahrhundert brachte repräsentative Bauten, die das Zentrum bis heute prägen.
Unter Friedrich II., der von 1740 bis 1786 regierte und Preußen zur europäischen Großmacht machte, entstand rund um die Straße Unter den Linden das Forum Fridericianum mit der Oper, die 1742 eröffnet wurde, außerdem das Zeughaus, die Alte Bibliothek und die katholische St.-Hedwigs-Kathedrale.
Am Ende der Allee wurde nach Plänen von Carl Gotthard Langhans das Brandenburger Tor gebaut, das nach dem Abbruch des alten Stadttors ab 1788 zwischen 1789 und 1793 entstand.
Auch das soziale Gesicht der Stadt veränderte sich. 1714 baute die jüdische Gemeinde in der Heidereutergasse ihre erste Synagoge; Die Charité ging aus einem 1710 gegründeten Pesthaus in der Spandauer Vorstadt hervor und erhielt 1727 ihren Namen; als medizinische Ausbildungsstätte mit öffentlichem Krankenhausbetrieb nennt das Bezirksamt das Jahr 1721.
Ein Befehl Friedrich Wilhelms I. von 1737 wies jüdischen Dienstboten und Hilfskräften Wohnorte nördlich der Stadtmauer zu und trug damit zur Entstehung des jüdischen Viertels bei. Das Scheunenviertel hat seinen Namen von Scheunen, die der Große Kurfürst um 1672 außerhalb der Stadtmauer errichten ließ.
Die Akzisemauer, ein Zollwall, wurde im Wesentlichen von 1734 bis 1737 gebaut; zwischen 1786 und 1802 ersetzte man ihre hölzernen Teile durch eine steinerne Mauer.
19. Jahrhundert: Besatzung, Museen und Industrie
Nach der preußischen Niederlage bei Jena und Auerstedt (14. Oktober 1806) zogen am 27. Oktober französische Truppen in Berlin ein. Die Quadriga, die Pferdeskulptur auf dem Brandenburger Tor, wurde im Dezember abgebaut und am 21. Dezember nach Paris geschafft; 1814 kehrte sie zurück.
In diese Zeit fielen auch preußische Reformen: Mit der Städteordnung von 1808 erhielten die Bürger mehr Selbstverwaltung, und 1809 tagte die erste Stadtverordnetenversammlung in der Nikolaikirche. 1810 wurde die Friedrich-Wilhelm-Universität gegründet, die heutige Humboldt-Universität, im Palais des Prinzen Heinrich an der Straße Unter den Linden.
Zu den prägenden Baumeistern jener Jahre gehörte Karl Friedrich Schinkel. Sein Schauspielhaus am Gendarmenmarkt wurde am 10. Februar 1821 eröffnet; die Friedrichswerdersche Kirche stammt von 1830. Im selben Jahr öffnete das Alte Museum als erstes öffentliches Museum Preußens auf der Spreeinsel.
Weitere Häuser folgten: das Neue Museum 1859, die Nationalgalerie 1876 und das Kaiser-Friedrich-Museum 1904, heute Bode-Museum. Der Name Museumsinsel setzte sich erst in den späten 1870er-Jahren durch. Seit 1999 gehört das Ensemble zum UNESCO-Welterbe.
Im Norden entstanden ab 1823 vor dem Oranienburger Tor Eisengießereien und Maschinenbaubetriebe, die den Beinamen „Feuerland“ bekamen. Mit der Industrialisierung wuchs die Bevölkerung rasch. Im März 1848 kam es in Berlin zu Barrikadenkämpfen, an die Gedenktafeln etwa am Alexanderplatz und am Gendarmenmarkt erinnern.
Die Revolution brachte keine dauerhafte Änderung der Machtverhältnisse. Das Rote Rathaus entstand von 1861 an nach Plänen von Hermann Friedrich Waesemann; Angaben zur Fertigstellung schwanken zwischen 1869 und 1871. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße wurde am 5. September 1866 geweiht.
Mit der Reichsgründung 1871 wurde Berlin Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Die Friedrichstadt erreichte in diesem Jahr mit 76.359 Einwohnern ihren höchsten Stand; Reichsbehörden zogen in die Wilhelmstraße, und die Friedrichstraße entwickelte sich zur wichtigen Geschäftsstraße. Die Stadtbahn mit dem Bahnhof Friedrichstraße wurde 1882 eröffnet.
In der Spandauer Vorstadt lebten 1890 mit 78.953 Menschen so viele wie nie zuvor. In der Dorotheenstadt dagegen sank die Zahl der Einwohner zwischen 1867 und 1910 von 20.144 auf 11.558. Am 23.
September 1906 öffneten die Hackeschen Höfe, ein von Kurt Berndt entworfener Hofkomplex, dessen erste Höfe August Endell gestaltete.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Verfolgung und Krieg
Am 1. Oktober 1920 entstand durch das Groß-Berlin-Gesetz die Einheitsgemeinde Berlin, die aus acht Städten, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirken 20 Bezirke bildete. Die historische Innenstadt wurde zum Bezirk Mitte. Die Friedrichstadt wurde dabei zwischen Mitte und Kreuzberg geteilt. 1925 hatte der Bezirk 295.837 Einwohner, 1933 waren es 266.137.
In den 1920er-Jahren war Mitte auch Schauplatz politischer Konflikte: In der Spandauer Vorstadt hatte die KPD von 1926 bis 1933 ihre Zentrale im Karl-Liebknecht-Haus.
Im Scheunenviertel lebten viele ostjüdische Einwanderer, deren Zahl seit 1914 stark zugenommen hatte. Am 5. November 1923 griffen Erwerbslose jüdische Bewohner und Geschäfte an, ausgehend vom Arbeitsamt in der Gormannstraße. Auch in den folgenden Jahren kam es zu Razzien und antisemitischen Ausschreitungen.
Die Berliner Juden, nach der Volkszählung vom Juni 1933 rund 160.000 Menschen, wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten systematisch ausgegrenzt und verfolgt.
In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die Synagogen in Berlin in Brand gesetzt. Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße blieb vor der Zerstörung bewahrt, weil der Leiter des Polizeireviers 16, Wilhelm Krützfeld, einschritt und die Feuerwehr das Feuer im Innern löschte.
Später begannen die Deportationen der jüdischen Bevölkerung; als Sammelstelle diente unter anderem das Altenheim in der Großen Hamburger Straße. Viele Orte der Machtdemonstration und Machtausübung des Regimes lagen in Mitte.
Der Krieg zerstörte große Teile des Zentrums. Die Neue Synagoge wurde bei einem Luftangriff am 23. November 1943 schwer beschädigt, im selben Monat wurde der Festsaal des Roten Rathauses zerstört.
Im Frühjahr 1945, in der Schlacht um Berlin, entstanden weitere Schäden an Straßen wie Unter den Linden, am Alexanderplatz und an der Museumsinsel, auf der über 70 Prozent der Bauten zerstört wurden. Die Einwohnerzahl des Bezirks sank bis 1946 auf 124.921.
Teilung, Hauptstadt der DDR und Mauer
Nach dem Krieg gehörte Mitte zum sowjetischen Sektor. 1949 wurde Ost-Berlin Hauptstadt der DDR, und Mitte wurde zu deren repräsentativem Zentrum. Das Rote Rathaus wurde von 1951 bis 1956 wiederaufgebaut und diente dem Ost-Berliner Magistrat. Das beschädigte Schloss wurde vom 7. September bis zum 30.
Dezember 1950 gesprengt, um einem Aufmarschplatz Raum zu geben. An seiner Stelle entstand von 1973 bis 1976 der Palast der Republik, der am 23. April 1976 eröffnet wurde und die Volkskammer beherbergte.
Am 13. August 1961 riegelte die DDR die Sektorengrenze ab, und ab dem 15. August entstand eine Mauer aus Betonelementen. Mitte lag an der Nahtstelle: Der Bahnhof Friedrichstraße wurde zum Grenzbahnhof, am Checkpoint Charlie standen sich am 27. Oktober 1961 jeweils 30 amerikanische und sowjetische Panzer gegenüber.
An der Bernauer Straße gehörte der Gehweg zu West-Berlin, die Häuser aber zum Osten; Eingänge wurden zugemauert, und mancher versuchte, sich aus Fenstern abzuseilen. Wie viele Menschen bei Fluchtversuchen starben, ist nicht genau bekannt; der Forschungsstand von 2009 nennt zwischen 136 und 245.
Die DDR formte das Zentrum um. Unter den Linden wurde 1963/64 neu gestaltet; bis Ende der 1960er-Jahre waren die meisten historischen Gebäude im Ostteil wiederaufgebaut. Der Alexanderplatz wurde von 1966 bis 1971 neu gestaltet, wofür 34 Häuser abgerissen wurden. Der Fernsehturm wurde am 3. Oktober 1969 eröffnet.
Für die 750-Jahr-Feier 1987 entstand von 1980 bis 1987 das Nikolaiviertel neu, die Nikolaikirche wurde bis auf die Turmhelme in früherer Form wiederhergestellt. In der Königsstadt und der Stralauer Vorstadt entstanden Plattenbausiedlungen.
Die alten Mietshäuser der Spandauer Vorstadt wurden jahrzehntelang vernachlässigt, es kam zu Leerstand und Verfall. In den 1980er-Jahren rekonstruierte man die Sophienstraße. Die Einwohnerzahl Mittes sank von 94.940 im Jahr 1960 auf 80.355 im Jahr 1985.
Seit 1990: Wende, Hauptstadt und neues Zentrum
Am 4. November 1989 fand auf dem Alexanderplatz eine der größten Demonstrationen der Berliner Geschichte statt. Fünf Tage später, am 9. November, wurde die Mauer geöffnet, und am 22. Dezember 1989 kam das Brandenburger Tor wieder offen für den Verkehr. Der Palast der Republik wurde am 19.
September 1990 wegen Asbestbelastung geschlossen. Seit dem 1. Oktober 1991 sind der Senat und der Regierende Bürgermeister im Roten Rathaus ansässig. Ebenfalls 1991 tagte das Abgeordnetenhaus erstmals in der Nikolaikirche.
Die Wende machte aus dem Randgebiet wieder ein Zentrum. Die S-Bahn fuhr durchgehend, geschlossene Bahnhöfe wurden wieder bedient, und seit 1999 ist Berlin Sitz von Bundesregierung und Bundestag.
In der Friedrichstadt entstanden von 1993 bis 1996 neue Geschäftspassagen. 1995 wurde die Neue Synagoge als Centrum Judaicum wiedereröffnet; sie ist seither ein Kulturzentrum mit Gedenkfunktion. An der Bernauer Straße erinnert die Gedenkstätte Berliner Mauer an die Teilung, 1998 wurde dort ein Teilstück der Grenzanlagen errichtet, am 9.
November 2000 die Kapelle der Versöhnung geweiht.
Am 10. Mai 2005 wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht: ein etwa 19.000 Quadratmeter großes Feld mit 2.711 Betonstelen, von denen nach Änderungen 2.710 stehen. Der Palast der Republik wurde zwischen 2006 und 2008 abgerissen.
Von 2013 bis 2020 wurde das Schloss in seiner äußeren Form neu errichtet; das Humboldt Forum eröffnete zunächst am 16. Dezember 2020 digital und am 20. Juli 2021 allgemein für Besucher. Das Neue Museum auf der Museumsinsel öffnete am 16. Oktober 2009 wieder, die James-Simon-Galerie am 12. Juli 2019.
Die Spandauer, die Oranienburger und die Rosenthaler Vorstadt erlebten nach 1990 einen starken Wandel, der als Gentrifizierung (Verdrängung ansässiger Bevölkerung durch Aufwertung) bezeichnet wird. Das Gebiet ist heute weitgehend denkmalgeschützt.
Künstler besetzten 1992 die Ruine des Passage-Kaufhauses in der Oranienburger Straße, das Kunsthaus Tacheles; 2012 mussten sie es verlassen. Seit der Bezirksreform vom 1. Januar 2001 ist Mitte Ortsteil des gleichnamigen großen Bezirks.