Dreißigjähriger Krieg und das 18. Jahrhundert
Der Dreißigjährige Krieg traf die Dörfer rund um Berlin hart. Für Reinickendorf wird eine große Plünderung im Jahr 1631 überliefert, und am 24. Juni 1632 verkaufte die Stadt Berlin das Dorf an den Handelsherrn Peter Engel.
Die Folgen der Kriegsjahre waren dramatisch: Der Gutshof brannte ab, die Felder konnten zeitweise nur noch zum Teil bestellt werden, und 1652 lebten im Dorf nur noch fünf Kossäten, aber kein Bauer mehr.
Wie schnell das Dorf in der Folgezeit wieder in städtische Hände kam, geben die Quellen unterschiedlich an. Nach einer Darstellung erwarb der Berliner Rat 1680 das Wiederkaufsrecht und kaufte das Dorf am 1. April 1710 zurück; das Straßenverzeichnis nennt dagegen schon das Jahr 1680 als Rückkauf.
Gesichert ist, dass Reinickendorf im 18. Jahrhundert wieder zu Berlin gehörte und dass der Ort in dieser Zeit eine Papiermühle und später Getreidemühlen beherbergte.
Das Dorfleben war von Streit um Weiderechte geprägt. Im November 1729 kam es nach den überlieferten Berichten zu einer blutigen Schlägerei zwischen den Pächtern von Reinickendorf und Wedding um die Hütung (das Recht, Vieh auf einer Fläche weiden zu lassen); das Kammergericht entschied zugunsten Weddings.
Um 1738 gründete der Berliner Magistrat am Ostufer des heutigen Schäfersees eine Schäferei. Die Schafe wurden vor der Schur im See gewaschen, was nach der Überlieferung immer wieder Streit mit den Fischern auslöste.
Gegen Ende des Jahrhunderts wurde das Gutsland aufgeteilt: Die Gemeinde übernahm Ackerland, während Schäferei und Gutshof verkauft wurden.
19. Jahrhundert: Vom Bauerndorf zur Vorstadt
Im 19. Jahrhundert änderte sich das Dorf Schritt für Schritt. Die preußischen Agrarreformen lösten die alte Gemeinschaft der Bauern auf: Um 1821 wurden Äcker und Wiesen getrennt und den einzelnen Höfen zugeteilt, später konnten sich die Bauern von ihren Abgaben freikaufen.
Von dem ländlichen Alltag jener Jahre zeugt das Büdnerhaus (Haus eines Kleinbauern ohne vollen Hof) in Alt-Reinickendorf 35, das 1826 für Johann Ludwig Ribbe errichtet wurde. Das benachbarte Bauernhaus Alt-Reinickendorf 37 entstand 1874 für die Familie Großkopf.
Die Landstraße nach Oranienburg wurde bis 1839 zur befestigten Chaussee ausgebaut und führte durch das Dorf. Am Schäfersee entstand ein erstes Gewerbe, das mit der Stadt zu tun hatte: der Unternehmer Eduard Mudrack ließ auf dem See Natureis schneiden und lagern.
Das Eiswerk wurde nach der Wikipedia 1852 errichtet, nach dem Artikel zum Schäfersee erst Anfang 1856; geerntet wurde das Eis laut Wikipedia von 1856 bis 1911.
Der eigentliche Umbruch begann in den 1870er Jahren. Nach der Reichsgründung 1871 dehnte sich Berlin immer weiter aus, und Reinickendorf wurde in diese Entwicklung hineingezogen. Um 1870 erwarb der Bankier Eichborn das große Lehnschulzengut und ließ es in Bauparzellen aufteilen; ab 1872 wurde die Feldmark besiedelt.
Zur selben Zeit entstand eine Verwaltung, die über das Dorf hinausreichte, der Amtsbezirk Reinickendorf, den die Literatur auf 1874 datiert. Der entscheidende Anschluss kam 1877 mit der Berliner Nordbahn nach Neustrelitz, die dem Ort einen unmittelbaren Zugang nach Berlin verschaffte und die Zahl der Einwohner rasch ansteigen ließ.
Bahn, Strom und Fabriken
Mit der Kremmener Bahn, die 1893 eröffnet wurde, bekam Reinickendorf eine zweite Schienenverbindung. Der Bahnhof, der noch heute als S-Bahnhof Alt-Reinickendorf genutzt wird, wurde am 1.
Oktober 1893 unter dem Namen „Reinickendorf (Dorf)“ eröffnet; das Gebäude stammt aus demselben Jahr. 1911 erhielt die Station den Namen Reinickendorf, seit 1994 heißt sie Alt-Reinickendorf. Nach Angaben des Straßenverzeichnisses machte die Bahn aus dem Dorf in kurzer Zeit ein dicht bebautes Industriegebiet.
Die Industrie brauchte Energie, und Reinickendorf wurde früh in das städtische Stromnetz eingebunden. Die Berliner Elektricitäts-Werke errichteten um 1910 in der Hausotterstraße und um 1912 in Alt-Reinickendorf je ein Schalthaus, über das der Drehstrom aus dem Kraftwerk Moabit mit 6.000 Volt an Umspannstationen verteilt wurde.
Beide Backsteinbauten sind erhalten, das in der Hausotterstraße steht unter Denkmalschutz; sie dokumentieren, wie weit die Großstadt ihre technische Versorgung schon vor dem Ersten Weltkrieg in die Vororte ausgedehnt hatte.
Auch der Schäfersee veränderte seine Rolle. Um 1910 gab es an seinem Südufer das Seebad Reinickendorf, ein Strandbad für die wachsende Bevölkerung der Umgebung.
Zwischen 1922 und 1928 gestaltete der Gartenarchitekt Karl Löwenhagen den See samt Uferanlagen zum Park um, der Teil eines grünen Bandes zwischen dem Wedding und Reinickendorf werden sollte. Die Anlage steht heute als Gartendenkmal unter Schutz.
Groß-Berlin und die Weiße Stadt
Bis 1920 war Reinickendorf eine selbständige Landgemeinde im Landkreis Niederbarnim der preußischen Provinz Brandenburg. Mit dem Groß-Berlin-Gesetz von 1920 wurde sie Teil der neuen Einheitsgemeinde Berlin.
Der Ort gab dem neuen Verwaltungsbezirk seinen Namen, obwohl dessen Verwaltungssitz im damaligen Rathaus der Nachbargemeinde Wittenau liegt, das 1911 für die Gemeinde Wittenau gebaut wurde und heute noch als Rathaus Reinickendorf bezeichnet wird.
Berlin stand in den 1920er Jahren vor einer gewaltigen Wohnungsnot, und die Stadt setzte auf den Bau von Siedlungen am Stadtrand. In Reinickendorf entstand ab 1929 und bis 1931 die Weiße Stadt an der Aroser Allee. Bauherr war die städtische Gemeinnützige Heimstättengesellschaft Primus.
Die Gesamtleitung hatte Martin Wagner, den städtebaulichen Entwurf lieferte Otto Rudolf Salvisberg, der gemeinsam mit Bruno Ahrends und Wilhelm Büning auch die Häuser plante. Der Landschaftsarchitekt Ludwig Lesser gestaltete die Grünflächen.
Die Siedlung umfasst auf rund 14 Hektar 1.268 Wohnungen mit einem bis dreieinhalb Zimmern, von denen etwa vier Fünftel höchstens zweieinhalb Zimmer haben. Auffällig sind die hellen Fassaden, die ihr den Namen gaben, mit farbigen Akzenten an Dachüberständen, Fensterrahmen und Türen.
Ein Brückenhaus überspannt die Aroser Allee und bildet mit den Torhäusern den Eingang. Zur Ausstattung gehörten damals rund 25 verstreute Läden, ein Kinderheim, eine Arztpraxis, ein Café sowie ein Heizwerk mit zentraler Wäscherei.
Die Jahre vor 1933 waren auch politisch gewalttätig. In der Nacht vom 18. zum 19. Januar 1932 zogen etwa 150 SA-Männer nach einer Versammlung in Waidmannslust an der Laubenkolonie Felseneck im heutigen Bezirk Reinickendorf vorbei und griffen sie an.
Der seit 1929 arbeitslose Bauarbeiter Fritz Klemke, Mitglied der KPD, stellte sich ihnen entgegen und wurde erschossen. Etwa 1.500 Menschen nahmen an seiner Trauerfeier teil. Das Gerichtsverfahren endete im Dezember 1932 mit einer Einstellung aufgrund einer Amnestie, ohne dass Täter verurteilt wurden. Klemkestraße und Klemkepark in Reinickendorf erinnern an ihn.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg arbeitete die Industrie in Reinickendorf für die Rüstung. Genannt werden die Argus-Motoren-Werke, die 1906 in Berlin gegründet worden waren und Flugzeugmotoren sowie später auch den Antrieb der Flugbombe V1 herstellten. Neben dem Werk bestand nach der Darstellung der Berliner Zeitung ein Lager für Zwangsarbeiter.
Nach der englischsprachigen Wikipedia gab es in Reinickendorf außerdem ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, in dem ungarisch-jüdische und polnische Frauen untergebracht waren; die Quellen verknüpfen es nicht ausdrücklich mit den Argus-Werken.
Für das Ausmaß der Zwangsarbeit liegen belegte Zahlen nur für den gesamten Bezirk vor.
Nach den Angaben der Gedenkstätte am Krumpuhler Weg, die selbst im Ortsteil Tegel liegt, sind im Bezirk Reinickendorf rund 140 Lager bekannt, und 1944 lebten dort mehr als 30.000 Zwangsarbeiter; in ganz Berlin waren es in jenem Jahr etwa 400.000.
Wie viele davon genau im Ortsteil Reinickendorf untergebracht waren, lässt sich aus diesen Angaben nicht ableiten.
Alliierte Luftangriffe trafen den Ortsteil, und im April 1945 kam der Kampf um Berlin auch hierher. Wie sehr der Alltag zum Erliegen kam, zeigt das Beispiel des Bahnhofs Reinickendorf: Der Betrieb ruhte von Ende April bis zum 10. Juni 1945.
Am Freiheitsweg wurde 1945 eine zentrale Kriegsgräberstätte für Soldaten angelegt, die in Berlin ums Leben gekommen waren; dort liegen nach englischsprachigen Angaben rund 2.370 Tote, darunter auch zivile Opfer der ersten Nachkriegsmonate.
Teilung und Nachkriegszeit
Nach dem Krieg gehörte Reinickendorf zum Französischen Sektor von West-Berlin. Der Wiederaufbau begann früh: Die Weiße Stadt wurde von 1949 bis 1954 nach dem ursprünglichen Entwurf wieder hergerichtet, beraten von dem Architekten Wilhelm Büning, der schon am Bau beteiligt gewesen war.
Das Heizwerk der Siedlung wurde in den späten 1960er Jahren abgerissen, und seit 1982 läuft ein Erneuerungsprogramm, das auf den Denkmalwert der Anlage Rücksicht nimmt.
Der Ortsteil lag in der Teilungszeit am Rand des Westteils. Seine östliche Grenze zu den Pankower Ortsteilen bildete die Nordbahn, und an der Kopenhagener Straße zeigen Fotos des Bezirksamts aus den Jahren 1989 und 1990 die Öffnung und den Abbau der Grenzanlagen.
Auch das Verkehrsnetz spürte die Teilung: Der Betrieb der S-Bahn am Bahnhof Reinickendorf wurde am 9. Januar 1984 eingestellt.
Neben den Siedlungen der Weimarer Zeit entstanden in den Nachkriegsjahrzehnten neue Wohnungen und öffentliche Einrichtungen. Dazu zählen das Paracelsus-Bad, das heute unter Denkmalschutz steht, sowie Kirchen wie die Evangeliumskirche von 1956. Um 1960 entstanden nach der Wikipedia-Darstellung rund 2.200 Wohnungen auf früheren Kleingartenflächen.
Die Einwohnerzahl lag 1946 bei rund 63.000 und stieg bis 1960 wieder auf etwa 75.000.
Seit 1990: Welterbe und neue Aufgaben
Nach der Wiedervereinigung verlor Reinickendorf seine Randlage. Am 28. Mai 1995 nahm die S-Bahn am Bahnhof Alt-Reinickendorf den Betrieb wieder auf. Bei der Bezirksreform von 2001 behielt der Bezirk Reinickendorf seine eigenständige Stellung. Am 7.
Juli 2008 nahm das Welterbekomitee der UNESCO in Québec die Weiße Stadt zusammen mit fünf weiteren Wohnsiedlungen als „Siedlungen der Berliner Moderne“ in die Welterbeliste auf. Die UNESCO verweist auf den Einfluss der Siedlungen auf den sozialen Wohnungsbau und auf ihre neuen städtebaulichen und architektonischen Formen.
Seit 2012 wird die Weiße Stadt durch ein Blockheizkraftwerk mit Wärme versorgt.
Auch ein Bau der Nachkriegszeit steht im Mittelpunkt: Das Paracelsus-Bad wird seit 2018 saniert, die Wiedereröffnung war nach einer Mitteilung des Bezirksamts vom April 2025 für 2026 geplant; ob sie inzwischen erfolgt ist, wurde nicht geprüft.
Die Geschichte des Bezirks mit seinen Ortsteilen zeigt das Museum Reinickendorf in Alt-Hermsdorf, das den Bogen vom Ende der letzten Eiszeit bis zu den Weltkriegen spannt und den gesamten Bezirk behandelt.