17. und 18. Jahrhundert: Vorwerk, Kolonisten und Brunnenkur
Wieder in landwirtschaftliche Nutzung kam der Wedding um 1600. Nach den Angaben des Bezirksamts Mitte wurde 1601 der „Weddinghof“ gegründet, der den kurfürstlichen Hof versorgen sollte. Andere Darstellungen nennen das Jahr 1603, als der Gutshof an den brandenburgischen Kurfürsten gefallen und als Vorwerk (landwirtschaftlicher Nebenbetrieb eines Herrschers) genutzt worden sei.
Vermutlich ist derselbe Vorgang gemeint. Wichtig ist die Folge: Das Gebiet war nun kurfürstliche Domäne und gehörte rechtlich nicht mehr zur Stadt Berlin.
Im 18. Jahrhundert begann die eigentliche Besiedlung. Friedrich II. ließ fremde Bauern ansiedeln, die das Sumpfland urbar machen sollten.
Die Quellen datieren die Kolonie unterschiedlich: Eine Darstellung nennt für die ersten Kolonistenhäuser das Jahr 1778 und für die förmliche Gründung der Kolonie „Wedding“ oder „Neu-Wedding“ das Jahr 1782, eine andere spricht allgemein vom Zeitraum zwischen 1752 und 1780. Sicher ist, dass die Siedlung klein blieb.
Für das Jahr 1817 nennt das Bezirksamt für den Wedding und den Gesundbrunnen zusammen nur 356 Einwohner.
Im Süden tat sich unterdessen etwas anderes. Um 1760 eröffnete der Hofapotheker Heinrich Wilhelm Behm an einer Quelle ein Heilbad, nach dem später der Gesundbrunnen benannt wurde; die Bauten dafür entstanden ab 1758. Der Kurbetrieb zog Besucher an, und nach einer Darstellung siedelten sich Vergnügungsbetriebe auch im Wedding an.
Wedding und Gesundbrunnen blieben bis 1861 außerhalb der Berliner Stadtgrenze und wurden erst danach gemeinsam zu einem Teil der Stadt. Noch vorher, 1835, wurde am heutigen Leopoldplatz die von Karl Friedrich Schinkel entworfene Nazarethkirche geweiht, eine von vier Vorstadtkirchen, die er für den wachsenden Norden Berlins plante.
1861 bis 1900: Eingemeindung und Fabrikzeit
Der entscheidende Einschnitt war das Jahr 1861. Per königlicher Kabinettsorder wurden Wedding, Gesundbrunnen und Moabit nach Berlin eingemeindet, laut Bezirksamt gegen den Willen der Berliner Stadtverordneten (der gewählten Vertreter der Stadt). Wedding und Gesundbrunnen hatten zuvor zum Kreis Niederbarnim gehört.
Nach dem Bezirksamt lebten dort fünf Jahrzehnte nach 1817 schon über 10.000 Menschen. Von nun an lag der Wedding innerhalb der Stadtgrenze, und die Einwohnerzahl stieg weiter.
Die Industrie folgte bald. 1851 hatte der Apotheker Ernst Schering seine „Grüne Apotheke“ in der Chausseestraße eröffnet. Schon 1864 nahm er an der Müllerstraße im Wedding eine chemische Fabrik in Betrieb, und 1871 wandelte er sie in die Chemische Fabrik auf Actien (vormals E. Schering) um.
Der Standort blieb später der Stammsitz. In den folgenden Jahrzehnten siedelten sich weitere Betriebe an, darunter Elektrokonzerne wie AEG und Siemens. 1935 übernahm Osram das Gelände eines Elektrounternehmens an der Oudenarder Straße; dieses Werk soll das größte Glühlampenwerk Europas gewesen sein, so eine Vermutung in einer Quelle.
Wann die Produktion endete, ist je nach Quelle unterschiedlich angegeben (1988 oder nach 1990). Der Wedding wurde zum Fabrik- und Arbeiterviertel.
Mit den Fabriken kamen die Menschen, viele vom Land. Es entstanden eng bebaute Häuserblöcke mit Hinterhöfen, später als Mietskasernen bekannt. Auch Einrichtungen für Obdachlose gehörten zum Bild, etwa die „Wiesenburg“ in der Wiesenstraße, ein Heim für bis zu 700 Männer.
Der Berliner Asylverein für Obdachlose bestand seit 1868, das Haus in der Wiesenstraße wurde 1896 eröffnet; die Quellen nennen deshalb beide Jahre. Das Heim schloss 1931, als die staatliche Förderung endete, nach einer anderen Darstellung erst 1933 unter den Nationalsozialisten.
Gesundheit, Schulen und Wohnungsbau bis zum Ersten Weltkrieg
Die rasche Verdichtung machte öffentliche Einrichtungen nötig. In den Jahren 1865 und 1866 entstand an der Pankstraße 47 eine Gemeindeschule, nach Angabe des Museums das erste öffentliche Gebäude der früheren Vororte Wedding und Gesundbrunnen.
Heute beherbergt es das Mitte Museum. 1876 wurde das Paul-Gerhardt-Stift gegründet, 1890 ein Kinderkrankenhaus, das die hohe Kindersterblichkeit senken sollte.
Ein weiteres Vorhaben war das städtische Krankenhaus im Nordwesten Berlins. Weil die Bevölkerung der Stadt zwischen 1871 und 1900 auf mehr als das Doppelte gewachsen war, brauchte man ein weiteres Großkrankenhaus. Der Mediziner und Politiker Rudolf Virchow setzte sich für den Standort im Wedding ein.
Der Architekt Ludwig Hoffmann entwarf eine Anlage aus frei stehenden Pavillons zwischen Gärten, gedacht als „Gartenstadt für Kranke“. Am 17. September 1906 wurde das Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Anwesenheit des Kaisers eröffnet.
Zur gleichen Zeit entstanden das Amtsgericht am Brunnenplatz (1901 bis 1906), das Stadtbad in der Gerichtstraße (1907) und der Schillerpark (angelegt ab 1909).
Vor dem Ersten Weltkrieg wurde die Gegend immer dichter. Im Jahr 1917 eröffnete in der Schönstedtstraße ein Ledigenheim mit rund 500 Zimmern für allein lebende Männer.
Fast gleichzeitig begann die Geschichte des Afrikanischen Viertels: Ab 1899 wollte der Hamburger Tierparkbesitzer Carl Hagenbeck das kaum bebaute Gelände zu einem exotischen Park machen, in dem neben Tieren auch Afrikaner vorgeführt werden sollten.
Die Pläne scheiterten, das Gebiet wurde bebaut, und die Straßen erhielten ab 1902 Namen mit Bezug auf die deutschen Kolonien. Der Bezirk Wedding zählte schließlich rund 337.000 Einwohner, je nach Quelle schon 1917 oder bei der Bezirksbildung 1920. Das war sein höchster Stand.
Der Wert gilt für den damaligen Bezirk, der auch den heutigen Ortsteil Gesundbrunnen umfasste.
1920 bis 1933: Der „Rote Wedding“
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz entstand am 1. Oktober 1920 der Bezirk Wedding als dritter Verwaltungsbezirk der neuen Stadt. Er umfasste Wedding und Gesundbrunnen sowie Teile zweier Vorstädte im Süden. Die Verwaltung war zunächst auf 25 Orte verteilt, bis 1930 das neue Rathaus an der Müllerstraße eingeweiht wurde.
Das Bezirksamt nennt Wedding in dieser Zeit den Bezirk mit der höchsten Arbeitslosigkeit Berlins.
Politisch war der Wedding ein Zentrum der Arbeiterbewegung. Die Bezeichnung „Roter Wedding“ bezieht sich auf die Mehrheit von Kommunisten und Sozialdemokraten. Bei der Bezirkswahl 1929 erhielt die KPD nach einer Darstellung des August-Bebel-Instituts 40,6 Prozent, die SPD 30,1 Prozent und die NSDAP nur 3,1 Prozent.
Es gab weltliche Schulen, die ohne Religionsunterricht auskamen. Die NSDAP versuchte ab 1926, im Bezirk Fuß zu fassen, und ihre Auftritte endeten mehrfach in Straßenkämpfen. So eskalierte 1927 eine Veranstaltung mit Joseph Goebbels in den Pharus-Sälen.
Auf einem Höhepunkt der Gewalt stand der „Blutmai“. Im Dezember 1928 hatte der Berliner Polizeipräsident Karl Zörgiebel Demonstrationen unter freiem Himmel verboten, das Verbot galt bald auch am 1. Mai 1929. Die KPD rief trotzdem zu Kundgebungen auf. Im Wedding und in Neukölln kam es vom 1. bis 3.
Mai zu Auseinandersetzungen, die Polizei setzte Schlagstöcke, Wasserwerfer und Schusswaffen ein. Berlinweit starben nach unterschiedlichen Angaben zwischen 32 und 38 Menschen, meist wird von etwa 33 gesprochen. Das August-Bebel-Institut nennt für den Wedding 19 Tote und rund 250 Verletzte.
Eine Untersuchung des Polizeieinsatzes blieb aus, der Rote Frontkämpferbund wurde verboten. Von 1.228 Festgenommenen wurden 43 verurteilt.
Auch der Wohnungsbau suchte neue Wege. Die Siedlung Schillerpark entstand nach Plänen von Bruno Taut zwischen 1924 und 1930 für den Berliner Spar- und Bauverein. Erste Ideen gab es schon 1914, verwirklichen ließ sich das Projekt erst, nachdem 1924 die Hauszinssteuer die Finanzierung ermöglichte.
Die Bezirksverwaltung hatte Einwände gegen die Flachdächer. Die Siedlung gehört seit dem 7. Juli 2008 mit fünf weiteren Berliner Anlagen zum UNESCO-Welterbe.
1933 bis 1945: Verfolgung, Widerstand und Krieg
Bei der Bezirkswahl 1933 erhielt die NSDAP im Wedding 29,9 Prozent, die KPD 32,6 Prozent und die SPD 24,0 Prozent, so das August-Bebel-Institut. Nach der Machtübernahme gingen die Nationalsozialisten gegen die Arbeiterbewegung vor. Die SA übernahm Lokale, die der KPD gehört hatten, darunter eine Gaststätte in der Kösliner Straße.
Politische Gegner wurden verhaftet. Georg Benjamin, der als junger Mediziner im Ledigenheim in der Schönstedtstraße gelebt und geforscht hatte, kam in Haft und starb 1942 im Konzentrationslager Mauthausen.
Widerstand gab es dennoch. Das Ehepaar Otto und Elise Hampel verteilte Postkarten und Flugblätter gegen das Regime, wurde 1942 verhaftet und 1943 in Plötzensee hingerichtet. Der KPD-Politiker Albert Kayser starb 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. Zahlreiche jüdische Bewohner wurden verfolgt und deportiert, unter anderem nach Auschwitz, Riga, Łódź und Theresienstadt.
Genaue Zahlen für den Ortsteil lassen sich aus den abgerufenen Quellen nicht sicher entnehmen.
Schon 1938 war der Bezirk durch Gebiete aus Charlottenburg und Pankow vergrößert worden und hatte dadurch etwa 238 Hektar und 11.047 Einwohner hinzugewonnen. Im Krieg gab es auch im Wedding Zwangsarbeit in mehreren Fabriken des Bezirks.
Der Tagesspiegel nennt als Beispiel eine Großbäckerei in der Maxstraße, in der 1944 nach seinen Angaben 1.227 Zwangsarbeiter arbeiteten. Luftangriffe zerstörten weite Teile der Bebauung; am Virchow-Krankenhaus wurde etwa die Hälfte der Pavillons zerstört.
1945 bis 1989: Französischer Sektor, Mauer und Stadterneuerung
Nach Kriegsende gehörte der Wedding zum französischen Sektor von West-Berlin. Im August 1945 wurde die heutige Julius-Leber-Kaserne (auch „Quartier Napoléon“) Hauptquartier der französischen Streitkräfte in Berlin. Die französischen Streitkräfte blieben bis 1994. Zum Abzug 1994 wurde eine kleine Nachbildung des Eiffelturms gestiftet, die heute vor dem Centre Français steht.
Am 13. August 1961 begann der Mauerbau. Die Bernauer Straße hatte seit 1920 die Grenze zwischen dem Bezirk Wedding im Norden und dem Bezirk Mitte im Süden gebildet, die Häuser der Südseite standen direkt an der Sektorengrenze. Nach dem Mauerbau sprangen Bewohner aus Fenstern; 1961 starben dabei vier Menschen.
Die DDR ließ die Südhäuser später abreißen. Die Versöhnungskirche im Grenzstreifen wurde im Januar 1985 gesprengt. Heute erinnert die Gedenkstätte Berliner Mauer an die Teilung. Die Nordseite der Straße gehört seit 2001 zum Ortsteil Gesundbrunnen.
In West-Berlin sollte der Wedding modernisiert werden. 1963 kündigte Willy Brandt das erste Stadterneuerungsprogramm an. Das Gebiet um die Brunnenstraße (heute Brunnenviertel im Ortsteil Gesundbrunnen) wurde eines der ersten Sanierungsgebiete.
Dort wurden etwa 9.000 von 14.700 Altbauwohnungen abgerissen, und die Einwohnerzahl des Brunnenviertels sank von 39.000 im Jahr 1961 auf 21.000 im Jahr 1988. Nach Protesten und Hausbesetzungen setzte sich ab 1981 die „behutsame Stadterneuerung“ durch.
Parallel änderte sich die Bevölkerung. Im Oktober 1961 schloss die Bundesrepublik das Anwerbeabkommen mit der Türkei, und in den folgenden Jahren fanden viele Arbeiter in West-Berliner Betrieben eine Stelle.
Wegen des preiswerten Wohnraums zogen ab den 1970er Jahren viele Zuwanderer in den Wedding. 1975 verhängte West-Berlin eine Zuzugssperre für Kreuzberg, Tiergarten und Wedding, die den Zuzug nicht aufhielt.
Die Statistik verzeichnet für den Bezirk 179.604 Einwohner im Jahr 1970 und 135.792 im Jahr 1980, wobei die Zahlen der Jahre 1975 bis 1985 als zu niedrig erfasst gelten.
Seit 1990: Wiedervereinigung und Bezirk Mitte
Mit dem Ende der Teilung 1989/90 verlor der Wedding seine Lage an der Sektorengrenze. Zum Aufschwung der frühen 1990er Jahre in anderen Teilen Berlins gehörte der Wedding allerdings nicht, weshalb sich viel vom alten Charakter erhalten hat. Die Einwohnerzahl des Bezirks lag im Jahr 1990 bei 164.900.
Das Virchow-Klinikum wurde 1995 Teil der Charité.
Am 1. Januar 2001 wurden die Bezirke Tiergarten, Wedding und Mitte zum neuen Bezirk Mitte zusammengelegt. Das Gebiet des früheren Bezirks Wedding wurde geteilt: Der westliche Teil bildet seither den Ortsteil Wedding, der östliche den Ortsteil Gesundbrunnen. Die Grenze verläuft ungefähr entlang der Reinickendorfer Straße und der Chausseestraße.
Im Jahr 2004 fusionierte das Heimatmuseum Wedding mit zwei weiteren Häusern zum Mitte Museum.
Die Industrie ist weitgehend verschwunden. Osram stellte die Glühlampenproduktion 1988 ein, auf dem Gelände stehen die OsramHöfe. Schering wurde 2006 von Bayer übernommen. Mehrere Straßen im Afrikanischen Viertel, die an Akteure der deutschen Kolonialzeit erinnern, sind Gegenstand einer langen Umbenennungsdebatte, die bis in die 1980er Jahre zurückreicht.
Seit 2016 beauftragte der Bezirk ein Verfahren mit Bürgerbeteiligung; nach Angaben des Bezirksamts sind die neuen Namen beschlossen, bis zum Ende anhängiger Klagen aber nicht wirksam. Prägend sind bis heute Gründerzeitviertel, Siedlungen der 1920er Jahre und eine Bevölkerung mit vielfach internationaler Herkunft.