Vom Bad zum Arbeiterviertel
Im 19. Jahrhundert änderte sich die Gegend von Grund auf. 1832 bis 1835 entstand nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel die St.-Pauls-Kirche im klassizistischen Tempelstil, die 1945 bei Straßenkämpfen ausbrannte.
Mit der Industrialisierung zogen Menschen vom Land in die wachsende Stadt, und die Fläche nördlich der Stadtmauer füllte sich mit Fabriken und Wohnhäusern. 1861 wurden Gesundbrunnen und Wedding nach Berlin eingemeindet. Aus dem Ausflugsziel wurde ein dicht bebautes Arbeiterviertel.
Für das Bad bedeutete das den Niedergang. Gerbereien an der Panke verschmutzten das Wasser, und Bauarbeiten gruben ihr das Wasser ab. Über den genauen Zeitpunkt des Versiegens geben die Quellen verschiedene Jahre an, nämlich 1869, 1882 und 1891; sicher ist nur, dass die Quelle im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts verloren ging. Auf dem Nachbargrundstück eröffnete Mitte der 1870er Jahre das „Marienbad“, das nicht mehr der Kur diente, sondern der Unterhaltung mit Restaurants, Sälen und später einem Kino. Die Brüder Carl und Emil Galuschki prägten es.
Als nach 1900 die Travemünder Straße gebaut wurde, fiel das alte Brunnenhäuschen dem Straßenbau zum Opfer; je nach Quelle wurde es 1906 oder 1908 abgerissen.
Das Wohnen im neuen Viertel war hart. Die Mietskasernen (mehrgeschossige Mietshäuser mit mehreren Hinterhöfen) waren überfüllt und ohne Bad, die Toilette lag oft auf dem Treppenabsatz. Als Beispiel für die Wohnverhältnisse wird oft „Meyers Hof“ in der Ackerstraße 132 genannt, der erst 1972 abgerissen wurde.
Ein Gegenpol war der Volkspark Humboldthain. Die ersten Planungen begannen 1865; die Anlage umfasst heute rund 29 Hektar. Die Bauarbeiten begannen am 14. September 1869, dem 100. Geburtstag Alexander von Humboldts, nach dem der Park benannt ist. Gestaltet hat ihn Gustav Meyer.
Die Anlage wurde ab 1872 genutzt und 1876 fertig.
Industrie und Bahn
Wirtschaftlich prägte den Ortsteil die Elektro- und Maschinenindustrie. Ab 1895 baute die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) ihr Werk an der Brunnenstraße auf, wo Generatoren, Großmaschinen und Bahnausrüstung entstanden. Das Beamtentor von Franz Schwechten, 1896/97 errichtet, ist das einzige Überbleibsel der ältesten Anlagen.
Ab 1907 war Peter Behrens künstlerischer Berater der AEG, und er entwarf bis 1912 mehrere Fabrikbauten, darunter die Hochspannungsfabrik und die Montagehalle für Großmaschinen an der Hussitenstraße. Ihre schmucklose, strenge Gestaltung beeinflusste die Industriearchitektur weit über Berlin hinaus.
Weitere Betriebe wie die Berliner Maschinenbau AG (Louis Schwartzkopff), die Druckmaschinenfabrik Rotaprint und später Werke von Telefunken ergänzten das Bild.
Wichtig war außerdem die Eisenbahn. Die Ringbahn nahm 1872 den Personenverkehr auf, und am Bahnhof Gesundbrunnen trafen sich bald mehrere Strecken. Die Stettiner Bahn wurde 1895 bis 1897 verlegt, es entstanden neue Bahnsteige und ein neugotisches Empfangsgebäude.
Die U-Bahn kam später: Der Bahnhof der damaligen Linie D, der heutigen U8, wurde am 18. April 1930 eröffnet. Auch die Bösebrücke über die Bahnanlagen, 1916 eröffnet und als erste genietete Stahlbrücke Berlins bezeichnet, verbindet den Ortsteil mit Prenzlauer Berg.
Ursprünglich hieß sie Hindenburgbrücke, ihren heutigen Namen erhielt sie 1948 nach dem 1944 hingerichteten Widerstandskämpfer Wilhelm Böse.
Zum Ortsteil gehörten auch Einrichtungen für die Gesundheit. 1914 eröffnete das Jüdische Krankenhaus an der damaligen Exerzierstraße, der heutigen Iranischen Straße. Die Gebäude von Konrad Reimer und Friedrich Körte stehen heute unter Denkmalschutz.
Im Marienbad an der Badstraße öffnete 1908 ein Kino, nach Angaben des Bezirksamts das erste des Ortes, und das alte Bad wandelte sich endgültig zum Vergnügungsort.
Weimarer Republik: Bezirk Wedding
Das Groß-Berlin-Gesetz von 1920 fasste Gesundbrunnen und Wedding zum Verwaltungsbezirk Wedding zusammen, der bis zur Verwaltungsreform 2000 bestand. Der Bezirk galt als Arbeiterbezirk mit starker Linken, im Volksmund war vom „Roten Wedding“ die Rede. Politische Gegensätze entluden sich auch auf der Straße.
Nach einer Darstellung starben bei den Auseinandersetzungen am 1. Mai 1929, dem sogenannten Blutmai, im Bereich Wiesenstraße und Uferstraße 19 Menschen.
Wie sich diese Lage in Wahlergebnissen spiegelte, zeigt der 5. März 1933. Bei der Reichstagswahl erreichte die NSDAP im Bezirk Wedding mit 25,9 Prozent ihr Berliner Tiefstwert; die KPD kam auf 39,2 und die SPD auf 22,8 Prozent.
Auch der Fußball hatte seinen Platz: Hertha BSC, am Stadion am Gesundbrunnen beheimatet, wurde 1930 und 1931 deutscher Meister.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Nach 1933 wurden auch in Gesundbrunnen Menschen verfolgt. Das Jüdische Krankenhaus durfte ab 1933 keine nichtjüdischen Patienten mehr behandeln, nichtjüdisches Personal musste gehen. Ab Oktober 1942 wurde das Haus schrittweise zu einem sogenannten Sammellager, von dem aus Menschen deportiert wurden.
Als die Rote Armee 1945 kam, befanden sich nach einer Aufstellung noch rund 370 Patienten, knapp 1.000 Internierte, 93 Kinder und 76 Gefangene im Gebäude.
Im Krieg wurde der Humboldthain zum militärischen Gelände. Von Oktober 1941 bis April 1942 entstand dort, wie im Tiergarten und im Friedrichshain, ein Paar von Flaktürmen: ein Gefechtsturm mit Geschützen und ein kleinerer Leitturm, von dem aus die Flugabwehr gelenkt wurde.
Bis zu rund 3.200 Arbeiter, darunter Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, bauten rund um die Uhr. Der Gefechtsturm maß etwa 70 mal 70 Meter bei bis zu 42 Meter Höhe, die Wände waren bis zu 2,5 Meter stark, die Decken 3,8 Meter.
Offiziell sollten in jedem Gefechtsturm rund 15.000 Menschen Schutz finden, im Leitturm etwa 7.500.
Die Türme dienten außerdem als Lager, unter anderem für Kunstwerke aus Berliner Museen. Im Frühjahr 1945 erreichte der Krieg das Viertel. Fast alle Kirchen und viele Häuser waren zerstört, als um den 2. Mai herum die Kämpfe endeten. Rund um den Flakturm wurde noch bis zum 3. Mai gekämpft.
Teilung, Mauer und Stadtumbau
Nach dem Krieg wurde Wedding mit Gesundbrunnen Teil des französischen Sektors. Französische Pioniere sprengten die Flaktürme des Humboldthains nach dem Krieg in mehreren, teils misslungenen Anläufen. Die Trümmer blieben liegen: Etwa 1,3 Millionen Kubikmeter Schutt füllten die Ruinen. Der Leitturm verschwand unter einem Hügel, der später zur Rodelbahn wurde.
Der Gefechtsturm wurde nur teilweise gesprengt und mit Erde überdeckt. Um 1950 begann unter Günther Rieck der Wiederaufbau des Parks, 1952 gab ein Wettbewerb dem Hügel den Namen „Humboldthöhe“.
Vor dem 13. August 1961 war die Badstraße ein Einkaufsziel für Ost-Berliner, die mit der S-Bahn kamen. Der Bahnhof galt als Umschlagplatz zwischen Ost und West mit Wechselstuben und Kinos für Besucher aus dem Osten. Der Mauerbau beendete das jäh.
Die Grenze verlief entlang der Nordbahn und der Bernauer Straße, die den Ortsteil im Süden begrenzt. Die U8 fuhr als Transitlinie ohne Halt durch Ost-Berlin. Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße erinnert heute an die Teilung.
Zugleich wurde Gesundbrunnen zum Erprobungsfeld des Städtebaus. Die Ernst-Reuter-Siedlung (1953 bis 1955) war ein erstes Musterprojekt für den Neubau nach dem Krieg.
Im Jahr 1963 kündigte Willy Brandt das erste Stadterneuerungsprogramm West-Berlins an, und der Senat beschloss die erste große Flächensanierung im Gebiet Wedding Brunnenstraße, dessen Größe die Quellen mit 186 bis 250 Hektar angeben.
Dabei wurden alte Mietskasernen abgerissen und durch Neubauten mit Aufzug und großen Balkonen ersetzt; viele Bewohner zogen ins Märkische Viertel. Die Sanierung lief von 1964 bis 1990.
Nach Angaben des Berliner Mietervereins wurden im Brunnenviertel rund 9.000 von 14.700 Altbauwohnungen abgerissen, und die Einwohnerzahl sank von 39.000 im Jahr 1961 auf 21.000 im Jahr 1988. Der Preis war hoch, denn gewachsene Nachbarschaften gingen verloren. Gleichzeitig kamen ab 1961 Gastarbeiter, die sich zum Teil in Gesundbrunnen niederließen.
Auch der Zivilschutz hinterließ Spuren: Der U-Bahnhof Pankstraße, 1977 eröffnet, wurde mit einem Schutzraum für 3.339 Menschen gebaut, der bis zu 14 Tage Zuflucht bieten sollte. Die Anlage ist heute mit Führungen der Berliner Unterwelten zu besichtigen.
Seit 1989: Grenzöffnung und neuer Bezirk
Am Abend des 9. November 1989 öffnete die DDR den Grenzübergang Bornholmer Straße an der Bösebrücke als ersten für ihre Bürger. Der Ort, der jahrzehntelang am Rand der Teilung gelegen hatte, wurde damit zum Schauplatz des Mauerfalls.
Entlang der alten Grenze entstanden danach Grünanlagen wie der Mauerpark, dessen erster Teil 1994 eröffnet wurde und der heute im Ortsteil Prenzlauer Berg liegt, an das Brunnenviertel aber unmittelbar angrenzt.
Der Humboldthain veränderte sich ebenfalls. Nach einem tödlichen Unfall im Frühjahr 1982 entschied man sich, den Bunker zu sichern statt abzureißen, 1988 begannen die Arbeiten.
Auf dem gesicherten Bunkerberg, der Humboldthöhe, entstand eine Aussichtsplattform, die nach den Quellen auf rund 85 Metern Höhe liegt; ob damit die Höhe über dem Meeresspiegel gemeint ist, geht aus ihnen nicht eindeutig hervor. Seit April 2004 führt der Verein Berliner Unterwelten Besucher durch Teile des Flakturms.
Außerdem überwintern dort Fledermäuse, weshalb die Touren nur in der warmen Jahreszeit stattfinden.
Der Bahnhof wurde in den 1990er Jahren umgebaut und nimmt seit dem 28. Mai 2006 wieder Fern- und Regionalzüge auf. Am Bahnhof öffnete 1997 das Gesundbrunnen-Center.
Die alten Fabrikbauten der AEG wurden nach dem Ende der Elektroproduktion 1983 teilweise abgerissen, die erhaltenen Hallen dienen heute als Technologie- und Innovationspark mit Instituten der Technischen Universität, Unternehmen und Medienfirmen.
In den Gebäuden des Marienbades richtete man in den 1990er Jahren die Bibliothek am Luisenbad ein, deren Fassade mit einem Relief an das Brunnenhaus erinnert.
Mit der Bezirksreform 2001 wurde der Bezirk Wedding mit Mitte und Tiergarten zum neuen Bezirk Mitte vereinigt. Gesundbrunnen wurde ein eigener Ortsteil, größer als der historische Ort, denn er umfasst auch Teile der früheren Oranienburger und Rosenthaler Vorstadt. Wo einst die Quelle sprudelte, liegt heute ein dicht bebautes Wohngebiet.