1791 bis 1804: Das Gut der Familie Humboldt
1791 kaufte Marie-Elisabeth von Humboldt das Gut Falkenberg. Sie wurde 1741 in Berlin geboren, war seit 1779 Witwe und die Mutter von Wilhelm und Alexander von Humboldt.
Aus ihrer ersten Ehe mit Friedrich Ernst von Holwede, dem Erbherrn auf Tegel, besaß sie bereits das Gut Tegel. Falkenberg kam als zweiter Landsitz hinzu, nur wenige Stunden Fahrt von Berlin entfernt. Die Gutsherrin hatte Mittel und Willen, den Ort nach ihren Vorstellungen zu gestalten.
Die neue Gutsherrin ließ die alte Feldsteinkirche gründlich umbauen. 1795 erhielt der Bau einen Putzmantel, die gotischen Gewölbe verschwanden, und ein klassizistischer Westturm in ägyptisierenden Formen kam hinzu. Als Baumeister nennt die Wikipedia Paul Ludwig Simon. Im Turm richtete sie eine Familiengruft ein.
Lange konnte sie sich an dem Umbau nicht freuen. Marie-Elisabeth von Humboldt starb am 19. November 1796 in Tegel. Am 3. Dezember wurde sie in der Falkenberger Gruft beigesetzt, neben ihren beiden Ehemännern und einer früh verstorbenen Tochter. Für den Erhalt von Turm und Grab stiftete sie 500 Taler.
Das Gut erbte ihr Sohn aus erster Ehe, Ferdinand von Holwede. Er verkaufte es 1804 an die Familie von Alvensleben. Die Gruft blieb und wurde um 1890 in den Ostteil der Kirche verlegt, damit der Turmeingang besser nutzbar war. Heute ist sie als Humboldt-Gruft zugänglich.
Ein weiteres Gebäude der Gutszeit steht noch: 1856 ließ Graf von Arnim ein Gutsarbeiterhaus aus Lehm errichten. Das Bezirksamt nennt es die „einzige erhaltene Lehmkate Berlins“. Wenige Jahre später sollte das Gut einen Besitzer bekommen, der an Landwirtschaft gar nicht interessiert war: die Stadt Berlin.
Ab 1875: Rieselfelder für die Großstadt
Berlin wuchs im 19. Jahrhundert rasant, und die Stadt erstickte an ihren Abwässern. Der Baustadtrat James Hobrecht plante deshalb eine Kanalisation, deren Abwasser auf Felder vor der Stadt geleitet wurde. Dort versickerte es, der Boden filterte es, und der Schlamm diente als Dünger für Getreide und Gemüse.
Einwohner von Falkenberg früher
Für diese Rieselfelder kaufte die Stadt Berlin 1875 das Falkenberger Rittergut. Um 1884 wurden die Felder angelegt. Seit den 1880er Jahren gehörte auch das Vorwerk Neu-Ahrensfelde dazu, ein Außenhof des Gutes. Aus dem adligen Besitz war ein Stadtgut geworden, dessen Zweck in Berlin lag.
Für das Dorf bedeutete das Arbeit und Wachstum. Lebten 1858 noch 295 Menschen in Landgemeinde und Gutsbezirk, waren es 1890 schon 647. 1910 waren es 708. Ein Gutsbezirk war damals ein eigener Verwaltungsbezirk des Gutes, getrennt von der bäuerlichen Landgemeinde.
Um 1895 bekam der Friedhof eine Kapelle, die heute noch steht. Das Dorf blieb ländlich, doch seine Felder arbeiteten nun für die Hauptstadt. Dieser enge Bezug zu Berlin machte den nächsten Schritt fast folgerichtig: die Eingemeindung.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Krieg und Sprengung der Kirche
Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Falkenberg, bis dahin eine Gemeinde im Kreis Niederbarnim, wurde Ortsteil des neuen Bezirks Weißensee. Mit 10,2 Quadratkilometern brachte es eine große Fläche ein, aber nur wenige Hundert Einwohner.
Der Ort blieb auch als Teil der Hauptstadt ein Dorf mit Rieselfeldern. Die Einwohnerzahl stieg bis 1939 auf 973. In den 1930er oder 1940er Jahren entstand die katholische Kirche St. Konrad von Parzham an der Ahrensfelder Chaussee; ein genaues Baujahr nennen die Quellen nicht.
Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte dem Dorf seinen schwersten Verlust. Am 21. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee, sprengten deutsche Truppen die mehr als 700 Jahre alte Dorfkirche. Die Türme von Falkenberg, Wartenberg und Malchow sollten der heranrückenden Armee nicht als Beobachtungsposten dienen.
Die Kirche wurde nie wieder aufgebaut. Geblieben sind der Grundriss mit niedrigem Mauerwerk und die Humboldt-Gruft. Wer heute den Friedhof an der Dorfstraße betritt, steht vor dem Umriss eines Gotteshauses, das sechs Jahrhunderte überdauert hatte und in wenigen Minuten verschwand.
DDR-Zeit: Klärwerk, Plattenbau und ein neuer Bezirk
Nach dem Krieg lag Falkenberg im sowjetischen Sektor und gehörte zu Ost-Berlin. Die Rieselfelder arbeiteten zunächst weiter, doch in den 1950er und 1960er Jahren wurde klar, wie stark das Abwasser inzwischen mit Schadstoffen belastet war. 1968 ersetzte ein modernes Klärwerk die alten Felder.
Ein Jahr später kümmerte sich der Ort um die Gruft der Familie Humboldt: 1969 wurde sie zugemauert, mit einer Gedenkmauer und einer Gedenktafel versehen. Die Einwohnerzahl lag damals um 1.100, etwas über dem Stand der Vorkriegszeit. Falkenberg war noch immer ein Dorf mit Feldern ringsum.
Dann kam die Großwohnsiedlung Marzahn. 1979 gab Falkenberg mehr als die Hälfte seiner Fläche südöstlich der Linie Hohenschönhauser Straße und Ahrensfelder Chaussee an den neuen Bezirk Marzahn ab. Auf den früheren Rieselfeldern wuchsen Plattenbauten in die Höhe.
Auch im Westen rückte die Stadt heran. Entlang der Falkenberger Chaussee entstanden bis 1989 rund 29.630 Wohnungen. Am 1. September 1985 wurde der Rest des Ortsteils aus Weißensee herausgelöst und kam zum neu gebildeten Bezirk Hohenschönhausen.
Weniger sichtbar war, was am Gehrensee geschah. Ab 1982 umgab eine Mauer mit Wachtürmen das Gelände am See. Das DDR-Innenministerium nutzte es für ein Arbeitsaußenlager des Zuchthauses Bautzen, als Kaserne der Volkspolizei und für Objekte der Staatssicherheit. Im Oktober 1989 saßen hier Demonstranten gegen das SED-Regime ein.
Seit 1990: Rückbau, Naturschutz und Tierheim
Mit dem Ende der DDR öffnete sich das Gelände am Gehrensee wieder. Die Anlagen wurden zurückgebaut und befestigte Flächen entsiegelt. Der Ortsteil selbst war inzwischen klein geworden: 1991 zählte er nur noch 455 Einwohner, nachdem ein Großteil der alten Fläche an Marzahn gegangen war.
Die früheren Rieselfelder bekamen eine neue Aufgabe. Seit dem 29. März 1995 stehen 88,1 Hektar als Naturschutzgebiet Falkenberger Rieselfelder unter Schutz, heute Teil des europäischen Netzes Natura 2000. In den alten Becken und Gräben leben Kammmolch und Rotbauchunke, auf den Wiesen weiden Heckrinder.
1997 kaufte der Förderverein Landschaftspark Nordost das Gutsarbeiterhaus von 1856. Es war bereits 1978 als Baudenkmal eingetragen worden. Nach der Sanierung öffnete die Lehmkate am 11. Oktober 2002 neu, mit der Informationsstelle Barnimer Feldmark. 2003 kam das Café Lehmsofa hinzu, eröffnet von der Kanadierin Lynn Densmore.
Zugleich zog eine Einrichtung nach Falkenberg, die den Namen des Ortes weit über Berlin hinaus trägt. Am 18. August 1999 legte der Tierschutzverein den Grundstein für das Tierheim Berlin am Hausvaterweg. Entworfen hat es der Architekt Dietrich Bangert mit Sichtbeton und großen Wasserflächen.
Im September 2001 ging das Heim in Betrieb, am 9. Juni 2002 wurde es offiziell eröffnet. Auf 16 Hektar nehmen rund 180 hauptamtliche Beschäftigte jedes Jahr mehrere Tausend Tiere auf. Das Bezirksamt nennt es das „modernste Tierheim Europas“; laut Wikipedia zählt es zu den größten Tierheimen des Kontinents.
2001: Im Bezirk Lichtenberg
Zum 1. Januar 2001 legte Berlin seine Bezirke zusammen. Hohenschönhausen ging in Lichtenberg auf, und Falkenberg wurde ein Ortsteil des vergrößerten Bezirks. 2002 trat es den südlichen Teil an den neuen Ortsteil Neu-Hohenschönhausen ab, der die Plattenbauten entlang der Falkenberger Chaussee umfasst.
Für Jugendliche hatte sich schon 1998 etwas getan: An der Ahrensfelder Chaussee 41 eröffnete das Barnim-Gymnasium als Schulneubau. 2003 schloss das Klärwerk von 1968, womit die lange Geschichte der Abwasserreinigung in Falkenberg endete.
Für Kinder und Spaziergänger entstanden in diesen Jahren der Abenteuerspielplatz „Fort Robinson“ und der Naturraum „Krugwiesen“, die das Bezirksamt heute zu den Angeboten des Ortsteils zählt. Im Landschaftspark der Falkenberger und Wartenberger Feldmark weiden zottelige Hochlandrinder.
Was blieb, war ein kleiner Ort zwischen Feldern, mit Dorfstraße, Friedhof, Gruft und Tierheim. Um das Jahr 2000 lebten hier knapp 700 Menschen. Niemand ahnte, dass sich diese Zahl innerhalb weniger Jahre mehr als verdoppeln würde.
Gegenwart: „Mein Falkenberg“ und die Feldmark
Zwischen Ahrensfelder Chaussee und Gehrensee, auf dem früheren Kasernengelände, entstand nach 2016 ein ganz neues Viertel. Unter dem Namen „Mein Falkenberg“ planten private Bauherren auf mehr als 130.000 Quadratmetern Reihenhäuser und Geschosswohnungen. Baubeginn des ersten Abschnitts war im Oktober 2016.
Zunächst richtete sich das Angebot an zahlungskräftige Käufer, doch die Nachfrage blieb laut Tagesspiegel aus. Erst die Ausrichtung auf bezahlbare Mieten weckte Interesse. Im September 2017 übernahmen die landeseigenen Gesellschaften Gewobag, Gesobau und Howoge das Projekt für rund 245 Millionen Euro.
Insgesamt sollten bis 2021 etwa 1.240 Mietwohnungen und Reihenhäuser entstehen, rund die Hälfte davon gefördert; die Wikipedia spricht von rund 1.200 Wohnungen. Den Hauptanteil trug die Gewobag mit 607 Wohneinheiten, darunter 110 Reihenhäuser.
Die Folge zeigt sich in der Statistik: Ende 2023 zählte Falkenberg 3.079 Einwohner. Laut Wikipedia fehlt es im neuen Viertel noch an Läden, Kitas, Schulen und Freizeitangeboten. Das Bezirksamt erwartet in den nächsten Jahren weiteren Zuwachs an Familien und Kindern.
Daneben behält der Ort seine ländliche Seite. 2023 wurde die Wartenberger und Falkenberger Feldflur als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Vom Westrand fahren die Straßenbahnlinien M4 und M17 in die Innenstadt, die Buslinie 197 verbindet den Prerower Platz mit dem S-Bahnhof Mahlsdorf.
So liegen in Falkenberg heute ein 650 Jahre altes Dorf, die Spuren der Familie Humboldt, ein Naturschutzgebiet aus ehemaligen Rieselfeldern und eine der jüngsten Wohnsiedlungen Berlins nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt.