Pfälzer Kolonisten: Neu-Marzahn
Einen sichtbaren Einschnitt brachte das Jahr 1764. Unter König Friedrich II., dem Großen, betrieb Preußen die „Peuplierung“, die gezielte Ansiedlung von Menschen in dünn besiedelten Landesteilen. In Marzahn wurde das königliche Vorwerk, also der herrschaftliche Wirtschaftshof, aufgeteilt und an Familien aus der Kurpfalz vergeben.
Nach der Überlieferung waren es 19 Familien. Auf dem neuen Land entstand neben dem alten Dorf eine Kolonistensiedlung, die den Namen Neu-Marzahn trug.
Im 19. Jahrhundert gehörten Alt- und Neu-Marzahn zur selben Landgemeinde. Lange Zeit blieb Marzahn bäuerlich. Das Museum betont, dass sich das Dorfleben bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kaum veränderte. Erst nach 1870 begannen Umbrüche, die den Ort enger an die rasch wachsende Hauptstadt banden.
19. Jahrhundert: Kirche, Mühle, Rieselfelder und Bahn
Von der Mitte des 19. Jahrhunderts an wurde das Dorf sichtbar moderner. Die alte Feldsteinkirche war baufällig. Schon 1756 hatte man die Glocken schweigen lassen, weil der Turm als unsicher galt, und 1782 fiel bei einem Ostergottesdienst ein Stein aus dem Gewölbe.
Ein Neubau wurde mehrfach erwogen und verworfen, bis 1869 nach einem Entwurf von Friedrich August Stüler, den Adolf Bürckner anpasste, der Bau begann. Die neugotische Backsteinkirche wurde am 4. September 1871 geweiht. Die alte Kirche riss man 1874 ab. Das Gotteshaus prägt den Anger bis heute.
Ein Müller baute 1815 die erste Marzahner Windmühle. Sie wurde 1870 durch eine zweite am selben Platz ersetzt, 1908 kam eine dritte an anderer Stelle hinzu. Eine andere Entwicklung zog das Dorf nachhaltiger um: Berlin suchte für sein Abwasser Flächen vor der Stadt.
Auf Rieselfeldern wurde das Wasser auf Wiesen und Äckern verteilt und im Boden gereinigt. Je nach Quelle begann das in Marzahn 1872 oder 1875, jedenfalls in den 1870er Jahren. Viele Bauern stellten danach auf Milchwirtschaft um, weil das Gras auf den bewässerten Flächen gut wuchs.
Die Felder prägten die Landschaft bis weit ins 20. Jahrhundert.
Auch die Verkehrsanbindung änderte sich. 1898/99 erhielt Marzahn einen Bahnhof an der Strecke nach Wriezen (Wriezener Bahn), das erst 1914 durch ein Überholgleis ergänzt wurde. Zuvor, 1857, war am Weg nach Altlandsberg das Gut Bürknersfelde mit einer Ziegelei gegründet worden.
Der Friedhof wurde 1893 an das östliche Ende des Dorfes verlegt. Die Dorfschule entstand 1911/12 am Anger. Heute ist sie als Baudenkmal erhalten und Sitz des Bezirksmuseums.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Zwangslager und Rüstungswerk
Am 1. Oktober 1920 wurde Marzahn mit dem Gesetz über Groß-Berlin Teil der Hauptstadt und dem Bezirk Lichtenberg zugeordnet. Baulich änderte sich zunächst wenig. Das Dorf blieb dörflich, und das Umland blieb Rieselfeld. Nach Angaben des Bezirksamts hatte die Eingemeindung zunächst kaum Folgen für die Bebauung.
Ein tiefer Eingriff der NS-Zeit geschah am Rand des Dorfes. Im Sommer 1936, kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin, richtete die Stadt auf einem ehemaligen Rieselfeld neben dem Friedhof ein Zwangslager für Sinti und Roma ein.
Grundlage war ein Runderlass des Reichsinnenministers vom Juni 1936 zur sogenannten Bekämpfung der „Zigeunerplage“. Am 16. Juli 1936 nahm die Polizei über 600 Menschen fest und brachte sie dorthin. Das Lager war kein Konzentrationslager, und für die Festnahmen gab es nach den vorliegenden Darstellungen keine Rechtsgrundlage.
Das Verlassen war nur mit Erlaubnis der Polizei möglich. Die Menschen lebten in Wohnwagen und einer alten Baracke, mit nur drei Wasserstellen und zwei Toilettenanlagen.
Zahlen zu diesem Lager gehen auseinander, deshalb nennt die Forschung Spannen. Für das Jahr 1938 gelten 852 Insassen als belegt. Für den gesamten Zeitraum von 1936 bis 1945 werden etwa 1.200 Menschen geschätzt, von denen rund 300 namentlich bekannt sind.
Während des Krieges mussten viele von ihnen Zwangsarbeit für Berliner Betriebe leisten. Im Frühjahr 1943 wurden die meisten nach Auschwitz verschleppt, wo nur wenige überlebten. Einzelne Familien blieben zurück, und einige lebten noch nach 1945 in der Gegend.
Auf der anderen Seite des Ortes entstand zur selben Zeit ein Industrieprojekt. Das Maschinenbauunternehmen Hasse & Wrede, das bereits Werke in Berlin betrieb, beschloss 1938 den Umzug nach Marzahn und erhielt ein rund 400.000 Quadratmeter großes Baugelände. Im August 1940 war Richtfest, Mitte 1941 begann die Produktion.
Gefertigt wurden Werkzeugmaschinen, im Krieg auch Rüstungsgüter wie Panzergetriebe, Granatwerfer und Zünder. Am 20. April 1945 war der letzte Arbeitstag, am folgenden Tag besetzten sowjetische Truppen das Werk. Es wurde demontiert, die Anlagen gingen in 698 Eisenbahnwaggons in die Sowjetunion.
Nach 1945: Vom Dorf zur Großsiedlung
Marzahn lag nach 1945 im sowjetischen Sektor und gehörte damit bis 1990 zu Ost-Berlin. Aus dem früheren Rüstungswerk ging 1949/50 ein volkseigener Betrieb für Drehautomaten hervor. Die entscheidende Wende kam in den 1970er Jahren mit einem Beschluss der SED-Führung, die Wohnungsfrage in der DDR zu lösen.
Für Ost-Berlin bedeutete das den Bau ganzer neuer Stadtteile auf freiem Feld.
Marzahn bot dafür das nötige Land. Nach einem Bezirksamtsbericht gab es 1973 den Plan, bis 1980 rund 55.000 Wohnungen zu bauen, davon etwa 20.000 in Marzahn. Am 3. März 1975 begannen die Erschließungsarbeiten, die Baugruben waren an der Marchwitzastraße. Am 2.
September 1977 feierte man das Richtfest des ersten Wohnhauses, Marchwitzastraße 41 bis 45, Ende 1977 zogen die ersten Mieter ein. Die Quellen nennen für den Baubeginn je nach Zählung die Jahre 1975, 1976 oder 1977. Gebaut wurde in Plattenbauweise, also mit Betonteilen aus Fabriken, die man auf der Baustelle zusammensetzte.
In den DDR-Neubaugebieten waren Häuser mit fünf oder sechs Geschossen ohne Aufzug üblich, daneben solche mit zehn oder elf Geschossen mit Aufzug.
Mit der Siedlung wuchs die Stadt rasch. Am 22. September 1978 erhielt die Allee der Kosmonauten ihren Namen bei einem Besuch der Raumfahrer Sigmund Jähn und Waleri Bykowski. Am 5. Januar 1979 beschloss die Berliner Stadtverordnetenversammlung die Bildung des Stadtbezirks Marzahn aus Marzahn, Biesdorf, Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf.
Im Bezirk lebten damals etwa 50.000 Menschen, und die Einwohnerzahl hat sich nach Angaben des Bezirksamts binnen etwa eines Jahrzehnts fast verdreifacht.
Nach den Vorgaben für DDR-Neubaugebiete gehörten zu jedem Wohnkomplex Kaufhalle, Schule und Kindergarten. Am 4. Oktober 1979 wurde am Helene-Weigel-Platz die erste Poliklinik fertig, am 30. Dezember 1982 fuhr die S-Bahn elektrisch bis Ahrensfelde, und am 1. Juli 1989 nahm die U-Bahn von Alexanderplatz bis Hönow den Betrieb auf.
Am 1. Juni 1986 wurde Hellersdorf mit Kaulsdorf und Mahlsdorf ein eigener Bezirk. Für den heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf nennt das Bezirksamt den Bau von über 100.000 Wohnungen in Großsiedlungen zwischen den 1970er Jahren und 1989/90.
Das alte Dorf zwischen den Hochhäusern
Dass das alte Dorf nicht verschwand, war nicht selbstverständlich. Im Norden rückten die Hochhäuser bis an die Bauerngärten heran, im Süden blieb ein Streifen älterer Bebauung stehen. Bereits 1977 stellte man Gebäude des Dorfes unter Denkmalschutz. Am 31. März 1982 beschloss der Ost-Berliner Magistrat die Rekonstruktion des Angerdorfs.
Sie zog sich bis 1991 hin. Die Durchgangsstraße wurde um das Dorf herum gelegt, damit der Anger nicht zerschnitten wurde.
Zur Rekonstruktion gehörten die Kirche und die Windmühle. Die dritte Windmühle war 1978 abgerissen worden, weil auf ihrem Platz eine Schule entstehen sollte. 1982 beschloss der Bezirk, eine Mühle als Museum neu zu bauen. Die vierte Marzahner Mühle wurde 1993 fertig, nach anderer Angabe ging sie 1994 in Betrieb.
Die Kirche wurde am 28. März 1985 zum Baudenkmal erklärt und von 1987 bis 1989 umfassend instand gesetzt. Heute steht das Dorf als Ensemble Alt-Marzahn unter Schutz.
Seit 1990: Wende, Stadtumbau und Gärten der Welt
Die Wende veränderte Marzahn schnell. Am 20. Dezember 1989 trat der Runde Tisch des Bezirks zusammen, am 6. Mai 1990 fand die erste freie Wahl statt. Seit Mitte der 1990er Jahre zogen viele Bewohner weg.
Je nach Gebiet und Quelle standen Ende der 1990er Jahre und um die Jahrtausendwende etwa 15 bis 30 Prozent der Wohnungen leer. Von den rund 140 Kindergärten und Schulen wurde fast die Hälfte nicht mehr gebraucht, rund 50 davon wurden bis Ende der 2000er Jahre abgerissen.
Berlin nutzte das Bundesprogramm Stadtumbau Ost. Am 4. Dezember 2002 begann der Abriss des 1978 errichteten Hochhauses an der Südspitze Marzahns. Bis 2009 wurden etwa 4.000 Wohnungen beseitigt.
Als Pilotprojekt für ganz Berlin galten die Ahrensfelder Terrassen: Von 2003 bis 2005 baute man 16 elfgeschossige Plattenbauten zu Terrassenhäusern mit drei bis sechs Geschossen um, es entstanden 447 Wohnungen, und weitere Häuser wurden ganz entfernt. Seit 1. Januar 2001 ist Marzahn Teil des Bezirks Marzahn-Hellersdorf.
Neue Zentren kamen hinzu. Am 30. Juni 1990 wurde das Freizeitforum an der Marzahner Promenade fertig. Das Einkaufszentrum Eastgate wurde 2005 eröffnet. Das frühere Werksgelände von Hasse & Wrede wurde 1991 von einem Industrieunternehmen zurückerworben. Ein weiteres Projekt ist das Erholungsgebiet am Kienberg. Dort eröffnete am 9.
Mai 1987 zum 750-jährigen Stadtjubiläum die Berliner Gartenschau, geplant vom Ost-Berliner Stadtgartendirektor Gottfried Funeck. Nach 1990 hieß der Park Erholungspark Marzahn. Es folgten der Chinesische Garten (15. Oktober 2000), der Japanische Garten (30. April 2003) und der Balinesische Garten (18.
Dezember 2003). 2017 war er Schauplatz der Internationalen Gartenausstellung (IGA) vom 13. April bis 15. Oktober, mit Seilbahn und dem Aussichtsbauwerk Wolkenhain auf dem 110 Meter hohen Kienberg.
Erinnerung an das Zwangslager
Lange erinnerte in Marzahn wenig an das Lager von 1936. Auf Anregung des Bürgerrechtlers Reimar Gilsenbach, der sich 1985 an die DDR-Führung gewandt hatte, wurde am 12. September 1986 auf dem Parkfriedhof ein Gedenkstein des Bildhauers Jürgen Raue eingeweiht.
Ein Platz am Ort des ehemaligen Lagers trägt den Namen von Otto Rosenberg, der als Zeitzeuge über das Lager berichtete. Im Dezember 2011 wurde ein Ort der Erinnerung und Information mit zehn Informationstafeln eröffnet.