1920 bis 1945: Groß-Berlin, Eisbahn und Verfolgung
Mit dem Gesetz über Groß-Berlin wurde Lichtenberg am 1. Oktober 1920 Teil der Hauptstadt und gab dem neuen Bezirk seinen Namen. Das Gebiet um die Pfuhle hieß damals Wilhelmsberg; hier waren zwischen 1911 und 1914 neue Schulgebäude fertig geworden.
Im Winter verwandelte sich der Fennpfuhl in eine Sportstätte. Von 1925 bis 1953 lag auf dem Eis eine offizielle Eisschnelllaufbahn von 250 Metern Länge. Noch im Februar 1951 wurden hier die Berliner Meisterschaften ausgetragen.
Im Jahr 1937 entstand über die Bahngleise eine Fußgängerbrücke zwischen Storkower Straße und Eldenaer Straße, 522 Meter lang und im Volksmund „langer Jammer“ genannt. Ein Jahr später kam die Kolonie Wilhelmsberg durch eine Grenzänderung zum Bezirk Weißensee.
Die NS-Zeit hinterließ Spuren, die später die Straßennamen prägen sollten. Der Kommunist Anton Saefkow, 1903 in Berlin geboren, baute ab 1941 eine Widerstandsgruppe auf, die in Rüstungsbetrieben gegen den Krieg agitierte. Mit Franz Jacob und Bernhard Bästlein leitete er sie 1944.
Am 4. Juli 1944 wurde Saefkow verhaftet, am 18. September im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Ein anderer Name erinnert an das Überleben: Der spätere Entertainer Hans Rosenthal, Jahrgang 1925, versteckte sich als Jude in einer Kleingartenanlage nahe dem Roederplatz.
Heute trägt eine Grundschule im Ortsteil Rosenthals Namen. Im Fennpfuhlpark erinnern Stelen an die Zwangsarbeiter, die in Lichtenberg eingesetzt waren. Nach dem Krieg lag das Gartenland um die Pfuhle im Osten der geteilten Stadt, und dort fehlten vor allem Wohnungen.
1956 bis 1965: Ein Wettbewerb und ein Versuchshaus
Der Blick der Planer fiel früh auf das Garten- und Brachland um die Pfuhle. In den Jahren 1956 und 1957 schrieb die Stadt den Architekturwettbewerb „Fennpfuhl“ aus. Laut Wikipedia war es der einzige Wettbewerb, an dem Architekten aus Ost und West gleichberechtigt teilnehmen konnten.
Einwohner von Fennpfuhl früher
Den ersten Preis gewann Ernst May aus Hamburg, der in den 1920er Jahren als Stadtbaurat das „Neue Frankfurt“ geprägt hatte. Sein Entwurf folgte dem Leitbild der gegliederten und aufgelockerten Stadt. Gebaut wurde er nicht.
Der feuchte Untergrund ließ sich schwer trockenlegen, und das Geld fehlte, also verschob man die Umsetzung auf unbestimmte Zeit. Im April 1961 begann die Planung dann doch, nun unter dem Namen Lichtenberg (Nord) und in drei Bauabschnitten auf rund 175 Hektar.
Als Erstes entstanden 1961 und 1962 in der Erich-Kuttner-Straße 9 bis 15 vier Versuchshäuser des Typs P2. Ein Plattenbau wird aus geschosshohen Betonteilen zusammengesetzt, die im Werk gefertigt und auf der Baustelle nur noch montiert werden. Den Typ entwarfen Wilfried Stallknecht, Achim Felz und Herbert Kuschy.
In dem Musterhaus zeigte 1962 die Ausstellung „neues leben – neues wohnen“, wie künftig gewohnt werden sollte. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz. Am 26. Mai 1965 verschob die Stadtverordnetenversammlung die Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Lichtenberg, und das Baufeld war abgesteckt.
1972 bis 1986: Die Großsiedlung entsteht
Am 2. Dezember 1972 legten die Bauleute am Roederplatz den Grundstein für ein Doppelhochhaus. Mit diesem Tag begann laut Bezirksamt das Wohnungsbauprogramm der DDR in Berlin. Wikipedia beschreibt das Gebiet als erste zusammenhängende Plattenbau-Großsiedlung der DDR, berlin.de als Versuchsfeld für Marzahn und Hohenschönhausen.
Neu war auch die Bauweise. Erstmals entstand ein elfgeschossiges Haus der Wohnungsbauserie 70, kurz WBS 70, die laut Wikipedia bis 1990 zum häufigsten Haustyp der DDR wurde. Heinz Mehlan baute diese Variante am damaligen Wohnkomplex Leninallee.
Bis 1986 standen in drei Wohngebieten 15.518 Wohnungen für rund 50.000 Menschen. Dazu kamen Schulen, Kinderkombinationen, Kaufhallen, Sporthallen und Einrichtungen für Senioren. Die Straßen erhielten Namen, die das politische Programm spiegelten: Die Landsberger Chaussee hieß ab 1973 Leninallee.
Neue Straßen trugen die Namen der Widerstandskämpfer Saefkow, Jacob und Bästlein. Im Jahr 1975 folgte der Anton-Saefkow-Platz als Mitte der Siedlung, und am 14. Januar 1976 wurde der Weißenseer Weg zur Ho-Chi-Minh-Straße. Gerade dieses Zentrum ließ jedoch auf sich warten.
Um den Platz sollten Wohnhochhäuser, eine Schwimmhalle, eine Sporthalle und ein Kaufhaus entstehen, doch der morastige Untergrund verzögerte den Bau bis in die 1980er Jahre. Das Kaufhaus „Konsument“ eröffnete schließlich und wurde nach der Wende von Horten und später von Kaufhof übernommen.
Am 12. Mai 1986 galt das Wohngebiet als fertig. Am selben Tag zog das Standesamt Lichtenberg in die restaurierte Gärtnervilla am Platz. Bauarbeiter aus Schwarzenberg im Erzgebirge hatten 1983 und 1984 das evangelische Gemeindezentrum Am Fennpfuhl errichtet. Die Siedlung hatte ihre Mitte.
Der Fennpfuhlpark: ein See aus zwei Pfuhlen
Mitten in der Siedlung sollte Grün bleiben, und dafür nahm man die Pfuhle selbst in die Hand. Zwischen 1978 und 1981 verbanden Bauleute den Fennpfuhl mit dem Langpfuhl zu einem Gewässer, das die Planer „neue Seenlandschaft“ nannten. Eine kleine Fußgängerbrücke führt seither hinüber.
Der See ist nur etwa 1,50 Meter tief und hat weder Zu- noch Abfluss. Weil stehendes Wasser kippen kann, liegt am Ufer eine ein Kilometer lange Ringleitung mit 30 Zapfstellen. Sie speist sich aus einem 30 Meter tiefen Brunnen. Im Jahr 1986 kam im südlichen Becken eine Fontäne hinzu.
Rund um den See wuchs der Fennpfuhlpark mit alten und neuen Bäumen, Wiesen und Wegen. Das Grünflächenamt gibt seine Fläche mit 9,5 Hektar an; andere Quellen zählen die Sportplätze mit und kommen auf 14 Hektar.
Der Bildhauer Karl-Heinz Schamal entwarf 1978 ein Konzept, nach dem Skulpturen im Park aufgestellt wurden. Im Sommer 1987 arbeiteten Künstler beim Bildhauersymposium „Poesie der Großstadt“ vor Ort, und viele ihrer Sandsteinwerke stehen noch dort.
Am Nordufer eröffnete 1985 die Gaststätte Seeterrassen, ein zweigeschossiger Vieleckbau nach Plänen von Wolf-Rüdiger Eisentraut. Seit 1988 konnte man außerdem Boote ausleihen. Der Park war damit die gemeinsame Stube der Siedlung, und das blieb er auch, als sich das Land um ihn herum veränderte.
Seit 1990: Sanierung und ein eigener Ortsteil
Die politische Wende änderte zuerst die Straßenschilder. Im Jahr 1992 erhielten Leninallee, Ho-Chi-Minh-Straße und Jacques-Duclos-Straße ihre alten Namen zurück: Landsberger Allee, Weißenseer Weg und Möllendorffstraße. Viele Bewohner zogen fort, und die Einwohnerzahl ging leicht zurück.
Zugleich begann die Erneuerung der Häuser. Die Wohnungsgenossenschaft Lichtenberg, kurz WGLi, sanierte ihre Bestände von 1991 bis 2001. Mit 35.000 Mietern am Fennpfuhl und in Friedrichsfelde-Süd war sie laut Bezirksamt die größte Berliner Wohnungsgenossenschaft. Bis 2001 waren fast alle Wohnhäuser erneuert.
Auch der Handel wandelte sich. Zwischen 1991 und 1994 entstanden der Storkower Bogen, das City-Point-Center und die Landsberger Spitze. Am 5. November 1998 eröffnete das Forum Landsberger Allee an der Ecke zur Storkower Straße. Die Fußgängerbrücke „langer Jammer“ wurde 2001 überwiegend abgerissen.
Der See bekam eine Kur: Ein Jahr lang wurde er leergepumpt und gereinigt, am 12. Dezember 2001 war die Sanierung abgeschlossen. Auf dem Grund fanden sich ausrangierte Haushaltsgeräte. Mit der Verwaltungsreform 2001 wurde aus dem Wohngebiet Lichtenberg (Nord) der eigenständige Ortsteil Fennpfuhl.
Nicht alles überstand die neue Zeit. Die Seeterrassen wechselten nach 1990 mehrfach den Pächter und standen ab etwa 1998 leer. Bis Oktober 2008 wurden sie abgerissen, ihre Fläche ging 2010 im Park auf. Zwischen 2002 und 2020 flossen Mittel aus dem Programm Stadtumbau Ost in Wege, Plätze und Gebäude.
Fennpfuhl heute
Auf 2,12 Quadratkilometern lebten am 31. Dezember 2024 insgesamt 34.484 Menschen. Damit ist Fennpfuhl laut Wikipedia nach Friedenau der am zweitdichtesten besiedelte Ortsteil Berlins. Das Bezirksamt beschreibt die Bebauung als elfgeschossige Wohnhäuser um große Innenhöfe, ergänzt durch Doppelhochhäuser mit 18 bis 21 Geschossen.
Die Bewohner sind im Schnitt älter als im übrigen Bezirk: Das Durchschnittsalter lag 2022 bei 44,9 Jahren, ein Viertel der Einwohner war 65 Jahre oder älter. Zugleich ziehen laut Bezirksamt zunehmend junge Familien in die Siedlung, und die Einwohnerzahl steigt seit den 2010er Jahren wieder.
Mitte des Ortsteils bleibt der Anton-Saefkow-Platz mit Hochhaus, Schwimmhalle und Kaufhaus. Weitere Zentren sind der Storkower Bogen, die Möllendorff-Passage und das Castello an der Landsberger Allee, ein Wohn- und Geschäftshaus des Architekten Hinrich Baller.
Am Rand liegt das Dong-Xuan-Center, ein Großmarkt vietnamesischer Händler. Sechs Straßenbahnlinien durchqueren den Ortsteil, die Landsberger Allee führt in rund fünf Kilometern zum Alexanderplatz. Die S-Bahnhöfe Landsberger Allee und Storkower Straße liegen knapp jenseits der Ortsteilgrenze.
Im Haus der Generationen an der Paul-Junius-Straße arbeiten Stadtteilkoordination, Mehrgenerationenhaus und ein Büro für Menschen ab 55. Die Gärtnervilla dient seit 2008 als Ort für Trauungen. 2021 und 2022 wurde sie vollständig restauriert.
Im Park erneuerte der Bezirk 2024 den Skatepark für 423.000 Euro, und im März desselben Jahres setzten örtliche Apotheken mit Spenden eine Vogelinsel auf den See. Entlang der Storkower Straße soll die Autobahn 100 verlängert werden; diese Planung ist noch offen.