Krieg, Heuschrecken und neue Gutsherren
Der Dreißigjährige Krieg traf das Dorf hart. Ab 1626 plünderten Schweden und kaiserliche Truppen, auch die Kirche wurde ausgeraubt. 1651 kam eine Heuschreckenplage hinzu, und ein Jahr später lebten nur noch wenige Bauern im Ort. Im Umland gingen nach Angaben der Wikipedia etwa 58 Prozent der Bevölkerung verloren.
Am 2. Juli 1736 verkaufte Christian Friedrich Röbel das Gut für 22.800 Taler an den Berliner Kaufmann Adam Ebersbach. Dieser ließ 1738 die Kirche renovieren, seine Familie behielt das Gut bis 1792. Aus dieser Zeit stammt auch der massive Steinbau des Schlosses, spätestens aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Ruhe kehrte dennoch nicht ein. Im Siebenjährigen Krieg plünderten 1759 nach der Schlacht bei Kunersdorf russische und österreichische Soldaten das Kircheninventar. Unter Friedrich dem Großen pflanzte man auf dem Friedhof Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht. Der letzte dieser Bäume fiel erst in den 1980er Jahren.
1817 kaufte der Staatsrat Christian Friedrich Scharnweber das Gut, ein Mitarbeiter des Staatskanzlers Hardenberg. Im selben Jahr wurden Guts- und Bauernland getrennt. Die Bauern wurden Eigentümer ihrer Höfe, mussten aber Land oder Geld an den Gutsherrn abgeben.
Das Dorf wuchs langsam über seinen alten Rand hinaus. 1821 eröffnete an der Landstraße das Gasthaus Neuer Krug, später Weiße Taube genannt. Eine Kolonie, im Volksmund „Hungriger Wolf“, erhielt 1854 den Namen Neu-Hohenschönhausen. 1858 zählte man 507 Einwohner, davon 86 im Gutsbezirk, dem Gebiet allein unter dem Gutsherrn.
Um 1900: Villen am See, Bier und Straßenbahn
Mit dem Wachstum Berlins rückte das Dorf in den Blick von Unternehmern. 1871 entstand die Kolonie Wilhelmsberg, ab 1881 wohnten dort Arbeiter des Zentralvieh- und Schlachthofs an der Landsberger Allee. Das eigentliche Geschäft aber war der Boden: Wer Gutsland in Bauparzellen teilte, konnte viel Geld verdienen.
Einwohner von Alt-Hohenschönhausen früher
1890 verkaufte die Familie Scharnweber das Gut an eine Terraingesellschaft des Aachener Bankiers Henry Suermondt. Ab 1892 parzellierte der Kaufmann Gerhard Puchmüller rund 400 Hektar; 1893 übernahm er das Schloss selbst und ließ das Vestibül mit Malereien ausstatten. Die Wikipedia nennt für Suermondts Erwerb das Jahr 1893, der Schloss-Artikel 1890.
So entstanden zwei Villenkolonien: um 1892 am Orankesee, um 1900 am Obersee. Der Obersee ist ein künstlicher See. Die Löwenbrauerei, die 1894 die Produktion aufnahm, legte ihn als Frischwasserspeicher an und nutzte ihn laut Bezirksamt auch zur Eisgewinnung. Sein Wasserspiegel liegt etwa 1,5 Meter über dem des Orankesees.
Ausflugslokale und Badestellen brachten dem Ort nach Angaben des Bezirksamts den Beinamen „Wannsee des Nordens“ ein. Der weiße Sandstrand am Orankesee, 300 Meter lang, stammt nicht von der Ostsee, wie ein Gerücht behauptet, sondern aus dem Aushub beim Bau von Berolina- und Alexanderhaus am Alexanderplatz.
Der Verkehr folgte den Bewohnern. 1893 fuhr ein Pferdeomnibus, ab dem 21. Oktober 1899 eine elektrische Straßenbahn. Zwischen 1905 und 1910 stieg die Einwohnerzahl der Villenkolonien von 1.758 auf 3.500. 1911 baute die Gemeinde ein Rathaus, und seit dem 1. April 1912 nannte sie sich Berlin-Hohenschönhausen.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Siedlungen und Verfolgung
Am 1. Oktober 1920 wurde die Gemeinde durch das Groß-Berlin-Gesetz Teil der Hauptstadt und gehörte fortan zum Bezirk Weißensee. Rund 6.700 Menschen lebten damals hier. Mit der Stadt kamen Wohnungsbaugesellschaften, die auf den freien Feldern moderne Siedlungen planten.
Die Architekten Mebes und Emmerich entwarfen die Flusspferdhofsiedlung mit Laubenganghäusern, deren Wohnungen über offene Gänge erreichbar sind. Ihren Namen verdankt sie der Brunnenfigur „Zwei Pferde im Fluss“. Das Bezirksamt zählt sie zum Neuen Bauen der Weimarer Republik. Auch Bruno Taut baute eine Siedlung im Ort.
Am Obersee entstand 1932 ein kleines Haus, das heute weit über Berlin hinaus Besucher anzieht. Das Fabrikantenehepaar Martha und Karl Lemke ließ es von Ludwig Mies van der Rohe entwerfen, für 16.000 Reichsmark. Der L-förmige Bungalow war sein letztes Wohnhaus in Deutschland vor der Emigration.
Nach 1933 verfolgten die Nationalsozialisten Sozialdemokraten und Kommunisten im Ort. Der jüdische Arzt Victor Aronstein wurde 1941 nach Litzmannstadt deportiert und vermutlich im Januar 1945 in Auschwitz ermordet. Die Synagoge in der heutigen Konrad-Wolf-Straße wurde zerstört. 1934 entstand die Siedlung Weiße Taube, die 1938 an Lichtenberg abgegeben wurde.
Der Krieg endete hier früh. Die Rote Armee erreichte den Ort am 21. April 1945 und nahm ihn am folgenden Tag ein. Die Taborkirche blieb unbeschädigt. Doch schon im Mai 1945 begann auf dem Gelände einer Maschinenfabrik eine Geschichte, die den Ortsnamen für Jahrzehnte mit Haft und Angst verband.
Genslerstraße: Speziallager und Stasi-Gefängnis
An der Genslerstraße hatte bis 1938 der Fabrikant Richard Heike sein Werk. Im Mai 1945 richtete der sowjetische Geheimdienst NKWD dort das Speziallager Nr. 3 ein. Bis Oktober 1946 waren rund 20.000 Menschen interniert, im Durchschnitt 1.800 zugleich. Etwa 1.000 von ihnen starben und wurden in Bombentrichtern und Kiesgruben verscharrt.
Im Winter 1946/47 mussten Häftlinge im Kellergeschoss 68 fensterlose Zellen bauen. Die Gefangenen nannten den Trakt „U-Boot“: Tag und Nacht brannte Licht, ständig lief Lärm im Hintergrund. Das Gelände diente nun als zentrales Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Geheimpolizei in Deutschland.
1951 übergaben die Sowjets das Areal an die DDR. Die Staatssicherheit führte das Gefängnis weiter und ließ um 1960 einen Neubau mit über 100 Zellen und 120 Vernehmungszimmern errichten. Nach der Gedenkstätte saßen hier zwischen 1951 und 1989 etwa 10.000 Menschen in Untersuchungshaft.
Ein ganzes Viertel wurde Sperrgebiet und verschwand von den Stadtplänen. Auch das Haus Lemke lag darin: Die Familie musste 1945 ausziehen, 1962 kaufte es die Staatssicherheit und nutzte es als Wäscherei und Kantine, den Garten als Parkplatz. Zu den Häftlingen gehörten Rudolf Bahro, Jürgen Fuchs und Bärbel Bohley.
Im Herbst 1989 begnadigte der Staatsrat die politischen Gefangenen. Am 2. Oktober 1990 übernahm die Berliner Justiz das Haus und brachte Untersuchungsgefangene unter, darunter Erich Mielke. Am 30. November 1990 endete der Gefängnisbetrieb. Seit 1992 steht die Anlage unter Denkmalschutz, am 17. Juni 1993 öffnete sie erstmals für Besucher.
DDR-Zeit: Sportforum, Plattenbau und ein eigener Bezirk
Jenseits des Sperrgebiets ging das Leben weiter, und der Staat baute groß. Wo früher das Gesellschaftshaus Wilhelmsberg stand, entstand ab 1954 das Sportforum im Auftrag von Innenministerium und Staatssicherheit. Der SC Dynamo Berlin trainierte hier, die Dynamo-Sporthalle wurde am 25. Januar 1958 eingeweiht.
Es folgten Schwimmhalle, Fußballstadion, Sporthotel und 1964 die Eissporthalle, die wegen ihrer Form „Wellblechpalast“ genannt wurde. 1986 erhielt die 400-Meter-Eisschnelllaufbahn ein Dach. Heute umfasst das Gelände rund 50 Hektar mit 35 Sportstätten. Der Dorfkern mit Schloss und Kirche lag nun zwischen Sportanlagen und Gewerbe.
Auch das Schloss fand eine neue Aufgabe: Von 1945 bis 1989 diente es als Geburtsklinik. Rundherum arbeiteten Volkseigene Betriebe, etwa der VEB Holzwerk mit rund 500 Beschäftigten und das Getränkekombinat Berlin, das die Löwenbrauerei weiterführte.
Ab 1972 veränderten Plattenbauten das Bild. Zuerst entstanden Wohnblöcke an der Wartenberger und Falkenberger Straße, dann die Gebiete Hohenschönhausen I und II, bis 1984 insgesamt rund 8.000 Wohnungen für etwa 25.000 Menschen. Um den alten Dorfkern stehen seither Häuser mit bis zu 20 Geschossen.
Weil im Norden noch größere Neubaugebiete wuchsen, bildete Ost-Berlin am 1. September 1985 einen eigenen Stadtbezirk Hohenschönhausen aus Teilen von Weißensee. Ende 1985 zählte er 67.045 Einwohner, zur Wende rund 120.000. Dann kam das Jahr 1989, und mit ihm endete auch das Sperrgebiet.
Seit 1990: Alt vor dem Namen und neue Nachbarn
Nach der Wiedervereinigung schlossen viele Betriebe, und die Bevölkerung sank bis 2002 um 18 Prozent. Zugleich arbeiteten Bewohner die Vergangenheit auf. 1995 fanden sich die Gebeine der Lagertoten, 259 Tote wurden auf dem Friedhof Hohenschönhausen beigesetzt. 1998 entstand dort ein Denkort mit einem begehbaren Labyrinth.
Das Gefängnis wurde zur Gedenkstätte. Ab Juli 1994 führten ehemalige politische Häftlinge Besucher durch die Zellen, am 7. Juni 2000 beschloss das Abgeordnetenhaus das Stiftungsgesetz. Die Besucherzahl stieg laut Wikipedia von etwa 50.000 auf über 450.000 im Jahr. Seit 2023 steht im Rosenhof die Skulptur „FREIHEIT“ von Hüseyin Arda.
2001 wurde der Bezirk Hohenschönhausen mit Lichtenberg vereinigt. Weil der Norden nun Neu-Hohenschönhausen hieß, erhielt der alte Ortsteil 2002 den Namen Alt-Hohenschönhausen. Der Bezirk übernahm 1990 das Haus Lemke. Von 2000 bis 2002 sanierte er es für 1,07 Millionen Euro; als Mies-van-der-Rohe-Haus zählt es rund 18.000 Besucher im Jahr.
Das Schloss drohte zu verfallen. 1998 gründete sich ein Förderverein, der das Haus im Februar 2008 erwarb. Von 2015 bis 2018 ließ er es mit Mitteln der Klassenlotterie und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz sanieren. Heute gibt es dort Ausstellungen, Lesungen und Konzerte, der Ort nennt sich Bürgerschloss.
Auf dem Gelände der früheren Bauakademie entstand ab 1997 ein Gewerbegebiet, 2011 eröffnete der Zughersteller Stadler ein Montagewerk. Am Obersee und Orankesee erholen sich Berliner aus dem ganzen Nordosten. Zwischen Plattenbauten und Villen soll ein Entwickler ab 2024 ein neues Quartier auf rund 27 Hektar bauen.