Gut, Landsitz und Kietz: die Zeit um 1800
Mit dem Jahr 1783 änderte sich die Dorfordnung. Das Gut wurde aus der gemeinsamen Feldwirtschaft herausgelöst und in Erbpacht gegeben. Im selben Jahr entstand an der heutigen Lückstraße der Lichtenberger Kietz: vier Doppelhäuser für acht Büdner, Kleinstbauern mit Haus, aber kaum Acker.
Zugleich entdeckte der Adel das Dorf. Der General Wichard von Möllendorff ließ sich einen Landsitz mit Park, Treibhäusern und Orangerien anlegen. Die Wikipedia nennt für den Bau „um 1780“, der Artikel zum Stadtpark einen Landkauf 1798.
Im Park stand ein Obelisk mit dem Bildnis Friedrichs des Großen. Am 3. August 1808 wurde dort eine Geburtstagsfeier für König Friedrich Wilhelm III. zur Kundgebung gegen Napoleons Herrschaft. Gastwirtschaften machten Lichtenberg in dieser Zeit zum Ausflugsziel der Berliner.
Um 1800 lebten 326 Menschen im Dorf: 14 Bauern, 10 Kossäten, 5 Büdner und 17 Einlieger, also Mieter ohne eigenes Haus. Es gab Schmiede, Wirtshaus, Windmühle und Ziegelei. Das Gut kaufte 1806 teilweise und 1815 ganz der Staatskanzler Karl August von Hardenberg.
19. Jahrhundert: Brände, Bahn und Fabriken
Am 10. September 1833 wurde das Dorf fast ausgelöscht. Ein Großbrand vernichtete die strohgedeckten Fachwerkhäuser nahezu vollständig, und in den Jahren danach zerstörten drei weitere Feuer neun Gehöfte. Die Bauern bauten anschließend massiv, ab etwa 1860 auch ihre Ställe und Scheunen aus Stein.
Einwohner von Lichtenberg früher
Die wachsende Hauptstadt rückte näher. 1878 trat Lichtenberg das Gebiet zwischen Ringbahn, Frankfurter Allee und Thaerstraße an Berlin ab; dort entstanden der Zentralviehhof und das Samariterviertel. 1881 eröffnete die Stadt Berlin auf Lichtenberger Boden den Zentralfriedhof Friedrichsfelde.
Im selben Jahr hielt der erste Personenzug am Bahnhof Lichtenberg an der Ostbahn, der ab 1882 Lichtenberg-Friedrichsfelde hieß und seitdem auch von der Stadtbahn bedient wurde. Entlang der Herzbergstraße siedelten sich Fabriken an, darunter Siemens & Halske. Die Einwohnerzahl schnellte von 3.421 auf 16.358 nach oben.
Das Wachstum verschob auch Grenzen. 1889 gab Lichtenberg seinen Kietz an der Lückstraße an die Nachbargemeinde Boxhagen-Rummelsburg ab. Nördlich der Felder entstand die Irrenanstalt Herzberge, aus der das heutige Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge hervorging, umgeben vom Landschaftspark Herzberge.
Die Gemeinde brauchte eine Verwaltung, die mitwuchs. Nach zwei Jahren Bauzeit wurde am 11. November 1898 das neugotische Backsteinrathaus eingeweiht, für rund 396.000 Mark. 1900 ging der Gutsbezirk in der Gemeinde auf. Das Dorf war endgültig zur Vorstadt geworden.
1908 bis 1920: die Stadt Lichtenberg
Am 1. April 1908 schied Lichtenberg aus dem Kreis Niederbarnim aus und erhielt das Stadtrecht. 71.000 Menschen lebten damals hier. Erster Bürgermeister wurde Oskar Ziethen, nach dem heute das Krankenhaus in der Fanningerstraße heißt.
Die junge Stadt baute kräftig. 1907 kaufte sie für 811.700 Mark den alten Möllendorffschen Park und machte ihn zum Bürgerpark, dem heutigen Stadtpark. Das Landhaus wich 1911 einer Höheren Knabenschule. Von 1911 bis 1914 entstand das Hubertus-Krankenhaus, dazu neue Schulen.
Auch das Rathaus wurde der Stadt zu klein. Für Umbau und Erweiterung bewilligten die Stadtverordneten 1906 zunächst 300.000 Mark und 1907 eine weitere Million. Die Arbeiten dauerten von 1907 bis 1909. 1906 trat Franz Knipping als Gemeindebaumeister an und gab den neuen Schulen und Anstalten ihre Gestalt.
1912 gemeindete die Stadt Boxhagen-Rummelsburg ein und nannte sich fortan „Berlin-Lichtenberg“. Zwischen 1905 und 1912 verdoppelte sich die Bevölkerung von rund 43.000 auf gut 81.000. Wohnhäuser und Werkhallen wuchsen bis an die Gleise der Ringbahn.
Am 1. Oktober 1920 endete die Eigenständigkeit. Mit dem Gesetz über Groß-Berlin wurde Lichtenberg eingemeindet und gab dem neuen Bezirk seinen Namen. Nach der Wikipedia galt es damals als das am stärksten verstädterte frühere Dorf im östlichen Berliner Umland.
1920 bis 1945: Bezirk, Denkmal und Diktatur
Das Rathaus von 1898 diente nun dem Bezirk Lichtenberg. Am 6. November 1928 hielten die ersten elektrischen S-Bahn-Züge am Bahnhof, und am 21. Dezember 1930 erreichte ihn die U-Bahn-Linie E, heute U5, mit der Station „Lichtenberg Zentralfriedhof“. Alfred Grenander gestaltete sie mit gelben Wandfliesen.
Zugleich wurde gebaut. Nördlich des Bahnhofs entstand in den 1920er Jahren die Wohnanlage Lichtenberg, Häuser dieser Zeit stehen auch um die Rüdigerstraße. 1925 lebten 144.662 Menschen im Bezirk. Die Krise der Weimarer Republik traf die Arbeiterviertel um die Frankfurter Allee hart.
Auf dem Zentralfriedhof lagen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht begraben. Am 13. Juni 1926 wurde dort das Revolutionsdenkmal nach einem Entwurf von Ludwig Mies van der Rohe enthüllt. Nationalsozialisten beschädigten es im Februar 1933 und ließen es Anfang 1935 bis auf das Fundament abtragen.
Die Diktatur traf auch Menschen aus Lichtenberg. Zu den Widerstandskämpfern, die hier aufwuchsen oder lebten, zählen Hans Zoschke, Erwin Nöldner, Georg Lehnig und Ilse Stöbe. Keiner von ihnen überlebte das Regime. Ein Stadion trägt heute Zoschkes Namen.
1938 wurden die Grenzen neu gezogen: Boxhagen und Friedrichsberg kamen zu Friedrichshain, die Siedlung Weiße Taube zu Lichtenberg, Wilhelmsberg zu Hohenschönhausen. 1939 zählte der Bezirk 150.425 Einwohner. Spätestens am 23. April 1945 stand die U-Bahn still, als die Rote Armee Berlin erreichte.
Teilung und DDR: Volkseigene Betriebe und die Stasi
Nach 1945 wurden die Großbetriebe enteignet. Viele konnten zunächst nicht produzieren, weil Maschinen demontiert waren oder Rohstoffe fehlten; erst ab 1952 lief die Fertigung wieder nennenswert an. Aus den Fabriken wurden volkseigene Betriebe wie Elektrokohle Lichtenberg oder die Wälzlagerfabrik „Josef Orlopp“.
Schon 1945 öffnete im früheren Gymnasium am Stadtpark das Theater an der Parkaue, in der DDR „Theater der Freundschaft“ genannt. Am 14. Januar 1951 weihte die Staatsführung auf dem Zentralfriedhof die Gedenkstätte der Sozialisten ein, bis 1989 der Ehrenfriedhof der SED.
Im Stadtpark lag der Krieg noch lange sichtbar: Aus abgeladenem Trümmerschutt wuchs der Helenenhügel, auf dem Kinder im Winter rodeln. Ab 1948 erneuerte der Stadtbezirk Wege und Teich, erweiterte den Park bis zur Möllendorffstraße und baute Freilichtbühne, Planschbecken und das Stadion „1. Mai“.
Das Karree zwischen Normannen-, Magdalenen- und Ruschestraße und Frankfurter Allee übernahm das Ministerium für Staatssicherheit. Dafür wurden eine Kirche und Wohnbauten von Bruno Taut abgerissen. 1960/61 entstand Haus 1, der Dienstsitz von Erich Mielke.
Der Bahnhof Lichtenberg wurde in den 1960er und 1970er Jahren nach Angaben der Wikipedia zum wichtigsten Fernbahnhof Ost-Berlins, begünstigt durch seine Lage an Außenring und Ringbahn. Zwischen 1976 und 1980 wurde er grundlegend umgebaut und bekam einen dritten Fernbahnsteig. 1982 öffnete das neue Empfangsgebäude.
Wohnraum war knapp. In den 1970er Jahren wuchs die Großsiedlung Frankfurter Allee Süd, mit einem Wohnblock von damals 350 Metern Länge. 1979 teilte die DDR die Ost-Berliner Stadtbezirke neu, 1986 kam Hellersdorf hinzu. Bis dahin hatten auch Marzahn, Biesdorf und Karlshorst zum Stadtbezirk Lichtenberg gehört.
1990 bis 2010: Besetzung, Abwicklung, Neubeginn
Am 15. Januar 1990 besetzten Demonstranten die Stasi-Zentrale in der Normannenstraße. Sie wollten die Aktenvernichtung stoppen, die seit dem Herbst 1989 lief. Bürgerrechtler gründeten im Sommer den Verein ASTAK und eröffneten am 7. November 1990 in Haus 1 die Forschungs- und Gedenkstätte, das heutige Stasimuseum.
Für die Industrie bedeutete die Wende das Ende. Die meisten Betriebe wurden abgewickelt, übrig blieben kleine Handwerksfirmen. Auf dem Gelände von Elektrokohle entstand das Dong Xuan Center, ein asiatischer Großmarkt. An der Frankfurter Allee öffneten das Ringcenter und die Möllendorffpassage.
Auch der Bahnhof verlor seine Rolle. Im Mai 1993 hielten zwar kurz ICE-Züge in Lichtenberg. Doch nach der Öffnung der Stadtbahn für Fernzüge 1998 und dem Start des Hauptbahnhofs 2006 blieb vor allem Regionalverkehr. 2004 wurde die U-Bahn-Station saniert und um 30 Meter nach Osten verschoben.
Aus der früheren Stasi-Zentrale wurde Verwaltung: In einen Teil des Karrees zog das Finanzamt ein, während Haus 1 Gedenkstätte blieb. Zum 1. Juni 2001 fusionierten die Bezirke Lichtenberg und Hohenschönhausen zum heutigen Bezirk Lichtenberg, Alt-Lichtenberg wurde einer seiner Ortsteile.
Zum hundertsten Jahrestag des Stadtrechts stellte der Bezirk am 1. April 2008 an neun Orten Metallstelen auf. Südlich der Landsberger Allee wurden alte Produktionsflächen neu bebaut; im Dezember 2010 eröffnete dort nach Angaben der Wikipedia die bis dahin größte IKEA-Filiale Deutschlands.
Gegenwart: Was Lichtenberg heute prägt
Auf 7,22 Quadratkilometern lebten Ende 2023 genau 44.501 Menschen. Die Seite berlin.de beschreibt das Nebeneinander treffend: Plattenbau neben Haus der 1920er Jahre neben Einfamilienhaus ist hier nichts Ungewöhnliches. Im Bornitz-Viertel stehen Ein- und Doppelhäuser, an der Frankfurter Allee Hochhäuser.
Das Rathaus ist weiter Sitz des Bezirksamts und wird von 2023 bis 2025 für 2,8 Millionen Euro saniert. Der Stadtpark bekam bis Sommer 2022 neue Wege, einen Bolzplatz und bessere Beleuchtung. Im Rathauspark feiert der Bezirk jedes Jahr das Mittelalterfest „Spectaculum am lichten Berg“.
Die Stasi-Zentrale ist zum Lernort geworden. Seit Januar 2015 zeigt Haus 1 die Dauerausstellung „Staatssicherheit in der SED-Diktatur“, seit 2016 erzählt eine Freiluftausstellung von Revolution und Mauerfall. Langfristig soll aus dem Gelände ein „Campus der Demokratie“ werden.
Neues Wohnen entsteht am westlichen Rand: 2024 wurde der Topaspark zwischen Vulkanstraße und Am Wasserwerk bezugsfertig. Das Theater an der Parkaue ist nach Angaben der Wikipedia das größte Staatstheater für junges Publikum in Deutschland und spielt weiter im alten Schulbau am Stadtpark.
Den Bahnhof nutzen täglich rund 85.000 Fahrgäste, fast nur noch im Regional-, S- und U-Bahn-Verkehr. Sein Vorplatz heißt seit April 2023 Eugeniu-Botnari-Platz. Die Frankfurter Allee führt als Bundesstraße quer durch den Ortsteil, die Landsberger Allee bleibt seine nördliche Grenze.