Walter Gropius und sein Entwurf
Walter Gropius, 1883 in Berlin geboren, hatte 1919 in Weimar das Staatliche Bauhaus gegründet, die Schule, die Architektur und Gestaltung des 20. Jahrhunderts prägte. 1934 ging er nach London, 1937 in die USA. Dort lehrte er an der Harvard University und gründete 1946 das Büro The Architects Collaborative, kurz TAC.
In den Jahren 1960 und 1961 legten Gropius und TAC zwei Gesamtpläne für BBR vor. Sie sahen überschaubare Wohnquartiere vor, einen durchgehenden Grünzug über der Decke des U-Bahn-Tunnels und kreisrunde Bauten mit höchstens fünf Geschossen. Dreizehn solcher Rundbauten waren geplant.
Gropius wollte das vielfältige Leben einer gewachsenen Stadt mit den Mitteln des modernen Städtebaus verbinden: viel Licht, viel Grün, kurze Wege. Die Zahl der Wohnungen gab die Broschüre des Quartiers mit rund 12.000 an, Wikipedia nennt 14.500. In beiden Fällen war es eine lockere Siedlung mit Luft zwischen den Häusern.
Die Grünflächen sollten die Quartiere verbinden und nicht trennen. Zwischen den Häusern waren Spielplätze, Schulen und kleine Läden vorgesehen, sodass der Alltag ohne Auto auskommen konnte. Das Vogelwäldchen am Rand war seit 1959 als Landschaft geschützt und blieb als Erholungsort erhalten.
Ab 1962 leitete Gropius die Planung mit seinem Büro. Doch die Welt um das Baufeld hatte sich inzwischen verändert, und die Pläne, die er aus Cambridge mitgebracht hatte, ließen sich nicht mehr so bauen, wie er sie gezeichnet hatte.
1961 bis 1975: Mauerbau, Grundstein, Verdichtung
Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Sie verlief direkt an der Südgrenze des Planungsgebiets, und West-Berlin konnte sich nicht mehr ins Umland ausdehnen. Jede Wohnung musste nun innerhalb der Stadt entstehen. Die Planer verdichteten die Siedlung deutlich und bauten höher, als Gropius es vorgesehen hatte.
Einwohner von Gropiusstadt früher
Am 7. November 1962 legte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in Anwesenheit von Gropius den Grundstein für den ersten Bauabschnitt mit 1.202 Wohnungen am Grünen Weg. In der Nacht darauf wurde die Grundsteinkassette gestohlen und nie wiedergefunden. Am 12. Juni 1963 folgte eine zweite Grundsteinlegung.
Im Jahr 1964 zogen die ersten Mieter ein. Bauherren waren vor allem die städtischen Gesellschaften GEHAG und DeGeWo, dazu die Hilfswerk-Siedlung und die Baugenossenschaft Ideal; private Investoren spielten kaum eine Rolle. Bis 1975 standen statt der geplanten Zahl fast 19.000 Wohnungen, rund 90 Prozent davon Sozialwohnungen.
Eine Sozialwohnung war mit öffentlichen Mitteln gebaut und nur mit Wohnberechtigungsschein zu mieten. Die Baukosten lagen bei rund 1,74 Milliarden Mark auf einer Fläche von 264 Hektar. Zwischen 1964 und 1975 zogen etwa 50.000 Menschen in die Siedlung, und die Grünflächen fielen kleiner aus als gedacht.
Von den dreizehn Rundbauten wurde nur einer nach Gropius' Plan verwirklicht, das Gropiushaus, dessen Grundstein am 16. September 1972 gelegt wurde. Zwei Tage später erhielt die Siedlung den Namen Gropiusstadt. Ihr Planer erlebte das nicht mehr: Er war 1969 in Boston gestorben.
Hochhaus, Kirchen, U-Bahn: die Siedlung bekommt ein Gesicht
Das Wahrzeichen der Siedlung entstand von 1966 bis 1969 an der Fritz-Erler-Allee: das Wohnhochhaus Ideal, entworfen von Gropius und Alexander Cvijanović. Mit 90,85 Metern ist es laut Wikipedia das höchste Wohngebäude Berlins; bei seiner Fertigstellung war es das höchste der Bundesrepublik. Es enthält 227 Wohnungen.
Auch die Kirchen sind Bauten ihrer Zeit. Die evangelische Martin-Luther-King-Kirche, ein schlichter Quader aus Beton und Glas von Karl Otto, wurde am 25. April 1968 eingeweiht. Die katholische St.-Dominicus-Kirche plante Hans Schädel.
Sie und die Dreieinigkeitskirche stehen heute unter Denkmalschutz. Die Kirchen bekamen Glockentürme, Gemeindehäuser und Kindergärten, denn in die neuen Wohnungen zogen vor allem junge Familien, und die Siedlung brauchte Orte, an denen man sich begegnen konnte.
Am 2. Januar 1970 fuhr die U-Bahn von Britz-Süd bis zum Zwickauer Damm, am 1. Juli 1972 weiter nach Rudow. Vier Bahnhöfe der heutigen Linie U7 liegen in der Gropiusstadt. Über dem Tunnel blieb ein Grünzug frei, wie Gropius es gewollt hatte; Walter Rossow gestaltete ab 1964 die Freiflächen.
Zum Einkaufen gab es ab 1969 an der Johannisthaler Chaussee eine Ladenzeile mit 40 Geschäften in Pavillons. Das Gemeinschaftshaus am Bat-Yam-Platz, 1965 von Anatol und Ingrid Ginelli entworfen, öffnete 1973 als Ort für Kultur und Versammlungen. Die Walter-Gropius-Schule war laut Wikipedia die bundesweit erste Gesamtschule.
Ab Ende der 1970er Jahre: schwierige Jahre
Als die letzten Häuser 1975 fertig waren, zeigte sich die Kehrseite der Dichte. Der hohe Anteil an Sozialwohnungen, die Anonymität der langen Flure und dunkle Ecken zwischen den Blöcken brachten der Siedlung ab Ende der 1970er Jahre den Ruf eines Problemgebiets ein. Nachbarschaftskonflikte kamen hinzu.
Überregional bekannt wurde das 1978 durch ein Buch. Wir Kinder vom Bahnhof Zoo erzählt die Geschichte der 1962 geborenen Christiane Felscherinow, die mit ihrer Familie aus Kreuzberg in eine Wohnung in der Gropiusstadt zog und als Jugendliche drogenabhängig wurde.
Die Journalisten Kai Hermann und Horst Rieck hatten es nach Tonbandprotokollen geschrieben. Laut Wikipedia wurde es das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegszeit, stand 95 Wochen an der Spitze der Bestsellerliste und wurde 1981 verfilmt. Für viele Leser stand die Gropiusstadt seither für die Schattenseiten der Hochhaussiedlung.
Für die Bewohner selbst sah der Alltag oft anders aus als das Bild in den Medien. Viele Familien lebten seit dem Einzug in den 1960er Jahren hier, schätzten die hellen Wohnungen, die Nähe zur U-Bahn und das Grün vor der Tür. Zwischen den Hochhäusern entstanden Vereine, Gemeinden und Nachbarschaften.
Der Senat reagierte 1986 mit Investitionen in das Wohnumfeld: Grünflächen wurden neu gestaltet, Jugendclubs eingerichtet. Das Jugend- und Kulturzentrum Wutzkyallee, seit 1977 geplant, nahm 1989 seinen Betrieb auf. Mit dem Fall der Mauer im selben Jahr lag die Siedlung plötzlich nicht mehr am Rand, sondern am Übergang nach Brandenburg.
Seit 1990: Passagen, Quartiersmanagement, eigener Ortsteil
Nach der Wiedervereinigung fielen die Bundeszuschüsse für West-Berlin weg, und 1992 endeten die öffentlichen Investitionen in die Freiflächen. Viele Haushalte mit höherem Einkommen zogen fort, der Anteil ausländischer Bewohner stieg. Zugleich veränderte sich die Mitte der Siedlung grundlegend.
Aus der alten Ladenzeile wurden die Gropius Passagen. Der erste Bauabschnitt öffnete im November 1996, der zweite am 4. September 1997. Die Gesamteröffnung war am 2. September 1999. Mit mehr als 94.000 Quadratmetern Verkaufsfläche sind sie laut Wikipedia das größte Einkaufszentrum Berlins.
Die GEHAG, einst mit 8.024 Wohnungen die Bauherrin der meisten Wohnungen der Siedlung, wurde 1998 privatisiert und ging 2007 in der Deutsche Wohnen auf. Seit 2001 braucht niemand mehr einen Wohnberechtigungsschein, um hier zu mieten. Im Jahr 2002 wurde die Gropiusstadt aus Teilen von Buckow und Rudow ein eigener Ortsteil.
Das Haus der Mitte wurde 2002 abgerissen, Lipschitzplatz und Bat-Yam-Platz 2004 neu gestaltet. Das Gemeinschaftshaus öffnete nach Sanierung im Frühjahr 2007 wieder. Seit 2005 arbeitet ein Quartiersmanagement in der Siedlung, ein Büro, das Bewohner, Vereine und Behörden im Kiez zusammenbringt; 2008 begann die Bildungsmeile Wutzkyallee.
Die Siedlung wächst wieder. Seit Herbst 2014 entstehen an der Fritz-Erler-Allee 240 kleinere Wohnungen, und im November 2018 endete die Modernisierung der Gropius Passagen. Auf weiteren Freiflächen sollen laut berlin.de neue Häuser gebaut werden.
Die Gropiusstadt heute
Auf 2,66 Quadratkilometern lebten am 31. Dezember 2024 insgesamt 39.011 Menschen, und die Zahl steigt seit Jahren. Rund 18.000 Wohnungen stehen im Ortsteil. Die degewo besitzt knapp ein Viertel davon, dazu kommen Deutsche Wohnen, die Hilfswerk-Siedlung, die Baugenossenschaft Ideal und der Beamten-Wohnungs-Verein.
Die Mieten gelten laut berlin.de als vergleichsweise günstig, Leerstand gibt es kaum. Die vier U-Bahnhöfe Johannisthaler Chaussee, Lipschitzallee, Wutzkyallee und Zwickauer Damm verbinden die Siedlung mit der Innenstadt, mehrere Buslinien ergänzen sie. Der Britzer Garten liegt in der Nähe.
Das Quartiersmanagement, Bildungsverbünde und das Gemeinschaftshaus arbeiten daran, dass die Siedlung mehr ist als eine Ansammlung von Wohnungen. In Grünflächen, Spielplätze und Kulturangebote wurde laut Bezirk in den vergangenen Jahren investiert, und die Plätze an den U-Bahnhöfen sind wieder Treffpunkte.
Wer die Siedlung zu Fuß erkundet, findet die Spuren aller Epochen nebeneinander: die Jungfernmühle, in der seit den 1990er Jahren ein Restaurant bewirtet, das Gropiushaus mit seiner Rundung, das Ideal-Hochhaus über den Dächern und die Kirchen der 1960er Jahre.
Am Südrand führt ein Abschnitt des Berliner Mauerwegs durch das Rudower Wäldchen, rund 350 Meter vom U-Bahnhof Wutzkyallee entfernt. Wo einst die Grenze verlief, geht man heute hinüber nach Schönefeld. Die Gropiusstadt ist damit nicht mehr Stadtrand, sondern Nachbar.