19. Jahrhundert: Chaussee, Rittergut und Kleinbahn
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten in Buckow zwölf Ganzbauern, vier Ganzkossäten, ein Büdner und neun Einlieger. Ein Büdner besaß nur ein kleines Haus mit Garten, Einlieger wohnten zur Miete bei anderen. Von 1806 bis 1810 lag das Dorf unter französischer Besatzung.
Danach brachten moderne Ackerbaumethoden einen Schub. Der Ausbau des Buckower Damms als Verbindung Richtung Dresden band das Dorf enger an Berlin, und die Gemeinde kam laut Senatsverwaltung zu einem gewissen Wohlstand. 1860 umfasste die Gemarkung 3.129 Morgen Land.
Das Rittergut wechselte in dieser Zeit häufig den Besitzer: 1828 Kröcher, 1840 Troll. 1847 folgte Bolzenthal, 1856 Lemm. 1864 kaufte es der Hoffotograf Schwarz. 1858 bestand der Ort aus dem Dorf und dem Gut, mit Landwirten, Handwerkern und Arbeitern. 1896 bekam die Kirchengemeinde eine eigene Pfarrstelle.
Dann kam die Eisenbahn. Am 28. September 1900 nahm die Rixdorf-Mittenwalder Eisenbahn den Betrieb auf. Sie verband den Ringbahnhof Hermannstraße mit Mittenwalde, und der Bahnhof Buckow lag bei Kilometer 6,4 östlich des Dorfes. Das Dorf zählte damals 98 Häuser.
1913 verlängerte die Große Berliner Straßenbahn ihre Linie 28 bis in den Ortskern. Der östliche Teil der Feldmark, bis dahin wegen des hohen Grundwassers nur Viehweide, wurde entwässert und besiedelt. Buckow war nun ein Vorort mit Schienenanschluss, und die Großstadt rückte näher.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Siedlungen und Krieg
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz wurde Buckow am 1. Oktober 1920 ein Ortsteil des Bezirks Neukölln. Bis dahin war es eine Gemeinde im Kreis Teltow gewesen. 1919 lebten hier 2.396 Menschen, 1925 waren es 2.425. Das Dorf blieb vorerst klein.
Einwohner von Buckow früher
In den 1930er Jahren änderte sich das Bild. Siedlungen wie die Neue Scholle, die Neue Heimstatt und die Siedlung am Schlierbacher Weg entstanden zwischen Kleingärten und Einfamilienhäusern. Die Einwohnerzahl sprang von 2.803 im Jahr 1930 auf 7.371 im Jahr 1938.
1932 wurde Buckow als Ortsteil des Verwaltungsbezirks Neukölln geführt, mit dem Wohnplatz Buckow Ost jenseits der Bahn. Die abgerufenen Quellen berichten nichts über die NS-Zeit im Ort selbst; zu dieser Lücke steht ein Hinweis am Ende des Textes.
Der Krieg traf auch die alte Kirche. Am 2. September 1943 zerstörte eine Luftmine bei einem Bombenangriff Teile des Bauwerks, die Orgel ging verloren. Die beiden mittelalterlichen Glocken waren zuvor beschlagnahmt worden. 1948 fand man sie in Hamburg wieder, und während der Berliner Blockade kehrten sie zurück.
West-Berlin: Mauer am Feldrand
Nach dem Krieg gehörte Buckow zum amerikanischen Sektor und damit zu West-Berlin. 1946 lebten hier 9.675 Menschen. 1950 teilte die Verwaltung den Ortsteil förmlich in Buckow 1 im Westen und Buckow 2 im Osten; die Grenze bildete die Trasse der Kleinbahn.
Die Bahn selbst verlor an Bedeutung. Am 1. Mai 1955 endete der Personenverkehr auf dem Berliner Abschnitt, danach rollten nur noch Güterzüge. 1964 fuhr die letzte Straßenbahn. Seitdem erschließen Buslinien den Ortsteil, eine U-Bahn-Station hat Buckow nicht.
Der 13. August 1961 machte den Feldrand zur Staatsgrenze. Die Berliner Mauer verlief entlang der Grenze zu Großziethen, 28 Jahre lang. Für die Bahn baute man deshalb 1963 eine 1,2 Kilometer lange Umgehungsstrecke; die alte Trasse bei Rudow wurde 1982 aufgegeben.
Die Teilung der Stadt hatte Buckow 2 schon zuvor verändert. Nach dem Mauerbau mussten Züge der Kleinbahn zwischen Buckow und Rudow einen 300 Meter langen Abschnitt auf DDR-Gebiet mit zwei Grenztoren passieren. Das war auf Dauer nicht tragbar.
Die Kirche wurde nach dem Krieg so weit wie möglich in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt, mit dem Haupteingang durch den Turm. Zwei neue Glocken von 1954 und 1979 ersetzten die verlorenen. Bei Renovierungen entdeckte man spätgotische Wandmalereien, darunter eine Abendmahlszene im Gewölbe.
1962 bis 1975: Die Großsiedlung teilt den Ort
West-Berlin brauchte Wohnungen, und am Stadtrand war Platz. Am 7. November 1962 legte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den Grundstein für die Großsiedlung Britz-Buckow-Rudow. Die Planung leitete Walter Gropius, der Gründer des Bauhauses.
Gropius arbeitete mit seinem Büro The Architects Collaborative; den Abschluss erlebte er nicht mehr, er starb 1969. Der Planungsname Britz-Buckow-Rudow, kurz BBR, nannte die drei Dörfer, auf deren Feldern die Siedlung entstand. Für mehr als 50.000 Menschen waren fast 19.000 Wohnungen vorgesehen.
Bis 1975 entstanden rund 18.500 Wohnungen, etwa 90 Prozent davon Sozialwohnungen. 1972, drei Jahre nach dem Tod des Architekten, erhielt die Siedlung den Namen Gropiusstadt. Die Hochhäuser wuchsen auf der Feldmark zwischen den alten Dörfern in die Höhe.
Für Buckow hatte das eine besondere Folge: Die Siedlung lag mitten im Ortsteil und trennte Buckow 1 mit dem Dorfkern von Buckow 2 im Nordosten. Nur dort, nördlich der Gropiusstadt, wirkt der Ortsteil heute fast großstädtisch, mit Wohnhäusern bis zu acht Geschossen aus den 1970er Jahren.
Auch im Westen wurde gebaut. Ab 1974 errichteten die evangelischen Kirchengemeinden Alt-Buckow und Neu-Buckow die Hans-Martin-Helbich-Siedlung zwischen Alt-Buckow und Gerlinger Straße, mit mehr als 1.000 Wohnungen, Wiesen, einem eigenen Rodelberg und einem kleinen Einkaufszentrum.
Namensgeber war Hans-Martin Helbich, damals Generalsuperintendent der evangelischen Kirche für West-Berlin. Die Siedlung blieb bis 2020 im Besitz der Gemeinden und ging dann an die Baugenossenschaft Steglitz. Daneben stand eine Schule, die wegen Asbest seit 1990 leer stand und Ende 2010 abgerissen wurde.
Seit 1990: Mauerfall und neuer Ortsteil
Mit dem Fall der Mauer verschwand die Grenze am Feldrand. Die Anlagen wurden abgetragen, heute lässt sich ihr Verlauf nur noch an der Vegetation und am Berliner Mauerweg ablesen. Großziethen ist wieder ein Nachbardorf, keine Grenzstation.
1997 entstand das Töpchiner Dreieck zwischen Töpchiner und Drusenheimer Weg, ein Quartier aus Reihen- und Doppelhäusern. Die Parksiedlung Spruch mit Stadthäusern erhielt einen Architekturpreis. Zwischen Stadtrand und Feldmark wuchs ein Wohnort für Familien.
2002 wurde die Gropiusstadt ein eigener Ortsteil, gebildet aus Teilen von Rudow und Buckow 2. Seitdem bildet Buckow wieder einen gemeinsamen Ortsteil, der aber aus zwei getrennten Flächen besteht. 2007 zählte er 38.037 Einwohner, 2023 waren es 40.558.
Die alte Kirche am Dorfteich bekam 1998 eine neue Orgel, die jüngste in einer langen Reihe. Ihre undatierte Glocke aus dem 13. Jahrhundert, von Hand mit dem Seil geläutet, gilt laut Wikipedia als älteste Glocke Berlins. Die Große Glocke trägt das Datum 6. Mai 1322.
Gegenwart: Dorfkern, Feldmark und Buckower Felder
Buckow ist heute ein Ortsteil mit zwei Gesichtern. In Buckow 1 liegt der alte Dorfkern mit Kirche, Teich und denkmalgeschützten Häusern des 19. Jahrhunderts. Ringsum stehen Einfamilien- und Mehrfamilienhäuser, einige Wohnblöcke und Kleingärten. In der Buckower Feldmark werden einzelne Flächen an der Landesgrenze noch bewirtschaftet.
Buckow 2 im Nordosten liegt eingeschlossen zwischen Britz, Rudow und der Gropiusstadt. An der Hauptstraße stehen die Wohnhäuser der 1970er Jahre, dahinter Einfamilienhäuser mit Gärten. Zwischen beiden Teilen liegt die Großsiedlung, die aus Buckows Feldern erwachsen ist.
Die Hauptstraßen sind die Marienfelder Chaussee, Alt-Buckow und die Johannisthaler Chaussee in Ost-West-Richtung sowie der Buckower Damm nach Norden und Süden. Die Buslinien M44, 744 und 172 führen zu den Bahnhöfen Hermannstraße, Johannisthaler Chaussee und Flughafen BER Terminal 5.
Am südlichen Rand soll ein neues Quartier entstehen: die Buckower Felder. Auf rund 16 Hektar bisher landwirtschaftlicher Fläche sind etwa 900 Wohnungen möglich, mindestens 30 Prozent davon öffentlich gefördert. Bauherr ist überwiegend die landeseigene STADT UND LAND; der Bebauungsplan ist festgesetzt.
So schließt sich ein Kreis. Die Felder, die das Dorf 800 Jahre lang ernährt haben, werden nach und nach zu Wohnland. Die Kirche aus Feldsteinen aber steht noch dort, wo die ersten Siedler sie um 1250 aufgerichtet haben, und ihre Glocke läutet seit mehr als 700 Jahren.