19. Jahrhundert: reiche Bauern, erste Bahn
1858 lebten in Rudow 606 Menschen, 515 in der Gemeinde und 91 im Gutsbezirk, dem Bereich des Gutes mit eigener Verwaltung. Die Nähe zu Berlin brachte Absatz für Getreide, Milch und Gemüse. Im letzten Drittel des Jahrhunderts ließen sich wohlhabende Bauern aufwendige Wohnhäuser errichten.
Eines davon steht an der Köpenicker Straße 180, ein Wohnhaus des späten 19. Jahrhunderts, das unter Denkmalschutz steht. 1848 wurde die Kirche gründlich erneuert, wobei die verputzten Feldsteine wieder freigelegt wurden. 1872 pflanzte man das Rudower Wäldchen, ein kleines Naherholungsgebiet.
1888 gründeten Rudower den Turnverein, den heutigen TSV Rudow. Am 28. September 1900 fuhr der erste Zug der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn vom Bahnhof Hermannstraße nach Mittenwalde. Rudow erhielt bei Streckenkilometer 9,7 einen Bahnhof, dessen Gebäude von 1900 noch steht.
Fast zeitgleich grub man den Teltowkanal. Landrat Ernst von Stubenrauch hatte ihn angestoßen, um Industrie vor die Tore Berlins zu holen. Der erste Spatenstich fiel am 22. Dezember 1900.
Am 2. Juni 1906 übergab Kaiser Wilhelm II. die 38,39 Kilometer lange Wasserstraße der Schifffahrt. Für Rudow bedeutete der Kanal eine neue Grenze im Osten und zugleich eine Chance: Entlang des Ufers entstand später das Industrie- und Gewerbegebiet, das dort bis heute arbeitet.
Am 1. Januar 1906 wurde der Gutsbezirk in die Landgemeinde Rudow eingegliedert, 1907 bekam das Dorf einen eigenen Bahnabzweig. 1909 erweiterte man die Kirche um ein Querschiff und einen dreiseitigen Chor und erhöhte den Turm um rund vier Meter. Am 1. Oktober 1913 fuhr die erste Straßenbahn, die Linie 47.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Siedlungen, Krieg
Bis 1920 gehörte Rudow zum Kreis Teltow. Mit dem Gesetz über Groß-Berlin wurde es am 1. Oktober 1920 Teil des Bezirks Neukölln. Der ländliche Charakter blieb zunächst weitgehend erhalten, 1919 zählte der Ort erst 1.447 Einwohner.
Einwohner von Rudow früher
Dann kamen die Siedler. Zwischen den Weltkriegen entstanden auf den Feldern Einfamilienhäuser und Kleinsiedlungen. Die Zahlen zeigen den Schub: 1925 lebten hier 2.022 Menschen, 1930 schon 4.587. 1938 waren es bereits 15.068. In weniger als zwanzig Jahren hatte sich die Einwohnerzahl verzehnfacht.
Die Straßenbahn der Linie 47 und der Bahnhof der Mittenwalder Bahn machten den Weg zur Arbeit in Neukölln und Berlin kurz. Wer in Rudow baute, bekam ein Stück Garten und blieb doch Städter. Das Dorf wurde zur Vorstadt, ohne seine Höfe zu verlieren.
Der Zweite Weltkrieg traf auch das alte Dorf. Die Feldsteinkirche wurde schwer zerstört, die Dinse-Orgel von 1896 ging 1945 verloren. Erhalten blieben die Feldsteinmauern unter dem Turm, das Westportal, eine Wand des Schiffs und die Glocke von 1732.
1945 kam Rudow zum amerikanischen Sektor. Im Jahr darauf lebten hier 16.634 Menschen, viele in Behelfsbauten und Lauben. Niemand ahnte, dass die Randlage des Dorfes bald zur Lage an einer Grenze werden sollte.
An der Mauer: Rudow als Rand von West-Berlin
Schon 1948 wurde Rudow Endbahnhof der Mittenwalder Bahn, denn die Strecke führte in die sowjetische Zone. 1955 endete der Personenverkehr auf Berliner Gebiet. Die Kirche baute man bis 1954 nach Plänen von Ulrich Knispel wieder auf, mit flachem Chorabschluss und Rundfenster.
Ab 1956 steckte Weltpolitik im Boden südlich der Rudower Höhe. Ein etwa 450 Meter langer Spionagetunnel führte von einer US-Radarstation bis unter die Schönefelder Chaussee in Altglienicke. Elf Monate lang zeichnete er Telefonate der sowjetischen Streitkräfte auf, bis er im April 1956 entdeckt wurde.
Rund 440.000 Gespräche landeten auf etwa 50.000 Tonbandspulen. Ein etwa sieben Meter langes Originalstück des Tunnels ist heute im Alliierten-Museum in Zehlendorf ausgestellt. Für die Rudower blieb die Anlage jahrelang ein Geheimnis hinter einem Zaun.
Am 13. August 1961 begann der Bau der Berliner Mauer. Nach Angaben der englischen Wikipedia verlief sie an drei Vierteln der Rudower Grenze. Die Abschnürung durch die DDR verstärkte die Randlage, Rudow war nun eine Sackgasse am Südostrand West-Berlins.
Zugleich wurde der Ort ein Tor. Seit 1963 passierten West-Berliner, Bundesbürger und Ausländer den Grenzübergang Waltersdorfer Chaussee auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld. Ab 1980 fuhr ein Zubringerbus, 1985 verlegte die DDR die Passkontrolle in die Transithalle, damit die Busse ohne Wartezeit durchkamen.
Für die DDR war der Übergang ein Geschäft. Wer über Schönefeld flog, musste sein Ticket in westlicher Währung bezahlen, und gegen Vorlage des Tickets gab es ein Transitvisum. So brachte die Rudower Grenze Devisen in die Kassen des Nachbarstaats.
Die Grenze blieb tödlich. Am 12. Februar 1987 wurde Lutz Schmidt bei einem Fluchtversuch nahe der Rheingoldstraße erschossen, sein Begleiter Peter Schulze erreichte West-Berlin. Informationsstelen am heutigen Mauerweg erinnern an ihn und an weitere Opfer.
Gropiusstadt und U-Bahn
Weil West-Berlin nach dem Mauerbau keine Flächen mehr hatte, rückte das Ackerland zwischen Britz, Buckow und Rudow in den Blick. Am 7. November 1962 legte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den Grundstein für eine Großsiedlung.
Geplant hatte sie der Bauhaus-Architekt Walter Gropius mit seinem Büro The Architects Collaborative, und er war bei der Grundsteinlegung dabei. Seine Idee war eine lockere Siedlung mit höchstens fünf Geschossen und viel Grün dazwischen. Doch die Mauer änderte die Rechnung.
Die Planung wurde verdichtet. Statt höchstens fünf Geschossen entstanden Hochhäuser, darunter das Wohnhochhaus Ideal mit 30 Etagen und 89 Metern Höhe. Bis 1975 wurden rund 18.500 Wohnungen gebaut, geplant waren 14.500. Die Grünflächen schrumpften deutlich. Gropius selbst starb 1969, sechs Jahre vor der Fertigstellung.
Mit der Siedlung kam die Schnellbahn. 1966 stellte die BVG die Straßenbahn ein, 1972 eröffnete der U-Bahnhof Rudow als Endstation der heutigen U7. Die Einwohnerzahl des Ortsteils, zu dem die Gropiusstadt damals noch zählte, lag bei der Volkszählung 1987 bei rund 48.000.
Am Teltowkanal wuchs ein Berg. Auf der früheren Mülldeponie entstand die Rudower Höhe, 70 Meter hoch, heute mit Rodelbahn, Wegen und Spielplatz. Jenseits des Kanals steht dort noch ein längerer Abschnitt der hinteren Sicherungsmauer am Originalstandort.
Mit dem 40. Jahrestag der Grundsteinlegung endete die Zeit als gemeinsamer Ortsteil: Die Gropiusstadt wurde ein eigener Ortsteil, Rudow gab die Gebietsteile ab. Die Quellen nennen dafür 2001 und 2002. Für Rudow bedeutete das ein Zurück zum eigenen Profil.
Seit 1990: Grenze weg, Verkehr da
Mit der Grenzöffnung verschwand die Sackgasse, und Rudow lag plötzlich zwischen Berlin und seinem Umland. Der Flughafen Schönefeld brachte Lärm, die Bundesstraße 179 Durchgangsverkehr. Später leitete die Autobahn A 113 einen Teil davon zum Berliner Ring bei Altglienicke.
Aus dem Flughafen Schönefeld wurde der Flughafen BER, und Rudow liegt nach Angaben des Bezirksamts in dessen Nähe. Die Stadtautobahn bringt Durchgangsverkehr auf die Hauptstraßen des Ortsteils. Was einst Sackgasse war, ist heute eine der Einfahrten in die Stadt.
Die Autobahn nahm Teile des früheren Grenzstreifens zwischen Teltowkanal und Waltersdorfer Chaussee ein. Andere Teile wurden zum Landschaftspark Rudow-Altglienicke. Wo Soldaten patrouillierten, führt heute der Mauerweg entlang, und das Rudower Fließ wurde renaturiert.
Auf den Feldern im Süden entstand 1996 das Frauenviertel mit rund 1.700 Wohnungen. Die Rudower Felder sind nach Angaben der Wikipedia für 1.700 bis 2.000 Wohnungen vorgesehen. Das Bezirksamt beschreibt Rudow-Süd als junges Wohngebiet, von Parks umgeben.
Die Verlängerung der U7 zum Flughafen BER bleibt offen. 2018 wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, eine Entscheidung steht aus. Bis dahin endet die U-Bahn wie seit 1972 in Rudow.
Rudow heute
Rudow ist ein Ortsteil der Ein- und Mehrfamilienhäuser. Dazwischen liegen Wohnblöcke, viel Grün und ein paar Bauernhöfe aus der Dorfzeit. Am Teltowkanal erstreckt sich im Osten ein großes Industrie- und Gewerbegebiet, darunter ein Holzheizkraftwerk.
Das alte Dorf ist noch da: die Dorfkirche mit ihrer Schuke-Orgel von 1958, die Alte Dorfschule, der Dorfkrug und mehrere frühere Bauernhäuser. Im Süden steigt der Dörferblick auf 85 Meter, am Kanal die Rudower Höhe. Am Wildmeisterdamm liegt ein Vogelschutzgebiet.
In der Kirche hängt ein großes Holzkruzifix von Hermann Haase-Ilsenburg, in der Gedenkhalle steht eine Pietà von Gerhart Schreiter, und an der Emporenwand zeigt ein Gemälde von Sigmund Hahn den Drachentöter. Die Orgel von 1958 hat 19 Register und 1.387 Pfeifen.
Grün gibt es reichlich. Der Nordpark und der Südpark liegen mitten im Wohngebiet, der Landschaftspark Rudow-Altglienicke zieht sich am früheren Grenzstreifen entlang. Das Rudower Fließ wurde renaturiert und schlängelt sich wieder durch Wiesen, wie zu Zeiten der ersten Bauern.
Der TSV Rudow 1888 zählte am 1. Januar 2024 mehr als 4.600 Mitglieder und gehört laut Wikipedia zu den größten Sportvereinen Berlins. Fünf Grundschulen, zwei Integrierte Sekundarschulen und ein Gymnasium versorgen die Familien.
Ende 2024 lebten 42.818 Menschen auf 11,8 Quadratkilometern. Rudow ist damit weder Dorf noch Großsiedlung, sondern ein Wohnort am Stadtrand, der seinen Bahnhof von 1900, seine Feldsteinkirche und seine Spuren der Mauer bewahrt hat.