Kaufleute, Künstler und jüdisches Leben
Bankiers und hohe Beamte wohnten hier, aber auch viele Künstler, die sich in ausgebauten Dachgeschossen Ateliers einrichteten. Der Maler Lovis Corinth lebte im Viertel, ebenso die Dichterin Else Lasker-Schüler und die spätere Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in der Lessingstraße. Im Atelierhaus Siegmunds Hof 11 arbeitete Käthe Kollwitz.
Schon vor der Bebauung war das Gelände ein Geburtsort: 1828 kam der spätere Augenarzt Albrecht von Graefe in der Villa Finkenherd zur Welt. Später wohnte der Regisseur Max Reinhardt in der Claudiusstraße, und Lenin hielt sich 1895 und 1912 im Viertel auf.
Auch die Politik hinterließ Spuren. Rosa Luxemburg wohnte 1898 und 1899 in der Cuxhavener Straße. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer verbrachte als Kind die Jahre 1912 bis 1917 in der Brückenallee 5, und Kurt Tucholsky lebte am Holsteiner Ufer.
Etwa jeder zehnte Einwohner um 1900 war jüdisch, in den 1920er Jahren lag der Anteil nach Angaben des Bürgervereins bei etwa acht Prozent, fast doppelt so hoch wie in ganz Berlin. In der Lessingstraße stand eine kleine Synagoge im Hof, der „Intelligenztempel“, weil viele Mitglieder Akademiker waren.
1924 kaufte die orthodoxe Gemeinde Adass Jisroel das Atelierhaus in Siegmunds Hof 11 und weihte dort 1926 Schule und Synagoge ein. Viele Bewohner besuchten zudem die große Synagoge in der nahen Levetzowstraße, 1914 eingeweiht, mit mehr als 2.120 Sitzplätzen. Das Hansaviertel war ein Ort des bürgerlichen jüdischen Berlin.
NS-Zeit: Verfolgung und Vertreibung
Nach 1933 änderte sich alles. Die Nationalsozialisten drängten die jüdischen Nachbarn Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben. In der Pogromnacht am 9. November 1938 brannte die Synagoge in der Lessingstraße vollständig aus, ihre Reste wurden 1939 abgetragen. Die Synagoge in der Levetzowstraße wurde angezündet, blieb aber stehen.
Einwohner von Hansaviertel früher
Zugleich plante Albert Speer den Umbau Berlins zur Reichshauptstadt „Germania“ mit breiten Achsen durch die Stadt. Das Hansaviertel lag nicht auf diesen Achsen, sollte aber Wohnungen für Mieter liefern, deren Häuser abgerissen wurden. Ab 1941 ließ Speer deshalb jüdische Bewohner aus ihren Wohnungen verdrängen.
Die Synagoge in der Levetzowstraße wurde ab Oktober 1941 zum Sammellager für Deportationen. Nach den Akten gingen etwa 20.000 Menschen hindurch, bevor sie in die Lager im Osten verschleppt wurden. Im ganzen Bezirk Tiergarten lebten 1933 noch 12.286 Juden, 1945 waren es 161.
Heute erinnern Stolpersteine vor vielen Häusern an die Ermordeten. Im U-Bahnhof Hansaplatz trägt ein „Fenster der Erinnerung“ die Namen von 1.030 jüdischen Bewohnern des Viertels. Das jüdische Leben, das hier über fünfzig Jahre gewachsen war, erlosch fast vollständig.
Die Synagoge in der Levetzowstraße stand nach dem Krieg zehn Jahre leer. Dann ließ der Senat sie abreißen, obwohl sie laut Augenzeugen nicht baufällig war. Seit 1985 erinnert dort das Mahnmal „Flammenwand“ an die Deportationen. An die Germania-Pläne erinnern nur noch Speers Straßenlaternen an der Straße des 17. Juni.
1943 bis 1953: Trümmer und Baustopp
Im Januar und März 1943 trafen erste Luftangriffe das Viertel. Die Nacht vom 22. auf den 23. November 1943 brachte dann das Ende des alten Hansaviertels: Ein britischer Angriff legte die Straßen in Schutt. Von 343 Häusern blieben nur 70 stehen, viele davon schwer beschädigt. Auch die Kirchen brannten aus.
Nach dem Krieg lag das Gebiet im britischen Sektor. Die wenigen erhaltenen Wohnungen wurden in vier oder fünf kleine Einheiten geteilt, um Ausgebombte und Flüchtlinge unterzubringen. Etwa 4.000 Menschen lebten so zwischen den Trümmern. Fotos aus dem Jahr 1954 zeigen die Gegend um die Lessingstraße als „Mondlandschaft“.
1951 wollte der Bezirk Tiergarten einen Wettbewerb für den Wiederaufbau ausschreiben. Der Senat lehnte ab und verhängte einen Baustopp. Im selben Jahr begann in Ost-Berlin der Bau der Stalinallee mit ihren monumentalen Wohnpalästen, und West-Berlin suchte nach einer Antwort.
Die Antwort hieß Internationale Bauausstellung. Im Juni 1953 schrieb der Senat einen Ideenwettbewerb für das Hansaviertel aus und erklärte es zum Kerngebiet der Interbau. Aus 98 Einsendungen gewannen Gerhard Jobst und Willy Kreuer. Nun ging es nicht um Wiederaufbau, sondern um Neubau.
Interbau 1957: Schaufenster des Westens
Zuerst musste der Boden neu geordnet werden. Im Dezember 1954 gründete man eine Aktiengesellschaft für den Aufbau, die 159 alte Parzellen zu 20 Grundstücken für große Bauten und 50 für Einfamilienhäuser zusammenlegte. 14 Eigentümer wurden enteignet. Auch das Straßennetz wurde stark verändert, fast drei Jahre dauerte diese Arbeit.
Die Gesamtplanung leitete Otto Bartning. Eingeladen wurden 53 Architekten aus 13 Ländern, darunter Walter Gropius, Alvar Aalto, Oscar Niemeyer, Arne Jacobsen und Egon Eiermann. Jeder entwarf ein eigenes Haus.
So entstand ein Quartier aus Hochhäusern, Zeilenbauten und Einfamilienhäusern, frei in einer Parklandschaft verteilt. Zehn Gartenarchitekten gestalteten die Freiräume. Laut Wikipedia wurden 35 Objekte mit 1.160 Wohnungen gebaut, der Bürgerverein spricht von etwa 1.300 Wohnungen auf rund 25 Hektar.
Am 6. Juli 1957 eröffnete Bundespräsident Theodor Heuss die Ausstellung, die Festrede hielt der Regierende Bürgermeister Otto Suhr im Schloss Bellevue. Erst etwa ein Drittel der Bauten war fertig. Die Ausstellung lief bis zum 29. September 1957, die letzten Häuser wurden bis Anfang der 1960er Jahre vollendet.
Rund 1,3 Millionen Menschen kamen, mehr als ein Drittel davon aus Ost-Berlin, der DDR und den Ostblockstaaten. Eine Seilbahn trug die Besucher für 1,50 Mark über die Baustellen, in Musterwohnungen zeigte man modernes Wohnen. Die Interbau war Architekturschau und politische Botschaft zugleich.
Neben den Wohnhäusern lockte ein Begleitprogramm. Ein Schaukran bot Aussicht über das Gelände, im Berlin-Pavillon lagen die Unterlagen des Hauptstadtwettbewerbs aus, und die Sonderschau „die stadt von morgen“ zog besonders viele Besucher an. Zwei Bauten gehörten dazu, obwohl sie außerhalb standen: die Kongresshalle und Le Corbusiers Wohnhaus nahe dem Olympiastadion.
Kirchen, Bücherei, Akademie und U-Bahn
Zwei Kirchen gehörten zum Programm. Die neue Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche von Ludwig Lemmer, geweiht am 30. Juni 1957, steht auf den Grundmauern des zerstörten Vorgängers. Ihr offener Betonturm ist 68 Meter hoch und trägt im Volksmund den Spottnamen „Seelenbohrer“. Die katholische St.-Ansgar-Kirche entwarf Willy Kreuer.
Die katholische Gemeinde hatte 1926 nur eine umgebaute Remise an der Altonaer Straße 22 als Kapelle besessen. Ihre neue St.-Ansgar-Kirche von 1957 gehört ebenso zur Interbau wie die Hansa-Grundschule von Bruno Grimmek in der Lessingstraße und die Kindertagesstätte. Das Viertel sollte alles bieten, was ein Stadtteil braucht.
An der Altonaer Straße 15 baute Werner Düttmann mit Siegfried Böhmer 1957 die Hansabücherei, heute Stadtteilbibliothek des Bezirks Mitte. Gegenüber entstand bis 1960 das Einkaufszentrum mit Läden, Gaststätte und einem Kino.
Düttmann entwarf auch das Haus der Akademie der Künste am Hanseatenweg 10, gebaut von 1958 bis 1960. Bis 2005 war es Hauptsitz der Akademie, mit Ausstellungsräumen und einem Theatersaal, und wird noch heute für Ausstellungen genutzt.
Unter dem Hansaplatz lag der U-Bahnhof schon 1957 fertig, Besucher der Interbau konnten ihn besichtigen. Züge fuhren erst ab dem 28. August 1961, als die Linie U9 eröffnete. Aus dem Kino im Einkaufszentrum wurde 1974 das Grips-Theater, dessen Musical „Linie 1“ seit 1986 läuft.
Denkmal der Moderne: das Hansaviertel heute
Nach dem Mauerbau 1961 ließ das Interesse an dem Musterviertel nach. Es wurde zu einem ruhigen Wohnort am Tiergarten, dessen Häuser langsam alterten. 1995 stellte Berlin sämtliche Gebäude und Gartenanlagen der Interbau unter Denkmalschutz, auch den U-Bahnhof.
Mit der Bezirksreform wurde das Hansaviertel zum 1. Januar 2001 ein eigener Ortsteil des neuen Bezirks Mitte. Nach Angaben der Wikipedia ist es der flächenkleinste Ortsteil Berlins, gehört aber zu den am dichtesten besiedelten. 2021 hatte fast jeder zweite Bewohner einen Migrationshintergrund.
Die Bauten der Interbau fordern Pflege. Seit 2004 schweigen die beiden großen Glocken der Gedächtniskirche, weil ihr Turm zu stark schwingt. Im U-Bahnhof Hansaplatz öffnete am 31. Januar 2017 ein Aufzug, der den Bahnsteig stufenfrei erreichbar macht; rund 650.000 Euro kostete er.
Berlin bemüht sich darum, das Hansaviertel zusammen mit der heutigen Karl-Marx-Allee in die Welterbeliste der UNESCO aufnehmen zu lassen; der Bürgerverein nennt dafür das Jahr 2018. Eine Entscheidung ist nach den vorliegenden Quellen noch nicht gefallen. Gemeinsam sollen beide Straßenzüge den Wettstreit der Systeme zeigen.
Heute leben rund 6.170 Menschen im Ortsteil. Wer vom S-Bahnhof Bellevue zum Hansaplatz geht, läuft durch ein begehbares Lehrbuch der Nachkriegsarchitektur: das Haus von Gropius an der Händelallee, das von Aalto an der Klopstockstraße, dazwischen alte Bäume und Rasen.