19. Jahrhundert: Villen, Bahnhof, Reichstag
Der Rand des Parks wurde begehrt. 1828 genehmigte der König einen Bebauungsplan, und aus dem Ausflugsziel wurde laut Bezirksamt eine Villenkolonie wohlhabender Bürger. Hier lebten unter anderem die Brüder Grimm, Ferdinand Lassalle und der Maler Adolph von Menzel. Dieses Tiergartenviertel lag südlich des Parks.
Verkehr brachte Leben. Am Potsdamer Tor, einem Zolltor von 1734, eröffnete 1838 der Potsdamer Bahnhof, und aus dem Platz davor wurde ein Knotenpunkt. 1844 entstand die Krolloper. Von 1844 bis 1846 baute Friedrich August Stüler die St.-Matthäus-Kirche, die den Krieg überstehen sollte.
1861 gemeindete Berlin die Flächen zwischen Park und Spree ein, 1877 entstand auf den Schöneberger Wiesen das Hansaviertel. 1884 wurde das Gebiet amtlich zum Stadtteil Tiergarten. Auf dem alten Exerzierplatz im Spreebogen lag der Königsplatz, der heutige Platz der Republik.
Dort weihte man am 2. September 1873 die Siegessäule von Heinrich Strack ein, mit der 8,30 Meter hohen Viktoria von Friedrich Drake, die Berliner „Goldelse“ nennen. Von 1884 bis 1894 baute Paul Wallot daneben das Reichstagsgebäude für rund 24 Millionen Goldmark.
Kaiser Wilhelm II. ließ von 1895 bis 1901 die Siegesallee mit Denkmälern durch den Park ziehen. Am Potsdamer Platz fuhr ab 1902 die U-Bahn, 1924 kam der Ampelturm. 1910 zählte der Stadtteil 24.717 Einwohner, doch die Grenzen sollten sich bald grundlegend ändern.
Die Siegessäule und der Reichstag standen damals noch nebeneinander am Königsplatz. Wer heute auf dem Platz der Republik steht, sieht nur noch das Parlament; die Säule hat ihren Ort gewechselt, und das hatte Gründe, die mit dem 20. Jahrhundert zu tun haben.
1920: Der Bezirk Tiergarten
Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Aus Tiergarten, Moabit, der Unteren Friedrichsvorstadt und der Schöneberger Vorstadt wurde der zweite Verwaltungsbezirk der neuen Stadt. Den Namen gab der Park. 1925 lebten im Bezirk 283.581 Menschen.
Einwohner von Tiergarten früher
Die junge Republik hatte hier ihre dunkelsten Orte. Am 15. Januar 1919 erschossen Freikorpssoldaten Karl Liebknecht im Park nahe dem Neuen See, am 1. Juni 1919 fand man die Leiche Rosa Luxemburgs im Landwehrkanal. Von 1919 bis 1933 arbeitete Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft im Ortsteil.
An der Bendlerstraße stand seit 1914 das Gebäude des Reichsmarineamts, in das 1920 der Reichswehrminister einzog. Der Bendlerblock, wie man es nennt, sollte später traurige Berühmtheit erlangen. 1932 vollendete Emil Fahrenkamp daneben das geschwungene Shell-Haus am Landwehrkanal.
In den Villen des Tiergartenviertels wohnten Diplomaten, Bankiers und Künstler. Das Viertel war dicht an die Macht gerückt: Reichstag, Ministerien und der Potsdamer Platz, einer der verkehrsreichsten Plätze Europas, lagen in Gehweite. Genau diese Nähe wurde ihm zum Verhängnis.
Am Südrand des Parks lag nun das Tiergartenviertel mit seinen Villen, am Nordrand das Alsenviertel am Spreebogen, in dem auch die Schweizerische Botschaft stand. Sie steht dort noch heute, mitten im Regierungsviertel. Beide Viertel sollten die nächsten zwei Jahrzehnte nicht unbeschadet überstehen.
NS-Zeit: Germania, Abrisse und der 20. Juli
In der Nacht zum 28. Februar 1933 brannte der Reichstag. Das Parlament tagte fortan in der Krolloper, bis Luftangriffe sie 1943 zerstörten. Die Nationalsozialisten zogen nun ihren umfassendsten Plan auf das Gebiet: die Umgestaltung Berlins zur „Welthauptstadt Germania“ mit einer Nord-Süd-Achse durch das Tiergartenviertel.
Für die nie gebaute Große Halle wurde das Alsenviertel am Spreebogen abgerissen, die Botschaften verlegte man an den Südrand des Parks, den Albert Speer 1938 zum Diplomatenviertel erklärte. Im Tiergartenviertel wurden jüdische Eigentümer enteignet und vertrieben, Villen fielen für die Neubaupläne.
Die Charlottenburger Chaussee wurde als Ost-West-Achse von 27 auf 53 Meter verbreitert. Die Siegessäule versetzte man 1938 und 1939 rund 1,6 Kilometer westwärts auf den Großen Stern und erhöhte sie um ein viertes Segment. 1938 gab der Bezirk das Gebiet südlich der Kurfürstenstraße an Schöneberg ab und verlor 28.495 Einwohner.
Am 20. Juli 1944 scheiterte im Bendlerblock der Umsturzversuch Claus Schenk Graf von Stauffenbergs. Noch in der Nacht wurden er, Friedrich Olbricht, Albrecht Mertz von Quirnheim und Werner von Haeften im Hof erschossen. 1955 erhielt die Bendlerstraße den Namen Stauffenbergstraße.
Der Krieg beendete das alte Tiergarten. Die Bebauung zwischen Spree und Landwehrkanal wurde fast vollständig zerstört, das Hansaviertel schwer getroffen. Am 30. April 1945 hissten sowjetische Soldaten die Flagge auf dem Reichstag. Der Park war da schon kein Park mehr.
1945 bis 1959: Kartoffeln im Park und 250.000 junge Bäume
Was vom Großen Tiergarten übrig war, verheizten die Berliner im ersten Nachkriegswinter. Von etwa 200.000 Bäumen blieben nach Angaben der Wikipedia rund 700 stehen. Auf den freien Flächen entstanden rund 2.550 Parzellen für Kartoffeln und Gemüse, die Ost-West-Achse diente zeitweise als Flugpiste.
Gewässer waren verschlammt, Brücken zerstört, Denkmäler umgestürzt. Die Rote Armee legte 1945 quer zur Siegesallee das Sowjetische Ehrenmal an, zugleich ein Soldatenfriedhof. Ein Plan, die Seen mit Trümmerschutt zu füllen, scheiterte am Gartenarchitekten Reinhold Lingner.
Schon am 2. Juli 1945 beschloss der Magistrat die Wiederherstellung. Nach der Teilung der Stadt folgte West-Berlin den Plänen von Wilhelm Alverdes. Am 17. März 1949 pflanzte Oberbürgermeister Ernst Reuter die erste Linde. Bis 1959 wurde aufgeforstet.
Westdeutsche Städte übernahmen Patenschaften, insgesamt kamen 250.000 Jungbäume nach Berlin, ein Teil davon während der Blockade per Flugzeug. Die barocken Teile stellte man nicht wieder her. 1946 forderte Frankreich den Abriss der Siegessäule, Briten und Amerikaner lehnten ab.
Tiergarten gehörte zum britischen Sektor. 1946 zählte der Bezirk 110.620 Einwohner, weniger als die Hälfte von 1925. 1953 erhielt die Charlottenburger Chaussee den Namen Straße des 17. Juni, und 1954 sprengte man die beschädigte Kuppel des Reichstags.
West-Berlin: Interbau, Kulturforum und die Mauer
1957 zeigte die Internationale Bauausstellung im neu gebauten Hansaviertel, wie West-Berlin wohnen wollte. Die USA schenkten der Stadt die Kongresshalle, deren Dach 1980 teilweise einstürzte und einen Journalisten tötete. Sie wurde mit besserer Statik wieder aufgebaut.
Auf dem Gelände des zerstörten Tiergartenviertels entstand ab 1958 das Kulturforum. 1959 beschloss das Abgeordnetenhaus, die Philharmonie an den Südrand des Parks zu setzen; Hans Scharoun vollendete sie 1963. Von 1965 bis 1968 baute Mies van der Rohe daneben die Neue Nationalgalerie.
Scharouns Staatsbibliothek wuchs von 1967 bis 1978. Sein Schüler Edgar Wisniewski vollendete sie nach Scharouns Tod 1972. Von 1984 bis 1987 folgte der Kammermusiksaal. Von 1992 bis 1998 kam die Gemäldegalerie hinzu. Das Reichstagsgebäude baute Paul Baumgarten von 1961 bis 1973 ohne Kuppel wieder auf.
Seit August 1961 lief die Mauer über den Potsdamer Platz, der zur Brache im Grenzgebiet wurde. Allein stand dort das Weinhaus Huth von 1912, ein Sinnbild der Teilung. Am Großen Stern entstand wegen des Verkehrs in 44 Tagen eine 1,2 Kilometer lange Entlastungsstraße.
Die Einwohnerzahl des Bezirks sank von 108.294 im Jahr 1965 auf 72.000 im Jahr 1985. Im Bendlerblock öffnete 1968 eine Ausstellung zum Widerstand, aus der die Gedenkstätte Deutscher Widerstand wurde. Seit 1987 startet der Berlin-Marathon im Großen Tiergarten.
Die Kongresshalle ist heute das Haus der Kulturen der Welt. Das Bauhaus-Archiv am Landwehrkanal, das Wintergarten-Varieté und die Nordischen Botschaften gehören ebenfalls zu dem, was man heute in Tiergarten findet. Doch der eigentliche Umbruch kam erst mit dem Fall der Mauer.
Seit 1990: Regierungsviertel, Potsdamer Platz und Ortsteil
Mit dem Fall der Mauer rückte Tiergarten in die Mitte. Der Potsdamer Platz wurde in den 1990er Jahren laut Wikipedia zu einer der größten Baustellen Europas, mit Sony Center, Daimler-Areal und Beisheim Center. 2000 fand die Berlinale erstmals im Sony Center statt.
Christo und Jeanne-Claude verhüllten den Reichstag vom 24. Juni bis 7. Juli 1995. Danach baute Norman Foster das Haus für 600 Millionen Mark um und setzte ihm eine gläserne Kuppel auf. Am 8. September 1999 tagte der Bundestag erstmals darin. 2001 war das Bundeskanzleramt fertig.
Am 1. Januar 2001 ging der Bezirk Tiergarten mit Wedding und dem alten Mitte im neuen Bezirk Mitte auf. Tiergarten wurde Ortsteil, ebenso Moabit und das Hansaviertel. Seit 1993 hat das Verteidigungsministerium seinen zweiten Sitz im Bendlerblock.
Der Park steht seit 1991 als Gartendenkmal unter Schutz. 2006 ersetzte der Tiergartentunnel die Entlastungsstraße, 2005 entstand der Spreebogenpark. Auf der Straße des 17. Juni feierten die Fanmeilen 2006 und 2008. Am 24. Juli 2008 sprach Barack Obama vor der Siegessäule.
Die Siegessäule wurde von März 2010 bis Mai 2011 saniert, die Viktoria erhielt 1,2 Kilogramm Blattgold. 2014 wurde am ehemaligen T4-Standort der Gedenkort für die ermordeten Kranken und Behinderten eingeweiht. Seit dem 4. Dezember 2020 hält die U5 am Bahnhof Bundestag.
Heute leben 16.313 Menschen auf 5,17 Quadratkilometern, ein großer Teil davon ist Park. Am Kulturforum soll das Museum berlin modern von Herzog & de Meuron entstehen, geplant mit 450 Millionen Euro. Reichstag, Botschaften und Kulturforum machen Tiergarten zu einem Ortsteil, der mehr Besucher als Bewohner hat.