Stadtgründung 1705 und die Ackerbürgerstadt
Gut zwei Monate nach ihrem Tod ehrte der Witwer Friedrich I. seine Frau, indem er dem Schloss und der Siedlung ihren Namen gab. Am 5. April 1705 verlieh er der Ansiedlung das Stadtrecht.
Eine förmliche Urkunde dazu wurde nach den Angaben des Bezirksamts nie ausgefertigt, die Gründung beruht also auf der Entscheidung des Königs selbst. Noch im April wurde ein Magistrat (die Stadtverwaltung) eingesetzt, wobei der König das Amt des Ehrenbürgermeisters übernahm.
Das alte Dorf Lietzow blieb zunächst selbständig und wurde erst 1720 in die Stadt eingemeindet.
Die junge Stadt war klein und arm. 1711 wurden die Bürger vereidigt: Es waren 87 ansässige Personen, dazu 57 Mieter und sechs königliche Beamte.
Ein Stadtgericht, die ersten öffentlichen Brunnen und Privilegien für die Zünfte (die Zusammenschlüsse der Handwerker) kamen in diesen Jahren hinzu. 1708 legte man eine Landstraße von Berlin über Charlottenburg nach Spandau an, im selben Jahr zerstörte ein Großbrand den größten Teil des Dorfes Lützow. 1712 wurde der Grundstein für die Pfarrkirche gelegt, die 1716 eingeweiht wurde.
Sie ist die spätere Luisenkirche, benannt nach Königin Luise. Das Bezirksamt verbindet den Namen mit dem Jahr 1826, in dem die Kirche nach Plänen Karl Friedrich Schinkels umgebaut wurde und einen Turm erhielt.
Ein Rückschlag folgte unter König Friedrich Wilhelm I., der 1717 das Amt des Bürgermeisters übernahm. Nach den Angaben des Bezirksamts ordnete er an, die Stadt wieder zu einem Dorf zu machen.
Im selben Jahr 1717 wurde erstmals Land an die Bürger verteilt, sodass Charlottenburg für lange Zeit eine Ackerbürgerstadt blieb, also eine Stadt, deren Einwohner zu einem guten Teil von Ackerbau und Viehhaltung lebten. Um 1722 zählte man etwa 1.500 Einwohner.
Nach dem Tod des Königs im Jahr 1740 kam es nicht dazu, dass die Stadt ihre Rechte verlor.
Schlossstadt und Ausflugsziel, 1740 bis 1850
Unter Friedrich II. erhielt das Schloss einen langen Seitenflügel, den Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff entwarf. Die Quellen nennen für die Arbeiten die Jahre 1741 bis 1747. Zugleich war die Stadt nicht vor Kriegen sicher: 1760, im Siebenjährigen Krieg, plünderten russische, österreichische und sächsische Truppen Stadt und Schloss.
Danach wandelte sich Charlottenburg zu einem beliebten Ziel für Berliner, die am Wochenende ins Grüne fahren wollten. Gasthäuser wie der „Goldene Hirsch“ (seit 1770) und Landhäuser entstanden, und die Einwohnerzahl stieg bis 1800 auf rund 3.400.
Auch das Schloss und sein Garten wurden weiter gestaltet. Carl Gotthard Langhans baute Ende der 1780er Jahre das Belvedere, ein Teehaus im Schlosspark, und das Schlosstheater. Als französische Truppen 1806 Berlin besetzten, kam Napoleon am 26. Oktober 1806 nach Charlottenburg und bezog Quartier im Schloss.
Die französische Besetzung dauerte bis 1808. Zwei Jahre später, am 19. Juli 1810, starb Königin Luise. Für sie entstand im Schlosspark ein Mausoleum. Den Sarkophag mit der Figur der Königin schuf Christian Daniel Rauch; er wurde 1815 aufgestellt.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Stadt, sich zu verändern. 1799 entstand die Charlottenburger Chaussee, die heutige Straße des 17. Juni. 1842 wurde der Zoologische Garten angelegt, und ab 1845 baute man den Landwehrkanal und den Spandauer Schifffahrtskanal.
Es entstanden die ersten Fabriken, etwa 1833 eine chemische Fabrik und 1836 eine Töpferei, aus der sich später eine Tonwarenfabrik entwickelte. 1848 lebten in Charlottenburg rund 8.000 Menschen, 1855 etwa 10.000.
Industrie, Villen und Großstadt, 1850 bis 1900
Nach 1850 nahm das Wachstum Fahrt auf. 1860 kaufte die Stadt das Palais Encke und weihte es am 5. Dezember als erstes Rathaus ein. 1862 wurde der Bebauungsplan nach Hobrecht verabschiedet, der die künftige Bebauung ordnete. Die erste Pferdeeisenbahn zwischen Berlin und Charlottenburg fuhr 1865.
Mit der Gründung der Villenkolonie Westend im Jahr 1866 entstand im Westen ein Viertel für wohlhabende Bürger, das 1878 zu Charlottenburg kam und heute ein eigener Ortsteil ist.
Im Nordosten, im Bogen der Spree, siedelten sich große Betriebe an: 1861 ging am Landwehrkanal ein Gaswerk in Betrieb, ab den 1870er Jahren kamen unter anderem Siemens & Halske und später die chemische Fabrik Schering (1881) hinzu. 1895 arbeiteten bei Siemens & Halske in Charlottenburg mehr als 2.600 Menschen.
Die Stadt wurde 1877 aus dem Kreis Teltow herausgelöst und damit ein eigener Stadtkreis. Die Berliner Stadtbahn mit den Bahnhöfen Zoologischer Garten, Savignyplatz und Charlottenburg ging 1882 in Betrieb.
Eine weitere wichtige Einrichtung kam 1879 hinzu: Am 1. April wurden die Bauakademie und die Gewerbeakademie zur Königlich Technischen Hochschule in Charlottenburg zusammengelegt. Der Neubau der Hauptgebäude wurde 1884 eröffnet. 1899 erhielt die Hochschule als erste technische Hochschule in Deutschland das Recht, den Doktortitel Dr.-Ing. zu vergeben.
Parallel dazu wurde der Kurfürstendamm zum Boulevard ausgebaut. Otto von Bismarck hatte 1873 angeregt, den alten Reitweg zu einer breiten Prachtstraße auszubauen. 1875 wurde eine Breite von 53 Metern festgelegt, Ende 1882 gründete sich eine Gesellschaft für den Ausbau, und am 5.
Mai 1886 fuhr die Dampfstraßenbahn bis Halensee, was als Geburtstag des Boulevards gilt.
Die Einwohnerzahl stieg in dieser Zeit steil an. 1871 waren es knapp 20.000, 1893 überschritt Charlottenburg die Marke von 100.000 und wurde damit zur Großstadt. 1895 weihte man am heutigen Breitscheidplatz die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein, die Franz Schwechten im neuromanischen Stil gebaut hatte.
Die Stadt ordnete auch ihre Versorgung: Sie baute ihre Abwasserbeseitigung aus und richtete 1898 nach Angaben des Bezirksamts als erste Stadt im Kaiserreich eine städtische Volksbibliothek ein.
Reiche Stadt der Kaiserzeit, 1900 bis 1920
Um 1900 war Charlottenburg wohlhabend: Nach Angaben des Bezirksamts gehörte die Stadt zwischen 1870 und 1890 zu den reichsten und größten Städten Preußens. 1900 nahm das erste städtische Elektrizitätswerk den Betrieb auf.
Zwischen 1899 und 1905 baute die Stadt ein neues Rathaus nach dem Entwurf von Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth, das am 20. Mai 1905 zur 200-Jahr-Feier übergeben wurde. Sein Turm ist rund 88 Meter hoch und überragte damit die Kuppel des nahen Schlosses.
Am Kurfürstendamm und in seiner Umgebung entstand ein Vergnügungs- und Einkaufsviertel. 1896 öffnete das Theater des Westens, 1907 das Schiller Theater und das Kaufhaus des Westens, 1912 das Deutsche Opernhaus an der Bismarckstraße. Das Café des Westens wurde zum Treffpunkt für Künstler. Charlottenburg zählte 1910 rund 306.000 Einwohner.
Dennoch endete die Selbständigkeit bald. Ein Gesetz vom 27. April 1920 fasste Berlin und mehrere Nachbarstädte und Landgemeinden zu Groß-Berlin zusammen. Der Magistrat der Stadt hatte sich lange dagegen gewehrt. Am 1.
Oktober 1920 trat das Gesetz in Kraft, und Charlottenburg wurde mit rund 325.000 Einwohnern der siebte Verwaltungsbezirk der neuen Stadt.
Von 1920 bis 1945: Westen Berlins, Verfolgung und Krieg
In den 1920er Jahren erlebte der Berliner Westen mit Kinos, Theatern, Kabaretts und Tanzcafés einen Aufschwung. Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe nannte den Kurfürstendamm damals „das größte Caféhaus Europas“. Nach 1918 entwickelte sich rund um den Boulevard eine russische Exilkultur. Am 24.
September 1921 wurde die AVUS (Automobil-Verkehrs- und Übungsstraße) eröffnet, eine Straße für Autorennen und Verkehr, und Mitte der 1920er Jahre entstand auf dem nahegelegenen Messegelände der Funkturm. 1931 eröffnete das von Hans Poelzig entworfene Haus des Rundfunks.
Vor 1933 lebten in Charlottenburg etwa 27.000 der rund 160.000 jüdischen Einwohner Berlins, das war nach den Angaben des Bezirksamts die größte Zahl in allen Berliner Bezirken.
Das Bezirksamt hält fest, dass der Nationalsozialismus das kulturelle und wirtschaftliche Leben des Westens vor allem durch die Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung zerstörte.
Schon 1929 zogen fünf Mitglieder der NSDAP, darunter Joseph Goebbels, in die Bezirksversammlung ein, wobei Goebbels nach Angaben des Bezirksamts nie an den Sitzungen teilnahm. 1934 wurden die Bezirksämter aufgelöst. Am 9. und 10. November 1938 fand auch in Charlottenburg die Pogromnacht statt.
Im Zweiten Weltkrieg griffen alliierte Bomber Charlottenburg wiederholt an. Besonders schwer waren die Angriffe im November 1943, in deren Folge Schloss, Rathaus, Gedächtniskirche und Deutsches Opernhaus stark beschädigt oder zerstört wurden. Die Kuppel des Schlosses stürzte ein, und große Teile des Gebäudes brannten aus.
Die Einwohnerzahl sank nach den Angaben des Bezirksamts von etwa 301.000 im Jahr 1943 auf 151.000 bei Kriegsende. Von 102.000 Wohnungen waren 37.000 völlig zerstört. Am 2. Mai 1945 kapitulierte Berlin, und im Juli 1945 wurde Charlottenburg Teil des britischen Sektors.
Teilung und Wiederaufbau, 1945 bis 1989
Die Verwaltung baute sich schon 1946 wieder auf: Es gab eine erste gewählte Bezirksverordnetenversammlung, und Albert Horlitz wurde Bezirksbürgermeister. Ebenfalls 1946 wurde die Technische Hochschule als Technische Universität Berlin im britischen Sektor neu gegründet.
Das Rathaus wurde zwischen 1947 und 1958 unter Hans Günther wiederhergestellt, die Bezirksverwaltung kehrte 1950 zurück. Auch das Schloss wurde Stück für Stück erneuert. Die Kunsthistorikerin Margarete Kühn trieb den Wiederaufbau voran, der 1957 mit der Wiederherstellung der Kuppel endete.
Das Reiterstandbild des Großen Kurfürsten von Andreas Schlüter steht seit 1952 im Ehrenhof des Schlosses.
Nach der Teilung der Stadt wurde der Raum um den Bahnhof Zoo und den Kurfürstendamm zum Zentrum West-Berlins. Man nannte ihn City West oder „Schaufenster des Westens“. Die Gedächtniskirche blieb als Turmruine erhalten, daneben entstand nach dem Entwurf von Egon Eiermann die neue Kirche, die am 17.
Dezember 1961 eingeweiht wurde. Das Europa-Center am Breitscheidplatz entstand von 1963 bis 1965. Ab der Mitte der 1950er Jahre entstanden Hochhäuser am Ernst-Reuter-Platz, 1961 wurde die neue Deutsche Oper eröffnet.
Am 2. Juni 1967 wurde bei einer Demonstration gegen den Besuch des iranischen Schahs vor der Deutschen Oper der Student Benno Ohnesorg erschossen. Das Ereignis löste Proteste aus und gilt als Auslöser der Studentenbewegung.
Nach den Zahlen des Bezirksamts sank die Einwohnerzahl in den Jahrzehnten der Teilung deutlich: von etwa 227.500 im Jahr 1960 auf rund 150.000 im Jahr 1982.
Seit 1990: Zusammenschluss und neue Mitte
Mit der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 verlor die City West zunächst an Aufmerksamkeit. Das Schiller Theater schloss, das Theater des Westens wurde verkauft. Später entstanden neue Gebäude wie das Ludwig-Erhard-Haus (1998), das Stilwerk (1999) und die Volkswagen-Universitätsbibliothek (2004).
Das Zoofenster wurde 2012 fertig, das Hochhaus Upper West im März 2017. Verwaltungsgeschichtlich wurde Charlottenburg 2001 mit Wilmersdorf zum Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf vereinigt und selbst zum Ortsteil. 2004 wurden Westend und Charlottenburg-Nord als eigene Ortsteile festgelegt.
Das Schloss, die Gedächtniskirche, das Rathaus und die Technische Universität prägen den Ortsteil weiterhin. Ihre Geschichte erzählt, wie aus einem Dorf ein Hofsitz, eine Stadt und schließlich ein Stück Großstadt wurde.