Neu-Moabit und die ersten Fabriken
Mit dem 19. Jahrhundert änderte sich die Lage. Ab 1818 entstand im Norden die Kolonie Neu-Moabit, die man so nannte, um sie vom älteren Alt-Moabit zu unterscheiden. Beide Teile wuchsen bald zu einer Vorstadt zusammen.
Wichtig war die Lage am Wasser, denn Kohle und andere schwere Güter ließen sich auf Spree und Kanälen heranschaffen; bei dem 1900 eröffneten Kraftwerk wird dieser Vorteil ausdrücklich genannt.
Den Anfang machte der Staat. Die Maschinenbauanstalt der Seehandlung, eines preußischen Staatsunternehmens, wurde ab 1836 ausgebaut. Auch der Privatunternehmer August Borsig, der seine Maschinenfabrik 1837 an der Chausseestraße gegründet hatte, expandierte nach Moabit.
Zwischen 1847 und 1849 errichtete er zwischen Elberfelder Straße und Stromstraße ein Walzwerk und eine Kesselschmiede. 1850 erwarb er die Anlage der Seehandlung an der Kirchstraße und erweiterte sein Gelände bis zur Moabiter Brücke. Borsig baute vor allem Lokomotiven.
An seinen Berliner Standorten arbeiteten zusammen zunächst rund 1.800 Menschen, 1858 etwa 2.800.
Moabit entwickelte sich damit zu einem der frühen Industriegebiete Berlins. Am 1. Januar 1861 wurden Moabit, der Wedding und weitere Siedlungen per königlicher Kabinettsorder nach Berlin eingemeindet, gegen den Widerstand von Stadtverordneten. Moabit hatte damals 6.534 Einwohner.
Das Unternehmen Borsig verlagerte seine Produktion 1898 nach Tegel; die Quellen nennen dafür 1897 oder 1898. Da hatte der Ortsteil längst andere große Arbeitgeber.
Zellengefängnis, Untersuchungshaft und Kriminalgericht
Eine zweite Seite der Moabiter Geschichte ist die Justiz. Außerhalb der Stadtmauern wurde ab 1842 nach den Plänen von Carl Ferdinand Busse ein Gefängnis gebaut, das 1849 in Betrieb ging. Vorbild war die Anstalt Pentonville bei London.
Preußen erprobte hier die Einzelhaft: Statt gemeinsamer Säle gab es rund 520 Einzelzellen, und Gespräche zwischen den Häftlingen waren untersagt. Johann Hinrich Wichern erprobte dort seine Gefängnisreform.
Zu den Häftlingen zählte Wilhelm Voigt, der sich später als „Hauptmann von Köpenick“ einen Namen machte. Er saß dort von 1866 bis 1869. 1878 wurde in der Anstalt Max Hödel hingerichtet. Das Zellengefängnis wurde 1955 geschlossen, und 1958 riss man es bis auf wenige Reste ab.
Zwischen 1877 und 1881 entstand am Kleinen Tiergarten ein neues Untersuchungsgefängnis zusammen mit dem Kriminalgericht. Das sternförmige Männergefängnis hatte fünf Flügel um eine zentrale Kuppelhalle, die Übergabe erfolgte am 1. September 1881. Zwischen 1903 und 1905 kam ein zweites Gefängnisgebäude hinzu, und die Erweiterung des Kriminalgerichts war 1906 vollendet.
Die höchste Belegung wurde 1922 mit 1.999 Gefangenen erreicht, so die Justizvollzugsanstalt selbst. Der Name Moabit dient nach dem Wikipedia-Artikel teils als Synonym für Gefängnis. Die Justizvollzugsanstalt Moabit steht heute unter Denkmalschutz.
Arbeiterviertel mit Strom, Bahn und Maschinen
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Moabit dicht bebaut. Die Zahl der Einwohner stieg von 14.818 im Jahr 1871 auf 29.693 im Jahr 1880 und erreichte um 1910 etwa 190.000. Der Magistrat beschloss 1881, die offenen Märkte durch überdachte Hallen zu ersetzen, die als hygienischer galten.
Die Markthalle in Moabit, die heutige Arminiusmarkthalle, eröffnete 1891 nach Plänen von Hermann Blankenstein.
Neue Technik bestimmte den Ort. Die Berliner Elektricitäts-Werke bauten 1899 bis 1901 am Spandauer Kanal ein Kraftwerk nach Plänen von Franz Schwechten, das im Oktober 1900 erstmals ans Netz ging. Die Lage am Wasser erleichterte die Kohlelieferung.
Daneben gründeten 1892 der Maschinenbauer Ludwig Loewe, Thyssen und Thomson-Houston die Union-Elektricitäts-Gesellschaft, die zunächst elektrische Straßenbahnen herstellte. Die AEG übernahm sie 1904. Für große Dampfturbinen ließ sie bis 1909 eine neue Fabrikhalle an der Huttenstraße errichten, die Peter Behrens entwarf.
Der Bau, der erkennbar auf seinen Zweck, den Großturbinenbau, hin gestaltet wurde, steht seit 1956 unter Denkmalschutz.
Auch Loewe selbst prägte den Ortsteil. Das Unternehmen hatte seit den 1860er Jahren als Maschinenhandel begonnen und lieferte in den 1870er Jahren Waffen an das Militär. Die Hauptverwaltung an der Huttenstraße wurde 1908 bis 1910 nach Plänen von Alfred Grenander gebaut, die Werkzeugmaschinenfabrik folgte 1914 bis 1916.
Beide Bauten sind heute denkmalgeschützt. Auch der Verkehr trug zum Wachstum bei: Der Hamburger Bahnhof war 1846/47 als Endpunkt der Strecke Berlin–Hamburg eröffnet worden, der Lehrter Bahnhof folgte 1871. Der Personenverkehr am Hamburger Bahnhof endete am 14. Oktober 1884.
Die Moabiter Unruhen im September 1910
Das enge Zusammenleben, niedrige Löhne und steigende Preise führten im Herbst 1910 zu einer Eskalation. Zwischen 1901 und 1910 stiegen in Berlin laut der Darstellung im Wikipedia-Artikel die Preise für Fleisch um etwa ein Viertel und die Mieten im Schnitt um ein gutes Drittel. Am 19.
September 1910 traten rund 140 Beschäftigte eines Kohlenhandels an der Sickingenstraße in den Streik. Sie wollten eine Lohnerhöhung, und die Firma lehnte sie ab. Der Stundenlohn lag bei 43 Pfennig, die Arbeitszeit bei zwölf bis vierzehn Stunden täglich.
Zuerst verlief der Ausstand in üblichen Bahnen. Dann holte das Unternehmen Streikbrecher, zum Teil aus Hamburg, und ließ sie von der Polizei schützen. Das empörte die Nachbarschaft. Als am 23. September Streikbrecher aus Hamburg eintrafen, wuchs die Empörung auch in der Wohnbevölkerung.
In den folgenden Tagen wurde daraus ein Aufruhr gegen die Polizei, an dem sich auch Arbeiter von AEG und Loewe beteiligten. Die Polizei sprach um den 26. und 27. September von etwa 30.000 Menschen auf den Straßen.
Polizeipräsident Traugott von Jagow ließ von der Schusswaffe Gebrauch machen, in einer Nacht wurden 173 Pistolenschüsse abgegeben, am 28. September wurden Karabiner ausgegeben. Zwei Menschen starben, über 100 wurden schwer verletzt.
Am 10. Oktober wurde die Arbeit ohne Lohnerhöhung wieder aufgenommen. Die Gerichtsverfahren endeten im Januar 1911 mit vier Freisprüchen und 14 Verurteilungen, zusammen zu 67 1/2 Monaten Gefängnis.
Nach der Chronik der Friedrich-Ebert-Stiftung waren weder die Sozialdemokratie noch die Gewerkschaften an den Unruhen beteiligt, dennoch wurden Rufe nach Ausnahmegesetzen gegen sie laut. Der Transportarbeiterverband hatte den Streik allerdings mitgetragen.
1920 bis 1945: Bezirk Tiergarten, Hafen und Verfolgung
Mit der Bildung von Groß-Berlin am 1. Oktober 1920 wurde Moabit Teil des Verwaltungsbezirks Tiergarten. Die Stadt wurde in 20 Bezirke gegliedert. In dieser Zeit wurde auch der Westhafen gebaut. Der Bau begann 1914, verzögerte sich im Ersten Weltkrieg und ging 1923 mit der Gründung der Betreibergesellschaft BEHALA in Betrieb.
Das Gelände umfasst rund 430.000 Quadratmeter und liegt um Hafenbecken, die mit der Spree und dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal verbunden sind. Es steht unter Denkmalschutz.
Die Zeit des Nationalsozialismus traf Moabit mehrfach. Bei Loewe mussten 1937 im Zuge der „Arisierung“ (Verdrängung jüdischer Eigentümer und Leiter) jüdische Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder ausscheiden, die Nachkommen der Gründerfamilie wurden verdrängt. Die Justizvollzugsanstalt Moabit nahm viele Regimegegner auf, darunter Ernst Thälmann und Georgi Dimitroff.
Teile des Zellengefängnisses nutzte die Gestapo. Dort waren unter anderem Ernst Busch 1943 und Wolfgang Borchert 1944 inhaftiert.
Der Güterbahnhof Moabit wurde zum zentralen Ort der Deportationen. Von den Gleisen 69, 81 und 82 wurden nach Angaben der Gedenkort-Träger in den Jahren 1942 bis 1944 etwa 30.000 Menschen verschleppt, nach anderer Darstellung mehr als 32.000 Juden, viele in Lager und Gettos im Osten. Nur wenige überlebten.
Die Zahlen unterscheiden sich je nach Quelle und Zählweise. Auch aus den Wohnungen im Ortsteil selbst wurden nach Wikipedia über 1.900 jüdische Einwohner deportiert.
Teilung und Nachkriegszeit
Der Zweite Weltkrieg zerstörte große Teile von Moabit, darunter den Hamburger Bahnhof, der 1944 schwer beschädigt wurde, und die Arminiusmarkthalle, die in den 1950er Jahren wieder aufgebaut wurde. Das alte Kriminalgericht wurde zur Ruine und 1953 abgetragen. Der Lehrter Bahnhof wurde 1951 geschlossen.
Der Wikipedia-Artikel nennt als Größenordnung, dass etwa zwei Drittel der Gebäude zerstört worden seien. Beim Wiederaufbau setzte man an vielen Stellen auf eine lockerere Bebauung.
Von 1945 bis 1990 gehörte Moabit zum britischen Sektor von West-Berlin und lag nach 1961 unmittelbar an der Mauer, die den Ortsteil von Mitte trennte. Die Randlage machte Moabit nach der englischen Wikipedia zu einem abgelegenen Gebiet mit niedrigen Mieten, was viele Zuwanderer anzog.
Das Heizkraftwerk wurde 1987 teilweise abgerissen, und 1990 ging ein neuer Heizblock in Betrieb.
Die Justizanlage blieb in Betrieb. In der Justizvollzugsanstalt entstanden 1978 bis 1980 ein Hochsicherheitsbereich mit 27 Plätzen, der 1989 geschlossen wurde. Das Zellengefängnis war dagegen 1955 geschlossen und 1958 bis auf Reste abgerissen worden.
Seit 1990: Hauptbahnhof, Erinnerungsorte und Wandel
Nach dem Fall der Mauer lag Moabit wieder mitten in der Stadt. Mit der Verwaltungsreform vom 1. Januar 2001 wurde der Bezirk Tiergarten mit Mitte und Wedding zum neuen Bezirk Mitte zusammengelegt, zu dem Moabit seither gehört. Nach dem Adressportal Kauperts hat Moabit 145 Straßen und Plätze und sechs Postleitzahlen.
Die größte Veränderung brachte der Verkehr. Der Bund entschied im Juni 1992 für das sogenannte Pilzkonzept, im Februar 1993 gewann das Büro von Meinhard von Gerkan den Wettbewerb. Der Grundstein wurde am 9. September 1998 gelegt, der Stadtbahnhof wurde 2002 abgerissen, und am 26.
Mai 2006 wurde der neue Hauptbahnhof feierlich eröffnet. Der Betrieb begann zwei Tage später. Er steht am östlichen Rand von Moabit auf dem Gelände des früheren Lehrter Bahnhofs.
Im selben Jahr wurde der Geschichtspark Zellengefängnis Moabit eröffnet, dessen Idee 1990 entstanden war, und der den sternförmigen Grundriss mit Hecken und Rasenflächen nachzeichnet.
Der Hamburger Bahnhof, der seit 1906 ein Bau- und Verkehrsmuseum beherbergt hatte, wurde nach einem Umbau am 2. November 1996 als Museum für Gegenwart wiedereröffnet. Am früheren Güterbahnhof entstand 2017 ein Gedenkort, entworfen von raumlaborberlin, dessen Kern ein Kiefernhain ist.
An der Quitzowstraße sind noch Reste des Gleises 69 zu sehen. Für das Heizkraftwerk ist ein Umstieg auf Biomasse und Erdgas ab 2026 vorgesehen.