Adel, Kolonisten und ein Gutshaus
Wem Mahlsdorf gehörte, wechselte über die Jahrhunderte. 1459 teilten sich die Familien von Grieben und von Falkenberg die Rechte am Dorf, das damals zum Archidiakonat Berlin gehörte, einem kirchlichen Verwaltungsbezirk. Von 1613 bis 1619 besaßen es die von Pfuel.
Im 18. Jahrhundert kamen neue Nachbarn. Friedrich II. ließ am 24. Juni 1753 die Kolonie Kiekemal gründen und siedelte dort Einwanderer aus Württemberg an. Drei Familien mit 26 Menschen kamen aus Plattenhardt, auf ein mündliches Versprechen von freiem Land und Steuerfreiheit hin.
Das Versprechen hielt nicht. Nach Angaben der Wikipedia bereicherten sich preußische Beamte, und die Familien erhielten nur den Status von Tagelöhnern. Der Name soll auf einen Ausspruch des Königs zurückgehen: „Na kiek er mal, das wird wohl langen für euch!“ In den 1980er Jahren wurde die Kolonie überbaut.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten rund 250 Menschen im Dorf. Um 1815 entstand am heutigen Hultschiner Damm das Gutshaus als Sitz eines Vorwerks der Staatsdomäne Köpenick, also eines staatlichen Landguts. Ab 1869 bauten bürgerliche Besitzer es zur Landvilla mit Freitreppe zum Garten um, später kam ein Landschaftspark dazu.
1895: Der Bahnhof macht das Dorf zum Vorort
Die Preußische Ostbahn führte seit Jahrzehnten an Mahlsdorf vorbei, ohne zu halten. Das änderte sich am 1. September 1895, als an der Hönower Straße die Haltestelle „Malsdorf“ in Betrieb ging, mit zwei Seitenbahnsteigen und einem einfachen Dienstgebäude. Von nun an konnten Berliner hier wohnen und in der Stadt arbeiten.
Einwohner von Mahlsdorf früher
Die Folgen zeigt die Einwohnerzahl: 1900 lebten 1.054 Menschen im Ort, 1910 waren es 4.215. Siedlungen entstanden nördlich und südlich der Gleise, und das Dorf bekam, was ein Vorort braucht. 1900 eröffnete eine Postagentur. 1904/1905 entstand eine neue Schule. Schon 1909 musste sie erweitert werden.
Am 10. Mai 1907 fuhr die erste Straßenbahn nach Köpenick, zunächst ein einzelner Pendelwagen. 1911 baute sich die Gemeinde ein eigenes Rathaus an der Ecke Hultschiner Damm und Rahnsdorfer Straße. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Am 1. April 1912 hob die Verwaltung den Gutsbezirk auf und gliederte ihn in die Landgemeinde ein. Ein Gutsbezirk war ein eigener Verwaltungsbezirk, in dem der Gutsherr statt eines Gemeinderats bestimmte. Mahlsdorf war damit eine einzige Gemeinde, kurz bevor es seine Selbstständigkeit ganz verlor.
1920 bis 1933: Groß-Berlin und die Siedler
Am 1. Oktober 1920 wurde Mahlsdorf durch das Groß-Berlin-Gesetz Teil der Hauptstadt und kam zum Bezirk Lichtenberg. Zuvor gehörte es zum Landkreis Niederbarnim. Nach Angaben des Bezirksamts lebten damals rund 6.000 Menschen im Ort. Das Gutshaus wurde ab 1919 unter anderem Kinderheim.
Der Wunsch nach einem eigenen Haus im Grünen prägte die Jahre danach. 1920 gründete sich die Siedlungsgenossenschaft Lichtenberger Gartenheim. Nach Plänen des Architekten Bruno Taut entstand in Mahlsdorf-Nord eine Streusiedlung aus Einfamilienhäusern; 1924 leitete Taut das Vorhaben mit 720 Parzellen.
Der Bahnhof wuchs mit. Seit 1920 war die Bevölkerung um rund die Hälfte gestiegen, und bei der Elektrifizierung der Vorortbahnen forderten Bezirk und Kreis, die neue S-Bahn nicht in Kaulsdorf enden zu lassen. Die Reichsbahn rechnete mit 2,237 Millionen Reichsmark und ohne Gewinn. Die Stadt Berlin gab ein Darlehen.
Richard Brademann, der Hausarchitekt der Berliner S-Bahn, entwarf ab 1928 das neue Empfangsgebäude mit Klinkerfassade, Vordach und Bahnhofsuhr. Ab Mai 1929 wurde gebaut, und am 15. Dezember 1930 fuhr die erste elektrische S-Bahn von Kaulsdorf nach Mahlsdorf. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.
NS-Zeit und Krieg
Der Zuzug hielt an. 1933 zählte Mahlsdorf 16.613 Einwohner, 1938 waren es 19.744. Für die Siedler im Norden baute die evangelische Gemeinde eine zweite Kirche, denn die Alte Pfarrkirche lag weit entfernt. Otto Risse entwarf die Kreuzkirche nach dem Vorbild altmärkischer Dorfkirchen, mit tief gezogenem Dach und Feldsteinen am Portal.
Am 17. Juni 1935 legte die Gemeinde den Grundstein, am 26. Januar 1936 weihte sie die Kirche am Pfarrhufenweg ein. 1937 folgte in Mahlsdorf-Süd das Theodor-Fliedner-Heim in ähnlicher Bauweise. Beide stehen unter Denkmalschutz. Zur gleichen Zeit verfolgte das Regime seine Gegner; Wikipedia nennt den Widerstandskämpfer Karl Vesper, der 1933 starb.
Der Krieg erreichte den Ort zuerst über die Glocken. 1942 mussten die Bronzeglocken der Kreuzkirche und zwei Glocken der Alten Pfarrkirche abgegeben und eingeschmolzen werden. 1943/44 erweiterte die Reichsbahn die Gleise, und ab dem 1. August 1944 fuhren Dampfzüge auf einem eigenen Gleispaar nach Strausberg.
Das Rathaus von 1911 ging im Krieg verloren, die Glasfenster der Alten Pfarrkirche zerbrachen bei Kriegsende. Am 22. April 1945 besetzte die Rote Armee Mahlsdorf kampflos. Dem Ort blieb damit das Schicksal vieler Nachbarn erspart, die in den letzten Kriegstagen umkämpft wurden.
DDR-Zeit: Stadtrand, Sandmann und S-Bahn
Nach 1945 lag Mahlsdorf im sowjetischen Sektor und blieb ein Wohngebiet am Rand. 1950 lebten hier 22.062 Menschen, 1963 noch 17.761. Die S-Bahn fuhr ab 1947 bis Hoppegarten, ab 1948 bis Strausberg. Ab 1968 fuhr sie bis Strausberg Nord, und seit 1947 nutzte sie auch den früheren Fernbahnsteig.
Eine Fernsehfigur machte den Ort bekannt. Im ehemaligen Kino Lichtburg richtete der Deutsche Fernsehfunk die Studios für „[Unser Sandmännchen“](https://de.wikipedia.org/wiki/Unser_Sandm%C3%A4nnchen) ein. Die erste Folge lief am 22. November 1959; die Figur hatte Gerhard Behrendt in zwei Wochen entwickelt. Bis zur Wende entstanden die Filme hier.
Verwaltungsgrenzen verschoben sich mehrmals. 1979 kam Mahlsdorf vom Stadtbezirk Lichtenberg zum neuen Stadtbezirk Marzahn, 1986 zum Stadtbezirk Hellersdorf. In den 1980er Jahren baute die DDR die Bundesstraße 1/5 durch den alten Dorfkern vierspurig aus. Dabei wurden einige historische Gebäude abgerissen.
Auch die Kolonie Kiekemal verschwand in diesen Jahren unter mehrgeschossigen Wohnhäusern. Und doch blieb in Mahlsdorf ein Haus stehen, das Ende der 1950er Jahre abgerissen werden sollte: das alte Gutshaus am Hultschiner Damm. Dass es noch steht, verdankt es einer einzelnen Person.
Charlotte von Mahlsdorf und das Gründerzeitmuseum
Charlotte von Mahlsdorf, geboren am 18. März 1928 als Lothar Berfelde, sammelte seit ihrer Jugend Möbel und Alltagsdinge aus der Zeit um 1880. Schon mit 13 Jahren half sie einem Kreuzberger Trödler beim Ausräumen von Wohnungen. Nach dem Krieg lebte sie als Frau und arbeitete als Trödlerin.
Das baufällige Gutshaus wurde ihr mietfrei überlassen. Sie bezog es 1958 und eröffnete am 1. August 1960 das Gründerzeitmuseum, anfangs mit zwei Zimmern. Im Keller baute sie die Berliner Kneipe „Mulackritze“ wieder auf, die sie vor dem Abriss gerettet hatte.
1972 kam das Haus unter Denkmalschutz, ab 1974 trafen sich hier Homosexuelle der DDR. Im selben Jahr kündigten die Behörden an, das private Museum zu verstaatlichen. Das unterblieb, laut Wikipedia auch wegen prominenter Fürsprecher und möglicherweise wegen ihrer Verpflichtung als Inoffizielle Mitarbeiterin der Staatssicherheit.
1991 überfielen rund 70 Neonazis ihr Frühlingsfest im Gutspark und verletzten Gäste. 1992 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. 1995 führte sie zum letzten Mal durch ihr Haus und zog 1997 nach Schweden. Am 30. April 2002 starb sie bei einem Berlinbesuch. Ihr Grab liegt auf dem Waldkirchhof an der Rahnsdorfer Straße.
Seit 1997 betreut der Förderverein Gutshaus Mahlsdorf die Sammlung. Von 2007 bis 2012 wurde das Gebäude saniert. Heute zeigt das Museum 17 möblierte Räume von 1870 bis 1900, dient als Drehort und als Standesamt. Seit dem 17. März 2018 trägt die Straße gegenüber den Namen Charlotte-von-Mahlsdorf-Ring.
Seit 1990: Wachstum am Stadtrand
Nach der Wiedervereinigung zog es viele Familien in die Eigenheimgebiete am Stadtrand. 1991 lebten 13.250 Menschen in Mahlsdorf, 2001 waren es 25.202. Ende 2019 waren es insgesamt 29.360. Die drei Teile des Ortsteils heißen heute Mahlsdorf-Nord, Alt-Mahlsdorf und Mahlsdorf-Süd.
Gewerbe siedelte sich auf alten Flächen an. 1991 erwarb das Unternehmen ALBA das Gelände des früheren SERO-Kombinats, das in der DDR Altstoffe gesammelt hatte, und eröffnete 2005 eine Recyclinganlage. 1992 begann auf 180.000 Quadratmetern der B1 Businesspark. Die Lichtburg, einst Heimat des Sandmanns, wurde um 2000 trotz Protesten abgerissen.
Zum 1. Januar 2001 entstand aus Marzahn und Hellersdorf der Bezirk Marzahn-Hellersdorf, zu dem Mahlsdorf seither gehört. Am 10. Dezember 2017 hielt erstmals die Regionalbahn nach Kostrzyn am Bahnhof, an einem neuen dritten Bahnsteig. Am 14. März 2023 bekam das Sandmännchen in Mahlsdorf ein Denkmal.
Heute ist Mahlsdorf ein Ortsteil der Einfamilienhäuser. Zusammen mit Biesdorf und Kaulsdorf bildet er laut Wikipedia Deutschlands größtes zusammenhängendes Gebiet aus Ein- und Mehrfamilienhäusern. Die S-Bahn-Linie S5 verbindet ihn mit der Innenstadt, die Straßenbahnen 62 und 63 fahren nach Köpenick, und die Bundesstraße 1/5 führt mitten durch den alten Dorfkern.
Wer Ruhe sucht, findet sie am Elsensee im Westen oder in den Wäldern Dammheide und Mittelheide im Süden. Und wer wissen will, wie das Dorf begann, geht zur Hönower Straße 13: Dort stehen die Feldsteine aus dem 13. Jahrhundert noch so, wie die ersten Siedler sie aufeinander gesetzt haben.