1886: Berlin kauft das Gut
Berlin wuchs rasant und brauchte Flächen, auf denen es sein Abwasser verrieseln konnte. Rieselfelder waren Äcker, über die das Wasser der Kanalisation geleitet wurde; der Boden filterte es, und die Stadt ließ darauf Gemüse anbauen. 1886 erwarb die Stadt das Gut Hellersdorf und legte östlich der Wuhle solche Felder an.
Aus dem Rittergut wurde ein Stadtgut, dessen Gebäude heute unter Denkmalschutz stehen. Auf einer Exklave des Gutsbezirks, einem abgetrennten Stück Land, errichtete Berlin zudem eine Heilanstalt. Von 1890 bis 1893 entstand die Anstalt für Epileptische Wuhlgarten nach Plänen von Stadtbaurat Hermann Blankenstein.
Blankenstein wählte die Pavillonbauweise: viele einzelne Häuser im Grünen statt eines großen Blocks. Die Anlage öffnete am 18. November 1893 mit 1.000 Betten auf 96 Hektar, bis 1905 kamen Erweiterungen hinzu, darunter Plätze für 100 Kinder. Zur gleichen Zeit baute Blankenstein die Anstalt Herzberge in Lichtenberg.
Die Anstalt veränderte die Bevölkerungszahl schlagartig. 1900 zählte der Gutsbezirk Hellersdorf 1.413 Einwohner, 1905 waren es rund 1.790, davon 1.573 in Wuhlgarten. Die Kranken und ihre Pfleger stellten also den Großteil der Bewohner, während auf dem Gut selbst weiterhin nur wenige Familien lebten.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Anstalt und Krieg
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz kam der Gutsbezirk am 1. Oktober 1920 zu Groß-Berlin und wurde dem Bezirk Lichtenberg zugeordnet. Seine Exklaven, darunter das Gelände der Anstalt, fielen an Biesdorf. 1919 hatte Hellersdorf 1.331 Einwohner gezählt.
Einwohner von Hellersdorf früher
Die Rieselfelder blieben in Betrieb, und das Stadtgut versorgte Berlin weiter mit Gemüse. Die Anstalt Wuhlgarten beherbergte 1933 rund 1.450 Patienten: 1.000 Epileptiker, 200 psychisch Kranke und 250 Pflegebedürftige. Für sie begann mit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Zeit der Bedrohung.
Ab 1933 kam es in Wuhlgarten zu Abtransporten und Zwangssterilisationen, 1936 wurde eine „erbbiologische Bestandsaufnahme“ Pflicht. In den Jahren 1940 und 1941 ermordeten die Nationalsozialisten Patienten im Rahmen der sogenannten Euthanasie. 1944 trafen Bomben das Gelände, 30 Menschen starben.
Nach Kriegsende gehörte Hellersdorf zum sowjetischen Sektor. Die Rote Armee beschlagnahmte 1945 die Landhäuser und den Friedhof der Anstalt. Die Felder wurden noch bis in die 1960er Jahre berieselt, dann endete diese Nutzung, und das weite, flache Land wartete auf eine neue Bestimmung.
1985: Die Großsiedlung auf den Rieselfeldern
Ost-Berlin litt unter Wohnungsnot, und die DDR setzte auf industriell gefertigte Plattenbauten am Stadtrand. 1979 kam Hellersdorf zum neu gegründeten Stadtbezirk Marzahn. 1985 begannen auf den ehemaligen Rieselfeldern die Bauarbeiten für eine Großwohnsiedlung, die in wenigen Jahren Zehntausende Menschen aufnehmen sollte.
Das Tempo war enorm. Allein im Wohngebiet 2 sollten 1986 laut Wikipedia 3.071 Wohnungen entstehen, bis 1990 wurden nach Angaben des Bezirksamts im Gebiet Hellersdorf rund 40.000 Wohnungen gebaut. Fünf- und sechsgeschossige Häuser prägen seither das Bild, teils auf Flächen, die noch zu Hönow gehörten.
Die Siedlung reichte über die Stadtgrenze hinaus: Ein Teil der Blöcke stand formal auf dem Gebiet der Brandenburger Gemeinde Hönow, ein anderer auf Kaulsdorfer Flur. Der neue Stadtbezirk, der 1986 um die Siedlung herum gebildet wurde, umfasste nach Angaben des Bezirksamts mit Kaulsdorf und Mahlsdorf rund 30 Quadratkilometer.
Die Siedlung bekam eine eigene Verwaltung. Am 1. Juni 1986 entstand aus Hellersdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf der Stadtbezirk Hellersdorf, benannt nach dem Ortsteil. Erster Bürgermeister war Hans-Günther Burbach, der bis 1990 amtierte. Der jüngste Bezirk Ost-Berlins hatte damit sein eigenes Rathaus und eigene Zuständigkeiten.
Nötig war auch ein schneller Weg ins Zentrum. Am 1. Juli 1989 eröffnete die DDR den U-Bahn-Abschnitt von Elsterwerdaer Platz nach Hönow, heute Teil der Linie U5. Sieben Bahnhöfe liegen in der Großsiedlung, darunter der U-Bahnhof Hellersdorf an der Riesaer Straße.
Die alte Anstalt erlebte die Teilung unmittelbar: Nach dem Mauerbau 1961 fiel etwa die Hälfte der Ärzte aus, weil sie in West-Berlin wohnten. 1968 erhielt das Haus den Namen Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus, und ab 1969 richtete die DDR im nördlichen Teil eine Parteischule der DKP ein.
Nach 1990: Helle Mitte und ein neues Zentrum
Die Wiedervereinigung verschob die Stadtgrenze. Zum 3. Oktober 1990 kamen 150 Hektar von Hönow zu Berlin, auf denen bereits Hellersdorfer Wohnblöcke standen. 1991 wurde Hellersdorf offiziell Ortsteil und zählte 101.188 Einwohner. Doch der Siedlung fehlte ein Zentrum, die Platte war fertig, der Marktplatz nicht.
Schon 1990 schrieben der Berliner Senat und der Ost-Berliner Magistrat einen Wettbewerb für ein Stadtteilzentrum aus, 61 Entwürfe gingen ein. Das Büro Brandt & Böttcher gewann. Am 19. Oktober 1995 wurde der Grundstein gelegt; das 31 Hektar große Gelände galt laut Wikipedia nach dem Potsdamer Platz als zweitgrößte Baustelle Berlins.
Am 11. September 1997 öffnete die Helle Mitte: 19 Gebäude, rund 80.000 Quadratmeter für Läden, Büros und Praxen, 180 Geschäfte und Lokale, ein Kino mit zwölf Sälen und 2.700 Plätzen sowie das Rathaus. Rund 2.000 Menschen fanden hier Arbeit.
Die Planer rechneten mit einem Einzugsgebiet von rund 250.000 Menschen, 81.000 davon in Fußweite. Ein Parkhaus bot 800 überdachte Plätze. Mit der Umsetzung war die Mega AG beauftragt. Dazu kamen ein Oberstufenzentrum, ein Hotel und ein Ärztehaus, das laut Wikipedia zu den größten in Berlin und Brandenburg zählt.
1998 zog die Alice Salomon Hochschule in einen Neubau an der Helle Mitte. Die Hochschule für Soziale Arbeit war 1908 von Alice Salomon in Schöneberg als Soziale Frauenschule gegründet worden und trägt seit 1991 wieder ihren Namen. Schon 1992 hatte das Kulturforum an der Carola-Neher-Straße eröffnet.
Trotz des neuen Zentrums zogen viele fort, oft in die neuen Eigenheimgebiete im Umland. Von 1991 bis 2010 sank die Einwohnerzahl um 27 Prozent, von 101.188 auf 73.227. 1997 fusionierte das Griesinger-Krankenhaus mit dem Krankenhaus Kaulsdorf. Zum 1. Januar 2001 ging der Bezirk Hellersdorf im neuen Bezirk Marzahn-Hellersdorf auf.
Grün zwischen den Blöcken
Das Wuhletal ist eine Schmelzwasserrinne der Eiszeit, die am Ostrand Berlins von Norden nach Süden verläuft. Die Wuhle bildet die Westgrenze des Ortsteils, und der Hellersdorfer Graben fließt durch eine Kette von Parks zu ihr hin. Diese Grünzüge gleichen die Dichte der Siedlung aus.
Am Westrand entstand nach einem Wettbewerb vom Juli 1994 ein neuer Park, der im Juli 1996 öffnete. Am 22. März 2003 erhielt er den Namen der serbischen Friedensaktivistin Jelena Šantić. Zur Internationalen Gartenausstellung 2017 wurde er in den Kienbergpark einbezogen; der Kienberg selbst mit der Aussichtsplattform Wolkenhain gehört zu Marzahn.
Nördlich liegt die Hönower Weiherkette, eine Reihe kleiner Gewässer südlich der Berliner Straße, und an der Landsberger Chaussee der Teupitzer Park. Der Regine-Hildebrandt-Park erinnert an die Brandenburger Sozialministerin. Vom Kienberg aus überblickt man Hellersdorf und Kaulsdorf-Nord.
Auch Kunst setzte Zeichen in der Siedlung. 1995 stellte Rolf Lieberknecht an der Kreuzung Hellersdorfer und Gülzower Straße das rund 18 Meter hohe „Windspiel“ auf, das den südlichen Zugang markiert. Es folgten die Sprühtürme am Cecilienplatz, ein Wandbild von Gunda Förster 1996 und die Skulptur „Balanceakt“ 1997.
Weitere Werke kamen hinzu: 1998 eine Skulptur des Brasilianers Amilcar de Castro, 2000 die Eisenholzstämme von Elisa Bracher. Aufgestellt wurden sie 2006. So entstand zwischen den Wohnzeilen ein Freiluftmuseum, das man auf einem Spaziergang vom Cecilienplatz aus erkunden kann. Und die Siedlung selbst begann sich zu wandeln.
Gegenwart: Ein Ortsteil wächst wieder
Seit 2010 kehrt sich der Trend um. Bis 2023 stieg die Einwohnerzahl um 21 Prozent, Ende 2024 lebten 93.512 Menschen auf 8,1 Quadratkilometern. Junge Familien schätzen die bezahlbaren Wohnungen, die U-Bahn und das viele Grün, und der Bezirk baut Schulen und Kitas nach.
Das alte Stadtgut wird dabei zum neuen Quartier. Die kommunale Gesobau errichtete bis 2023 das Quartier Stadtgut Hellersdorf mit rund 1.500 Wohnungen und sanierte die denkmalgeschützten Gutsgebäude. Geplant sind dort 7.000 bis 9.000 Quadratmeter Gewerbefläche und ein neues Ortszentrum.
Die Helle Mitte wandelte sich: Das Kino schrumpfte 2012 auf sieben Säle mit 1.462 Plätzen, Hochschule, Rathaus und Ärztehaus blieben. Seit den 2010er Jahren gilt der Platz laut Wikipedia als urbanes Zentrum. Im November 2023 stellte Berlin den U-Bahnhof Hellersdorf mit acht weiteren Bahnhöfen der U5 unter Denkmalschutz.
Auf dem Gelände von Wuhlgarten übernimmt seit 2011 schrittweise das Unfallkrankenhaus Berlin die Gebäude, Haus 1 wird zu Eigentumswohnungen umgebaut. Alle Bauten stehen seit 1989 unter Denkmalschutz. Die Krankenhauskirche wurde von 1994 bis 1997 wiederaufgebaut. Rund 3.000 Bäume prägen den Park.
Wer Hellersdorf kennenlernen will, kann am Cecilienplatz den „Hellersdorfer Walkout“ gehen, einen Rundweg mit acht oder vierzehn Stationen. Und im Athletik-Club Berlin trainieren Leichtathleten, die den Ortsteil weit über Berlin hinaus bekannt machen. Der Ort der Brüder Dirike ist heute eine Stadt für sich.