1782: Zucker aus Rüben auf dem Gut Kaulsdorf
Für wenige Jahre wurde das Dorf zum Schauplatz eines Experiments mit Folgen. 1782 kaufte der Berliner Chemiker Franz Carl Achard, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, das abgabenfreie Gut Kaulsdorf. Im Jahr darauf begann er mit Anbauversuchen.
Achard suchte eine Pflanze, aus der sich Zucker gewinnen ließ. Sein Lehrer Andreas Sigismund Marggraf hatte schon 1747 nachgewiesen, dass die Runkelrübe Zucker enthält. Auf den Kaulsdorfer Feldern probierte Achard verschiedene Gewächse aus und entschied sich für diese Rübe.
1786 brannte Kaulsdorf ab, und Achard setzte seine Versuche später in Französisch Buchholz fort. 1801 ließ er im schlesischen Kunern eine Rübenzuckerfabrik errichten, nach Angaben der Wikipedia die erste funktionsfähige der Welt. Der Anfang dieses Weges lag auf dem Kaulsdorfer Gut.
Das Bezirksamt nennt für Achards Zeit auf dem Gut die Jahre 1782 bis 1785. Vom Gut selbst steht noch das ehemalige Gutshaus. Es erinnert daran, dass Kaulsdorf neben den Bauernhöfen auch einen Herrensitz hatte, der im Dorf eine eigene Rolle spielte.
19. Jahrhundert: Die Ostbahn bringt den Wandel
Lange blieb Kaulsdorf ein kleines Bauerndorf: 1858 zählte es 380 Einwohner. Der Wandel begann mit der Eisenbahn. Zwei Jahre nach Eröffnung der Preußischen Ostbahn von Berlin nach Küstrin hielt am 25. August 1869 erstmals ein Zug am Haltepunkt „Caulsdorf“. Seit 1881 heißt er Kaulsdorf.
Einwohner von Kaulsdorf früher
Der Bahnhof wuchs mit dem Verkehr. 1901 ging eine neue Verbindung in Betrieb, die Vorort- und Fernzüge trennte und Kaulsdorf an die Berliner Stadtbahn anschloss. Die alte Ostbahnstrecke westlich des Ortes diente seitdem vor allem dem Vorortverkehr, über den die Kaulsdorfer in die Stadt pendelten.
Mit der Bahn kamen neue Aufgaben für das Dorf. 1874 wählten die Bürger erstmals eine Gemeindevertretung. Um 1900 entstanden immer mehr Gärtnereien, die Berlin mit Obst und Gemüse belieferten. Nach Angaben des Bezirksamts lebten damals 771 Menschen im Ort.
Auch die Kirche wuchs mit. 1875 begann der Bau eines dreiteiligen Backsteinturms aus rund 67.000 Mauersteinen, 33 Meter hoch. 1912 hob man das Dach um 1,30 Meter an, um mehr Sitzplätze zu schaffen, und weihte das Gebäude am 8. Dezember als Jesuskirche neu ein.
Dann setzte die Bautätigkeit richtig ein. Bis 1910 stieg die Einwohnerzahl auf 2.381. Der Landwirt Wilhelm Werner eröffnete 1901 die Gaststätte Badeschlösschen an einem alten Toteisloch und wenig später die Badeanstalt Wernerbad, mit Schwimmunterricht für die Dorfkinder im Sommer und Natureisbahn im Winter.
Wasserwerk, Groß-Berlin und S-Bahn
Im Kaulsdorfer Busch kaufte die Stadt Lichtenberg rund 60 Hektar Land und ließ dort das Wasserwerk Kaulsdorf bauen. Im März 1916 ging es in Betrieb: 14 Brunnen förderten Grundwasser aus 35 bis 65 Metern Tiefe, die Pumpen liefen erstmals mit Dieselmotoren.
Das Werk versorgte nicht nur Lichtenberg: Eine 22 Kilometer lange Leitung brachte Kaulsdorfer Wasser bis nach Steglitz. In den Jahren 1926 bis 1928 verdoppelte ein Umbau die Leistung. Um 1930 ersetzten elektrische Pumpen die Dieselmotoren. Seit den 1980er Jahren steht die Werkshalle unter Denkmalschutz.
1920 wurde Kaulsdorf, bis dahin Teil des Kreises Niederbarnim, nach Groß-Berlin eingemeindet und dem Bezirk Lichtenberg zugeordnet. Im März desselben Jahres bekam der Ort Anschluss an das Stromnetz. Rund 4.000 Menschen lebten damals hier.
Die S-Bahn folgte wenig später. Nach der Elektrifizierung der Vorortstrecke fuhr sie ab dem 6. November 1928 bis Kaulsdorf, seit dem 15. Dezember 1930 weiter bis Mahlsdorf. Das Gleichrichterwerk südlich der Gleise, 1927 von Richard Brademann entworfen, steht heute unter Denkmalschutz.
In den 1930er Jahren wurde im Süden Sand und Kies abgebaut. Die Gruben füllten sich mit Grundwasser und wurden zum Butzer See und zum Habermannsee, den Kaulsdorfer Seen. Bis 1939 wuchs der Ort auf 13.296 Einwohner, vor allem durch neue Siedlungshäuser.
NS-Zeit und Krieg: Lager, Lazarett und Kriegsende
Mit dem Krieg kam die Zwangsarbeit nach Kaulsdorf. An der Kaulsdorfer Straße 90 bestand ein Zwangsarbeitslager, an das heute Gedenktafeln an der Wuhle erinnern. Um 1943 setzte das Wasserwerk Zwangsarbeiter ein, als 163 weitere Brunnen entstanden. Die Glocken der Kirche wurden 1942 ausgebaut.
1940 beschlagnahmte der Staat Ackerland und ließ es durch die Organisation Todt bebauen: geplant waren Unterkünfte für 1.000 Fremdarbeiter, die Luftschutzbunker bauen sollten. Mehrere Bunker entstanden. 1943 wurden die Baracken zum Hilfslazarett umgebaut, aus dem später das Krankenhaus Kaulsdorf hervorging.
Der Schauspieler Michael Degen überlebte als Kind den Holocaust in einem Versteck in Kaulsdorf. Am 22. April 1945 schossen deutsche Flakhelfer die Turmspitze der Dorfkirche ab, kurz bevor die Rote Armee einrückte. Ein sowjetisches Ehrenmal an der Brodauer Straße erinnert an die Gefallenen.
Im September 1945 übernahm der Bezirk Lichtenberg das Lazarett als Städtisches Krankenhaus Kaulsdorf mit 300 Patienten. Die Bunker blieben stehen, verschlossen oder als Lager genutzt. Die ausgebauten Glocken fand man wieder und hängte sie im November 1953 erneut in den Turm.
DDR-Zeit: Eigenheime im Osten der Hauptstadt
Kaulsdorf lag nun in Ost-Berlin und gehörte weiter zum Stadtbezirk Lichtenberg. Nach dem Krieg lebten hier zeitweise mehr Menschen als je zuvor, 14.358 im Jahr 1950, danach sank die Zahl wieder. Der Ort blieb, was er war: ein Gebiet aus Ein- und Zweifamilienhäusern mit Gärten.
Das Wernerbad hatte 1945 geschlossen. Im Nationalen Aufbauwerk, bei dem Bürger unbezahlt mitarbeiteten, wurde es wieder hergerichtet und am 15. August 1959 eröffnet, mit acht 50-Meter-Bahnen und einer Konsum-Gaststätte. Eine steinerne Flusspferd-Skulptur von Erwin Kobbert wurde zum Maskottchen und steht noch am Ufer.
Das Krankenhaus wuchs: 1959 hatte es 560 Betten, 1982 kam eine Rettungsstelle hinzu. 1990 folgte ein siebengeschossiges Bettenhaus in Plattenbauweise. Die Spirituosenfirma Schilkin, seit 1932 im Ort, produzierte weiter. Die Dorfkirche erhielt zwischen 1979 und 1981 eine Generalinstandsetzung mit behelfsmäßiger Turmspitze aus Zinkblech.
Die Bahn veränderte sich ebenfalls. 1948 fuhren für wenige Monate Vorortzüge über den Güteraußenring nach Grünau, dann wurde dieser Verkehr eingestellt. 1978 legte man den östlichen Teil der alten Verbindungsstrecke still. Auf ihrer Trasse entstanden später die U-Bahn-Linie U5 und der Bahnhof Wuhletal.
Als im Osten die Großsiedlungen entstanden, änderte sich die Zugehörigkeit: 1979 kam Kaulsdorf zum neuen Stadtbezirk Marzahn, 1986 zum ebenfalls neu gebildeten Stadtbezirk Hellersdorf. Der U-Bahnhof Kaulsdorf-Nord der Linie U5 trägt den Ortsnamen, liegt aber bereits in Hellersdorf.
Seit 1990: Wachstum, Turmspitze und ein geschlossenes Bad
Nach der Wiedervereinigung zog es viele Familien in den grünen Osten. Von 9.008 Einwohnern im Jahr 1991 wuchs Kaulsdorf bis 2000 auf 17.538. Alte Bauerngehöfte wurden saniert, neue Siedlungen entstanden um die Hugo-Distler-Straße, die Steffenshagener Straße und als „Kaulsdorfer Gärten“ an der Heerstraße.
Die Dorfkirche bekam ihre Turmspitze zurück: 1999 wurde die neogotische Haube wieder aufgebaut, finanziert aus Spenden von rund 500.000 Mark. Das Richtfest war am 10. August, der Abschluss am 2. Oktober. Seit 2000 gibt es im Turm ein kleines Museum, 2010 kam eine neue Orgel mit 1.232 Pfeifen.
Das Wernerbad hatte weniger Glück. 2002 schlossen die Bäderbetriebe es, weil Technik und Hygiene nicht mehr den Vorschriften entsprachen. Die Natur holte sich das Gelände zurück. Ein 2013 beschlossener Bebauungsplan für eine Einrichtung für Demenzkranke fand bis 2018 keinen Investor; die Zukunft ist offen.
Zum 1. Januar 2001 fusionierten Marzahn und Hellersdorf zum Bezirk Marzahn-Hellersdorf, dessen Ortsteil Kaulsdorf seitdem ist. Das Krankenhaus, 1997 mit dem Griesinger-Krankenhaus in Biesdorf zusammengelegt, kam 2001 zur Vivantes-Gruppe. Ab 2009 erhielt es Neubauten für Psychiatrie und Altersmedizin.
Am Bahnhof Kaulsdorf brach am 1. Mai 2009 bei der Einfahrt eines Zuges ein Rad. Weil die S-Bahn danach geforderte Prüfungen versäumte, folgten monatelange Einschränkungen im ganzen Netz. 2013 baute man für rund 1,7 Millionen Euro eine Fußgängerbrücke mit Aufzügen zum Busbahnhof auf der Nordseite.
Was Kaulsdorf heute prägt
Am 31. Dezember 2024 lebten 19.683 Menschen in Kaulsdorf, auf 8,81 Quadratkilometern. Zusammen mit Biesdorf und Mahlsdorf bildet der Ort nach Angaben der Wikipedia Deutschlands größtes zusammenhängendes Gebiet mit Ein- und Zweifamilienhäusern. Kinos oder Theater gibt es nicht, dafür Gärten, Straßenbäume und viel Ruhe.
Der Ortsteil teilt sich in drei Lagen: Kaulsdorf-Nord nördlich der Bahn, Alt-Kaulsdorf um den Anger und Kaulsdorf-Süd mit den Seen. Dort umfasst das Landschaftsschutzgebiet 93,7 Hektar mit Wald, Wiesen und Schilfufern. Baden ist verboten, weil die Seen zum Trinkwasserschutzgebiet gehören, und wird im Sommer trotzdem versucht.
Das Wasserwerk fördert mit 16 Tiefbrunnen bis zu 30.000 Kubikmeter am Tag für rund 160.000 Haushalte, vom Werk Friedrichshagen aus ferngesteuert. Das Vivantes Klinikum Kaulsdorf versorgte 2023 etwa 16.000 Patienten stationär und hat 465 Betten. Die S-Bahn-Linie S5 hält am Bahnhof, seit 2013 mit Fußgängerbrücke und Aufzügen.
Westlich des Butzer Sees spielt die SG Stern Kaulsdorf, die ihre Anlage seit 1926 nutzt. Zweimal im Jahr führt ein Crosslauf rund um die Seen. Größere Veranstaltungen finden im Hotel Am Niederfeld statt, und in den Seen leben Aale, Hechte und Plötzen.
Mitten im Ort aber steht noch immer die Feldsteinkirche auf dem dreieckigen Anger, umgeben von alten Vierseithöfen. Wer von dort nach Süden geht, erreicht in wenigen Minuten die Seen, nach Norden den Bahnhof: Dorf, Siedlung und Stadt liegen in Kaulsdorf dicht beieinander.