1737: Das Böhmische Dorf
Eine wichtige Wende kam 1737. König Friedrich Wilhelm I. erlaubte es evangelischen Glaubensflüchtlingen aus Böhmen, sich bei Rixdorf anzusiedeln. Nach den Angaben zur Böhmischen Gemeinde waren es rund 350 Menschen. Sie verstanden sich als Nachfahren der 1457 in Böhmen gegründeten Brüderkirche und standen der Herrnhuter Brüdergemeine nahe.
Der König sorgte für Häuser und wies Land zu. Die Neuankömmlinge lebten abseits des alten Dorfangers entlang der heutigen Richardstraße.
Die ersten Jahre waren schwer. Zwischen 1737 und 1751 starben in der Siedlung 136 Menschen, für die damalige Zeit eine sehr hohe Zahl. Deshalb legte die Gemeinde 1751 einen eigenen Friedhof an, den Böhmischen Gottesacker. Er gilt nach dem Artikel der Berliner Presse als zweitältester noch benutzter Friedhof der Stadt.
Gottesdienste hielten die Böhmen zunächst im Schulhaus und dann in der Dorfkirche. 1753 weihte die Gemeinde ein Schulhaus in der heutigen Kirchgasse ein, das von 1754 bis 1761 zugleich als Betsaal diente. Um 1812 erwarb die böhmisch-lutherische Gemeinde die Kirche vom Dorf.
Zeitweise gab es zwei Dörfer nebeneinander. Nach Wikipedia bekam Böhmisch-Rixdorf 1797 eine eigene Verwaltung. Der Rest hieß seither Deutsch-Rixdorf. Beide Orte zählten zu Beginn des 19. Jahrhunderts je um die 300 Einwohner, für Böhmisch-Rixdorf werden für 1805 genau 319 genannt.
Die tschechische Sprache hielt sich lange: Die letzte Frau, die sie noch sprach, soll nach einem Pressebericht 1940 gestorben sein. Das Bild rund um Richardplatz und Richardstraße erinnert bis heute an diese Zeit, auch wenn ein Großbrand am 28.
April 1849 in beiden Dörfern 52 Häuser zerstörte und der Wiederaufbau bis 1853 nicht immer die alte Bauweise bewahrte.
19. Jahrhundert: Vom Dorf zur Industriestadt
Im 19. Jahrhundert änderte sich Rixdorf schneller als in allen Jahrhunderten davor. Um 1830 lebten im Dorf nach Angaben des Bezirksamts rund 2.500 Menschen; es war das größte Dorf bei Berlin.
Der Ort lag an der Grenze der wachsenden Hauptstadt, und von dort zogen Arbeiter auf der Suche nach billigem Wohnraum. 1854 verkehrte der erste Omnibus zwischen Berlin und Rixdorf, und Anfang 1872 eröffnete an der Ringbahn der Bahnhof Rixdorf.
Politisch wuchs zusammen, was zusammengehörte. Am 11. Juli 1873 vereinigten sich Böhmisch- und Deutsch-Rixdorf zur Gemeinde Rixdorf. Sie zählte im Gründungsjahr rund 8.000 Einwohner. Die Zuwanderung kam vor allem aus den ländlichen Gebieten im Osten Deutschlands. Rixdorf galt als das größte Dorf Preußens, bis es am 1.
April 1899 mit rund 80.000 Einwohnern das Stadtrecht erhielt und aus dem Kreis Teltow ausschied. 1903 genehmigte Kaiser Wilhelm II. nach einigen Änderungswünschen das Stadtwappen, das das Johanniterkreuz mit dem Kelch der böhmischen Hussiten verbindet.
Wirtschaftlich entwickelte sich Rixdorf zu einem Industriestandort. Von 1902 bis 1903 entstand der Rixdorfer Schifffahrtskanal, der die Gaswerke mit dem Landwehrkanal verband und in den Jahren 1912 und 1913 bis zum Teltowkanal verlängert wurde. Heute heißt er Neuköllner Schifffahrtskanal.
Er diente nach den vorliegenden Angaben zuerst auch der Entwässerung des feuchten Geländes. Rings um den Kanal und an den Ausfallstraßen siedelten sich Fabriken an, dazwischen wurden Mietskasernen gebaut. Um 1900 war Rixdorf stark von Arbeitern und ihren Familien geprägt.
Der Ruf von Rixdorf und die Umbenennung 1912
An den Ort grenzt die Hasenheide, ein Park mit Festwiesen und Tanzlokalen. Ihren Namen hat sie von einem Hasengehege, das dort seit 1678 bestand. Am 19. Juni 1811 eröffnete Friedrich Ludwig Jahn auf dem Gelände den ersten Turnplatz Preußens.
Um 1900 verbreitete sich ein Lied mit der Zeile „In Rixdorf ist Musike“, und für viele Berliner stand der Name nun für Vergnügen und Lärm. Die Rixdorfer Zeitung schrieb 1908 von zahlreichen unlauteren Elementen, die sich auf den Festplätzen der Hasenheide sammelten.
Der Grundbesitzerverein beantragte im Dezember 1910, den Namen zu ändern. Aus zehn Vorschlägen fiel die Wahl auf Neukölln, was an das mittelalterliche Cölln an der Spree erinnern sollte. Kaiser Wilhelm II. genehmigte die Umbenennung im Januar 1912.
Nicht alle waren damit einverstanden: Eine Firma, die Linoleum herstellte, legte Widerspruch ein, und ein Postkartenhändler blieb nach Berichten auf 10.000 Karten mit dem alten Namen sitzen. Noch 1913 stand Rixdorf auf Schildern, Bahnen und Ämtern, und 2.500 Kanaldeckel mit dem alten Namen blieben aus Kostengründen liegen.
Zur gleichen Zeit gab sich die Stadt ein repräsentatives Zentrum. Das Rathaus entstand in mehreren Bauabschnitten nach Plänen von Stadtbaurat Reinhold Kiehl; das Bezirksamt nennt 1905 bis 1909 als Bauzeit, Wikipedia für das gesamte Ensemble 1909 bis 1914.
Es ersetzte das frühere Rixdorfer Rathaus und erhielt einen 68 Meter hohen Turm, auf dem die Figur der Glücksgöttin Fortuna steht. Kiehl entwarf auch die Orangerie im Körnerpark. Den Park hatte der Kiesgrubenbesitzer Franz Körner 1910 der Stadt geschenkt, er wurde zwischen 1912 und 1916 im neubarocken Stil angelegt.
Ebenfalls von Kiehl und Heinrich Best stammt das Stadtbad, das am 10. Mai 1914 eröffnet wurde.
1920 bis 1945: Bezirk in Groß-Berlin
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz kam Neukölln am 1. Oktober 1920 zur Hauptstadt. Zusammen mit Britz, Buckow und Rudow bildete es den 14. Verwaltungsbezirk. Etwa 253.000 Menschen lebten damals dort. Neukölln war eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Von 1921 bis 1933 stand Alfred Scholz von der SPD an der Spitze des Bezirks.
Die Stadt investierte in Wohnungen, Schulen und Verkehr: Am 11. April 1926 gingen die U-Bahnhöfe Hermannplatz, Rathaus Neukölln und Karl-Marx-Straße in Betrieb, und 1930 folgte die Station Neukölln. Der große Wohnungsbau der Zeit lag allerdings vor allem im Ortsteil Britz.
1933 endete diese Epoche. Nach der Chronik des Bezirksamts traten Bezirksbürgermeister und gesamtes Bezirksamt 1933 unter dem Druck der neuen Machthaber zurück. Kurt Samson von der NSDAP führte den Bezirk danach bis 1945. Die Verfolgung von Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten betraf auch Neukölln.
Stolpersteine erinnern an Opfer aus dem Bezirk; allein in den sechs Jahren bis Anfang 2021 wurden mehr als 200 verlegt.
Im Krieg wurde der Ort selbst zu einem Schauplatz der Zwangsarbeit. Auf dem Gelände an der damaligen Braunauer Straße, heute Sonnenallee 181 bis 187, hatte die Firma Nationale Krupp Registrierkassen 1942 ein Lager mit drei Baracken gebaut. Ab 1944 stand es als Außenlager unter Verwaltung des Konzentrationslagers Sachsenhausen.
Im August 1944 kamen etwa 500 jüdische Frauen aus Auschwitz hierher, die meisten aus Polen und zuvor aus dem Getto Lodz. Sie mussten in Zwölf-Stunden-Schichten Waffen und Munition herstellen. Etwa am 20.
April 1945 wurden sie nach Ravensbrück gebracht und kurz darauf von den weißen Bussen des Schwedischen Roten Kreuzes gerettet. Ein Gedenkstein erinnert seit 1991 daran.
1945 bis 1990: Neukölln an der Mauer
Im Frühjahr 1945 besetzten sowjetische Truppen den Bezirk. Nach etwa drei Monaten zogen sie ab, und Neukölln gehörte zum amerikanischen Sektor. Damit lag es bis 1990 in West-Berlin.
Die Trümmer des Krieges wurden zum Teil in der Hasenheide aufgeschüttet, etwa 700.000 Kubikmeter ergaben dort die Rixdorfer Höhe, die 22 Meter über das Gelände ragt. Der Park wurde am 7. Juni 1954 eröffnet. Am 31. Juli 1947 erhielt die Hauptstraße des Ortes den Namen Karl-Marx-Straße.
Einzelne Abschnitte hatten zuvor Berliner Straße, Bergstraße, Richardstraße und von 1934 bis 1947 Willi-Walter-Straße geheißen.
Mit dem Bau der Mauer im August 1961 wurde der Bezirk von Treptow getrennt. An der Sonnenallee, die bis dahin eine durchgehende Verbindung war, lagen die letzten 400 Meter nun in Ost-Berlin. Neukölln rückte an den Rand West-Berlins.
Für wohlhabendere Familien wurde die Gegend weniger attraktiv, und die Mieten blieben niedrig. Die Berichte zur Zuwanderung nennen vor allem die 1970er-Jahre, als Arbeitsmigranten aus der Türkei sowie Flüchtlinge aus dem Libanon im Norden Neuköllns ein Zuhause fanden.
Der Bezirk wuchs in den 1960er-Jahren auch am Stadtrand. Ab 1962 entstand im Süden die Gropiusstadt, in der bis 1975 rund 18.500 Wohnungen gebaut wurden. Sie ist heute ein eigener Ortsteil des Bezirks und gehört nicht zum Ortsteil Neukölln.
Im Norden blieben dagegen die dicht bebauten Altbauquartiere mit ihren Fabriken, Kneipen und kleinen Läden, die das Bild bis heute prägen.
Seit 1990: Strukturwandel und neue Vielfalt
Nach dem Fall der Mauer endete die Randlage. Berlin strich Zuschüsse für den Westteil, und viele Betriebe schlossen oder verließen die Gegend. In den 1990er-Jahren stieg die Arbeitslosigkeit, und Neukölln galt als Problemkiez. Auch viele türkische Geschäfte gaben auf.
Zum 1. Januar 2001 wurde der Bezirk Neukölln im Zuge der Berliner Verwaltungsreform zum achten Bezirk der Stadt. Zuvor war er der vierzehnte gewesen. Im Norden des Ortsteils, nahe der Grenze zu Kreuzberg, setzte um die Jahrtausendwende der Zuzug von Studenten, Künstlern und Gastronomen ein.
Die Mieten stiegen, was in der Nachbarschaft teils Verdrängung auslöste. Die Karl-Marx-Straße blieb Einkaufsstraße: Das 2005 geschlossene Warenhaus Hertie wurde 2009 als Einkaufszentrum neu eröffnet.
Das Erbe der Geschichte ist im Ortsteil an vielen Stellen sichtbar. Auf dem Richardplatz sieht man noch die Dorfstruktur des 18. Jahrhunderts, im Rathaus und im Stadtbad die Selbstdarstellung der Industriestadt, und am Kanal die Hafenanlagen.
Das Museum Neukölln im Schloss Britz zeigt mit der Dauerausstellung „99 × Neukölln“ die Entwicklung des gesamten Bezirks. Es erinnert zudem mit eigenen Ausstellungen an die Umbenennung von 1912, an die Revolution 1918/19 und an das Leben im Bezirk seit 1920.