Vorstädte vor den Toren: Friedrichstadt und Luisenstadt
Der Boden, auf dem Kreuzberg liegt, gehörte im Mittelalter nicht zur Stadt. Erst im 18. Jahrhundert rückte die Bebauung heran. Im Norden entstand die Friedrichstadt, die 1688 vom Kurfürsten Friedrich III. gegründet worden war. Unter König Friedrich Wilhelm I. wurde sie in den 1730er-Jahren nach Süden erweitert.
Der Baumeister Philipp Gerlach plante einen runden Platz, das Rondell, von dem Straßen strahlenförmig ausgingen. Der Platz hieß seit 1815 nach einem Gehöft bei Waterloo Belle-Alliance-Platz und heißt seit 1946/47 Mehringplatz. Eine neue Zoll- und Akzisemauer (die Mauer, an deren Toren Zölle und Verbrauchsabgaben erhoben wurden) begrenzte das Viertel.
Siedler kamen nur zögerlich, vielfach wurden Beamte und Offiziere zum Bauen gedrängt.
Östlich davon lag die Cöllnische oder Köpenicker Vorstadt. Am 4. April 1802 erlaubte Königin Luise den Bewohnern, sich Luisenstädter zu nennen, aus der Vorstadt wurde die Luisenstadt. Noch immer gab es Holzplätze, Bleichen und Windmühlen an der Spree.
Das änderte sich in den 1840er-Jahren: Der Gartenarchitekt Peter Joseph Lenné entwarf einen Bebauungsplan, der Plätze wie den Heinrichplatz, den Oranienplatz, den Moritzplatz und den Mariannenplatz hervorbrachte.
Der Luisenstädtische Kanal, 1852 fertig, erschloss das Gebiet und wurde in den 1920er-Jahren wieder zugeschüttet. 1867 lebten in der Luisenstadt rund 150.000 Menschen, 1910 erreichte sie mit etwa 306.500 den Höchststand.
Das 19. Jahrhundert: Kanal, Bahnhöfe und Mietshäuser
Südlich des Landwehrkanals lag bis 1861 noch Ackerland der Gemeinde Tempelhof. Der Kanal selbst ging aus einem Graben von 1705 hervor und wurde unter Lenné zwischen 1845 und 1850 zur Wasserstraße ausgebaut; am 2.
September 1850 wurde er eingeweiht. 1861 kam der nördliche Teil Tempelhofs zu Berlin, die Stadtgrenze verlief nun etwa am heutigen Platz der Luftbrücke. Auf dieser Fläche entstand die Tempelhofer Vorstadt. 1862 genehmigte man den Bebauungsplan des Baubeamten James Hobrecht, der Straßenzüge und Blöcke festlegte.
Er regelte die Nutzung und Dichte der Häuser nicht; so entstanden rasch große Mietshäuser mit mehreren Hinterhöfen.
Die Bevölkerung wuchs in kurzer Zeit gewaltig. In der Tempelhofer Vorstadt stieg die Zahl der Einwohner von rund 23.700 im Jahr 1867 auf etwa 164.900 im Jahr 1910. Verkehr und Industrie prägten das Bild. Der Anhalter Bahnhof bestand seit 1841; 1880 eröffnete der Neubau nach Plänen von Franz Schwechten.
Die Görlitzer Bahn nahm 1866/67 den Betrieb auf und zog Arbeitssuchende ins Schlesische Viertel. 1891 öffnete die Markthalle IX, 1896 wurde die Oberbaumbrücke im neugotischen Stil gebaut, und 1902 fuhr die Hochbahn über das Kottbusser Tor und die Oberbaumbrücke.
Rund um die Kochstraße bildete sich im Norden das Zeitungsviertel. Verlage und Druckereien siedelten sich dort an, darunter viele kleine Betriebe. Diese Verbindung aus Wohnen, Handwerk, Handel, Vergnügen und Verkehr nennt man heute die „Kreuzberger Mischung“. Auch das Militär war präsent: Rund um das Tempelhofer Feld entstanden mehrere große Kasernen.
In den Vierteln spiegelte sich die soziale Ordnung der Zeit wider, später zeigte es sich an den Postleitzahlen: SO 36 stand für die Arbeiterviertel im Osten, SW 61 für das gutbürgerliche Umfeld des Riehmers Hofgarten.
1920 bis 1945: ein Bezirk, ein Gestapo-Sitz, ein Bombenkrieg
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz entstand 1920 der Bezirk Kreuzberg aus der Tempelhofer Vorstadt, der Oberen Friedrichsvorstadt, der südlichen Friedrichstadt und einem großen Teil der Luisenstadt, deren Norden an den Bezirk Mitte ging. Er zählte damals 366.299 Einwohner.
In der Weimarer Republik war er ein dicht besiedeltes Arbeiterviertel mit Industrie, Handwerk und Läden. Als im Nationalsozialismus Widerstand nötig war, nannte sich eine Gruppe nach dem alten Postbezirk „Untergruppe Süd-Ost“.
Ab 1933 hatte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) ihre Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8, dem heutigen Gelände der Topographie des Terrors. Ab 1939 saß dort auch das Reichssicherheitshauptamt. Das Dokumentationszentrum gibt für das Gelände rund 4,5 Hektar an. Am 10.
November 1938, während der Novemberpogrome, schloss die Gestapo das erste Jüdische Museum Berlins und beschlagnahmte seinen Bestand. Dieses lag in der Oranienburger Straße in Mitte; sein Nachfolger steht heute in Kreuzberg.
Der Zweite Weltkrieg zerstörte den Norden des Bezirks. Der Luftangriff vom 3. Februar 1945 legte das Gebiet der südlichen Friedrichstadt zwischen Halleschem Tor, Prinzenstraße und Kochstraße fast völlig in Trümmer; auch das Zeitungsviertel ging dabei fast ganz verloren. Die Tempelhofer Vorstadt und die Luisenstadt blieben dagegen weitgehend verschont.
Im April 1945 erreichten sowjetische Truppen den Bezirk: Am 23. April wurde die Oberbaumbrücke teilweise gesprengt, am 27. April stand die Rote Armee am Moritzplatz, am 29. April war Kreuzberg vollständig unter ihrer Kontrolle.
Am Rand West-Berlins: 1945 bis 1989
Im Juli 1945 übernahmen die Amerikaner Kreuzberg, der Bezirk gehörte nun zum amerikanischen Sektor. Tausende Flüchtlinge und Vertriebene fanden hier Aufnahme. Als die Stadt 1948 geteilt wurde, war Kreuzberg der einzige West-Berliner Bezirk mit einem Stück der barocken Stadt.
Bezirksbürgermeister war von 1949 bis 1962 Willy Kressmann, genannt „Texas-Willy“, den viele Kreuzberger nach Düspohl als „einen von uns“ ansahen und dessen Auftreten zum gemeinsamen Gefühl des Bezirks beitrug.
Die Kriegsruine des Anhalter Bahnhofs diente nach dem Krieg noch eine Zeit lang dem Fernverkehr, der aber 1952 endete; ab 1959 riss man ihn weitgehend ab. Heute steht nur noch ein Teil des Portikus.
Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 wurde Kreuzberg Randlage. Das Viertel SO 36 war von drei Seiten von der Mauer umschlossen. Der Übergang Checkpoint Charlie in der Friedrichstraße wurde zum Übergang für Ausländer und Alliierte. Am 27. Oktober 1961 standen sich dort sowjetische und amerikanische Panzer gegenüber. Am 17.
August 1962 starb Peter Fechter beim Fluchtversuch. Die Oberbaumbrücke war ab dem Mauerbau für den Verkehr gesperrt, und die U1 endete bis 1995 am Schlesischen Tor.
Ab 1964 zogen Arbeiter aus Süd- und Südosteuropa nach Kreuzberg, später kamen auch Menschen aus Krisengebieten weltweit. Viele Türkeistämmige ließen sich im Osten des Bezirks nieder, besonders im Wrangelkiez.
Der Mehringplatz entstand nach einem Wettbewerb von 1959/62 neu: Hans Scharoun entwarf, ab 1968 baute Werner Düttmann, Scharoun starb 1972. 1968 kam es nach dem Attentat auf Rudi Dutschke in der Kochstraße zu den „Osterunruhen“ gegen die Auslieferung von Springer-Zeitungen.
Abriss, Besetzungen und behutsame Erneuerung
In den 1960er- und 1970er-Jahren plante der West-Berliner Senat, große Teile der alten Quartiere abzureißen und autogerecht neu zu bauen. Am Kottbusser Tor entstand von 1969 bis 1974 das Neue Kreuzberger Zentrum, ein großer Wohnkomplex über der Adalbertstraße. Gründerzeitbauten fielen schon in den 1950er-Jahren.
Ende der 1970er-Jahre regte sich dagegen erster massiver Widerstand, der die Pläne für Flächenabrisse stoppen sollte.
Weil viele Altbauten leer standen oder verfielen, begannen Gruppen, sie zu besetzen. Im Juni 1981 gab es in Berlin 165 besetzte Häuser, davon 86 in Kreuzberg 36 und 61. Am 22.
September 1981 starb der 18-jährige Klaus-Jürgen Rattay bei einer Räumung an der Potsdamer Straße in Schöneberg, als ihn ein Bus erfasste. Es folgten Wochen mit Straßenkämpfen in West-Berlin. Der damalige Regierende Bürgermeister Richard von Weizsäcker setzte danach auf Verständigung; bis 1987 wurden 60 besetzte Häuser saniert und legalisiert.
1983 nahm das Abgeordnetenhaus die „12 Grundsätze der Stadterneuerung“ zustimmend zur Kenntnis, die eine behutsame Erneuerung mit den Bewohnern vorsahen. Am Block 104 setzte man den Wandel zuerst um. Die Internationale Bauausstellung (IBA) 1984/87 machte den Ansatz zum Vorbild für andere Städte. Ab 1987 kam es am 1.
Mai zu schweren Straßenschlachten, ausgehend vom Lausitzer Platz und mit Schwerpunkt am Kottbusser Tor und am Oranienplatz; erst seit 2005 gingen sie zurück.
Seit 1990: Kreuzberg in der Mitte der Stadt
Nach dem Mauerfall rückte Kreuzberg von der Randlage in die Mitte Berlins. Der Checkpoint Charlie wurde am 22. Juni 1990 abgebaut. Am Anhalter Bahnhof sicherte man ab 1986/87 den Rest der Ruine, und zwischen 2002 und 2005 wurde der Portikus restauriert.
Das Deutsche Technikmuseum, das im Dezember 1983 als „Museum für Verkehr und Technik“ neben dem Anhalter Bahnhof und dem Gleisdreieck eröffnet hatte, wuchs in den Folgejahrzehnten stark, 1996 begann der Bau eines Neubaus.
Das Jüdische Museum mit Daniel Libeskinds Neubau wurde 2001 für Besucher geöffnet (die Eröffnungsfeier des Baus war im Januar 1999), die Topographie des Terrors bekam 2010 ihr Dokumentationszentrum.
Zum 1. Januar 2001 schlossen sich Kreuzberg und Friedrichshain zum Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zusammen. Den Sitz des Bezirksamts entschied im April 2000 ein Münzwurf zugunsten des früheren Friedrichshainer Rathauses. Die Oberbaumbrücke über die Spree verbindet beide Ortsteile und ist im Wappen des Bezirks abgebildet.
Kreuzberg selbst ist heute ein Ortsteil, kein Bezirk mehr. Die Bezirksverwaltung ist seitdem auf zwei Rathäuser verteilt, das frühere Kreuzberger Rathaus nutzen Teile von Amt und Bezirksverordnetenversammlung.
Seit der Jahrtausendwende hat sich die Bevölkerung weiter verändert. Nach Düspohl wechselt sie statistisch etwa einmal pro Generation. Junge, mobile Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus zogen zu, was Sorgen vor steigenden Mieten und Verdrängung auslöste.
Die Markthalle IX, die in den 1990er-Jahren verfiel, wurde nach einer Bürgerinitiative saniert und am 1. Oktober 2011 neu eröffnet. Das Erbe der Teilung, der Sanierungskämpfe und der Zuwanderung prägt den Ortsteil bis heute.