Gutsherren und freie Bauern
Mit dem Ende des 18. Jahrhunderts wechselte das Dorf rasch den Besitzer. 1799 verkaufte Leopold Heinrich von Wilmersdorff den Ort an Friedrich Heinrich von Podewils. Schon 1804 erwarb ihn Karl Friedrich von Beyme, ein hoher preußischer Beamter, der zu den Reformern um den König gehörte.
Beyme setzte in seinem Dorf früh um, was die preußischen Reformen anstrebten: 1807 erhielten die Bauern die Möglichkeit, das Land zu kaufen, das sie bisher für den Gutsherrn bewirtschaftet hatten. Damals lebten nach Angaben des Bezirksamts noch weniger als 100 Menschen im Ort. Aus Hörigen wurden Eigentümer.
Nach Beymes Tod verkaufte seine Tochter Charlotte Gerlach das Gut an den preußischen Staat, den Domänenfiskus. Damit endete die Zeit der adligen Gutsherren. Das Wappen, das sich die Gemeinde 1903 gab, erinnert an beide Familien: Es zeigt den Hirsch der Podewils und die Lilie der Wilmersdorff.
Der Alltag änderte sich dadurch nur langsam. Noch immer bestimmten Aussaat und Ernte das Jahr, und der Dorfteich am Anger blieb bis 1896 bestehen. Dann wurde er zugeschüttet, und am 10. Mai desselben Jahres weihte man an seiner Stelle ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. ein.
Trotz der Nähe zu Berlin blieb Schmargendorf noch Jahrzehnte ein Bauerndorf. 1880 zählte es laut Kauperts 468 Einwohner. Die Höfe lagen an der Dorfstraße, dahinter begannen die Felder, und am Rand wartete der Grunewald. Genau dieser Wald sollte bald die Berliner anlocken.
Ringbahn, Sommerfrische und Bodenspekulation
Die Eisenbahn kam, aber sie kam nicht ins Dorf. Am 15. Dezember 1883 eröffnete an der Ringbahn der Bahnhof Schmargendorf, rund zwei Kilometer vom Ortskern entfernt. Die Bauern hatten sich geweigert, Land zu verkaufen, und fürchteten Funkenflug der Lokomotiven auf ihren Feldern.
Einwohner von Schmargendorf früher
Der Bahnhof heißt heute Heidelberger Platz und liegt bereits auf Wilmersdorfer Gebiet. Näher heran rückte die Straßenbahn. Am 18. Mai 1888 nahm eine Dampfstraßenbahn den Betrieb auf, im Jahr darauf fuhr sie bis zur Hundekehle am Rand des Grunewalds.
Mit ihr kamen die Ausflügler, und am Dorfrand öffneten Dutzende Ausflugslokale. Bauern vermieteten ihre Scheunen an Sommergäste, und eine Zeitung pries 1890 die ozonreiche Luft des Ortes. Die Berliner nannten solche Gäste Sommerfrischler, und sie kamen in Scharen.
In diesen Jahren verkauften die meisten Bauern ihr Land an eine Gesellschaft des Bankiers Carl Fürstenberg. Die Gemeinde verdiente an jedem Verkauf über eine Umsatzsteuer und wurde wohlhabend. Um 1890 wurde die Dorfstraße in Hauptstraße umbenannt, wenig später in Breite Straße.
Häuser der Gründerzeit ersetzten nach und nach die Bauernhöfe. In der Villa Waldfrieden an der Hundekehlestraße wohnte von 1892 bis 1903 die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé. Von 1898 bis 1900 lebte dort auch der Dichter Rainer Maria Rilke.
Eigener Amtsbezirk und ein Rathaus auf dem Acker
1899 erhielt Schmargendorf den Status eines selbstständigen Amtsbezirks im Landkreis Teltow. Rund 2.000 Menschen lebten jetzt hier, ein Jahr später waren es etwa 3.000. Eine so schnell wachsende Gemeinde brauchte eine Verwaltung, und die Gemeindevertreter beschlossen 1900 den Bau eines eigenen Rathauses.
Das Rathaus Schmargendorf entstand zwischen dem 1. Juni 1900 und dem 1. Juni 1902 auf damals noch freiem Acker am Berkaer Platz. Der Potsdamer Architekt Otto Kerwien entwarf einen Backsteinbau im Stil der märkischen Gotik mit einem 46 Meter hohen Turm. Vorbilder fand er in Stendal und Tangermünde.
Geplant waren 200.000 Mark, am Ende kostete der Bau 394.000 Mark, fast das Doppelte. Die Gemeinde konnte das bezahlen, denn ab 1899 ließ sie den Hohenzollerndamm nach dem Vorbild des Kurfürstendamms zu einem breiten Boulevard ausbauen, und die Steuern auf die Grundstücksverkäufe entlang der Straße füllten die Kasse.
Viele neue Straßen erhielten Namen von Kur- und Seebädern, nach Lesart des Bezirksamts eine frühe Form von Stadtwerbung. Der Kolberger Platz, 1908 benannt, dient seit 1913 als Marktplatz, und samstags steht dort noch heute der Wochenmarkt. Das Dorf war endgültig zur Vorstadt geworden.
Was vom alten Dorf übrig war, verschwand nach und nach. 1895 ließ Baumeister Heinrich Otto Hoffmann die Dorfkirche umbauen, mit Tonnengewölbe, neuem Eingang an der Nordseite und vergrößerten Fenstern. Erst zwischen 1937 und 1939 holte man den frühgotischen Zustand wieder zurück.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Kreuzkirche und Krieg
Am 1. Oktober 1920 endete die Selbstständigkeit. Mit dem Gesetz über Groß-Berlin wurde die Landgemeinde aus dem Landkreis Teltow herausgelöst und dem neuen Bezirk Wilmersdorf zugeschlagen. 11.581 Einwohner zählte der Ort damals.
Das Wappen verlor seine Gültigkeit, das Rathaus bekam eine neue Aufgabe als Standesamt des Bezirks. Der Ratssaal wurde zum Trausaal, und das blieb er bis 2014. Nach Angaben des Bezirksamts heirateten hier unter anderem Albert Einstein, Ernst Lubitsch, Romy Schneider und Harald Juhnke.
Fast 600 Jahre lang war die Dorfkirche das einzige Gotteshaus des Ortes. Das änderte sich mit der Kreuzkirche am Hohenzollerndamm, gebaut 1927 bis 1929 nach Plänen von Ernst und Günther Paulus.
Der achteckige Klinkerbau mit seinem 54 Meter hohen Turm gilt laut Wikipedia als einer der wenigen expressionistischen Kirchenbauten. Rund 1.000 Plätze fasst der Kirchenraum, ein Kreuz aus Meißner Porzellan gab dem Haus den Namen. In den 1920er Jahren wuchs zudem das Roseneck zu einem zweiten Ortszentrum heran.
In der NS-Zeit wurde 1938 die Synagoge Grunewald in der Pogromnacht zerstört. Ab April 1943 versteckte Lilly Wust in ihrer Wohnung in der Friedrichshaller Straße die Jüdin Felice Schragenheim, bis die Gestapo sie im August 1944 abholte. Ein Stolperstein erinnert an sie.
Ende April 1945 wurde am Hohenzollerndamm schwer gekämpft. Die Kreuzkirche trug schwere Schäden davon, ihre Fenster gingen weitgehend verloren. Das Kino Germania an der Hundekehlestraße, 1929 eröffnet, wurde im Krieg zerstört. Dann schwiegen die Waffen, und der Ort lag im britischen Sektor.
West-Berlin: Hochhaus, Eisstadion und Zigarettenfabrik
Schmargendorf gehörte nun zu West-Berlin. Auf dem Gelände des alten Gaswerks von 1893 entstanden aus Trümmerschutt Sportanlagen. Von 1948 bis 1951 wurde dort das Stadion Wilmersdorf gebaut. Die Kreuzkirche wurde 1953 wieder in Betrieb genommen, 1951 öffneten die Kammerspiele Schmargendorf.
Am Roseneck wuchs 1954 und 1955 ein Hochhaus mit 15 Stockwerken in die Höhe, laut Wikipedia eines der ersten Hochhäuser Berlins. Die alte Straßenbahn verschwand dagegen: Am 30. April 1957 fuhr die letzte Linie 51, ein Bus übernahm die Strecke.
In den 1960er Jahren wurde die Breite Straße zu einer sechsspurigen Straße verbreitert. Die Häuser auf der Südseite wichen flachen Ladenpavillons und einer kleinen Passage. Das alte Dorfzentrum bekam damit das Gesicht, das es heute noch zeigt.
Industrie gab es in Schmargendorf kaum. Die Ausnahme war das Werk der Zigarettenfabrik Reemtsma an der Mecklenburgischen Straße, errichtet 1958 und 1959. Dazu kamen das Horst-Dohm-Eisstadion von 1974 und 1977 das Spitzenlastkraftwerk Wilmersdorf mit seinen drei Schornsteinen.
Auf dem Friedhof hinter der Dorfkirche ruhen der Maler Max Pechstein, der Verleger Franz Cornelsen und die Flugpionierin Melli Beese, nach Angaben des Bezirksamts die erste deutsche Frau mit Pilotenschein.
Auch Politiker wohnten gern in der ruhigen Gegend am Wald. Der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl lebte in der Caspar-Theyß-Straße. 1985 fand im Eisstadion das erste Eisschnelllauf-Weltcuprennen in Deutschland statt. So blieb Schmargendorf ein Ort zum Wohnen, Sporttreiben und Spazierengehen.
Seit 1990: Umbau und Gegenwart
Nach der Wiedervereinigung begann an mehreren Stellen der Umbau. Die Dorfkirche wurde von 1990 bis 1992 saniert. 1995 gab Bosch sein Gelände an der Forckenbeckstraße auf; daraus wurde das Gewerbegebiet Schmargendorf, einer von fünf Wirtschaftsstandorten des Bezirks. Zum 1. Januar 2001 ging der Bezirk Wilmersdorf im neuen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf.
Der Schulbuchverlag Cornelsen eröffnete 2004 seinen neuen Firmensitz an der Mecklenburgischen Straße. Die Zigarettenfabrik nebenan schloss im Juni 2012, nachdem der Eigentümer 2008 das Aus beschlossen hatte. Seit 2018 soll das Reemtsma-Gelände zu einem Quartier aus Gewerbe und Wohnungen werden.
Auch das Kraftwerk gehört inzwischen der Vergangenheit an. Im April 2021 ging es außer Betrieb, 2022 fielen die drei Schornsteine. Das Rathaus dient heute der Musikschule und der Adolf-Reichwein-Bibliothek, die 2019 in den früheren Ratskeller zog. 2017 wurde das letzte alte Bauernhaus der Breiten Straße abgerissen.
Neues Leben zog in alte Gebäude ein. 2003 übernahm die Berlin International School das frühere Entbindungsheim an der Lentzeallee, und auf dem ehemaligen AEG-Gelände am Hohenzollerndamm entstand nach 2013 ein Medienzentrum für die Filmindustrie. Am Roseneck erhielt der Betty-Hirsch-Platz 2022 eine tastbare Skulptur.
Geblieben ist der Charakter eines kleinen Ortes in der großen Stadt. Die Breite Straße und die Berkaer Straße bilden das Zentrum, der Wochenmarkt am Kolberger Platz holt die Nachbarschaft zusammen, und am Roseneck beginnt der Weg in den Grunewald. 24.133 Menschen lebten Ende 2023 in Schmargendorf.