1889: Die Villenkolonie entsteht
In den 1880er Jahren verkaufte der preußische Staat 234 Hektar Forst an die Kurfürstendamm-Gesellschaft, einen Zusammenschluss von Banken. Den Ausschlag gab Reichskanzler Otto von Bismarck, der sich persönlich einschaltete. Die Gesellschaft baute dafür den Kurfürstendamm aus.
Ab 1889 wuchs am westlichen Ende dieser Straße die Villenkolonie Grunewald, nach dem Vorbild der Kolonien Alsen und Lichterfelde. Im Volksmund hieß sie bald „Millionärskolonie“. Das Bezirksamt nennt sie ein Steuerparadies: Außerhalb von Berlin und Charlottenburg fielen niedrigere Gemeindesteuern an, was Großverdiener anzog.
Zum Reiz gehörte das Wasser. Schon um 1870 hatte man in der Seenrinne vier künstliche Seen angelegt: Hubertussee, Herthasee, Koenigssee und Dianasee, gespeist aus artesischen Brunnen, bei denen das Grundwasser von selbst aufsteigt. So verschwanden die Moore, die man als Krankheitsherde fürchtete. Die Ufer wurden private Gärten.
Die Rodungen bekamen ein musikalisches Echo. Um 1892 entstand der Berliner Gassenhauer „Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion“. Hinter dem Spottlied stand ein ernster Vorgang: Wald wurde zu Geld, und das Viertel füllte sich mit Unternehmern, Bankiers, Gelehrten und Künstlern, viele von ihnen jüdischen Glaubens.
Die Namen lesen sich wie ein Lexikon der Zeit. Walther Rathenau wohnte in der Koenigsallee 65, Max Planck in der Wangenheimstraße 21. In der Bettinastraße lebten der Schriftsteller Hermann Sudermann und der Verleger Hans Ullstein, in der Douglasstraße der Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau.
Landgemeinde, Kirche und ein Turm an der Havel
Am 15. August 1898 erhob ein königlicher Erlass die Villenkolonie zur Landgemeinde, also zu einer eigenständigen Gemeinde mit eigener Verwaltung. Ein Jahr später bekam der Bahnhof ein Empfangsgebäude nach Entwürfen von Karl Cornelius, das einem Burgtor nachempfunden ist und noch heute steht.
Einwohner von Grunewald früher
Für die Kirche sorgte die Kurfürstendamm-Gesellschaft gleich mit: Sie stiftete das Grundstück und 150.000 Mark für die Grunewaldkirche. Den Wettbewerb gewann Philipp Nitze, der statt Backstein gelbgrauen Tuff und Sandstein wählte, passend zu den Villen ringsum. Am 1. Juni 1904 wurde sie eingeweiht.
Hoch über der Havel entstand zur selben Zeit der Grunewaldturm. Der Kreis Teltow ließ ihn 1897 bis 1899 nach Plänen von Franz Schwechten bauen, zur Erinnerung an den 100. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. Der Turm ist 55 Meter hoch, 204 Stufen führen zur Aussichtsplattform.
Zunächst hieß er Kaiser-Wilhelm-Turm. In der Gedenkhalle steht seit 1902 ein überlebensgroßes Standbild des Kaisers von Ludwig Manzel. Seinen heutigen Namen Grunewaldturm trägt das Bauwerk erst seit dem 15. September 1948, als man die Erinnerung an die Monarchie aus dem Namen strich.
1920 wurde die Gemeinde mit 6.449 Einwohnern Teil von Groß-Berlin und kam zum Bezirk Wilmersdorf; der Forstgutsbezirk zählte weitere 507 Menschen. Im selben Jahr wurden am Waldrand die ersten Häuser der Siedlung Eichkamp fertig, geplant von Max Taut für Arbeiter und Beamte mit kleinem Einkommen.
Mitten durch den Wald zog sich seit 1921 die AVUS, eine Straße nur für Autos, als Renn- und Teststrecke gedacht und laut Wikipedia die erste Autobahn der Welt. Sie trennt die Villenkolonie im Osten vom Forst im Westen. Im Juni 1928 fuhr die erste elektrische S-Bahn nach Grunewald.
NS-Zeit: Verfolgung und das Gleis 17
Mit dem Jahr 1933 verlor die Kolonie einen großen Teil ihrer Bewohner. Nach Angaben des Bezirksamts war mindestens ein Drittel der Bevölkerung von Verfolgung, Enteignung oder Ermordung betroffen. Die Familie Ullstein wurde verdrängt und beraubt, der Theaterkritiker Alfred Kerr floh ins Ausland. Das Viertel verödete.
Eine Gebietsreform verschob 1938 die Grenzen: Ein großer Teil des Forstes kam vom Bezirk Wilmersdorf zu Zehlendorf, die Siedlung Eichkamp dagegen von Charlottenburg zu Wilmersdorf und damit zu Grunewald. Im Wald hatte 1937 der Bau einer Wehrtechnischen Fakultät für die geplante „Welthauptstadt Germania“ begonnen; drei Jahre später wurde er gestoppt.
Am 18. Oktober 1941 verließ der erste Deportationszug den Bahnhof Grunewald mit 1.013 Berliner Juden. Die Transporte gingen zunächst in die Ghettos von Litzmannstadt, Riga und Warschau, ab Ende 1942 fast nur noch nach Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt. Allein nach Auschwitz fuhren etwa 35 Züge mit rund 17.000 Menschen.
Insgesamt wurden aus Berlin bis Kriegsende über 50.000 Juden deportiert, die meisten von diesem Bahnhof. Seit 1991 erinnert an der Rampe eine Betonwand mit Abdrücken menschlicher Körper von Karol Broniatowski an sie. Am 27. Januar 1998 kam das Mahnmal Gleis 17 hinzu, gestiftet von der Deutschen Bahn.
Gusseiserne Platten entlang des Gleises nennen jede Fahrt mit Datum, Zahl der Deportierten und Ziel. Nach Angaben des Bezirksamts waren es 186 Transporte mit 55.696 Menschen, der letzte am 27. März 1945. Zwischen den Schienen wachsen Pflanzen, und das ist gewollt: Von hier soll nie wieder ein Zug abfahren.
Auch die Kirche traf der Krieg. Eine Luftmine riss das Dach der Grunewaldkirche ab, im März 1943 gingen die Glasfenster zu Bruch, die Orgel wurde fast völlig zerstört. Erst von 1956 bis 1959 stellte Georg Lichtfuß das Gebäude in vereinfachter Form wieder her.
West-Berlin: ein Berg aus Trümmern
Nach dem Krieg lag Grunewald im Britischen Sektor und damit in West-Berlin. Den Rohbau der Wehrtechnischen Fakultät hatte man gesprengt, und ab 1950 kippte die Stadt die Trümmer der zerbombten Innenstadt darüber. Bis zu 800 Lastzüge am Tag luden hier ab. Am 14. November 1957 kam der zehnmillionste Kubikmeter an.
Bis 1972 wuchs der Teufelsberg auf 26 Millionen Kubikmeter Schutt, nach Angaben der Wikipedia etwa ein Drittel aller Trümmer Berlins. Danach deckte man ihn mit Sand und Mutterboden ab und pflanzte rund eine Million Bäume. Mit 120,1 Metern ist er heute nach den Arkenbergen die zweithöchste Erhebung der Stadt.
Schon in den 1950er Jahren nutzte die US-Armee den Hügel, um den Luftraum über den drei Flugkorridoren zu überwachen. Daraus wurde die Field Station Berlin mit fünf Antennenkuppeln und einem 120 Meter hohen Stahlmast, betrieben vor allem vom Geheimdienst NSA. Von hier hörte der Westen in den Osten hinein.
Der Wald zwischen AVUS und Havel war während der Teilung laut Bezirksamt das wichtigste Naherholungsgebiet West-Berlins. Zugleich übten US-Truppen auf dem Schießplatz Keerans Range, und mehrfach schlugen Querschläger bis ins Strandbad Wannsee ein.
In der Kolonie wurden viele Villen zu Mietshäusern umgebaut, in anderen wohnte die Kulturprominenz der Stadt. Hildegard Knef zog 1977 in die Bettinastraße 12. Die Villa Erxleben in der Douglasstraße diente in den 1950er Jahren als Kulisse für Edgar-Wallace-Filme, und in der Grunewaldkirche entstanden 1956 erste Stereo-Aufnahmen der Berliner Philharmoniker.
Seit 1990: Abzug, Verfall und neue Nachfrage
Mit dem Ende des Kalten Krieges verlor die Abhörstation ihren Zweck. 1991 zogen Amerikaner und Briten ab, bis 1999 diente die Anlage noch der zivilen Flugsicherung. Dann verkaufte der Senat das 4,7 Hektar große Gelände für 5,2 Millionen Mark an Investoren, die ein Hotel mit Spionagemuseum und Wohnungen planten.
Das Vorhaben scheiterte an Widerstand, steigenden Kosten und Insolvenz. Die Gebäude verfielen, das Gelände wurde als Wald ausgewiesen. Seit der zweiten Hälfte der 2010er Jahre ist die Anlage gegen Eintritt zugänglich, mit einer Street-Art-Galerie in den alten Gebäuden und einer Aussichtsplattform auf dem Dach. Seit 2018 steht sie unter Denkmalschutz.
Seit Oktober 2024 erzählt oben auf dem Berg eine Ausstellung die Geschichte des Ortes, vom Rohbau der Fakultät über die Trümmer bis zur Abhörstation. Rund um die Kuppeln wird der Hügel heute ganz unmilitärisch genutzt: Spaziergänger, Mountainbiker und Skater teilen sich die Hänge.
Auch die Villenkolonie veränderte sich. Nach der Wiedervereinigung wuchs die Nachfrage nach repräsentativen Häusern, vor allem für Diplomaten, und denkmalgeschützte Villen wurden restauriert. Heute haben hier Botschaften ihren Sitz, darunter die von Katar, Kuwait, Serbien und Nordmazedonien. Das frühere Palais Pannwitz dient als Schlosshotel.
Nicht alles ließ sich retten: Die Villa der Familie Ullstein in der Bettinastraße 4 wurde 2013 abgerissen, eine Gedenktafel erinnert an den Verleger. Der Grunewaldturm dagegen wurde nach einer Sperrung im Jahr 2007 für 1,5 Millionen Euro saniert und öffnete am 22. April 2011 wieder.
Was Grunewald heute prägt
Grunewald ist mit 22,33 Quadratkilometern groß, aber dünn besiedelt: Am 31. Dezember 2024 lebten hier 11.154 Menschen. Nach Angaben des Bezirksamts ist es der am dünnsten besiedelte Ortsteil von Charlottenburg-Wilmersdorf. Die meisten wohnen im Osten zwischen Kurfürstendamm und AVUS, der Rest der Fläche ist Wald.
Die S-Bahn-Linie S7 hält am Bahnhof Grunewald, am Rathenauplatz beginnt der Kurfürstendamm und liegt eine Auffahrt zur Stadtautobahn A 100. Zu den Adressen gehören das Wissenschaftskolleg zu Berlin in der früheren Villa Linde, das Steffi-Graf-Stadion und das St.-Michaels-Heim im einstigen Palais Mendelssohn.
Am Bahnhof zeigt sich, wie Erinnerung weiterlebt. 2012 pflanzte der Künstler Łukasz Surowiec dort Birken aus Auschwitz-Birkenau, und eine alte Telefonzelle wurde zur Bücherbox. Im August 2023 brannte sie nach einem antisemitischen Anschlag aus; Nachbarn sammelten Geld, und das Haus der Geschichte in Bonn übernahm die Brandruine.
So liegen in Grunewald die Villen der Gründerzeit, der Wald der Ausflügler und die Orte der Verfolgung dicht beieinander. Vom Bahnhof mit seinem Burgtor von 1899 führen Wege in beide Richtungen: in die stillen Straßen der Kolonie und hinaus in den Forst bis zur Havel.