Eine Mietshaussiedlung wächst
Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde aus den Spargelfeldern ein Stadtviertel. Halensee entstand als Villen- und Mietshaussiedlung im damals selbstständigen Vorort Deutsch-Wilmersdorf. Mietshäuser sind mehrgeschossige Wohnhäuser mit vielen Mietwohnungen, oft mit Hinterhöfen. Um 1914 war die Bebauung im Wesentlichen abgeschlossen.
Die Bewohner kamen aus dem gehobenen Bürgertum. Laut Wikipedia zogen gern pensionierte Militärs, Beamte, Literaten und Rentiers hierher, also Menschen, die von ihrem Vermögen lebten. Die Straßen erhielten Namen brandenburgischer Kurfürsten: Joachim-Friedrich-Straße, Johann-Georg-Straße, Markgraf-Albrecht-Straße.
Auch die Toten der Nachbarschaft fanden hier Platz. Für die Villenkolonie Grunewald entstand an der Bornstedter Straße ein Friedhof, eröffnet am 19. Mai 1892. Weil Bahngleise ihn umschließen und nur eine kleine Brücke hineinführt, heißt er im Volksmund „Toteninsel“. Dort liegt der Schriftsteller Hermann Sudermann.
Die wachsende Gemeinde brauchte eine Kirche. Ein 1901 gegründeter Kirchenbauverein trieb den Bau voran, denn um 1906 lebten hier rund 9.000 Protestanten. Nach Entwurf des Maurermeisters Otto Schnock entstand ab 1908 an der Westfälischen Straße ein Backsteinbau in neoromanischen Formen mit 64,8 Meter hohem Turm.
Eingeweiht wurde er am 11. September 1910, seit 1935 heißt er Hochmeisterkirche. Eine Besonderheit war das Gewerbe am oberen Kurfürstendamm: Schon im 19. Jahrhundert war Halensee ein Zentrum des Kutschenbaus, Automobilbetriebe folgten früh. Bekannt wurde die Gegend aber zunächst fürs Vergnügen.
Der Lunapark am Halensee
Alles begann mit Kaffee. 1882 eröffnete am Ostufer des Sees ein Wirtshaus, und Familien, die sonntags mit Kremsern in den Grunewald fuhren, machten hier Rast. In den 1890er Jahren kam ein Rummel mit Karussell, Schießbuden und Wasserrutschbahn dazu, am oberen Kurfürstendamm öffneten Tanzsäle, Konzertgärten und eine Radrennbahn.
Einwohner von Halensee früher
Am 14. Mai 1904 eröffneten der Gastronom August Aschinger und der frühere Kempinski-Küchenchef Bernd Hoffmann die „Terrassen am Halensee“, nach dem Vorbild von Coney Island bei New York. 1909 erhielt die Anlage den Namen Lunapark. Laut Wikipedia galt er vor 1914 als größter Vergnügungspark Europas.
Was es dort gab, klingt noch heute nach Ausnahmezustand: eine Wasserrutschbahn, die im See endete, ein Wellenbad, eine Wackeltreppe mit Gebläse, eine Gebirgsbahn, nächtliche Feuerwerke, Revuen, Jazz und Boxkämpfe. Die Restaurants fassten 16.000 Sitzplätze. 1926 gewann der junge Max Schmeling hier seinen ersten Titelkampf.
Der Erste Weltkrieg und die Inflation ließen die Besucherzahlen einbrechen, die Anlage verfiel. Nach einer großen Erneuerung öffnete der Park am 9. Mai 1929 ein zweites Mal, erreichte die alten Erfolge aber nicht mehr. Im Oktober 1934 musste er schließen.
Die Nationalsozialisten sahen in dem Park einen Schandfleck und ließen ihn 1935 vollständig abreißen. Das Gelände brauchten sie für die Halenseestraße, die zu den Olympischen Spielen 1936 eröffnet wurde. Die restliche Grünfläche gestaltete Gartendirektor Josef Pertl 1938 zum Halenseepark um. Seit 1997 heißt er Friedenthalpark.
1920 bis 1933: Groß-Berlin und die Emigranten
Am 1. Oktober 1920 endete die Selbstständigkeit Wilmersdorfs. Durch das Groß-Berlin-Gesetz wurde die Stadt mit ihrem Ortsteil Halensee Teil der neuen Einheitsgemeinde Berlin. Im Alltag änderte sich zunächst wenig, nur das Rathaus war jetzt eines von vielen.
In den 1920er Jahren ließen sich viele russische Emigranten in Halensee nieder, Menschen, die nach der Revolution ihre Heimat verlassen hatten. Zu ihnen gehörte der Schriftsteller Vladimir Nabokov, der von 1922 bis 1937 in der Nestorstraße 22 wohnte. Auch Künstler und Literaten schätzten das Viertel.
Einer von ihnen war Erich Kästner. Am 1. Oktober 1929 zog er in das Gartenhaus Roscherstraße 16 an der Grenze zu Charlottenburg und blieb rund fünfzehn Jahre in der Gegend. Er war Stammgast im Café Leon gegenüber der heutigen Schaubühne. Seine Wohnung zerstörte 1944 ein Bombenangriff.
Auch die jüdische Gemeinde wuchs. Der Lunapark-Besitzer Salomon Goldberg ließ in der Markgraf-Albrecht-Straße 11 die Synagoge Friedenstempel bauen, eingeweiht am 9. September 1923. 1929 übernahm die Jüdische Gemeinde zu Berlin das Haus. Ein Jahr zuvor hatte auf der Ringbahn der elektrische Betrieb begonnen.
NS-Zeit und Krieg
Mit dem Jahr 1933 begann für viele Nachbarn die Verfolgung. Der Schauspieler Albert Bassermann, der Komponist Friedrich Hollaender sowie der spätere Fotograf Helmut Newton verließen Halensee in die Emigration. Allein in der Markgraf-Albrecht-Straße erinnern heute 30 Stolpersteine an jüdische Bewohner, die meist deportiert und ermordet wurden.
In der Pogromnacht am 9. November 1938 steckten Nationalsozialisten die Synagoge Friedenstempel in Brand. Die Ruine stand noch bis 1959, dann wurde sie abgerissen und durch Wohnhäuser ersetzt. Seit dem 9. November 1988 erinnert eine Gedenktafel an das Gotteshaus.
Im Haus Kurfürstendamm 140 bis 143 bezog 1939 das Reichskommissariat für die Festigung des deutschen Volkstums sein Büro. Dort entstand der Generalplan Ost, die Planung zur Vertreibung und Vernichtung der Bevölkerung Osteuropas. Eine Stele vor dem Haus informiert heute darüber.
Der Agathe-Lasch-Platz erinnert an die Germanistin Agathe Lasch, 1879 in Berlin geboren und 1923 in Hamburg als erste Germanistikprofessorin Deutschlands berufen, so das Bezirksamt. Nach 1933 musste sie ihre Laufbahn aufgeben; im August 1942 wurde sie nach Riga deportiert, wo sich ihre Spur verliert.
Der Krieg traf das Viertel hart. Im März 1943 brannte der Dachstuhl der Hochmeisterkirche nach einem Bombentreffer aus, 1944 folgte ein weiterer. 1945 wurde der Turm beschädigt. Das Empfangsgebäude des Bahnhofs brannte bei Luftangriffen aus. Laut Wikipedia wurde der Ortsteil im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt.
West-Berlin: Lücken, Autos und eine stillgelegte Bahn
Nach 1945 lag Halensee im britischen Sektor und damit in West-Berlin. Die Bombenlücken wurden nach Angaben der Wikipedia größtenteils mit Bauten des sozialen Wohnungsbaus geschlossen. Deshalb stehen heute neben den Gründerzeithäusern viele schlichte Nachkriegsbauten, besonders dort, wo einst ganze Straßenzüge gefehlt hatten.
Die Gemeinde baute ihre Kirche selbst wieder auf. Ab 1953 richtete sie die Hochmeisterkirche trotz Materialknappheit in vereinfachter Form her, am 31. Oktober 1958 weihte Bischof Otto Dibelius sie erneut. Am Kurfürstendamm 106 entstand 1956 das VW-Porsche-Haus des Generalvertreters Eduard Winter neu.
Die Bahn hatte weniger Glück. Die ausgebrannte Ruine des Empfangsgebäudes diente noch rund fünfzehn Jahre als Zugang, 1958 ließ der Senat sie abreißen, 1960 entstand ein Pavillon. Nach dem Mauerbau 1961 boykottierten die West-Berliner die von der DDR-Reichsbahn betriebene S-Bahn, rund 400.000 Fahrgäste blieben weg.
Am 11. April 1968 wurde vor dem Haus Kurfürstendamm 140, dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, der Studentenführer Rudi Dutschke angeschossen. Er starb an den Spätfolgen am 24. Dezember 1979. Eine Gedenktafel erinnert an das Attentat.
Im September 1980 streikten die Reichsbahner in West-Berlin und besetzten auch das Stellwerk in Halensee. Die Bahnpolizei räumte es, und wenige Tage später legte die Reichsbahn die Ringbahn still. Ab 1985 nutzte ein Autohaus das Bahnhofsgebäude als Ausstellungsraum. 1971/72 war am Kurfürstendamm das Kurfürstendamm-Center entstanden.
Seit 1990: Rückkehr der Ringbahn und neuer Ortsteil
Mit der Wiedervereinigung kam die Ringbahn zurück. 1993 setzte die Bahn den Bahnhof Halensee instand, reduzierte ihn auf einen Bahnsteig und riss das alte Empfangsgebäude ab. Am 17. Dezember 1993 feierte man die Wiedereröffnung. Der Güterbahnhof daneben schloss in den 1990er Jahren; dort eröffnete am 20. Dezember 2013 ein Baumarkt.
Auf einem Grundstück direkt an der Stadtautobahn, das als unbebaubar galt, errichteten die Architekten Hilde Léon und Konrad Wohlhage von 1994 bis 1996 ein Bürohaus mit dreieckigem Grundriss und geschwungener Glasfassade. Anwohner nannten es „Zitrone“. 1997 erhielt der Bau den Deutschen Architekturpreis.
Am 30. September 2004 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, Halensee aus Wilmersdorf herauszulösen und als eigenen Ortsteil einzurichten. Die Grenzen folgen ungefähr der Stadtbahn und der Ringbahn, im Osten der Cicerostraße, dem Hochmeisterplatz, dem Lehniner Platz und der Damaschkestraße.
Auch der See erlebte eine Wende. Regenwasser von der Autobahn hatte ihn so belastet, dass 2003 ein Badeverbot galt. Von 2005 bis 2008 entstand eine Bodenfilteranlage. Am 1. Mai 2016 durfte wieder gebadet werden. Von 2015 bis 2021 wurde entlang der Seesener Straße das „Tor zum Kurfürstendamm“ gebaut.
Halensee heute
Mit 1,27 Quadratkilometern ist Halensee laut Bezirksamt der kleinste Ortsteil von Charlottenburg-Wilmersdorf und nach dem Hansaviertel der zweitkleinste Berlins. Ende 2023 lebten hier 15.775 Menschen. Die Zahl ist seit 2010 gestiegen, damals waren es 12.531.
Das Viertel ist dicht und gemischt. Am Kurfürstendamm und in den Seitenstraßen stehen Altbauten der Gründerzeit, dazwischen Nachkriegsbauten. Die Westfälische Straße ist mit Geschäften, Restaurants und Cafés die zweite Einkaufsstraße neben dem Kurfürstendamm, an dessen oberem Ende noch immer Autohäuser und Werkstätten liegen.
Der Bahnhof Halensee ist der zentrale Umsteigepunkt zwischen Ringbahn und Bussen. Die Stadtbahn durchquert den Ortsteil ohne Halt, und der Durchgangsverkehr zur Stadtautobahn A 100 ist stark. Wer Ruhe sucht, geht zum Friedenthalpark am See oder auf die „Toteninsel“ an der Bornstedter Straße.
Viele bekannte Berliner haben hier gewohnt, darunter der frühere Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und die Schauspielerin Katja Riemann. Halensee bleibt, was es seit 1880 ist: ein Wohnviertel am Rand des Grunewalds, dessen Name von einem See kommt, der ein paar Schritte weiter liegt.