Neu-Schöneberg, Krieg und Chaussee
Um 1750 griff Friedrich II. von Preußen in die Dorfstruktur ein. Er ließ nahe dem alten Dorf eine Kolonie für protestantische Familien aus Böhmen einrichten, die als Weber arbeiten sollten. Nach den Quellen entstanden etwa zwanzig Siedlerstellen.
Die Siedlung hieß Neu-Schöneberg und stand bis in die 1870er Jahre neben dem alten Dorf. Preußen warb damals gezielt Gewerbetreibende aus dem Ausland an, um die eigene Wirtschaft zu stärken.
Der Siebenjährige Krieg traf das Dorf hart. Am 7. Oktober 1760 brannten abziehende russische Truppen Schöneberg nieder. Die Dorfkirche wurde dabei zerstört. Der Wiederaufbau zog sich über die 1760er Jahre hin.
Die neue Barockkirche entstand zwischen 1764 und 1766 an gleicher Stelle, errichtet von einer Spandauer Maurermeisterin, die als Witwe Lehmann bezeichnet wird. Ihr Entwurf wird dem Bauinspektor Johann Friedrich Lehmann zugeschrieben. Sie gilt als das älteste Gebäude des Ortsteils.
Ein anderes Ereignis veränderte das Dorf langfristig. In den frühen 1790er Jahren baute Preußen die Straße von Berlin nach Potsdam als erste gepflasterte Chaussee des Landes aus. Sie führte durch Schöneberg und verband den Ort besser mit Berlin.
Die Straße trägt heute den Namen Potsdamer Straße und ist bis heute eine der wichtigen Achsen des Ortsteils. 1838 hatte Schöneberg trotzdem nur rund 1.400 Einwohner und blieb ein Bauerndorf.
Vom Bauerndorf zur Großstadt am Stadtrand
Im 19. Jahrhundert rückte Berlin dem Dorf auf den Leib. Die Berlin-Anhaltische Eisenbahn führte seit den 1840er Jahren nahe am Ort vorbei und prägte die Landschaft: Wo einst Äcker lagen, entstanden Gleise, später ein großer Rangierbahnhof. Außerdem holte sich die wachsende Hauptstadt ein Stück des Dorfes. Zum 1.
Januar 1861 wurde der nördliche Teil bis zum Südende der Potsdamer Straße nach Berlin eingemeindet. Darüber war laut Chronik des Bezirksamts zehn Jahre lang verhandelt worden. Schöneberg verlor damit viele Einwohner und zählte nur noch rund 2.600 bis 2.700.
Der entscheidende Schub kam nach der Reichsgründung 1871. In diesem Jahr lebten etwa 4.500 Menschen im Ort. Die Bauern verkauften ihre Äcker als Bauland und kamen dadurch zu Wohlstand. Sie gingen als „Schöneberger Millionenbauern“ in die Stadtgeschichte ein. 1874 schlossen sich Alt- und Neu-Schöneberg zu einer Gemeinde zusammen.
Der Botanische Garten wurde zu klein und zog zwischen 1899 und 1910 nach Dahlem um. Seine Fläche stand für neue Nutzungen offen.
Die Zahlen zeigen das Tempo. Um 1880 lebten knapp 11.200 Menschen in Schöneberg, im Jahr 1900 waren es fast 96.000. Aus dem Dorf war binnen weniger Jahrzehnte eine dicht bebaute Großstadt geworden, die eine eigene Stadtverwaltung brauchte.
Eine Stadt mit eigenem Rathaus
Zum 1. April 1898 erhielt Schöneberg die Stadtrechte, bei rund 75.000 Einwohnern. Ein Jahr später schied es aus dem Landkreis Teltow aus und bildete einen eigenen Stadtkreis. Rudolph Wilde, ab 1898 Bürgermeister und ab 1902 Oberbürgermeister, trieb die Planungen für Rathaus und Verkehr voran.
Er starb 1910, sein Nachfolger Alexander Dominicus führte die Vorhaben zu Ende. Schöneberg bekam 1910 eine eigene U-Bahn, die erste Strecke zwischen Nollendorfplatz und Innsbrucker Platz mit fünf Bahnhöfen. Das ist die heutige Linie U4. Damit gilt Schöneberg nach Berlin als zweite deutsche Stadt mit U-Bahn.
Zu den Bauten der neuen Selbständigkeit gehört das Rathaus. Die Architekten Jürgen Bachmann und Peter Jürgensen entwarfen es, die Grundsteinlegung war am 26. Mai 1911. Anfang 1914 konnten die ersten Räume bezogen werden. Eine feierliche Einweihung fiel wegen des Beginns des Ersten Weltkriegs aus.
In dieser Zeit entstanden weitere öffentliche Bauten, darunter der Stadtpark, das Auguste-Viktoria-Krankenhaus und das Kaufhaus des Westens, das am 27. März 1907 am Wittenbergplatz eröffnet wurde.
Zugleich wuchsen ganze Stadtviertel für die Mittelschicht. Das Bayerische Viertel baute die Berlinische Boden-Gesellschaft zwischen 1900 und 1914 für ein wohlhabendes Bürgertum. Mitbegründer der Gesellschaft war Salomon Haberland. Im November 1910 eröffnete an der Potsdamer Straße der Sportpalast, ein Veranstaltungshaus für Eislauf, Radrennen, Boxen und später auch Politik.
Vor dem Ersten Weltkrieg zählte Schöneberg 172.823 Einwohner (1910).
Groß-Berlin und die Zwanzigerjahre
Am 1. Oktober 1920 trat das Gesetz über Groß-Berlin in Kraft. Schöneberg verlor damit seine Stadtrechte und wurde zusammen mit der Landgemeinde Friedenau zum 11. Berliner Verwaltungsbezirk. Dieser Bezirk bestand unter dem Namen Schöneberg bis zum Ende des Jahres 2000. Das Rathaus blieb Sitz der Bezirksverwaltung.
Der Ortsteil Schöneberg ist heute 10,6 Quadratkilometer groß.
In den Zwanzigerjahren war der Norden des Ortsteils ein gemischtes Quartier mit Wohnungen, Lokalen und Hotels. Rund um den Nollendorfplatz eröffneten die ersten Tanzlokale für Männer, in denen sich homosexuelle Menschen trafen, obwohl ihr Verhalten strafbar war. Der Schriftsteller Christopher Isherwood wohnte von 1929 bis 1933 in der Nollendorfstraße 17.
Seine Berliner Erzählungen verarbeiteten diese Jahre. Else Lasker-Schüler wohnte zwischen 1924 und 1933 in einem Hotel in der Motzstraße.
Auch Menschen aus Afrika lebten hier. Viele Kameruner, die schon vor dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland gekommen waren, wohnten in Nord-Schöneberg. Zu ihnen gehörte Joseph Bilé in der Bülowstraße 39, an den seit 2022 eine Berliner Gedenktafel erinnert. Gleichzeitig entstanden Wohnanlagen im genossenschaftlichen Wohnungsbau.
Die Lindenhofsiedlung nach Plänen von Martin Wagner und Bruno Taut wurde zwischen 1918 und 1921 gebaut, die Ceciliengärten folgten in den 1920er Jahren.
Verfolgung und Krieg
Für die jüdischen Bewohner des Bayerischen Viertels begann mit 1933 eine Zeit der Ausgrenzung. Das Viertel hatte in der Weimarer Republik den Beinamen „Jüdische Schweiz“, weil hier viele Juden wohnten. Zu den Bewohnern zählte Albert Einstein, der von 1918 bis 1933 in der Haberlandstraße lebte.
Nach Angaben der Bundeszentrale für politische Bildung lebten vor 1933 rund 16.000 jüdische Menschen im Viertel, etwa 6.000 von ihnen wurden deportiert. 1993 weihte der Bezirk das Denkmal „Orte des Erinnerns“ von Renata Stih und Frieder Schnock ein.
Auf 80 Schildern an Laternenmasten sind die Verbote und Verordnungen abgedruckt, die das Leben der Juden Schritt für Schritt einschränkten.
Verfolgt wurden auch homosexuelle Männer und Frauen. Die Nationalsozialisten schlossen Lokale, und Betroffene wurden bis in Konzentrationslager verschleppt. Der Paragraph 175 des Strafgesetzbuchs, der homosexuelle Handlungen unter Männern bestrafte, galt bis 1994. Am U-Bahnhof Nollendorfplatz erinnert seit 1989 ein Gedenkstein mit dem Rosa Winkel.
Der Ortsteil war auch Bühne der Machthaber. Im Sportpalast hielt Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 seine Rede, in der er nach der Niederlage von Stalingrad den „totalen Krieg“ forderte. Im Gebäude des Kammergerichts am heutigen Kleistpark tagte ab August 1944 der Volksgerichtshof.
Unter dem Vorsitz von Roland Freisler verhandelte er dort gegen Beteiligte des Attentats vom 20. Juli 1944. Zwischen 1941 und 1942 ließ Albert Speer in Schöneberg einen Schwerbelastungskörper errichten. Das 12.650 Tonnen schwere Betonwerk sollte testen, ob der Boden das Gewicht eines geplanten Triumphbogens tragen würde.
Beteiligt waren auch französische Kriegsgefangene.
Die Luftangriffe zerstörten große Teile des Ortsteils. Wie hoch der Anteil war, geben die Quellen unterschiedlich an. Die Chronik des Bezirksamts spricht von etwa der Hälfte Schönebergs, die Wikipedia von einem Drittel des Wohnungsbestands. Ende April 1945 besetzte die Rote Armee den Ortsteil.
Wenig später wurde er Teil des amerikanischen Sektors.
Hauptstadt im Wartestand: Schöneberg in West-Berlin
Nach dem Krieg erhielt Schöneberg eine politische Rolle, die weit über den Ortsteil hinausreichte. Im Kammergericht tagte ab 1945 der Alliierte Kontrollrat, in dem die vier Siegermächte Deutschland gemeinsam verwalten wollten. Am 18. Oktober 1945 wurde dort der Internationale Militärgerichtshof konstituiert, der in Nürnberg über die Hauptkriegsverbrecher urteilte.
Nachdem die Sowjetunion 1948 den Kontrollrat verlassen hatte, stellte dieser seine Arbeit ein.
Mit der Spaltung der Stadt wurde das Rathaus Schöneberg zum Sitz der West-Berliner Politik. Ab 1948/49 tagten hier das West-Berliner Parlament, zunächst im Bürgersaal, und der Senat, der bis 1991 im Haus arbeitete. Ernst Reuter und Willy Brandt regierten von hier aus als Regierende Bürgermeister. Am 24.
Oktober 1950 erklang zum ersten Mal die Freiheitsglocke im Turm, ein Geschenk aus den USA, für das über 16 Millionen Amerikaner gespendet und unterschrieben hatten. Am 26. Juni 1963 hielt John F. Kennedy vor dem Rathaus seine Rede mit dem Satz „Ich bin ein Berliner“.
Der Platz davor, bis dahin nach Rudolph Wilde benannt, heißt seit November 1963 John-F.-Kennedy-Platz.
Der Wiederaufbau nahm viel Raum ein. Die Dorfkirche wurde zwischen 1953 und 1955 äußerlich wiederhergestellt, das Rathaus 1945 bis 1955 instand gesetzt. Bis 1966 entstanden nach Angaben der Wikipedia mehr als 22.000 neue Wohnungen. Seit 1946 sendete der RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) aus Schöneberg, bis 1993.
Der Bezirk veränderte sich und verlor Einwohner: 1970 zählte Schöneberg 138.177 Menschen, 1987 noch 118.355. Auf dem Südgelände lag seit 1952 die westliche Hälfte des Rangierbahnhofs still. Anfang der 1980er Jahre kam es am Winterfeldtplatz und an der Potsdamer Straße zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Hausbesetzern und der Polizei.
Seit 1990: Neue Aufgaben für alte Orte
Mit der Wiedervereinigung verlor das Rathaus seine Rolle als Regierungssitz. 1991 zog der Senat ins Rote Rathaus nach Mitte, 1993 folgte das Abgeordnetenhaus in das frühere Preußische Landtagsgebäude. Der RIAS sendete bis 1993 aus Schöneberg.
Das Kammergericht kehrte 1997 in sein Haus am Kleistpark zurück. 1996 hisste Schöneberg als erster Berliner Bezirk die Regenbogenfahne vor dem Rathaus. Das lesbisch-schwule Stadtfest rund um die Motzstraße fand 1993 zum ersten Mal statt und zieht nach Angaben des Bezirksamts heute im Juli etwa 350.000 Gäste an.
Auch die Brachen veränderten ihr Gesicht. Bürgerinitiativen hatten schon 1980 die Rodung des Südgeländes verhindert, 1989 gab man den Plan für einen Güterbahnhof auf. Das 18 Hektar große Gelände wurde 1999 als Natur- und Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen und ist heute der Natur-Park Schöneberger Südgelände.
Der Schwerbelastungskörper steht seit 1995 unter Denkmalschutz und ist seit 2009 mit Informationspavillon und Aussichtsturm öffentlich zugänglich. Der Gasometer, 1994 zum Denkmal erklärt und 1995 stillgelegt, bekam 2024 ein Bürogebäude in seinem Stahlgerüst.
Zum 1. Januar 2001 schlossen sich die Bezirke Schöneberg und Tempelhof zum neuen Bezirk Tempelhof-Schöneberg zusammen. Der eigene Bezirk Schöneberg, der 80 Jahre bestanden hatte, ging damit unter, der Ortsteil blieb. 2006 eröffnete der Bahnhof Südkreuz.
Die Erinnerung an die Geschichte pflegt unter anderem das Schöneberg Museum in der Hauptstraße 40 bis 42, das wechselnde Ausstellungen und Stadtspaziergänge anbietet.