Ein Volkspark für Charlottenburg
Die aufstrebende Stadt Charlottenburg wollte ihren Bürgern Erholung im Grünen bieten. 1904 kaufte sie dem preußischen Staat rund 200 Hektar der Jungfernheide ab und beauftragte ihren Gartendirektor Erwin Barth mit dem Entwurf eines Stadtparks. Der Erste Weltkrieg stoppte die Pläne.
Nach dem Krieg fehlte das Geld. Dann kam das Groß-Berlin-Gesetz: Am 1. Oktober 1920 ging Charlottenburg in Groß-Berlin auf, und auch der Gutsbezirk Plötzensee fiel an den neuen Bezirk. Im Oktober 1920 begannen rund 100 Arbeitslose im Rahmen eines Notstandsprogramms mit den Vorarbeiten.
Am 27. Mai 1923 öffnete der Volkspark Jungfernheide. Bis 1927 folgten Sportplätze, ein Freibad am künstlichen Jungfernheideteich, ein Spielplatz und die Gustav-Böß-Bühne, ein Freilichttheater für 2.000 Besucher nach dem Vorbild des antiken Theaters von Ephesus. Dann war die Kasse leer, und Barths letzte Ideen blieben Papier.
Das Wahrzeichen des Parks ist der Wasserturm. Barth hatte ihn als Aussichtsturm mit Café geplant; der Baubeamte Walter Helmcke kürzte ihn um einige Meter und strich das Café. Von 1925 bis 1927 entstand der Backsteinturm im Stil des Expressionismus. Heute gibt es im Erdgeschoss doch ein Café mit Biergarten.
1929: Die Ringsiedlung und die Bahn
Schon vor dem Park hatte die Eisenbahn den Rand der Heide erreicht. Die Ringbahn entstand in Abschnitten zwischen 1871 und 1877. Am 1. Mai 1894 öffnete der Bahnhof Jungfernheide mit einem Mittelbahnsteig. 1929 fuhren hier elektrische S-Bahnen, dazu kam die Siemensbahn zu den Werken im Westen.
Einwohner von Charlottenburg-Nord früher
An diese Werke schloss sich eine Siedlung an, die Baugeschichte schrieb. Von 1929 bis 1931 entstand die Großsiedlung Siemensstadt rund um den Goebelplatz. Stadtbaurat Martin Wagner leitete das Projekt, das städtebauliche Konzept stammte von Hans Scharoun.
Die Wohnblöcke entwarfen Walter Gropius, Otto Bartning, Hugo Häring, Fred Forbát und Paul Rudolf Henning, die Freiflächen Leberecht Migge. Alle gehörten der Architektenvereinigung „Der Ring“ an, deshalb heißt die Anlage Ringsiedlung. Der Teil östlich des Jungfernheidewegs liegt im heutigen Charlottenburg-Nord, der westliche in Spandau.
Helle Zeilen im Grünen statt dunkler Hinterhöfe: Die Siedlung zeigte, wie Arbeiter bezahlbar und gesund wohnen konnten. Im Juli 2008 nahm die UNESCO sie als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne in die Welterbeliste auf. Die Infostation in der Goebelstraße 2 wurde 2011 denkmalgerecht saniert.
1933 bis 1945: Hinrichtungsstätte Plötzensee
Mit der nationalsozialistischen Herrschaft wurde das Gefängnis zu einem Ort des Schreckens. Plötzensee war zusammen mit Brandenburg-Görden zentrale Hinrichtungsstätte für den Vollstreckungsbezirk IV. Zunächst starben die Verurteilten mit dem Handbeil auf dem Hof, später unter einer Guillotine in einer ehemaligen Arbeitsbaracke.
Am 15. Dezember 1942 ließ die Justiz eine Eisenschiene mit Fleischerhaken anbringen, an der acht Menschen gleichzeitig gehängt werden konnten. Eine Woche später starben dort als Erste Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack. Von 1942 bis 1945 war Wilhelm Röttger verantwortlicher Scharfrichter.
Im September 1943 beschädigte ein Luftangriff vermutlich die Guillotine. In den „Plötzenseer Blutnächten“ vom 7. bis 12. September wurden daraufhin über 250 Häftlinge gehängt, darunter sechs, deren Urteil gar nicht zur Vollstreckung anstand. Die Anordnung kam von Staatssekretär Curt Rothenberger.
Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 starben hier viele Männer des Widerstands, unter ihnen Carl Friedrich Goerdeler, Wilhelm Leuschner und Erwin von Witzleben. Insgesamt vollstreckte die Justiz in Plötzensee weit über 2.800 Todesurteile. Darunter waren über 300 Frauen und etwa 100 Zeugen Jehovas; fast die Hälfte waren Ausländer.
Ein Mensch stand vielen Verurteilten in ihren letzten Stunden bei: der Gefängnispfarrer Harald Poelchau. Er gehörte seit 1941 zum Kreisauer Kreis, versteckte Verfolgte und begleitete bis 1945 rund 1.000 Menschen zur Hinrichtung. 1971 ehrte ihn Yad Vashem als Gerechten unter den Völkern.
Auch außerhalb der Mauern hinterließ das Regime Spuren. Ab 1939 entstand nahe dem Gefängnis die „Speerplatte“, eine Betonfläche von 90.000 Quadratmetern für den Fuhrpark einer NSKK-Transporteinheit. 1943 und 1944 zerstörten Luftangriffe Teile des Gefängnisses. Anfang Mai 1945 richtete sich die sowjetische Spionageabwehr SMERSch in der Anstalt ein.
Nach 1945: Erinnern an Plötzensee
Wie erinnert man an einen solchen Ort? Das Land Berlin fand eine erste Antwort 1952 und weihte auf dem Gelände der Hinrichtungsstätte die Gedenkstätte Plötzensee ein, gestaltet nach Plänen von Bruno Grimmek. Erhalten blieb der Hinrichtungsraum mit dem Balken, an dem heute fünf statt acht Haken hängen.
Im selben Jahr rief Bischof Wilhelm Weskamm beim Katholikentag zum Bau einer Gedenkkirche für die Märtyrer der NS-Zeit auf. Daraus wurde Maria Regina Martyrum, errichtet von 1960 bis 1963 nach Plänen von Hans Schädel und Friedrich Ebert. Geweiht wurde sie am 5. Mai 1963.
Die Kirche am Heckerdamm ruht auf drei Betonwänden über einem großen Feierhof. Über dem Eingang leuchtet die fünf Meter hohe, vergoldete „Apokalyptische Frau“ von Fritz Koenig, innen füllt Georg Meistermanns „Himmlisches Jerusalem“ die Stirnwand. Der Glockenturm ist 25 Meter hoch; eine höhere Turmnadel scheiterte an der Flugsicherung für Tegel.
In der Unterkirche ruht die Urne von Erich Klausener, 1934 auf Befehl Reinhard Heydrichs erschossen. Seit 1984 leben Karmelitinnen im Kloster neben der Kirche. Die evangelische Seite baute von 1968 bis 1970 das Gemeindezentrum Plötzensee, in dem Alfred Hrdlickas Bilderzyklus „Plötzenseer Totentanz“ hängt.
Das Gedenken steht auch an jeder Straßenecke. Fast alle Straßen des Ortsteils tragen Namen von Widerstandskämpfern, die Hälfte von ihnen wurde in Plötzensee ermordet. Der Hüttigpfad erinnert an Richard Hüttig, 1934 den ersten hier hingerichteten politischen Gefangenen. 2018 verband ein „Pfad der Erinnerung“ die Orte der Gedenkregion.
1953 bis 1965: Scharouns Stadt im Grünen
West-Berlin brauchte nach dem Krieg dringend Wohnungen, und die freien Flächen nördlich der Spree boten Platz. 1953 erschlossen drei neue Hauptstraßen das Gebiet: der Siemensdamm, der Kurt-Schumacher-Damm und der Goerdelerdamm. Die beiden letzten erhielten im November 1953 ihre Namen, nach dem SPD-Politiker und dem hingerichteten Leipziger Oberbürgermeister.
Von 1956 bis 1961 entstand die Großsiedlung Charlottenburg-Nord mit rund 4.000 Wohnungen für 12.000 Menschen. Die Planung lag wieder maßgeblich bei Hans Scharoun. Westlich des Halemwegs baute die GSW, östlich die Gewobag. Die Häuser stehen frei im Grünen, ohne direkten Bezug zur Straße, ein Konzept, das Scharoun organischen Städtebau nannte.
Das Bezirksamt bezeichnet die Anlage zwischen Geißlerpfad und Kurt-Schumacher-Damm als Musterbeispiel der „aufgelockerten Stadt“. Sie steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz. Weiter östlich, zwischen Heckerdamm und Stadtautobahn, folgte die dritte Siedlung des Ortsteils, und ihr Bau begann mit einem Streit.
Im August 1959 gewannen Wils Ebert, Werner Weber und Fritz Gaulke den Wettbewerb für die Paul-Hertz-Siedlung der Gewobag. Kleingärtner, die ihre Parzellen verlieren sollten, klagten und verzögerten den Baubeginn. Bis 1964 standen dann 2.616 Sozialwohnungen in viergeschossigen Zeilen und neun achtgeschossigen Punkthäusern.
Höher durften die Häuser nicht werden: Die alliierte Flugsicherheitsbehörde lehnte zwölf Geschosse wegen des nahen Flughafens Tegel ab. Im November 1962 erhielt die Siedlung ihren Namen nach Paul Hertz, dem 1961 verstorbenen Wirtschaftssenator. Seine Büste steht an der Bernhard-Lichtenberg-Straße.
Insel in der Inselstadt: West-Berliner Jahre
Die Paul-Hertz-Siedlung war modern ausgestattet: Fernwärme aus einem eigenen Heizwerk, 23 Müllverbrennungsöfen, Fernsehempfang über drei zentrale Hochantennen, sieben Arztpraxen und zwei Waschmaschinenhäuser. Die Öfen wurden später wegen hoher Emissionen stillgelegt. 1965 kamen 70 Seniorenwohnungen hinzu, im März 1966 öffnete die Schule.
Zugleich lag die Siedlung wie auf einer Insel: im Norden der Heckerdamm, im Süden die Stadtautobahn, im Westen die Autobahn nach Tegel, im Osten Kleingartenkolonien mit Namen wie „Zukunft“ und „Frischer Wind“. Die Straßen für die neuen Autobahnen fraßen auch Teile des Volksparks, darunter den historischen Haupteingang.
Auf der alten Speerplatte lagerte West-Berlin nach dem Krieg 200.000 Tonnen Kohle als Senatsreserve, ein Vorrat für den Fall einer neuen Blockade. Anschluss an das Schnellbahnnetz brachte erst die U-Bahn: Am 1. Oktober 1980 öffneten die Bahnhöfe der Linie U7, darunter Jakob-Kaiser-Platz und Jungfernheide.
Ausgerechnet zwei Wochen zuvor hatte der Reichsbahnerstreik den S-Bahn-Verkehr am Bahnhof Jungfernheide beendet. Im Süden der Paul-Hertz-Siedlung endet bis heute ein „toter Tunnel“, der einmal den Flughafen Tegel anbinden sollte. Weil man die Trasse freihielt, blieb über ihr ein Grünzug unbebaut.
1987 zog die Jugendstrafanstalt, die seit Kriegsende im alten Gefängnis untergebracht war, in Neubauten nördlich des Geländes. Schon 1982 hatte das Land daneben die Justizvollzugsanstalt Charlottenburg für Frauen errichtet. Kurz vor dem Mauerfall, 1989, wurden Pläne bekannt, die Dächer der Paul-Hertz-Siedlung aufzustocken, und die Mieter protestierten.
Seit 1990: Ein Ortsteil bekommt seinen Namen
Trotz Zusagen an die Mieter erteilte Bausenator Wolfgang Nagel 1991 den Vorbescheid. Nach Gerichtsverfahren entstanden ab 1992 auf den Flachdächern 493 Mietwohnungen in Staffelbauweise und 90 Eigentumswohnungen auf dem Grünzug; dafür fielen die Seniorenwohnungen von 1965. Heute leben rund 6.000 Menschen in etwa 3.200 Wohnungen der Siedlung.
Die Speerplatte verschwand 1992, an ihrer Stelle entstand ein 16 Hektar großes Gewerbegebiet. Die Bahn kehrte zurück: Am 15. April 1997 fuhr nach 17 Jahren wieder die S-Bahn am Bahnhof Jungfernheide, 2002 schloss sich der Ring. Seit 2006 halten Regionalzüge der Lehrter Bahn.
Verwaltungsreformen gaben dem Gebiet seinen Namen. 2001 fusionierten Charlottenburg und Wilmersdorf, und am 30. September 2004 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung die Gliederung in sieben Ortsteile. Seitdem heißt das Land zwischen den Kanälen und der Spree amtlich Charlottenburg-Nord. 2007 zählte es 17.301 Einwohner, Ende 2023 waren es 19.439.
Heute prägen den Ortsteil die drei Siedlungen, ausgedehnte Kleingärten und der Volkspark mit rund 146 Hektar. Dort öffnete 2010 ein Hochseilgarten, 2011 kehrte der zweite Bär am Bärenplatz als Kopie aus englischem Kalkstein zurück. Das frühere Wildgehege ist seit den 1990er Jahren ein Hundeauslauf.
Die Justiz ist geblieben: 2005 entstand das zentrale Haftkrankenhaus, seit 2013 bilden die Anstalten eine gemeinsame Behörde. Die Siemensbahn soll wieder fahren, mit Baubeginn 2026 und Fertigstellung im Herbst 2029 am Bahnhof Jungfernheide. Und das Bundesinstitut für Risikobewertung hat seinen Hauptsitz in der Max-Dohrn-Straße.