1866: Die Villenkolonie und ihr Absturz
Am 1. Mai 1866 gründeten Albert Werckmeister, Johannes Quistorp, der Baumeister Martin Gropius und weitere Geldgeber die „Charlottenburger Baugesellschaft Westend“. Das Gelände teilten sie in Parzellen von meist etwa 800 Quadratmetern. Gedacht war an den gehobenen Mittelstand, gekauft hat zunächst die Oberschicht.
Die Straßen bekamen Namen nach den Bäumen, die dort gepflanzt wurden: Akazienallee, Ahornallee, Platanenallee, Lindenallee, Ulmenallee, Kastanienallee und weitere. Die Mitte bildete der Branitzer Platz, der zunächst Kirchplatz hieß. Das Landhaus Lindenallee 7 von 1867 gilt laut Wikipedia als ältestes erhaltenes Haus der Siedlung.
Der Anfang war zäh. Bis 1868 hatten sich nur 24 Käufer für rund 400 Parzellen gefunden. Werckmeister trat zurück, die Gesellschaft löste sich auf. Die Geschäfte übernahm die Westend-Gesellschaft H. Quistorp & Co. unter Heinrich Quistorp, dem jüngeren Bruder des Mitgründers, der nun persönlich für alles haftete.
Quistorp dachte groß. Er ließ sich die Villa Ibrox bauen, von der nur ein Nebengebäude an der Ulmenallee steht, und von 1871 bis 1872 ein Wasserwerk am Teufelssee. An der Platanenallee begann der Germaniaturm, ein Wasserturm, der nie fertig und 1892 abgerissen wurde.
Dann kam der Absturz. In der Gründerkrise brach 1873 Quistorps Bankgesellschaft zusammen, die Westend-Gesellschaft musste Konkurs anmelden. Der Bau stockte, Villen standen leer. Erst Ende der 1870er Jahre erholte sich die Lage, weil Berlin so schnell wuchs. 1878 kam die Kolonie zur Stadt Charlottenburg.
Bahn, Kaserne und Neu-Westend
Was der Kolonie am meisten geholfen hat, war die Eisenbahn. 1877 eröffnete der Bahnhof Westend an der Ringbahn, 1882 folgte der Charlottenburger Bahnhof an der Stadtbahn. Nun ließ sich bequem in die Stadt pendeln, und bis zur Jahrhundertwende war das parzellierte Gelände im Wesentlichen bebaut.
Einwohner von Westend früher
In den 1890er Jahren entstand am Osthang des Spandauer Bergs die Kaserne des Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiments Nr. 3, Westend wurde wieder Garnisonsort. Daneben kamen Einrichtungen für den Alltag: 1881 und 1909 die Wassertürme an der Akazienallee. 1904 folgte das Krankenhaus Westend, 1906 die Epiphanienkirche nach einem Entwurf von Jürgen Kröger.
Sport spielte früh eine Rolle. 1889 eröffnete eine Trabrennbahn auf Neu-Westender Grund, die 1908 nach Ruhleben verlegt wurde. Im Grunewald entstand in 200 Tagen das Deutsche Stadion nach Plänen von Otto March. Es wurde am 8. Juni 1913 eingeweiht und sollte 1916 Olympische Spiele sehen, die der Erste Weltkrieg verhinderte.
1908 fuhr die U-Bahn bis zum Reichskanzlerplatz, dem heutigen Theodor-Heuss-Platz. Um diesen Anschluss wuchs Neu-Westend: Mietshäuser und Reihenhäuser an geschwungenen Straßen westlich der Reichsstraße, die bis heute Zentrum und Einkaufsstraße ist. 1913 reichte die Linie bis zum Stadion, der Bahnhof Neu-Westend ging aber erst 1922 in Betrieb.
Von 1907 bis 1911 baute die Eisenbahn die Spandauer Vorortbahn, die heute als S-Bahn über Heerstraße und Pichelsberg nach Spandau führt. Damit war das Gerüst gelegt, auf dem Westend im 20. Jahrhundert weiterwuchs. Die eigentliche Stadt Berlin lag freilich noch jenseits der Charlottenburger Grenze.
1920 bis 1933: Groß-Berlin, Siedlungen und der Funkturm
Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft. Charlottenburg, bis dahin eine eigene Stadt, wurde einer von 20 Bezirken der neuen Großstadt, und Westend wurde mit ihm Berliner. Für den Alltag änderte sich wenig, doch die Planung lag nun in größeren Händen.
Nach dem Ersten Weltkrieg fehlten Wohnungen. Die 1918 gegründete Märkische Heimstätte baute ab 1920 die Siedlung Eichkamp zwischen Grunewald und der Rennstrecke AVUS: Reihen- und Doppelhäuser nach Plänen von Max Taut, Bruno Taut, Martin Wagner und anderen, die ersten mit Hühnerstall und Speicher zur Selbstversorgung.
Der Gartenarchitekt Erwin Barth verwandelte von 1919 bis 1922 eine alte Kiesgrube in den Park am Sachsenplatz, dem heutigen Brixplatz. Am nordwestlichen Rand entstand in den 1920er Jahren das Deutsche Sportforum, im Südosten das Messegelände. 1928 fuhr die U-Bahn weiter bis Ruhleben.
Das Wahrzeichen dieser Jahre wuchs auf dem Messegelände. Von 1924 bis 1926 entstand der Berliner Funkturm, dessen Plattformen und Restaurant Heinrich Straumer entwarf. Am 3. September 1926 wurde er zur Funkausstellung eröffnet. Die Berliner nannten ihn bald „Langer Lulatsch“.
Daneben entstanden Bauten, die heute als Denkmale der Moderne gelten: 1928 bis 1929 das Atelier des Bildhauers Georg Kolbe an der Sensburger Allee. Bis 1930 folgten das Haus des Rundfunks von Hans Poelzig an der Masurenallee und die Villen von Erich Mendelsohn und den Brüdern Luckhardt am Rupenhorn.
NS-Zeit: Reichssportfeld, Olympia und Hinrichtungen
Das umfangreichste Bauvorhaben der NS-Zeit in Westend begann 1933. Statt das alte Deutsche Stadion umzubauen, befahl Hitler im Oktober einen Neubau. Werner March, der Sohn Otto Marchs, errichtete von 1934 bis 1936 das Olympiastadion als Mittelpunkt des Reichssportfelds mit Maifeld, Glockenturm und Waldbühne.
Die Baukosten stiegen von geplanten 5,5 auf 42 Millionen Reichsmark. Das Stadion fasste 100.000 Zuschauer, als vom 1. bis 16. August 1936 die Olympischen Sommerspiele stattfanden. 1935 hatte bereits die Deutschlandhalle eröffnet. Das Regime nutzte die Spiele, um sich der Welt als friedliche Macht zu zeigen.
Hinter dieser Fassade lebten in Westend Menschen, die sich dem Regime widersetzten. In der Marienburger Allee wohnte Karl Bonhoeffer mit seinen Söhnen Dietrich und Klaus, in Westend lebten auch Harro und Libertas Schulze-Boysen, Theodor Haubach und Friedrich Weißler. Sie bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben.
In den letzten Kriegsmonaten wurden die Murellenberge zum Hinrichtungsort. Militärgerichte verhängten dort mehr als 230 Todesurteile, vor allem gegen Deserteure und sogenannte Wehrkraftzersetzer. Nach heutigem Forschungsstand wurden zwischen dem 12. August 1944 und dem 14. April 1945 mindestens 232 Menschen erschossen.
Der Krieg traf auch die Bauten. 1945 riss eine Granate den Funkturm so an, dass er praktisch nur noch auf drei Pfeilern stand. Die Lokale am Spandauer Bock und die Brauerei verschwanden ganz. Als die Kämpfe endeten, lag Westend im Westen der Stadt, und das sollte vier Jahrzehnte bestimmen.
West-Berlin: Briten, Corbusier und das ICC
Nach 1945 gehörte Westend zum britischen Sektor, und die Besatzungsmacht nutzte den Übungsplatz in den Murellenbergen weiter. Am Olympiastadion beseitigten die Briten Spuren der Diktatur: Den Glockenturm sprengten sie 1947, und 1957 musste die frühere Führerloge auf ihre Anordnung um zwei Meter gekürzt werden.
Der Funkturm wurde 1945 und 1946 repariert und bekam eine neue Spitze für Antennen. 1950 öffnete das Restaurant wieder, 1951 sendete das Berliner Fernsehen von hier. 1950 entstand auch die anglikanische St. George’s Church, eine Kirche der britischen Gemeinde.
Zur Internationalen Bauausstellung 1957 wollte Le Corbusier seine „Unité d’habitation“ nach Berlin bringen. Für das Hansaviertel war sie zu groß, so entstand sie von 1956 bis 1958 am Heilsberger Dreieck nahe dem Olympiastadion: 530 Wohnungen auf 17 Geschossen.
Ganz zufrieden war der Architekt nicht. Berliner Vorschriften zwangen zu einer Raumhöhe von 2,50 Metern statt der 2,26 Meter seines Maßsystems, und die Stützen wurden schlichte Scheiben. 1958 distanzierte sich Le Corbusier von dem fertigen Haus, das seit 1996 unter Denkmalschutz steht.
Der Glockenturm stand 1962 wieder, die Olympiaglocke war 1956 wiedergefunden worden. Seit Gründung der Bundesliga 1963 spielt Hertha BSC im Olympiastadion. 1963 stellte man am Scholzplatz einen 230 Meter hohen Sendemast auf, und seit 1985 schützt eine Erhaltungsverordnung die Eigenart der alten Villenkolonie.
Das laut Wikipedia teuerste Bauwerk West-Berlins entstand am Messegelände: Von 1975 bis 1979 bauten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte das Internationale Congress Centrum, 313 Meter lang und fast 40 Meter hoch. Es kostete über 924 Millionen D-Mark und wurde am 2. April 1979 eröffnet.
Seit 1990: Neuer Ortsteil, altes Stadion, offenes ICC
Mit der Vereinigung Berlins rückte Westend von der Mauer-Nähe in die Mitte der Region. 1993 wurde das Gebiet Murellenberge, Murellenschlucht und Schanzenwald ein Naturschutzgebiet mit 28,5 Hektar. 1994 übernahm die Polizei den Übungsplatz, 2004 ging er größtenteils an die Forsten. Seit dem 28. November 2007 ist er öffentlich zugänglich.
An die Erschossenen erinnert seit dem 8. Mai 2002 ein Denkzeichen der Künstlerin Patricia Pisani: 104 Verkehrsspiegel am Waldweg von der Glockenturmstraße, die sich zum vermuteten Hinrichtungsort hin verdichten. Fünfzehn Spiegel tragen eingravierte Texte.
Das Olympiastadion wurde von 2000 bis 2004 für rund 242 Millionen Euro umgebaut, davon 196 Millionen vom Bund. Rund 70 Prozent der alten Bausubstanz blieben erhalten, die Laufbahn wurde auf Wunsch von Hertha blau. Die Deutschlandhalle dagegen wurde 2011 abgerissen.
Verwaltungsmäßig ist Westend jung. 2001 entstand der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, und mit Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung vom 30. September 2004 wurde Westend ein eigener Ortsteil. Er umfasst die Villenkolonie sowie Neu-Westend, Eichkamp, Heerstraße, Pichelsberg und den östlichen Teil von Ruhleben.
Das ICC schloss im April 2014. Ab Dezember 2015 diente es als Notunterkunft für Flüchtlinge, seit September 2019 steht es unter Denkmalschutz. Wie es weitergeht, ist offen; Sanierungsschätzungen reichten von 182 bis 368 Millionen Euro. Ende 2024 lebten 41.046 Menschen auf 13,5 Quadratkilometern.
Was Westend heute prägt, sind die Gegensätze auf engem Raum: stille Alleen mit Gaslaternen, die Reichsstraße als Einkaufsstraße, Messehallen und Stadion, dazu Wald und Moor am Westrand. 232 Objekte stehen unter Denkmalschutz, darunter 165 Baudenkmale. Der Sand von einst ist längst bewohnt.