Gutsherren, Turmvilla und die Familie Siemens
1827 verkaufte der preußische Staat das Gut Biesdorf, und mehrere Eigentümer wechselten sich ab. 1853 erwarb Hans-Brunno von Rüxleben den Besitz für 45.000 Taler. Sein Sohn Hans-Hermann erbte ihn 1862 und kaufte nach seiner Hochzeit angrenzende Bauernhöfe und Kossätenstellen hinzu, also die kleinen Stellen der Dorfbewohner ohne volle Hufe.
Auf diesem Land ließ er 1868 und 1869 eine Turmvilla im italienischen Stil bauen, das heutige Schloss Biesdorf. Architekt war Heino Schmieden. Ringsum lag ein etwa vier Hektar großer Park mit einem Eiskeller, in dem Wintereis aus der Wuhle die Vorräte kühlte.
1887 übernahm der Kaufmann Günther von Bültzingslöwen Gut und Villa, doch Verluste in der Zuckerkrise zwangen ihn bald zum Verkauf. Sein Schulfreund Werner von Siemens half zunächst mit einem Darlehen von 200.000 Mark und übernahm am 17. Februar 1887 das rund 600 Hektar große Anwesen.
Der neue Besitzer ließ das Haus 1888 und 1889 durch den Architekten Theodor Astfalck herrichten. Die Loggia zur Südseite und der Balkon wurden verbreitert, zum Park hin entstand eine geschwungene Freitreppe, und das Gebäude erhielt einen frischen Anstrich. Baupläne aus dieser Zeit sind nicht erhalten.
Schon 1889 übertrug Siemens die Villa seinem Sohn Wilhelm. Der ließ den Park durch den Gartenarchitekten Albert Brodersen neu gestalten und auf etwa 14 Hektar erweitern. Eine Lindenallee, ein Teehaus und ein Teich gehörten dazu. Bis 1927 blieb das Haus als „Siemens-Villa“ im Besitz der Familie.
Bahn, Anstalt und Kolonien
Den entscheidenden Anstoß gab die Eisenbahn. 1885 erhielt Biesdorf einen Haltepunkt an der Preußischen Ostbahn, der heutige Bahnhof Biesdorf. 1891 kam der Anschluss an den Berliner Vororttarif, und damit wurde das Dorf für die schnell wachsende Hauptstadt interessant. Bauern verkauften ihr Land an Siedler.
Einwohner von Biesdorf früher
So entstanden um die Jahrhundertwende die Kolonien Biesdorf-Süd und Biesdorf-Nord, dazu Neu-Biesdorf und die Kolonie Daheim. Wasser- und Gasleitungen folgten 1904, elektrischer Strom 1914. Die Einwohnerzahl stieg von 768 im Jahr 1890 auf 2.251 im Jahr 1910. Die Dorfkirche bekam 1896 einen 40 Meter hohen neugotischen Turm.
Auch die Stadt Berlin kam nach Biesdorf. Am 18. November 1893 eröffnete sie weit vor ihrer damaligen Grenze die „Anstalt für Epileptische Wuhlgarten“ mit 1.000 Betten. Hermann Blankenstein entwarf sie als Pavillonanlage in einem Park. Behandlung, Arbeit in der Landwirtschaft und Erholung gehörten hier zusammen.
Ein Kapitel Technikgeschichte spielte sich in der Luft ab. Zwischen 1907 und 1909 entstand eine Luftschiffhalle. 1911 startete hier ein Luftschiff der Siemens-Schuckert-Werke zu seinem ersten Flug. Nördlich des Bahnhofs wuchs die Siedlung Biesenhorst, begrenzt von den Fuchsbergen, einem beliebten Gelände für den Wintersport.
Nicht alle Siedlungen blieben bestehen. Um 1940 musste etwa die Hälfte der Kolonie Biesenhorst dem Ausbau der Eisenbahn weichen, die Bewohner wurden umgesiedelt. Die Fuchsberge wurden nach 1945 planiert. Doch zunächst stand dem Ort ein ganz anderer Einschnitt bevor.
1920 bis 1945: Groß-Berlin, Stadtkauf und NS-Zeit
Am 1. Oktober 1920 wurde Biesdorf durch das Gesetz über Groß-Berlin ein Ortsteil des Bezirks Lichtenberg. Das Wachstum ging weiter: 1925 zählte der Ort 4.472 Einwohner, 1939 waren es 16.998. Seit 1928 hielt die S-Bahn am Bahnhof Biesdorf.
Am 27. Oktober 1927 kaufte die Stadt Berlin das Siemens-Gut mit Villa und Park, laut Wikipedia 380 Hektar. Im Jahr darauf öffnete sich der Park für alle Bürger. In die unteren Räume des Herrenhauses zog die Polizei ein, ab 1929 saß dort auch die Ortsamtsstelle Biesdorf.
Mit dem Jahr 1933 begann die Gewalt. Am 21. März verhafteten SA-Männer den jüdischen Arzt Arno Philippsthal in seiner Praxis in der Oberfeldstraße 10. Er wurde im SA-Gefängnis Papestraße schwer misshandelt und starb am 3. April 1933. Die NSDAP-Ortsgruppe zog in das Schloss ein.
In der Anstalt Wuhlgarten begannen 1934 Zwangssterilisierungen. Mindestens 689 Patienten wurden im Rahmen der „Aktion T4“ deportiert, der organisierten Ermordung kranker und behinderter Menschen. Zwischen 1940 und 1942 entstanden Lager für Zwangsarbeiter. Zwei Biesdorferinnen, Gisela Reissenberger und Elsa Ledetsch, retteten fünf verfolgte Juden.
Bombenangriffe trafen den Ort 1943 und 1944. Am 20. Januar 1944 wurde die Dorfkirche zerstört, in Wuhlgarten starben 1944 dreißig Menschen. In der Nacht zum 21. April 1945 brannte das Schloss aus, ob durch Bomben oder Brandstiftung, ist unbekannt. Am 22. April 1945 erreichte die Rote Armee Biesdorf.
Teilung und DDR-Zeit
Nach dem Krieg lag Biesdorf im sowjetischen Sektor und gehörte später zu Ost-Berlin. Im ausgebrannten Schloss richtete die Rote Armee eine Feierhalle für gefallene Soldaten ein, Fenster und Oberlichter wurden zugemauert. Noch 1945 entstand die Magistratssiedlung, und das Herrenhaus wurde mit Büros ausgebaut.
Die Gemeinde baute ihre Kirche wieder auf. Ab Juli 1950 nutzte Herbert Erbs das Mauerwerk der Ruine und den erhaltenen Turm, im Oktober 1951 wurde die Gnadenkirche in vereinfachter Form neu geweiht. 1952 wurde das Gut ein Volkseigenes Gut. Am 17. Juni 1953 beteiligten sich Biesdorfer Bauarbeiter am Volksaufstand.
Bis in die 1980er Jahre kippten Lastwagen Schutt auf eine eiszeitliche Anhöhe am Rand des Dorfes, darunter Trümmer vom Bau der Stalinallee und von der Sprengung des Berliner Stadtschlosses. Der Großteil kam zwischen 1952 und den 1960er Jahren. So wuchs die Biesdorfer Höhe von rund 46 auf 82 Meter.
Der Schlosspark bekam 1956 eine Parkbühne mit etwa 2.000 Plätzen. Das Schloss diente zunächst als Dorfklub und wurde Mitte der 1970er Jahre zum Kulturhaus mit einer Zweigstelle der Bibliothek. 1979 kamen Haus und Park in die Berliner Denkmalliste, im selben Jahr wechselte Biesdorf in den neuen Stadtbezirk Marzahn.
Auch Wuhlgarten spürte die Teilung. 1945 beschlagnahmte die Rote Armee die Landhäuser der Ärzte und den Anstaltsfriedhof, erst ab 1946 füllten sich die Stationen wieder. Nach dem Mauerbau 1961 fiel etwa die Hälfte der Ärzte aus, weil sie in West-Berlin wohnten und nicht mehr zur Arbeit kommen konnten.
Die Anstalt Wuhlgarten wurde 1968 nach dem Psychiater Wilhelm Griesinger benannt und behandelte seit 1963 vor allem Suchtkranke. Auf ihrem nördlichen Gelände betrieb die DDR ab 1969 eine Parteischule für westdeutsche DKP-Funktionäre. Am 1. Juli 1988 erreichte die U-Bahn Biesdorf, die heutige Linie U5.
Das Schloss: Ruine, Spenden, Wiederaufbau
Nach der Wende schloss das Kulturhaus, und das Land Berlin nahm sich des Hauses wieder an. Ein Verein warb für die Rettung, und im Jahr 2000 brachte ein „Sofortprogramm“ Bau- und Sachspenden im Wert von rund 154.000 Mark zusammen. Für den vollständigen Wiederaufbau wurden mindestens 8,5 Millionen Euro veranschlagt.
Zwischen 2002 und 2007 wurde die Fassade für rund 1,75 Millionen Euro saniert, bezahlt unter anderem von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie, dem Landesdenkmalamt und dem Bezirk. Im März 2007 sagte die Klassenlotterie 4,75 Millionen Euro für das Obergeschoss zu, weitere 3,75 Millionen Euro kamen vom Senat aus europäischen Fördermitteln.
Der Baubeginn am 8. September 2013 fiel auf den 100. Todestag des Architekten Heino Schmieden. Nach dem Richtfest im Dezember 2014 wurde das Herrenhaus bis 2016 vollständig rekonstruiert, samt dem Obergeschoss, für das die Klassenlotterie das Geld gegeben hatte. Bauherr war der Bezirk Marzahn-Hellersdorf.
Am 9. September 2016 eröffnete der Regierende Bürgermeister Michael Müller das Schloss als Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum. Seit Februar 2018 führt der Bezirk das Haus als kommunale Galerie mit wechselnden Ausstellungen, Partner ist das Kunstarchiv Beeskow mit rund 23.000 Werken aus der DDR. Ein Café gehört dazu.
Seit 1990: Wachstum und Gegenwart
Auch der Park erlebte seine Erneuerung. Ab 1991 verschwanden Betonflächen, 1998 wurde das Teehaus wiederaufgebaut und die Büste von Werner von Siemens kehrte auf ihre Stele zurück. Bis 2000 pflanzten Gärtner rund 165 Bäume, die Arbeiten liefen bis 2010. 2012 erhielt der Schlosspark den Green Flag Award.
Das Krankenhaus Wuhlgarten fusionierte 1997 mit dem Krankenhaus Kaulsdorf, im selben Jahr entstand das Unfallkrankenhaus Berlin, das seit 2011 das Gelände Schritt für Schritt übernahm. Die Krankenhauskirche wurde bis 1997 nach alten Plänen wiederaufgebaut und dient heute als Galerie und Konzertsaal. Alle Bauten stehen seit 1989 unter Denkmalschutz.
Zum 1. Januar 2001 ging der Bezirk Marzahn im neuen Bezirk Marzahn-Hellersdorf auf. Ab 2002 entstanden neue Wohnanlagen, 2003 eröffneten das Biesdorf-Center und eine BMW-Niederlassung. Ab 2018 folgten weitere Neubaugebiete. Die Einwohnerzahl stieg von 17.080 im Jahr 1991 auf 30.974 Ende 2023.
Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf bilden nach Angaben der Wikipedia das größte zusammenhängende Gebiet mit Ein- und Zweifamilienhäusern in Deutschland. Das Bezirksamt nennt Biesdorf den „Werder des Ostens“. Der alte Anger mit der Kirche liegt seit etwa 1985 als Insel zwischen den Fahrbahnen der B 1 und B 5.
Wer heute ankommt, steigt meist am U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz oder am S-Bahnhof Biesdorf aus. Der Wuhletal-Wanderweg führt am Fuß der Biesdorfer Höhe entlang, 97 Stufen hinauf öffnet sich der Blick über Kaulsdorf. Die Arno-Philippsthal-Straße erinnert seit 2002 an den Arzt, der 1933 starb.