Das „Dahlem des Ostens“
Am 24. Juni 1901 legten die Behörden die Schreibweise mit K fest, aus Carlshorst wurde amtlich Karlshorst. Ein Jahr später war der Bahnhof fertig ausgebaut. Mit der Bahn im Rücken wuchs die Gegend zu einer Villenkolonie, die nach Angaben der Wikipedia oft als „Dahlem des Ostens“ bezeichnet wurde.
Vor dem Ersten Weltkrieg reichte die Bebauung bereits östlich der Treskowallee bis zur Waldowallee. Zwischen 1909 und 1910 baute die evangelische Gemeinde die Kirche Zur frohen Botschaft. In ihr steht die Amalien-Orgel, laut Wikipedia die älteste erhaltene Orgel Berlins, benannt nach der preußischen Prinzessin Anna Amalia.
1914 entstand an der Treskowallee 8 ein großer Schulkomplex. Das Gebäude hat seither viele Nutzer gesehen und dient heute als Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Wer dort studiert, sitzt also in Räumen, die für Gymnasiasten des Kaiserreichs gebaut wurden.
Nach dem Ersten Weltkrieg fehlte Wohnraum. Peter Behrens hatte 1915 einen Entwurf vorgelegt. Von 1919 bis 1920 entstand danach die Waldsiedlung Wuhlheide. Die Bauleitung lag beim Stadtbaumeister Rudolf Gleye, nach dem der Gleyeweg heißt.
Geplant waren 550 Wohnungen, gebaut wurden 117. Die zweigeschossigen Häuser mit drei bis vier Zimmern, Veranda und Gärten von 150 bis 300 Quadratmetern standen eng beieinander an schmalen Straßen. Hellgrau, Weinrot und Ocker färbten die Wände, Blau und Grün die Türen und Läden. Die Siedlung steht als Gesamtanlage unter Denkmalschutz.
1920 bis 1945: Groß-Berlin und die Pionierschule
Bis 1920 gehörte Karlshorst zur Landgemeinde Friedrichsfelde, also zu einer Dorfgemeinde mit eigener Verwaltung. Das Groß-Berlin-Gesetz änderte das am 1. Oktober 1920: Karlshorst wurde ein Ortsteil des neuen Bezirks Lichtenberg. Die Villenkolonie war nun Teil einer Millionenstadt.
Einwohner von Karlshorst früher
Die Eingemeindung änderte den Alltag zunächst wenig. Die Straßen behielten ihre Namen, die Kolonie ihren Charakter als Wohnort für Beamte, Kaufleute und Angestellte. Doch die Entscheidungen fielen nun im Lichtenberger Bezirksamt und im Berliner Magistrat, nicht mehr in der Gemeinde Friedrichsfelde.
Die Rennbahn blieb Mittelpunkt des Ortes. 1925 wurde dort das Rennreiterdenkmal in Anwesenheit von Reichspräsident Hindenburg eingeweiht, 1935 folgte eine Tribüne mit 2.300 Sitzplätzen. Um 1930 errichteten die Marienschwestern das St.-Antonius-Hospital. Von 1935 bis 1937 entstand die katholische Pfarrkirche St. Marien im neoromanischen Stil.
Dann griff das Militär nach Karlshorst. Von 1936 bis 1938 baute die Wehrmacht an der Zwieseler Straße die Pionierschule I. 1942 erhielt sie den Namen Festungspionierschule. Zu der Anlage gehörten ein Offizierskasino und ein Hochbunker, der noch heute steht. Niemand ahnte damals, welche Rolle das Kasino einmal spielen würde.
Auch die Waldsiedlung veränderte sich. Ab 1937 füllten Zweifamilienhäuser die freien Flächen, die nicht mehr auf die Pläne von Behrens zurückgingen. Im Krieg wurden Häuser zerstört und später nur zum Teil wieder aufgebaut. Der Krieg, der 1939 begann, endete für Karlshorst im April 1945 mit dem Einmarsch der Roten Armee.
8. Mai 1945: Die Kapitulation im Offizierskasino
Im April 1945 richtete die 5. Stoßarmee ihr Hauptquartier in der Festungspionierschule ein. Wenige Tage später wurde das Offizierskasino zum Schauplatz eines Ereignisses, das heute in jedem Geschichtsbuch steht. Es war der Ort, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa sein Ende fand.
Bereits am 7. Mai hatte Generaloberst Alfred Jodl in Reims eine Kapitulationsurkunde unterzeichnet, die am 8. Mai um 23:01 Uhr in Kraft trat. Die Sowjetunion verlangte eine zweite Unterzeichnung in ihrem Machtbereich. So kam es in der Nacht zum 9. Mai in Karlshorst zur bestätigenden Urkunde.
Für die Wehrmacht unterschrieben Wilhelm Keitel, Hans-Georg von Friedeburg und Hans-Jürgen Stumpff. Für die Sowjetunion zeichnete Marschall Georgi Schukow, für die westlichen Alliierten Arthur Tedder. Zeugen waren de Lattre de Tassigny und Carl Spaatz.
Der Saal, in dem das geschah, ist bis heute zu besichtigen. Er gehört zum Museum Berlin-Karlshorst an der Zwieseler Straße 4. Die Dauerausstellung „Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg“ zeigt die deutsche Kriegführung und die sowjetische Gesellschaft im Krieg, der Eintritt ist frei.
Sperrgebiet: Karlshorst unter sowjetischer Verwaltung
Für die Karlshorster begann im Mai 1945 eine harte Zeit. Der nördliche Bereich beiderseits der Treskowallee wurde Sperrgebiet. Tausende Bewohner mussten ihre Wohnungen innerhalb von 24 Stunden verlassen, die Kirchen wurden entwidmet. Wo gestern Familien lebten, zogen Offiziere und Dienststellen ein.
Bis 1949 hatte die Sowjetische Militäradministration ihr Hauptquartier in Karlshorst, zunächst unter Schukow. Danach saß hier bis 1953 die Sowjetische Kontrollkommission. 1949 schrumpfte das Sperrgebiet auf die Straßen östlich der Treskowallee, 1963 auf die Pionierschule.
Die Besatzer prägten auch das Kulturleben. Als Reparationsleistung entstand 1948/49 ein Theaterneubau an der Ehrenfelsstraße, das heutige Theater Karlshorst. 1950 zog die Hochschule für Planökonomie in die alte Schule an der Treskowallee 8 ein. Ab 1954 hieß sie Hochschule für Ökonomie und bestand bis 1991.
Am 5. November 1967 eröffnete im Offizierskasino das sowjetische Museum der bedingungslosen Kapitulation, eine Außenstelle des Zentralmuseums der Streitkräfte in Moskau. Die Treskowallee trug von 1961 bis 1992 den Namen Hermann-Duncker-Straße, und über sie fuhren Staatsgäste der DDR vom Flughafen Schönefeld in die Innenstadt.
Straßennamen erzählen von dieser Zeit. 1975 und 1976 benannte der Magistrat mehrere Straßen um, aus der Ohm-Krüger-Straße wurde die Johannes-Zoschke-Straße, aus der Warmbader Straße die Robert-Siewert-Straße. Von 1961 bis 2017 hielten am Bahnhof auch Regionalzüge, was Karlshorst zu einem kleinen Verkehrsknoten machte.
Auch die Pferde kehrten zurück. Am 1. Juli 1945 fand mit etwa 50.000 Besuchern das erste Nachkriegs-Trabrennen in Berlin statt. Auf Anordnung des Stadtkommandanten Bersarin baute man die Anlage zur Trabrennbahn um. In der DDR war sie die einzige ihrer Art, mit zwei Renntagen je Woche.
Seit 1990: Abzug, Rückgabe und neue Quartiere
Mit dem Ende der DDR lief auch die sowjetische Präsenz aus. 1994 verließen die letzten russischen Soldaten Karlshorst, wie es der Zwei-plus-Vier-Vertrag vorsah. Im selben Jahr war der Abzug aus der früheren KGB-Zentrale abgeschlossen. Erstmals seit 1945 gehörte der ganze Ortsteil wieder seinen Bewohnern.
Das Museum bekam einen neuen Träger. 1994 gründeten die Bundesrepublik und die Russische Föderation einen gemeinsamen Verein, im Mai 1995 eröffnete das Haus als Deutsch-Russisches Museum. Die Weltkriegsmuseen der Ukraine und von Belarus traten 1997 und 1998 bei. Jährlich kommen etwa 40.000 Besucher.
Das Krankenhausgelände ging an die katholische Kirche zurück. Dort arbeitet heute die Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin. In der alten Schule an der Treskowallee lehrt die Hochschule für Technik und Wirtschaft. Ab 1994 wurde Karlshorst durch Sanierungen und Neubauten wieder zu einem gefragten Wohngebiet.
Die Rennbahn hatte es schwerer. Nach 1990 verpachtete die Treuhand die Anlage an den Trabrennverein Mariendorf, doch der Rennsport verlor an Bedeutung. 2004 teilte die TLG Immobilien das Gelände: Eine Hälfte ging an den Pferdesportpark Berlin-Karlshorst e. V., die andere wurde Bauland und trägt heute den Wohnpark Carlsgarten.
Auf dem Gelände der früheren KGB-Zentrale wurde im Januar 2010 ein Kaufvertrag geschlossen, Ende des Jahres waren die ersten Häuser bezugsfertig. Ab 2010 wuchs auf ehemaligen Militärflächen die Gartenstadt Karlshorst. Zwischen 2013 und 2015 entstanden die Treskow-Höfe mit 414 Mietwohnungen.
Gegenwart: Wohnen zwischen Bahn und Wuhlheide
Karlshorst wächst wie kaum ein anderer Ortsteil im Bezirk. Ende 2022 lebten hier 30.302 Menschen auf 6,6 Quadratkilometern, 11,4 Prozent mehr als 2017. Am stärksten legte Karlshorst Süd zu, wo auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen am höchsten ist. Das Durchschnittsalter liegt bei 40,3 Jahren.
Neue Quartiere entstehen weiter. Seit 2020 baut das Unternehmen Bonava die Parkstadt Karlshorst, und an der Köpenicker Allee sollen bis 2031 weitere 526 Wohnungen folgen. Die Trabrennbahn ist Gegenstand eines Streits: Ein Konzept von 2020 sieht 500 Wohnungen und Gewerbeflächen vor, ein Einwohnerantrag mit 2.156 Unterschriften wehrt sich dagegen.
Das Theater Karlshorst wird seit 2024 restauriert und soll als KAHO wiedereröffnen. Die Schostakowitsch-Musikschule unterrichtet dort, das Kulturhaus bietet Kunst und Musik. Das Museum trägt seit 2022, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine, den Namen Museum Berlin-Karlshorst, der Bund finanziert es.
Der Seepark an der Liepnitzstraße, 1913 um einen damals noch vorhandenen See angelegt, ist heute eine Grünanlage mit Gartenarbeitsschule. Am Friedhof erinnert eine Kapelle an die Toten des Ortes, und die russisch-orthodoxe Sergius-von-Radonesch-Kirche an der Wildensteiner Straße verweist auf die Jahrzehnte sowjetischer Präsenz.
Verkehrlich hängt der Ortsteil an der S3 von Spandau nach Erkner, deren Bahnhof die Treskowallee kreuzt. Auf der Allee fahren die Straßenbahnen M17, 27 und 37. Eine Verlängerung der U5 nach Karlshorst wurde verworfen. Wer die Wuhlheide oder den Müggelsee sucht, ist in wenigen Minuten im Grünen.
Zwischen Gründerzeitvillen, der Behrens-Siedlung und den neuen Höfen liegt heute ein Ort, dessen Geschichte an jeder Ecke sichtbar bleibt. Das Offizierskasino, der Hochbunker und die alten Rennställe erzählen davon ebenso wie die Hochschulen in den Gebäuden früherer Dienststellen.