19. Jahrhundert: Victoriastadt, Bahnhof und Fabriken
1861 gliederte die Verwaltung die Berliner Exklave in den Gutsbezirk Boxhagen ein, ein Gebiet ohne Gemeindeverfassung unter einem Gutsherrn. Sechs Jahre später entstand hier die Gesellschaft für Anilinfabrikation, der Vorläufer der Agfa. Mit der Chemie kamen die Arbeiter, und mit den Arbeitern kam der Wohnungsbedarf.
Zwischen 1872 und 1875 wuchs im Nordwesten die Victoriastadt. Die Brüder Anton und Albert Lehmann, Woll- und Plüschfabrikanten aus Rummelsburg, hatten das Gelände gekauft und mit Albert Protzen die Cement Bau AG gegründet. Sie errichteten Häuser aus Schlackebeton, teils mit britischen Ingenieuren, benannt nach Königin Victoria.
Die Siedlung heißt heute auch Kaskelkiez, nach der Kaskelstraße, die seit 1947 den Namen des Juristen Walter Kaskel trägt. Wenige Häuser gingen im Krieg verloren, und so blieb ein Ensemble aus der Gründerzeit erhalten, das nach 1990 fast vollständig denkmalgerecht saniert wurde.
Am 7. Februar 1882 eröffnete mit der Stadtbahn der Bahnhof Stralau-Rummelsburg, der seit dem 15. März 1933 Ostkreuz heißt. Der Bahnhof zog Fabriken und Mietshäuser an. Die Einwohnerzahl stieg von 2.135 im Jahr 1875 auf rund 20.000 zwanzig Jahre später. 1910 lebten hier mehr als 50.000 Menschen.
Am 30. Januar 1889 löste die Verwaltung den Gutsbezirk auf und bildete die Landgemeinde Boxhagen-Rummelsburg. Zwischen 1890 und 1892 bauten Conrad Wilhelm Hase und Max Spitta die Erlöserkirche, einen Backsteinbau mit 60 Meter hohem Turm, zu dem Kaiser Wilhelm II. beigesteuert hatte.
Eis vom See und der Schrotkugelturm
Der See lieferte Rummelsburg einen besonderen Rohstoff: Eis. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die Norddeutschen Eiswerke, die im Winter Natureis aus dem Gewässer schnitten, laut Bezirksamt dem damals reinsten Gewässer Berlins. Das Eis kühlte Lebensmittel in Berlin, lange bevor es Kühlschränke gab.
Einwohner von Rummelsburg früher
Das Ende kam mit der Technik. Ende des 19. Jahrhunderts erfand Carl von Linde die Kältemaschine, und das Geschäft mit dem Natureis verlor seine Grundlage. Die Eiswerke betrieben außerdem einen Großmarkt für Gänse und Schweine, der 1903 schloss.
Ein zweites Industriedenkmal aus dieser Zeit steht in der Nöldnerstraße. Der Schrotkugelturm wurde 1908 gebaut; die Bleiwerke Juhl und Söhne stellten dort bis in die 1940er Jahre Schrotkugeln her. Arbeiter schmolzen Blei auf einer Plattform in etwa 40 Metern Höhe, und die Tropfen formten sich im Fall zu Kugeln.
Dazu kamen Knorr-Bremse und die Betriebe der späteren I.G. Farben als große Arbeitgeber. Rummelsburg war um 1900 eine Fabrikgemeinde, in der die Werkhallen bis ans Wasser reichten. Der nächste Schritt führte die Gemeinde in die wachsende Nachbarstadt.
Lichtenberg, Groß-Berlin und das Kraftwerk
Am 1. April 1912 kam Boxhagen-Rummelsburg zur Stadt Lichtenberg. Lange blieb diese Eigenständigkeit nicht: Am 1. Oktober 1920 ging Lichtenberg im neuen Groß-Berlin auf, und Rummelsburg wurde Teil des Bezirks Lichtenberg.
Das Bauwerk der 1920er Jahre steht am Ufer der Spree. Am 15. September 1925 begannen die Arbeiten am Kraftwerk Klingenberg, benannt nach dem Ingenieur Georg Klingenberg, der das technische Konzept entworfen hatte. Die Architekten waren sein Bruder Walter Klingenberg und Werner Issel.
Am 19. Dezember 1926 ging die erste Ausbaustufe ans Netz, am 30. Juli 1927 war das Werk fertig. Laut Wikipedia war es bei der Eröffnung das größte und modernste Kraftwerk Europas und deckte zwei Drittel des Berliner Strombedarfs. Die Backsteinbauten im Stil des Expressionismus stehen heute unter Denkmalschutz.
Die Abwärme des Kraftwerks hatte einen Nebennutzen: Sie erwärmte das Städtische Flussbad Lichtenberg, das am 21. Mai 1927 am Nordostufer des Sees eröffnete. Laut Wikipedia umfasste es 50.000 Quadratmeter, davon 26.000 Quadratmeter Sandstrand. Bis in die 1950er Jahre badeten die Berliner hier.
Auch die Schulen der Weimarer Zeit setzten Zeichen. Am Nöldnerplatz entwarf Max Taut einen Schulbau, der laut Wikipedia zu den größten Schulneubauten der Weimarer Republik zählt. Er steht noch heute an der Grünanlage, die den S-Bahnhof Nöldnerplatz mit dem Kiez verbindet.
Gewohnt wurde in jenen Jahren auf zwei Arten. Im Weitlingkiez um die Weitlingstraße entstanden Wohnkomplexe im Stil des Neuen Bauens, deren Innenhöfe – Erlenhof, Pappelhof, Ulmenhof – als grüne Oasen angelegt sind. Nördlich der Hauptstraße wuchsen kleine Siedlungen mit Eigenheimen aus den 1920er und 1930er Jahren.
NS-Zeit und Krieg
Mit dem Jahr 1933 wurde aus dem Arbeitshaus ein Ort der Verfolgung. Es hieß nun Städtisches Arbeits- und Bewahrungshaus Berlin-Lichtenberg und bekam eigene Abteilungen für Homosexuelle und für Menschen, die als psychisch abwegig galten. Wer hier einsaß, hatte kein Gericht gesehen.
Am 13. Juni 1938 begann die sogenannte Juni-Aktion. Laut Wikipedia wurden dabei mehr als 10.000 Menschen, die das Regime als asozial bezeichnete, in Konzentrationslager verschleppt. Das Arbeitshaus Rummelsburg war einer der Ausgangspunkte dieser Deportationen.
In der Victoriastadt erinnert eine Tafel an der Kaskelstraße 41 an Käthe und Felix Tucholla, die 1943 hingerichtet wurden. Wikipedia nennt weitere Widerstandskämpfer aus Rummelsburg, darunter Alfred Kowalke und Hans Krüger, die beide 1944 starben. Die Kaskelstraße selbst hieß von 1937 bis 1946 Nowackstraße.
Der Krieg traf den Ortsteil ungleich. Bei einem Luftangriff am 26. Februar 1945 zerbrachen die Altarfenster der Erlöserkirche. Das Arbeitshaus wurde schwer beschädigt, die Victoriastadt blieb weitgehend stehen. Nach Kriegsende enteigneten die Behörden Knorr-Bremse und I.G. Farben.
DDR-Zeit: Volkseigene Betriebe und die Haftanstalt
Nach 1945 standen die Maschinen zunächst still. Das Kraftwerk und die Gaswerke konnten wegen demontierter Anlagen oder fehlender Rohstoffe nicht arbeiten. Erst ab 1952 lief die Industrie wieder in nennenswertem Umfang, nun als volkseigene Betriebe im Ost-Berliner Stadtbezirk Lichtenberg.
Das Kraftwerk wurde zwischen 1974 und 1987 zum Heizkraftwerk umgebaut: Die alten Kesselhäuser verschwanden, neue Schornsteine kamen dazu, und am Ende dieses Umbaus stellte man den Betrieb auf Braunkohle um. Im Friedrichs-Waisenhaus lag derweil das Grenzregiment 36, das die Berliner Mauer bewachte.
Das frühere Arbeitshaus diente bis 1951 noch als Arbeitshaus und danach als Haftanstalt Rummelsburg der Volkspolizei. Laut Wikipedia fasste sie bis zu 900 Männer; in den 1970er und 1980er Jahren saßen hier mehrere tausend Gefangene ein, darunter mehrere hundert Westdeutsche, die die Bundesrepublik später freikaufte.
Der See blieb ein Sehnsuchtsort. Am Rummelsburger Ufer drehte die DEFA Szenen des Films „Die Legende von Paul und Paula“, der 1973 uraufgeführt wurde. Seit dem 1. Mai 1998 trägt ein Abschnitt des Uferwegs den Namen Paul-und-Paula-Ufer.
Die Victoriastadt dagegen verfiel. 1981 standen noch 15 der ursprünglichen Betonhäuser. 1982 begann der Stadtbezirk mit einer Sanierung, die nach 1990 abgebrochen wurde. Am 29. Januar 1990 verbrachte Erich Honecker eine Nacht im Lazarett der Haftanstalt, die im Oktober 1990 schloss.
Seit 1990: Wasserstadt am Ufer
Mit der Wende endete die Industriezeit in Rummelsburg. Die großen Betriebe wurden schrittweise abgewickelt; geblieben sind vor allem kleine und mittlere Handwerksbetriebe. 1995 eröffnete das Einkaufszentrum Victoriacenter, und auf den Brachen am See begann eine neue Planung.
Auf den Industrieflächen nördlich und südlich des Sees entstand in den 2000er Jahren die Wasserstadt Rummelsburg, teils unter Einbeziehung alter Bausubstanz. Zuständig war die landeseigene Entwicklungsträgergesellschaft Wasserstadt. Von 1999 bis 2001 ließ das Land den stark belasteten See teilweise sanieren.
Die Haftgebäude fanden neue Bewohner. Im Januar 2007 verkaufte die Wasserstadt GmbH die leeren Bauten für 40 Millionen Euro an die Maruhn-Gruppe. Im April 2007 begann der Umbau, im Januar 2008 zogen die ersten Mieter ein. Rund 150 Wohnungen und Lofts entstanden unter dem Namen BerlinCampus.
An die Opfer erinnert seit dem 12. Januar 2015 der Gedenkort Rummelsburg: drei fünf Meter hohe Stahlstelen für Kaiserreich, NS-Zeit und DDR sowie 18 Tafeln mit Lebensläufen. Bezirk und Senat finanzierten ihn mit 120.000 Euro. Seit 2002 ist Rummelsburg ein eigenständiger Ortsteil des Bezirks Lichtenberg.
Heute wohnen 26.996 Menschen im Ortsteil, am 31. Dezember 2015 waren es noch 22.390. Das Ostkreuz wurde von 2006 bis 2018 bei laufendem Betrieb umgebaut. Seit Dezember 2015 halten dort auch Regionalzüge. Am See ist ein Ozeanarium geplant, dessen Tiefbau im Februar 2023 begann; die Fertigstellung soll 2025 folgen.
Gegenwart: Kiez, Kraftwerk und Bahn
Auch die Zukunft der Victoriastadt wurde gesichert. Im Februar 1998 wurde das letzte bewohnte Haus an der Pfarrstraße 104 geräumt, 2004 folgte eine Erhaltungsverordnung, und mit Bundes- und Landesmitteln wurden fünf erhaltene Schlackebetonhäuser instand gesetzt. Ende 2020 lebten 4.218 Menschen auf den 22,3 Hektar des Kiezes.
Das Kraftwerk arbeitet weiter, aber anders. Am 24. Mai 2017 endete die Verfeuerung von Braunkohle, seitdem läuft das Werk mit Erdgas. Laut Wikipedia versorgt es mehr als 300.000 Haushalte mit Strom und Wärme und gehört heute der landeseigenen BEW Berliner Energie und Wärme.
Wer Rummelsburg heute durchquert, fährt meist mit der Bahn: Die S-Bahnhöfe Rummelsburg, Betriebsbahnhof Rummelsburg, Nöldnerplatz und Lichtenberg liegen im oder am Ortsteil, dazu die Straßenbahnlinie 21. Am Ufer gelten seit dem 1. Juni 2024 strengere Regeln: Boote dürfen nicht mehr unbemannt liegen bleiben.