Prinzen, Herzöge und ein gefangener König
1762 übernahm Prinz Ferdinand von Preußen das Schloss, der jüngste Bruder Friedrichs des Großen. Vier seiner Kinder kamen hier zur Welt, darunter Louis Ferdinand, der 1772 geboren wurde und 1806 als Offizier bei Saalfeld fiel. Friedrichsfelde war in diesen Jahren ein Sommersitz der Hohenzollern.
1785 ließ Herzog Peter von Biron, der frühere Herzog von Kurland, den Festsaal im klassizistischen Stil umgestalten. 1800 kam das Schloss an Herzogin Katharina von Holstein-Beck. Unter ihr erhielt die Fassade ihre frühklassizistische Gestalt, und das Gebäude bekam die Form, die es heute zeigt.
Dann kam der Krieg. 1807 nutzte der französische Marschall Davout das Schloss kurzzeitig als Hauptquartier. In den Jahren 1814 und 1815 hielt Preußen hier König Friedrich August I. von Sachsen gefangen, der an der Seite Napoleons gestanden hatte.
Dem Schloss sieht man diese Wechsel noch an. Die Eichentreppe stammt aus der Zeit des Markgrafen, der klassizistische Festsaal aus der Zeit Birons, die Fassade von der Herzogin. Im Festsaal sind Fresken zu sehen, vier Räume bewahren alte Wandbespannungen, dazu Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts.
Mit dem Frieden endete die Zeit der fürstlichen Besitzer. Das Schloss stand zum Verkauf, und ein Gutsbesitzer aus einer Familie, die den Ort für mehr als ein Jahrhundert prägen sollte, griff zu.
Gut Treskow, Friedhof und Gemeinde
1816 kaufte Carl von Treskow das Schloss und richtete ein Gut ein. Treskow, 1787 geboren, galt als Reformer der Landwirtschaft. 1821 ließ er den Park von Peter Joseph Lenné umgestalten, der aus dem Barockgarten einen Landschaftsgarten machte. Mitte des Jahrhunderts umfasste das Gut 518 Hektar.
Einwohner von Friedrichsfelde früher
Sohn und Enkel führten den Betrieb weiter: Carl von Treskow, der 1819 geborene preußische Politiker, und Sigismund von Treskow, der 1864 zur Welt kam. Neben dem Gut wuchs an der Frankfurter Chaussee die Colonie Friedrichsfelde, in der sich viele Handwerker niederließen. Die Straße heißt heute Alt-Friedrichsfelde.
1880 kaufte die Stadt Berlin für 46.000 Mark ein Gelände von etwa 1.000 mal 250 Metern. Hermann Mächtig entwarf dort einen Friedhof, der am 21. Mai 1881 eröffnete: der Zentralfriedhof Friedrichsfelde. Als 1900 der SPD-Gründer Wilhelm Liebknecht hier beigesetzt wurde, kamen sehr viele Menschen.
Auch die Kirche wurde erneuert. Zwischen 1887 und 1890 entstand neben dem alten Bau eine neue Dorfkirche im neoromanischen Stil. Der Vorgänger fiel 1891. Die Gemeinde wuchs schnell: 1858 lebten hier 1.567 Menschen, 1900 schon 9.632. Die Nähe zu Berlin zog Arbeiter und Handwerker an.
1896 wurden der Gutsbezirk Treskow und die Kolonie Carlshorst in die Gemeinde Friedrichsfelde eingegliedert. Carlshorst entwickelte sich danach zur Landhauskolonie. Im Dezember 1900 fuhr die erste Straßenbahn aus Berlin nach Friedrichsfelde. Zehn Jahre später zählte der Ort fast 20.000 Einwohner.
1920: Groß-Berlin, Denkmal und Plattenbau
Der Januar 1919 machte den Friedhof zu einem politischen Ort. Am 25. Januar wurden die 33 Toten des Spartakusaufstands in einem Massengrab beigesetzt, unter ihnen Karl Liebknecht. Rosa Luxemburg folgte im selben Jahr. Der Volksmund sprach vom Sozialistenfriedhof.
Am 1. Oktober 1920 wurde die Gemeinde Friedrichsfelde aus dem Kreis Niederbarnim durch das Gesetz über Groß-Berlin Teil der Hauptstadt. Mit 24.404 Einwohnern im Jahr 1919 war sie längst keine Landgemeinde mehr, sondern eine Vorstadt.
Am 13. Juni 1926 enthüllte die KPD auf dem Friedhof das Revolutionsdenkmal, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe, dem späteren Direktor des Bauhauses. Es war ein Mauerblock aus Backstein mit Stern, Hammer und Sichel, ganz ohne Figuren.
Gleichzeitig entstand ein Stück Bautechnik-Geschichte. Von 1926 bis 1930 baute der Reichsbund der Kriegsbeschädigten nach Plänen von Wilhelm Primke und Jakob Goettel 138 Wohnungen in 27 Häusern. Die Wände bestanden aus Betonplatten, auf der Baustelle gegossen, drei Meter hoch und etwa sieben Tonnen schwer.
Nach Angaben der Wikipedia ist diese Kriegerheimsiedlung die erste deutsche Siedlung in Plattenbauweise. Seit 1951 heißt sie Splanemann-Siedlung. 1930 erreichte die U-Bahn-Linie E, die heutige U5, den Ort. Friedrichsfelde blieb bis 1973 ihre Endstation.
NS-Zeit und Krieg
Nach 1933 richtete sich die Gewalt der neuen Machthaber auch gegen Steine. Noch im selben Jahr beschädigten die Nationalsozialisten das Revolutionsdenkmal, Anfang 1935 ließen sie es ganz abtragen. Der Friedhof der Arbeiterbewegung sollte seine Zeichen verlieren.
Aus Friedrichsfelde kamen Männer, die Widerstand leisteten. Felix Tucholla, 1899 geboren, wurde 1943 hingerichtet. Herbert Splanemann, Jahrgang 1912, starb 1945. Nach ihm wurden später die Straße und die Siedlung aus Betonplatten benannt, in der er gewohnt hatte.
Der Krieg traf den Ort hart. Im Dezember 1943 beschädigte eine Luftmine die Dorfkirche schwer. Im April 1945 brannte sie nach Beschuss aus, die Glocken stürzten herab und zersprangen. Eine Häuserzeile der Siedlung mit 20 Wohnungen wurde zerstört. Das Schloss überstand den Krieg vergleichsweise unbeschädigt.
Im Frühjahr 1945 wurde Friedrichsfelde zeitweise Sitz der sowjetischen Kommandantur. Nikolai Bersarin, der erste Stadtkommandant, verunglückte noch 1945 tödlich mit dem Motorrad. Ein Gedenkstein an der Kreuzung Am Tierpark und Alfred-Kowalke-Straße erinnert an ihn.
Von Mai bis Juli 1945 arbeitete in der Einbecker Straße 41 die Gruppe Ulbricht. Sie bereitete den Aufbau von Parteien, Gewerkschaften und Verwaltung in der sowjetischen Besatzungszone vor. Was dort besprochen wurde, bestimmte die nächsten vierzig Jahre des Ortes.
DDR-Zeit: Tierpark und Großsiedlungen
Nach der Bodenreform verfielen Schloss und Park. Von 1946 bis 1948 verwaltete Charlotte von Mahlsdorf das Haus, führte Reparaturen aus und lagerte dort ihre Möbelsammlung. Die Ruine der Dorfkirche stand bis 1950, dann entstand ein verkürzter Neubau, der zum 1. Advent 1952 geweiht wurde.
Auf dem Friedhof baute die DDR 1950 und 1951 an der Stelle des alten Denkmals die Gedenkstätte der Sozialisten. Eröffnet wurde sie am 14. Januar 1951. Seither ziehen am zweiten Sonntag im Januar Demonstrationen zum Gedenken an Luxemburg und Liebknecht dorthin.
Der Zoo lag im britischen Sektor, Ost-Berlin fehlte ein eigener Tiergarten. Der Magistrat beschloss am 27. August 1954, im Schlosspark einen Tierpark anzulegen. Am 2. Juli 1955 öffnete er auf zunächst 60 Hektar. Direktor Heinrich Dathe leitete ihn bis 1990.
Das Schloss diente anfangs als Sitz der Tierpark-Organisatoren, teils sogar als Stall. Ein Abriss war im Gespräch, doch Dathe verhinderte ihn. Von 1970 bis 1981 ließ der Tierpark das Gebäude restaurieren. Der Park wuchs auf 160 Hektar und ist laut Wikipedia der größte Landschaftstierpark in Europa.
Zwischen 1961 und 1966 entstand das Hans-Loch-Viertel, laut Wikipedia die erste Neubau-Großsiedlung Ost-Berlins nach dem Krieg. Von 1978 bis 1984 folgten elfgeschossige Zeilen am Rosenfelder Ring. 1979 öffnete der Autotunnel unter Rhinstraße und Am Tierpark, und das Gebiet um den S-Bahnhof Springpfuhl kam zum neuen Bezirk Marzahn.
1984 bebaute das Ministerium für Staatssicherheit ein Gelände für seine Bezirksverwaltung und schottete es ab. Im selben Jahr begann in der Kirchengemeinde der Friedenskreis Friedrichsfelde, laut Wikipedia eine der aktivsten Ost-Berliner Widerstandsgruppen gegen die SED-Herrschaft.
Seit 1990: Umbruch und Gegenwart
Nach dem Mauerfall musste Heinrich Dathe die Leitung abgeben. 1991 wurde der Tierpark eine GmbH, und Bernhard Blaszkiewitz übernahm die Leitung. Seit 2014 leitet Andreas Knieriem Zoo und Tierpark gemeinsam. Ende 2023 lebten hier 7.797 Tiere aus 632 Arten.
1992 verschwanden zwei DDR-Straßennamen: Die Straße der Befreiung heißt wieder Alt-Friedrichsfelde, aus der Hans-Loch-Straße wurde die Sewanstraße. Der Dramatiker Heiner Müller wohnte von 1979 bis 1993 in der Erich-Kurz-Straße.
Die Splanemann-Siedlung, seit 1981 Denkmal, wurde 2002 saniert und erhielt rote und blaue Fassaden. Das frühere Stasi-Gelände ist heute ein Bildungs- und Verwaltungszentrum mit dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg und der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Am Schloss finden seit November 2008 wieder Konzerte statt, und es ist Hauptort des jährlichen Rokoko-Festes. Nach einer Sanierung, veranschlagt auf rund vier Millionen Euro, sollen Bibliothek, Archiv und Teile der Tierpark-Verwaltung einziehen.
Der Tierpark soll nach einem Masterplan von 2022 bis 2035 zum Geozoo umgebaut werden. Auf dem Zentralfriedhof begann 2023 die Neugestaltung nach dem Plan „Zentralfriedhof Friedrichsfelde 2030“. Der Friedhof steht unter Denkmalschutz und dient zugleich als Park.
Der nördliche Teil wächst. Die Bezirksregion Friedrichsfelde Nord mit den Planungsräumen Rosenfelder Ring, Gensinger Straße und Tierpark zählte Ende 2022 nach Angaben des Bezirksamts 16.360 Einwohner auf 2,8 Quadratkilometern, rund 8,7 Prozent mehr als fünf Jahre zuvor. Am stärksten legte der Bereich am Tierpark zu.
Heute leben in Friedrichsfelde 58.098 Menschen auf 5,55 Quadratkilometern. Allein im Hans-Loch-Viertel wohnen nach Angaben des Bezirksamts rund 15.300 Menschen in etwa 5.000 Wohnungen. Dazwischen liegen der alte Dorfkern, die Villen von Treskows Zeit und das grüne Gelände des Tierparks.